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Der Fußball schreibt immer neue, außergewöhnliche Geschichten. Für den jüngsten Eklat sorgte Chelsea-Torwart Kepa Arrizabalaga. Der teuerste Torhüter der Welt verweigerte im Ligacup-Finale zwischen FC Chelsea London und Manchester City (3:4 i.E.) seine Auswechslung.

Was war geschehen?

Kurz vor Ablauf der Verlängerung und damit dem Beginn des Elfmeterschießens saß Kepa mit schmerzverzerrtem Gesicht auf dem Boden, nachdem er schon mit Oberschenkelproblemen angeschlagen ins Spiel gegangen war. Deshalb wollte Chelseas Teammanager Maurizio Sarri den 24-jährigen Spanier auswechseln und durch den 37-jährigen Ersatztorwart Willy Caballero ersetzen. Doch Kepa verließ nach der Behandlung das Feld nicht, sondern verweigerte seine Auswechslung. Sarri schäumte vor Wut, rastete völlig aus und verschwand sogar kurzzeitig in Richtung Kabine. Das Ende der Geschichte: ManCity gewann das Elfmeterschießen (0:0 n.V.) mit 4:3. Kepa parierte zwar den Schuss des deutschen Nationalspielers Leroy Sané, Jorginho und David Luiz (an den Pfosten) trafen aber auf Seiten Chelseas nicht.

Reaktionen auf Kepas Verhalten

Das ungewöhnliche Verhalten Kepas bot anschließend reichlich Stoff für Diskussionen. Zwei ehemalige Chelsea-Spieler bezogen deutlich Stellung. Ex-Chelsea-Stürmer und TV-Experte der BBC Chris Sutton forderte: „Kepa sollte nie mehr für Chelsea spielen dürfen. Er ist eine Schande. Ich habe so etwas noch nie gesehen. Wäre ich Sarri, würde ich gehen. Seine Autorität wurde massiv untergraben und ich frage mich, warum die übrigen Chelsea-Spieler ihn nicht vom Feld gedrängt haben.“ Auch für die Chelsea-Legende John Terry ist Kepas Verhalten unverständlich: „Wenn deine Nummer aufleuchtet, musst du das Feld verlassen und ein wenig Respekt zeigen“, sagte der langjährige Chelsea-Kapitän im Interview mit Sky Sports. Ex-England-Torjäger Alan Shearer schrieb in seiner „Sun“-Kolumne:

Es ist eine Sache des Respekts und Kepa hat seinen Trainer vor den Augen von Millionen Menschen zum Narren gehalten. Und das in einem Moment, in dem Sarri bereits unter hohem Druck stand und kurz davor ist, seinen Job zu verlieren.

Alan Shearer, The Sun

Noch deutlicher wurde Reporter Angelo Mangiante von Sky Italia: "Kein Spieler ist größer als der Klub. Chelsea hat 80 Millionen Euro für diesen Kerl ausgegeben. Der teuerste Torhüter in der Fußballgeschichte. Kein Respekt gegenüber dem FC Chelsea, dem Torhüter, den Teamkollegen, inklusive Caballero. Zum Schämen."

Kepa selbst war sich der Tragweite seines Verhaltens wohl erst nach dem Spiel bewusst und entschuldigte sich via Twitter: "Es war nie meine Absicht, ungehorsam gegenüber dem Coach und seinen Entscheidungen zu sein. Ich glaube, alles war ein großes Missverständnis in der Hitze der letzten Minuten eines Finales um einen Titel. Der Coach dachte wohl, ich sei so schwer angeschlagen, dass ich nicht weiterspielen könnte. Aber mir ging es gut, und ich wollte unbedingt der Mannschaft helfen. Ich habe großen Respekt vor dem Trainer und seiner Autorität." Der einzige, der Verständnis für Kepa Verhalten äußerte, war ausgerechnet Chelseas Ex-Trainer Jose Mourinho: "Mit so einer Aktion will ein Spieler seine Persönlichkeit und sein Selbstvertrauen zeigen, er will zeigen, dass er da ist und im Elfmeterschießen Bälle parieren will. Das mag ich.“ Ob Mourinho wohl dieselben Worte gefunden hätte, wenn er der betroffene Trainer gewesen wäre?

Welche Konsequenzen zieht Kepas Verhalten nach sich?

Nach dem Spiel bezeichnete Teammanager Sarri den Vorfall als "Missverständnis". "Kepa und ich haben über den Vorfall gesprochen. Es war eine gute Unterhaltung", sagte Sarri: "Er hat sich bei mir, seinen Teamkollegen und dem Klub entschuldigt." Für den Italiener sei "das Thema abgeschlossen". Was bleibt dem Trainer auch anderes übrig, als dem von Reue geplagten spanischen Keeper wieder die Hand zu reichen. Denn die Rechnung ist einfach. Würde Chelsea den Vertrag mit Kepa beenden, wäre hohe Entschädigungszahlungen die Folge. Immerhin besitzt der Schlussmann einen Siebenjahresvertrag bis 2025 und verdient Medienberichten zufolge umgerechnet 11 Millionen Euro pro Jahr. Zudem kostete Kepa den Verein 80 Millionen an Transfersumme. Chelsea hätte also bei einer Vertragsauflösung unglaublich hohe Geldsummen in den Sand gesetzt. Ein weiteres Problem ist Chelsea-Eigner Roman Abramowitsch. Er hat in der Vergangenheit des Öfteren den Standpunkt vertreten, dass Trainer eher verzichtbar sind als talentierte Spieler. Deshalb ersetzte er, wenn etwas schieflief, in der Regel eher den Trainer als die Spieler. Wie so oft im Fußball zählt auch für Chelsea das Geld mehr als Prinzipien. Kepa braucht also wohl sportliche Konsequenzen nicht zu befürchten.

Finanziell hingegen wurde er vom Verein für sein Verhalten bereits zur Kasse gebeten. 220 000 Euro muss er an die vereinsinterne Stiftung überweisen. Was Otto Normalverbraucher angesichts dieser Summe den Atem ins Stocken geraten lässt, wird bei Kepa hingegen für keine Sorgenfalten sorgen. Dieser Betrag entspricht gerade einmal dem Wochengehalt des Chelsea-Schlussmanns. Der wirklich Leidtragende an dieser Situation könnte Teammanager Maurizio Sarri sein. Die Autorität des Italieners ist ohnehin angeschlagen, weil der FC Chelsea in der Saison 2018/19 unter den Erwartungen spielt. Sie wurde durch Kepas Verhalten weiter beschädigt. Wenn sich Spieler nicht mehr an die Anweisungen des Trainers halten, verliert er die Kontrolle über die Mannschaft, seine Ideen werden bedeutungslos. Und eine Spielidee hatte Sarri durchaus. Neben der möglichen Verletzung von Kepa gab es noch einen wichtigen Grund, Caballero fürs Elfmeterschießen einzuwechseln. Bis im Sommer 2017 war der Argentinier bei Manchester City beschäftigt. Er kannte also als ehemaliger ManCity-Keeper die Vorlieben der Elfmeterschützen weit besser als Kepa. Außerdem hatte Caballero im Ligapokal-Finale 2016 drei Elfmeter gehalten, der Ruf als Elfmeterkiller ging dem 37-Jährigen voraus.

Ob Sarri Chelseas Chancen im Elfmeterschießen mit Cabellero im Tor verbessert hätte, ist eine rein theoretische Frage und lässt sich nicht beantworten. Sicher ist aber, dass solche psychisch höchst belastenden Momente wie das Elfmeterschießen oft im Kopf entschieden werden. Deshalb hätte der psychologische Trick Sarris, der durch die vermeintliche Verletzung Kepas entstanden war, durchaus erfolgreich sein können. Dass sich keiner der Chelsea-Spieler bemühte, dem Trainer beizustehen und Kepa vom Feld zu bewegen, könnte man als Hinweis werten, dass Sarris Gedankenblitze nicht mehr lange gefragt sein werden, sondern dass der Italiener den Machtkampf zwischen ihm und den Chelsea-Stars bereits verloren hat.

BlickpunktPremier LeagueKepa ArrizabalagaFC Chelsea

Artur Stopper

Artur Stopper

Über den Autor

Mit über 25 Jahren Erfahrung als Torwarttrainer weiß Artur, wie Torhüter ticken. Deshalb bevorzugt er Themen, die die Welt der Torhüter ausmachen: Vereinswechsel, Tiefschläge, Pechsträhnen, Höhenflüge, Emotionen, Ersatzbank, Halbgötter, Erfolge.

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