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142 Tore sind bei der EM 2020 gefallen, so viele wie noch nie zuvor bei einer EM. Die Ursache dafür ist leicht erklärbar. Gegenüber früheren Europameisterschaften, bei denen oft die Torverteidigung das taktische Spielsystem bestimmte, setzten viele Mannschaften auf eine eher offensiv geprägte Spielweise. Selbst der spätere Europameister Italien kehrte von dem dieses Land in früheren Zeiten prägenden Catenaccio-Stil ab.

Markus Krauss, Torwarttrainer der U19 des Bundesligisten VfB Stuttgart, hat die EM aus der Torwarttrainer-Perspektive genauer unter die Lupe genommen. Seinen ersten Untersuchungsaspekt, aus welchen Torentfernungen wie viele Tore erzielt wurden, haben wir euch bereits veröffentlicht. In Teil 2 geht es nun um die Frage, welche Abschlussart am häufigsten zum Torerfolg führte. Das folgende Säulendiagramm veranschaulicht sein Ergebnis.

Besonders erfolgreich: Schüsse innerhalb des Strafraums und Hereingaben

Bei einem ersten Blick auf das Diagramm wird bereits deutlich, dass zwei Abschlussarten als besonders erfolgreich herausragen: Schüsse innerhalb des Strafraumes sowie Torabschlüsse nach Hereingaben. Allein mit diesen beiden Torabschlüssen wurde exakt die Hälfte aller Tore der EM erzielt. Am erfolgversprechendsten erwiesen sich dabei – wenig überraschend - mit 27,46 % Schüsse aus der Nahdistanz, Schüsse innerhalb des Strafraumes. Jedes dritte bis vierte Tor wurde auf diese Weise erzielt.

Auf Platz 2 der erfolgreichsten Torabschlüsse folgen Hereingaben mit 22,54 %. Etwas mehr als jedes fünfte Tor wurde nach einer Hereingabe erzielt. Eine Auffälligkeit sticht speziell bei den Hereingaben zudem heraus. Während es bei allen anderen Abschlussarten kaum Unterschiede in den ermittelten Werten zwischen der Vor- und Finalrunde gibt, unterscheidet sich dieser Wert bei Hereingaben deutlich. Denn während in der Vorrunde 20,21 % aller Hereingaben erfolgreich abgeschlossen wurden, erhöhte sich dieser Wert in der Finalrunde auf 27,08 %, also eine Steigerung um ca. 7 %. Die Ursachen dafür lassen sich nur vermuten. Mannschaften, die sich für die Finalrunde qualifizierten, besitzen in der Regel Spieler mit höherem technischen Format, die zum einen besser und genauer flanken und zum anderen bei höheren technischen Fertigkeiten die Hereingabe besser abschließen können.

Mit deutlichem Abstand folgen alle anderen Abschlussarten, die sich in ihren Werten nur in Nuancen unterscheiden: Mit 9,86 % aller Tore die Eins-gegen-Eins-Situation, gefolgt von Fernschüssen aus 20 m oder mehr (8,45 %). Noch eine interessante Auffälligkeit: Fernschüsse aus 20 m und mehr waren etwas erfolgreicher als Schüsse aus 16 – 20 m. Eine mögliche Erklärung dafür könnte der Überraschungseffekt sowohl für den Torhüter als auch die Verteidiger sein, wenn sich ein Stürmer zu einem Schuss aus größerer Distanz traut. Eine weitere Vermutung wäre, dass ein Schütze aus größerer Distanz seltener von einem Verteidiger geblockt wird als ein Schütze in unmittelbarer Nähe der Strafraumlinie, weil er bei größerem Abstand zum Tor nicht so intensiv angegriffen wird.

Bedeutung von Standardsituationen hat abgenommen

Noch eine Auffälligkeit weist die EM 2020 gegenüber dem internationalen Turnier zuvor (WM 2018) auf. Während bei der WM 2018 45 % aller Tore nach einem ruhenden Ball erzielt wurden, lag dieser Wert bei der EM 2020 deutlich niedriger. Nur 19,01 % der Tore führten nach Standardsituationen zu einem Torerfolg. Dieser deutlich niedrigere Wert überrascht, gilt das Einüben von Standardsituationen vor Großturnieren doch als probates Mittel, in kurzer Zeit die Grundlagen für Erfolge vorzubereiten, denn sie lassen sich in der kurzen Vorbereitungszeit leichter einstudieren als wirkungsvolle Spielzüge oder offensive Lösungsmöglichkeiten. Möglicherweise waren aber die Mannschaften, alarmiert durch die hohe Zahl an Toren durch Standards bei der WM 2018, von ihrem Trainerstab besser auf die Verteidigung von Standards vorbereitet.

Ein weiterer Aspekt könnte eine Rolle gespielt haben. Durch die offensivere Spielweise, die viele Mannschaften bei der EM 2020 gepflegt haben, wurden die gegnerischen Stürmer mehr vom Tor ferngehalten. Weil die Abwehrketten bei dieser Spielweise zwangsläufig höher standen, kam es möglicherweise zu weniger Freistoßsituationen in torgefährlichen Bereichen, da die Fouls weiter entfernt vom Tor passieren und so direkte Freistöße durch die größere Entfernung kein geeignetes Mittel waren.

Analyse

Artur Stopper

Artur Stopper

Über den Autor

Mit über 25 Jahren Erfahrung als Torwarttrainer weiß Artur, wie Torhüter ticken. Deshalb bevorzugt er Themen, die die Welt der Torhüter ausmachen: Vereinswechsel, Tiefschläge, Pechsträhnen, Höhenflüge, Emotionen, Ersatzbank, Halbgötter, Erfolge.

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