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Die Sensation, den englischen Meister Manchester City im Hinspiel des Champions-League-Achtelfinales zu besiegen, war zum Greifen nah. Aufopferungsvoll und leidenschaftlich kämpften die spielerisch limitierten Schalker gegen den Mitfavoriten auf den Gewinn der Champions League an. 85 Minuten lang hatten sie die Engländer am Rande einer Niederlage. Doch trotz Führung und Überzahl schaffte es Königsblau nicht, das Spiel nach Hause zu bringen. Grund dafür waren unerklärliche Fehler. Tragisch daran ist, dass ausgerechnet Schalke-Keeper Ralf Fährmann, der den Vorzug vor Alexander Nübel erhalten hatte, an zwei Gegentreffern zumindest mitbeteiligt war. Vor der Partie hatte Cheftrainer Domenico Tedesco entschieden, auf den langjährigen Schalker Stammtorhüter anstatt auf Nachwuchstalent Nübel zu setzen. "Dass wir uns letzte Saison für die Champions League qualifiziert haben, ist auch Ralles Verdienst. Dementsprechend wird er gegen Manchester im Tor stehen. Das ist nur fair", begründete der Schalke-Coach seine Entscheidung.

Was war passiert?

Der Ex-Wolfsburger Kevin De Bruyne spielte einen langen Ball auf die linke Seite, den Schalkes Außenverteidiger Jeffrey Bruma problemlos ablief und kontrolliert zu Fährmann zurückpasste. Die Schalker Mitspieler boten ihrem Torhüter drei Anspiel-Optionen an: Bruma und Nastasic bewegten sich nach außen, Sane bot sich zentral an. Währenddessen wurde Fährmann von Agüero in mittlerem Tempo angelaufen. Mit einer kurzen Handbewegung deutete Agüero an, dass er den Raum zu Bruma zustellte. Das war das Zeichen für Silva, auch die Mitte zu schließen. Fährmann legte sich in der Zwischenzeit den Ball mit der Außenseite des Fußes kurz zur rechten Seite und passte dann den Ball zu Sane, der 24 m vor dem Tor positioniert war. Der Schalker Innenverteidiger bemerkte allerdings nicht, dass David Silva von hinten angelaufen kam. Deshalb ließ sich der Senegalese in Diensten der Königsblauen vom attackierenden Bernardo Silva den Ball abjagen. Der portugiesische Nationalspieler passte quer zu Sergio Agüero, der die Kugel mühelos zum 0:1 ins leere Tor einschob.

Eine sachliche Analyse der Szene

Fährmann äußerte sich nach dem Spiel wie folgt zu dieser Aktion: “Das war ein unglückliches Gegentor. Ich mache ihn dafür nicht verantwortlich”, meinte der Schlussmann in Richtung Sané. Er sprach sich damit von jeder Verantwortung frei. Hier macht er es sich zu leicht. Er hätte bei einer guten Vororientierung erkennen müssen, dass nicht Sane, sondern vor allem Nastasic auf der anderen Spielhälfte die bessere Anspiel-Option gewesen wäre, denn er war der einzige Schalker Abwehrspieler, der keinen Gegnerdruck hatte. Wenn Fährmann den von Bruma zugespielten Ball direkt, also ohne Zwischenkontakt, auf die andere Spielhälfte zu Nastasic verlagert hätte, hätte ein Ballkontakt genügt und die gegnerischen Spieler hätten keinen Druck auf ihn und Sane ausüben können.

Noch einen Aspekt muss man Fährmann in dieser Situation ankreiden. Eine Grundregel beim Passen besagt, dass ein Spieler durch einen kurzen Antritt deutlich macht, wie er angespielt werden will. Zum Zeitpunkt vom Fährmanns Pass machte Sane aber keine anstalten, den Ball zu fordern. Fährmann beschreibt die Situation so: “Ich dachte, er kommt entgegen. Ich hatte auch versucht, ihn sanft anzuspielen. Man bekommt eigentlich immer Druck vom Gegner und hat nicht die Zeit, drei, vier Kontakte zu spielen.” In den ersten beiden Worten liegt wohl Fährmanns Denkfehler. Nicht der den Ball Führende entscheidet, wen er anspielt, sondern der Anzuspielende macht mit seinem Laufverhalten deutlich, ob und wohin er den Ball haben will. Deshalb darf Fährmann diesen Pass nicht spielen.

Zu Fährmanns Verteidigung muss aber gesagt werden, dass Sane eigentlich sowohl die körperlichen Voraussetzungen als auch die Schnelligkeit mitbringt, diesen Ball allein mit seinem Körper gegen den heranstürzenden, klein gewachsenen ManCity-Spieler Bernardo Silva verteidigen zu können. Durch mehr Entschlossenheit hätte er diese Aktion sicher gelöst.

Was Fährmann nicht verdient hat

Natürlich muss es erlaubt sein, Fährmann für seinen Fehlpass, der zum 1:0 für Manchester City führte, zu kritisieren, auch dafür, dass er beim 2:3 nicht optimal stand. Als Profisportler ist man gewohnt, öffentlicher Kritik ausgesetzt zu sein. Sie ist Teil des Geschäftes. Man nimmt sie gerne hin, wenn man gefeiert wird, und muss sie ertragen können, wenn Fehler passieren.

Was aber inzwischen unerträglich ist, ist die Art und der Stil der Urteile, sowohl in der Presse, aber vor allem in den sogenannten sozialen Medien. Dass die BILD mal wieder eine Führungsrolle übernimmt bei abwertenden Schlagzeilen über „Versager“ und den Schalker Schlussmann als „Flatter-Fährmann“ bezeichnet, daran hat sich die deutsche Öffentlichkeit gewöhnt. Jeder von uns hat die Möglichkeit, am Kiosk darüber zu entscheiden, ob er diese Form des Journalismus finanziell bedienen will.

Viel problematischer sind Menschen in den sozialen Medien, die ohne finanzielle Vorteile, aber gut geschützt hinter einem Pseudonym mit ungeheurer Gnadenlosigkeit, Unverschämtheit und Maßlosigkeit mit Fehlern von Profi-Sportlern wie Fährmann abrechnen. Es ist erschreckend, wie kurzzeitig das Gedächtnis einiger Schalke-Fans ist. Denn über Jahre hinweg war Fährmann der absolute Leistungsträger und große Rückhalt bei den Königsblauen. Kein anderer Spieler stand so sehr für das Malocher-Image des Ruhrpotts und lebte Schalke so leidenschaftlich wie der der in Chemnitz geborene, aber auf Schalke ausgebildete 1,96 m große Hüne. Aber möglicherweise ist bei einigen dieser sogenannten Fans der Verstand genauso kurz wie ihr Gedächtnis!

Dass Fährmann im Moment nicht die beste Phase in seiner Torhüter-Karriere durchläuft, weiß der 30-jährige Schlussmann selbst. Noch ist offen, wie seine weitere Zukunft verlaufen wird. Aber eines hat sich Fährmann bereits jetzt verdient: Zum einen Respekt vor seinen vielen großartigen Leistungen und seiner Person! Und zum zweiten sollte es eine Selbstverständlichkeit sein, dass man auf einer Person, die bereits am Boden liegt, nicht noch hemmungslos herumtrampelt. Das ist ein Gebot der Menschlichkeit!

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Artur Stopper

Artur Stopper

Über den Autor

Mit über 25 Jahren Erfahrung als Torwarttrainer weiß Artur, wie Torhüter ticken. Deshalb bevorzugt er Themen, die die Welt der Torhüter ausmachen: Vereinswechsel, Tiefschläge, Pechsträhnen, Höhenflüge, Emotionen, Ersatzbank, Halbgötter, Erfolge.

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