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  • Das Spiel des Torhüters ist ein ewiges Duell zwischen den beiden Extremen, Euphorie und Tragik. Diese Einschätzung beschreibt den einzigartigen Arbeitsplatz des Torhüters zwar auf abstrakte, aber dennoch zutreffende Art und Weise. Die Aussagekraft ist unwiderruflich. Ein Fehlverhalten des Torhüters wird fast immer mit einem Gegentor bestraft. Weitergehend ist zu erwähnen, dass sich das Torwartspiel in den letzten Jahren dahingehend verändert hat, dass es für die Person zwischen den Pfosten immer komplexer geworden ist. Der Torhüter soll dirigieren, mitspielen, Bälle abfangen, Bälle ablaufen, mit beiden Füßen den Ball spielen können, immer körperlich angespannt und präsent sein und ganz nebenbei soll er auch Bälle halten. Um diesen Anforderungen nachkommen zu können, ist es unabdinglich, dass der Torhüter eine Fachperson mit theoretischen und praktischen Kenntnissen ist. Begründet aus diesen elementaren Faktoren, beschäftigten sich die Autoren dieser Ausarbeitung mit der Frage: Wie kann der Torhüter durch ein gezieltes sowie durchdachtes Steuern seiner Defensivspieler Gegentore verhindern?

    Wissenschaftliche Datenerhebung

    Um analysieren zu können, aus welchen Positionen die Tore erzielt wurden, habe die Autoren insgesamt 308 Spiele sowie 896 Tore (Bundesliga Deutschland, Lique 1, Eredivisie, La Liga, Bundesliga Österreich, Premier League und Serie A) detailliert aufgearbeitet. Im Fokus der Auswertung stand die prozentuale Zuteilung der Tore zu den jeweiligen Zonen (die Definition folgt im nächsten Kapitel). Daher wurde für eine exakte Analyse der Torraum in 15 Abschnitte eingeteilt (siehe Schaubild).

    Torzonen

    Um das Defensivverhalten tiefgründiger schulen zu können, war es auch von Bedeutung, aus welcher Distanz die Tore erzielt wurden. Hier wurde eine Einteilung von insgesamt sieben Kategorien, welchen eine bestimmte Wertspanne zugeteilt wurde, vorgenommen. Die analysierten Ligen wurden randomisiert ausgewählt.

    Torwartspiel - Aufbau der Zonen

    Insgesamt wird der Torraum in drei unterschiedliche Zonen (Stand-, Abkipp- und Abdruckzone) unterteilt. Für alle drei Zonen sollte der jeweilige Torhüter unterschiedliche torwartspezifische Techniken beherrschen. Der größte Unterschied besteht darin, dass im Vergleich zu den anderen zwei Zonen in der Standzone alle Abwehrtechniken im Stehen (ähnlich einem Handballtorhüter) ausgeführt werden. Darauf aufbauend kann den Zonen eine unterschiedliche Trefferwahrscheinlichkeit, aufgrund der jeweiligen Trefferflächen, zugeschrieben werden. Dies ist der nachfolgenden Datenanalyse zu entnehmen.

    Datenanalyse - Ergebnisse

    Wie schon erwähnt, standen bei der Datenanalyse zwei Schwerpunkte im Vordergrund. Zum einen wollten die Autoren herausfinden, in welcher Zone die meisten Tore erzielt werden, und zum anderen sollte hervorgehen, aus welcher Distanz die Torschützen zum Erfolg kommen.

    Torzonen

    In dem oben dargestellten Schaubild wurden alle analysierten Tore nach ihrer Anzahl sowie der prozentualen Häufigkeit in den jeweiligen Zonen festgehalten. Auffällig ist hierbei, dass insgesamt 85,6% der Tore innerhalb des Strafraumes erzielt werden. Dies bedeutet, dass der Torhüter 737 Tore aus einer Distanz zwischen 0 und 16 Metern nicht verhindern konnte. Weitergehend wurden sogar 24,5% (221 Tore) der Tore aus einer Distanz zwischen 0 und 5 Metern erzielt. Im Umkehrschluss bedeutet dies aber auch, dass innerhalb der Standzone lediglich 5,5% (53 Tore) der Angreifer erfolgreich sind. Um die Zielstellung der Ausarbeitung tiefgründiger eruieren zu können, werden in der nachfolgenden Tabelle alle Tore in die jeweiligen Distanzen, aus denen diese erzielt wurden, eingeteilt.

    Entfernung (Distanz) Anzahl (Prozent / Tore)
    0 bis 5m 24,5% (211 Tore)
    6 bis 11m 49,5% (444 Tore)
    12 bis 16m 11,5% (100 Tore)
    17 bis 20m 10,7% (96 Tore)
    21 bis 15m 2,5% (23 Tore)
    26 bis 30m 1,0% (9 Tore)
    30m und mehr 0,3% (3 Tore)

    Der Tabelle ist eindeutig zu entnehmen, dass der Torhüter zum größten Anteil mit Torschüssen aus der Nahdistanz konfrontiert ist. Nur zu einem geringen Prozentsatz werden Tore aus der Entfernung erzielt. Welche Bedeutung diese Ergebnisse auf das Zusammenspiel zwischen dem Torhüter und seine Defensivspieler haben, wird im folgenden Kapitel thematisiert.

    Bedeutung des Abwehrverhaltens

    Unter der Hinzunahme der dargelegten Datenanalyse und der daraus resultierenden Ergebnisse sind zwei elementare Faktoren festzuhalten. Die meisten Tore werden aus einer Distanz zwischen 0 und 16 Metern erzielt, und die höchste Wahrscheinlichkeit, einen Torschuss abzuwehren, hat der Torhüter in der Standzone. Werden diese zwei fundamentalen Elemente berücksichtigt, hat dies einen enormen Einfluss auf das Zusammenspiel zwischen dem Torhüter und dem Defensivverbund. Im Grunde müsste der Torhüter seine Defensivspieler so steuern, dass diese die Gegenspieler so abschirmen, dass diese nicht in den Strafraum gelangen, und wenn doch, sollten diese lediglich in der Standzone zum Torabschluss kommen. Zielführend ist aus diesen Erkenntnissen abzuleiten, dass dem Zusammenspiel zwischen dem Torhüter und seinen Defensivspielern eine sehr hohe Bedeutung zugeschrieben werden muss, was sich auch in der täglichen Trainingsarbeit widerspiegeln sollte.

    Bedeutung für das Torwarttraining

    In der aktuellen Praxis wird das Torwarttraining sehr umfang- und detailreich sowie spielnah aufgebaut. Dies hat zur Folge, dass der Torwarttrainer sein Training so steuert, dass Wiedererkennungswerte im Wettkampf erzielt werden (Schulung von Automatismen). Dementsprechend müssten aus den erörterten Ergebnissen zwei Trainingsschwerpunkte in die Trainingsarbeit mit einfließen. Im fachgebundenen torwartspezifischen Training sollten Übungen so konzipiert sein, dass die Torschüsse aus einer Distanz zwischen 0 bis 16 Metern erfolgen. Im Mannschaftstraining sollte der Torwarttrainer in Verbindung mit seinem Chef und Co-Trainer noch tiefgründiger darauf achten, dass das Zusammenspiel zwischen dem Torhüter und den Abwehrspielern perfektioniert wird. Hierbei ist es von großer Bedeutung, dass durch richtiges Coachen die Protagonisten immer wieder an die Schaubilder bzw. die theoretischen Inhalte erinnert werden. Wird dieser Automatismus im Training manifestiert, werden die Abwehrspieler in Verbindung mit dem Torhüter im Wettkampf in Bruchteilen von Sekunden die richtige Entscheidung treffen. Abschließend ist zu erwähnen, dass sich diese Vorgehensweise positiv auf das gesamte Abwehrverhalten auswirken wird.

    Analyse

    Dennis Tiano

    Dennis Tiano

    Über den Autor

    Dennis Tiano ist aktuell Torwarttrainer des SV Waldhof Mannheim 07 und zeitgleich ist er auch geschäftsführender Gesellschafter der Pantera Sports GmbH. Dennis baute sich zusätzlich zu seinem akademischen (Sozialpädagogik Bachelor of Arts, Prävention und Gesundheitsmanagement Master of Arts) auch einen sportlichen Werdegang auf. Besondere Ereignisse in seiner aktiven Zeit als Torhüter waren vor allem die Länderspiele (u.a. gegen England, Frankreich, Griechenlandund Belgien) für die deutsche Nationalmannschaft (DKFV) im Kleinfeldfußball, die Berufung in die Südwestauswahl im Futsal (Teilnahmean der deutschen Meisterschaft) sowie einige Spiele für den SV Darm- stadt 98 Futsal (Bundesliga). Als Torwarttrainer war Dennis Tiano für die Offenbacher Kickers, den 1. FC Kaiserslautern (Nachwuchsleistungszentrum) und den SC 1919 Hauenstein aktiv. In seiner Laufbahn als Torwarttrainer arbeitet er u.a. mit Trainern wie Jürgen Kohler, Bernhard Trares, Gerd Dais und Michael Fink zusammen.

  • Tore sind das Salz in der Suppe im Fußball. Für Torhüter hingegen ist es die „Höchststrafe“ (Oliver Kahn), ein Gegentor hinnehmen zu müssen. Wie lassen sich Tore aber vermeiden? Als Torwarttrainer der U19 des VfB Stuttgart wollte ich der Frage nachgehen, wie und warum Gegentore überhaupt fallen und wie sie sich möglicherweise vermeiden lassen. Um eine Antwort auf diese Frage zu bekommen, nahm ich in der vergangenen Saison 2019/20 alle Tore der 1. und 2. Bundesliga unter die Lupe und kategorisierte sie. Auf die Idee hatte mich Ebbo Trautner (ehemaliger Torwart und Torwarttrainer des VfB Stuttgart) gebracht, der früher (und vielleicht heute immer noch) selbst Gegentore bei großen Turnieren analysierte. Im Folgenden möchte ich euch meine Ergebnisse vorstellen.

    Aus welchen Zonen und nach welchen Aktionen fielen die Tore?

    Um herauszufinden, aus welchen Zonen die Tore fallen und von welchen Situationen die meiste Torgefahr ausgeht, unterteilte ich das Spielfeld in einzelne Zonen (M, L, R, LA, RA). Abb. 1 stellt die Zonen dar und nennt zugleich den prozentuellen Anteil der Gegentore, die in der Bundesligasaison 2019/20 aus den Zonen erzielt wurden.

    Untersuchungsergebnis der 1. Bundesliga in der Saison 2019/20

    1. Bundesliga Gegentore

    Die Abbildung zeigt, dass vor allem vom Bereich direkt vor dem Tor (M) die größte Torgefahr ausgeht. Mit 20,39 % ist der Bereich zwischen der 5-m-Linie und dem Elfmeterpunkt (M2) die torgefährlichste Zone, gefolgt von den mittleren Bereichen M3 (15,09 %) und dem tornahen Bereich M1 (14,37 %). Allein aus diesen drei Zonen fallen 49,85 % aller Tore. Eine weitere Auffälligkeit: Nur 13,44 % aller Gegentore werden aus Zonen außerhalb des Strafraums erzielt.

    Untersuchungsergebnis der 2. Bundesliga in der Saison 2019/20

    2. Bundesliga Gegentore

    Ein ähnliches Ergebnis zeigt Abbildung 2, in der alle erzielten Tore der zweiten Bundesliga in der Saison 2019/20 kategorisiert wurden. Auch diese Grafik beweist, dass vor allem der Bereich direkt vor dem Tor am torgefährlichsten ist (M1, M2, M3). Wie bei der der 1. Bundesliga ist der Bereich zwischen der 5-m-Linie und dem Elfmeterpunkt (M2) mit 22,59 % die torgefährlichste Zone, gefolgt von den mittleren Bereichen M3 (18,16 %) und dem tornahen Bereich M1 (14,07 %). Allein aus diesen drei Zonen fallen 54,82 % aller Tore in der 2. Bundesliga. Noch eine Ähnlichkeit gibt es mit Ersten Bundesliga: Auch in der zweiten Liga werden nur 12,02 % aller Gegentore aus Zonen außerhalb des Strafraums erzielt. Eines zeigt der Vergleich deutlich: Die Werte der einzelnen Zonen unterscheiden sich kaum zwischen den beiden Ligen. Insofern lassen sich die Ergebnisse wohl generalisieren.

    Auf welche Weise werden die Tore erzielt?

    In einem weiteren Schritt unterschied ich die erzielten Tore nach der Art des Abschlusses, also ob das Tor z.B. nach einem Weitschuss, nach einem Zuspiel oder nach einer Standardsituation erzielt wurde. Folgende Untersuchungskriterien dienten dabei als Vergleichsmaßstab:

    • nach Schüssen (Schuss im 16er, Schuss zwischen 16 und 20 m, Weitschuss < 20 m)
    • nach Zuspielen (nach Hereingabe flach oder hoch, nach Querpass, Eins gegen Eins)
    • nach Standardsituationen (Eckball, Freistoß direkt oder nach Flanke, Elfmeter)
    • nach fußballerischen Mängeln (z.B. Rückpass "durchrutschen" lassen)

    Die folgende Auswertung zeigt das Ergebnis aus den Untersuchungen dreier Spielzeiten (2017/18, 2018/19 und 2019/20) der ersten und zweiten Bundesliga sowie der Weltmeisterschaft 2018:

    Im 16er 16 - 20m Weitschuss 1 vs 1 Freistoß direkt Elfmeter
    Bundesligasaison 17/18 23,27% 5,64% 3,67% 14,34% 1,88% 7,99%
    Bundesligasaison 18/19 24,97% 7,50% 2,57% 12,85% 2,26% 7,61%
    Bundesligasaison 19/20 25,56% 6,01% 4,79% 14,97% 1,83% 5,91%
    2. Bundesligasaison 19/20 24,97% 6,24% 3,52% 13,05% 1,59% 8,97%
    Weltmeisterschaft 2018 20,12% 6,51% 6,51% 10,65% 4,14% 13,61%
    Nach Hereingabe Nach Querpass Nach Eckball Nach Freistoßflanke
    Bundesligasaison 17/18 29,02% zusammengefasst in Hereingaben 9,87% 4%
    Bundesligasaison 18/19 17,78% 13,77% 7,91% 2,67%
    Bundesligasaison 19/20 18,84% 8,66% 9,06% 4,28%
    2. Bundesligasaison 19/20 21,57% 6,58% 9,88% 3,52%
    Weltmeisterschaft 2018 14,20% 5,92% 11,24% 7,10%

    Wenig überraschend beweisen die Ergebnisse, dass in der ersten Bundesliga Tore per Direktschuss weitaus häufiger innerhalb des Strafraumes (24,6 %) als aus Distanzen außerhalb des Strafraumes erzielt werden. Bei dieser Zahl sind also keine direkten Abschlüsse nach Querpässen oder Abschlüsse nach Flanken usw. mitgerechnet. 6,3 % der Tore fielen aus einer Entfernung von 16-20 m, aus noch größerer Entfernung betrug die Trefferquote nur noch 3,7 %, wenn man den Mittelwert aus den drei erfassten Jahren errechnet. Fast deckungsgleich sind die Werte der zweiten Bundesliga, während bei der WM 2018 etwas mehr Tore aus größerer Distanz erzielt wurden. Eine mögliche Erklärung könnte die höhere fußballerische Qualität bei Nationalspielern sein.

    Die Untersuchung zeigt des Weiteren, dass ca. ein Viertel aller Gegentore unmittelbar nach einer Standardsituation fallen, sowohl in der ersten als auch 2. Bundesliga. Bei der WM 2018 lag dieser Wert sogar höher (ca. 36 %). Ein Grund dafür könnte sein, dass Nationaltrainer aufgrund der Kürze der Vorbereitungszeit besonders intensiv Standardsituationen trainieren, weil sie schneller als Spielsysteme geschult werden können. Eine weitere Möglichkeit: Die Abstimmung im Abwehrverhalten kann in einem Verein besser trainiert werden als bei der Nationalmannschaft, wo sich Spieler aus verschiedenen Vereinen nur für eine kurze Zeit treffen. Vielleicht sorgt aber auch die höhere Qualität der Schützen für dieses Ergebnis. Auffällig ist zudem im Bereich der Standardsituationen der deutlich höhere Wert an Elfmetern bei der WM 2018 (13,61 %) im Vergleich zu den beiden höchsten Spielklassen in Deutschland.

    Noch etwas zeigt die Untersuchung: Zwischen 20 und 30 % aller Tore werden nach Aktionen über außen erzielt. Dabei sind Hereingaben nach meiner Untersuchung gefährlicher als Querpässe. 10 – 15 % aller Tore resultieren hingegen aus 1gegen1-Aktionen.

    In welchem Maße waren die Torhüter an den Gegentoren beteiligt?

    In einem weiteren Schritt wollte ich herausfinden, in welchem Maße die Torhüter selbst an den Gegentoren beteiligt waren. Dazu unterschied ich das Verhalten der Torhüter in die folgenden Kategorien:

    • Keine direkte Beteiligung am Gegentor
    • Eine Optimierung wäre möglich
    • Klarer Torwartfehler

    Selbstverständlich ist die Entscheidung, ob der Torhüter Schuld am Tor trägt, ob sein Verhalten hätte optimiert werden können und ob ein Torwartfehler vorliegt, sehr subjektiv. Jeder Torwart und auch Torwarttrainer interpretiert das (Torwart-)Spiel anders. Infolgedessen gibt es kein einheitliches Bild unter den Torwarttrainern in dieser Frage. Deshalb ist diese Auswertung in starkem Maße von meiner Denkweise als Torwarttrainer geprägt.

    Keine direkte Beteiligung Optimierung / haltbar Fehler
    Bundesligasaison 17/18 48,89% 40,47% 10,64%
    Bundesligasaison 18/19 48,92% 43,47% 7,61%
    Bundesligasaison 19/20 50,76% 39,25% 9,99%
    2. Bundesligasaison 19/20 51,08% 39,39% 9,53%
    Weltmeisterschaft 2018 46,15% 43,79% 9,47%

    Die Grafik verdeutlicht anschaulich, wie konstant die Werte über mehrere Spielrunden sowohl in der ersten als auch in der zweiten Bundesliga geblieben sind. Zum anderen zeigt sie, dass etwa jedes zweite Gegentor mehr oder weniger vom Torhüter hätte verhindert werden können. Rund jedes zehnte Gegentor wurde sogar durch einen Fehler des Torhüters verursacht. Bei der Bewertung der Torhüter muss berücksichtigt werden, dass wir hier von den Top-Torhütern Deutschlands bzw. bei der Weltmeisterschaft des jeweiligen Landes sprechen. Deshalb lag die Messlatte sehr hoch, die Torhüter wurden kritischer betrachtet.

    In welchen Bereichen waren die Fehler zu suchen?

    Sobald eine Optimierung oder ein Fehler vorlag, habe ich kategorisiert, wo das Problem lag. Dazu habe ich folgende Kategorien unterschieden:

    • Positionierung
    • Gleichgewicht/Stehen
    • Technik
    • Raumverteidigung
    • Spieleröffnung
    • Entscheidung
    • Wille/Entschlossenheit

    Es ist durchaus möglich, dass bei einem Fehler mehrere Kategorien zusammenkommen. So kann ein Torhüter z.B. beim Gegentor gleichzeitig falsch positioniert sein, beim Schuss nicht im Gleichgewicht stehen und die falsche Technik angewandt haben. In diesem Fall habe ich den Torwartfehler drei Kategorien zugeordnet.

    Positionierung Gleichgewicht Technik Raumverteidigung Spieleröffnung Entscheidung Wille
    Bundesligasaison 17/18 44,39% In Positionierung 45,77% 14,87% 1,37% 47,37% 15,10%
    Bundesligasaison 18/19 33,80% 15,29% 39,64% 12,88% 2,01% 32,80% 5,23%
    Bundesligasaison 19/20 37,89% 14,70% 38,92% 14,29% 2,28% 36,44% 9,73%
    2. Bundesligasaison 19/20 42,46% 16,94% 32,71% 14,85% 1,86% 38,52% 10,44%
    Weltmeisterschaft 2018 37,78% 13,33% 35,56% 15,56% 2,22% 40,00% 11,11%

    Schlussfolgerungen aus den Ergebnissen

    Nach meinen Untersuchungen ragen drei Bereiche besonders auffällig als Fehlerquellen heraus: Fehler bei der Positionierung, Entscheidungsfehler und technische Mängel, wobei diese oft die Folge einer falschen Positionierung bzw. einer falschen Entscheidung waren. Insofern dürften die Werte bei Entscheidungs- und Positionierungsfehler unter diesem Gesichtspunkt sogar noch höher liegen. Eine Erklärung dafür könnte zum einen sein, dass Torhüter durch die Veränderungen des Torwartspiels viel häufiger zu Entscheidungen gezwungen werden und die Position entsprechend anpassen müssen als zu früheren Zeiten, als der Torhüter noch überwiegend als „Hüter des Tores“ verstanden wurde. Zum anderen ist anzunehmen, dass Torwarttraining oft noch mit herkömmlichen Trainingsübungen durchgeführt wird, bei denen die Zielverteidigung im Vordergrund steht, Aufgaben zu Entscheidungen aber meist fehlen.

    Um also diese Fehlerquellen zu reduzieren, müsste die Trainingsinhalte dem modernen Torwartspiel angepasst werden, denn isoliertes Torwarttraining allein bereitet einen Torhüter für seinen heutigen Aufgaben nicht wirklich vor. Um dieses Ziel zu erreichen, bieten sich vor allem Spiel- und Trainingsformen zusammen mit der Mannschaft an, weil der Torhüter dort am besten spielnah Entscheidungen fällen und je nach Spielsituation die angepasste Positionierung finden muss. Damit verändern sich auch die Aufgaben des Torwarttrainers. Seine Tätigkeit bestünde in diesem Fall vor allem im Coaching des Torhüters hinter dem Tor oder in der Besprechung des Torwartverhaltens nach dem Training oder in Spielpausen.

    Der Anteil an technischen Fehlern zeigt aber auch, dass auch zukünftig nicht auf isoliertes Torwarttraining verzichtet werden kann. Eine gute Technik kann sowohl in der Ziel- als auch der Raumverteidigung nur durch häufige Wiederholungen und die Konzentration auf die richtigen Bewegungsabläufe vermittelt werden. Trotzdem muss zumindest die Raumverteidigung immer wieder zusammen mit der Mannschaft trainiert werden, weil die Empfindung und Entscheidung des Torhüters anders sind, wenn sich viele und sich zudem bewegende Spieler im Strafraum aufhalten. Genau diese Situation findet der Torhüter aber im Spiel vor. Übrigens: Auch die Feldspieler profitieren ihrerseits davon, realistische Torangriffe oder Torverteidigungssituationen zu üben.

    Auffällig ist auch, dass die Optimierungen bei Fehlern im Bereich der Spieleröffnung nur klein sind. Das hängt zum einen mit der immer besseren fußballerischen Ausbildung der Torhüter zusammen, aber auch damit, dass die meisten Bälle, die ein Torhüter spielen muss, einfache, nach vorne gerichtete (im Vergleich zu einem 6er) Bälle sind, die er unter Druck manchmal einfach nach vorne schlägt.

    Analyse

    Markus Krauss

    Markus Krauss

    Über den Autor

    Markus arbeitet seit 2015 als U19-Torwarttrainer beim VfB Stuttgart. Dort gibt er sein Wissen weiter, das er sich als Profi-Torhüter auf seinen Stationen SSV Reutlingen, 1860 München, VfB Stuttgart, Fortuna Düsseldorf, beim damaligen Drittligisten Stuttgarter Kickers und Waldhof Mannheim erarbeitet hat.

  • Die Frage, wie groß ein Torhüter im Profibereich mindestens sein soll, ist immer wieder umstritten und lässt sich auch nicht abschließend beantworten. Während die einen die Größe eines Torhüters in Zeiten, in denen vor allem fußballerische Fähigkeiten gefordert sind, für eher unbedeutend halten – zumindest wenn er über 1,80 m groß ist -, ist sie für andere ein entscheidendes Kriterium bei der Verpflichtung eines Torhüters. Wie haben eigentlich die 32 europäischen Klubs, die in dieser Saison in der Champions League vertreten sind, diese Frage beantwortet? Wir haben für euch die Größe der Torhüter all dieser Klubs unter die Lupe genommen.

    Statistiken sagen, dass die Männer in Deutschland im Durchschnitt 1,77 m groß sind. Allerdings werden junge Männer immer größer. So ist bei der Altersgruppe zwischen 18 und 25 Jahren der durchschnittliche Mann in Deutschland inzwischen 1,80 m groß. Trotzdem wäre der Großteil dieser Männer ungeeignet für den Job als Torhüter in der Champions League, denn diese sind im Durchschnitt wesentlich größer.

    Wie groß sind die Torhüter in der Champions League?

    Ein Blick auf die folgende Grafik verrät, dass die Größe der meisten Torhüter der Champions-League-Klubs zwischen 1,88 m und 1,96 m liegt. Exakt 15 Torhüter sind kleiner, nur fünf hingegen größer. In absoluten Zahlen ausgedrückt: Von 86 Torhütern – von manchen Vereinen wurden nur zwei, von anderen hingegen 3 Torhüter in den Kadern benannt – lagen insgesamt 30 Torhüter in diesen Größenbereich. Noch etwas zeigt die Grafik: Neben der Größe von 1,88 m (12 Torhüter) sind vor allem die Größen zwischen 1,91 m und 1,93 m bei den Torhütern der Champions League auffällig stark vertreten. Noch eine andere Zahl verdeutlicht die Vorliebe viele Vereine für große Torhüter. Von insgesamt 91 Torhütern sind 56 Torhüter (61,5 %) größer als 1,90 m, nur 35 Torhüter (38,5 %) hingegen kleiner als 1,90 m.

    Interessant ist auch ein Blick auf die Durchschnittsgröße aller Torhüter, die in der Saison 2020/21 in den Kadern der teilnehmenden Mannschaften aufgeboten werden. Sie beträgt exakt 1,908 m. Nimmt man speziell die Stammtorhüter der Vereine noch unter die Lupe, erkennt man, dass sie mit einer Durchschnittsgröße von 1,912 m noch etwas größer sind als der Durchschnitt aller Torhüter der Champions-League-Kader. Diese Zahlen machen deutlich, dass der Trend hin zu großgewachsenen Torhütern in fast allen europäischen Spitzenmannschaften überwiegt.

    Von „Riesen“ und „Kleinen“

    Wer ist eigentlich der größte Torhüter unter den an der Champions League teilnehmenden Teams? Der absolute „Riese“ unter den Torhütern der Champions League ist mit 2,02 m Scherpen vom holländischen Meister Ajax Amsterdam. Dahinter reihen sich mit 1,99 m Thibaut Courtois (Real Madrid), mit 1,98 m Turbin (Schacht Donezsk) sowie die beiden 1,97 m großen Stekelenburg (Ajax Amsterdam) und Mendy (Chelsea London) ein.

    Und der kleinste? Der kleinste Torhüter ist mit einer Größe von 1,82 m Dia (Olympique Marseille). Nur einen Zentimeter größer sind mit 1,83 m Yann Sommer und Tobias Sippel (beide Borussia Mönchengladbach) sowie Ramos (FC Porto). Mit 1,85 m folgen Steve Mandanda (Olympique Marseille), ein Mannschaftskamerad von Dia, sowie Keylor Navas (Paris St. Germain).

    Einige Vereine bevorzugen ausschließlich Größe

    Interessant ist auch eine weitere Statistik, nämlich der spezielle Blick auf die Kader der einzelnen Teilnehmer. Denn die Durchschnittsgröße der Torhüter unterscheidet sich von Verein zu Verein zum Teil deutlich. Von den 32 Mannschaften weisen immerhin 21 Teams eine Durchschnittsgröße von über 1,90 m in ihrem Torwarttrio auf. Die größten Torhüter schickt der russische Klub Lokomotive Moskau mit einer Durchschnittsgröße von 1,95 m an den Start. Beide Torhüter (Guilherme, Kochenkow) weisen diese Größe auf. Mit einem Durchschnittswert von 1,94 m kommen Schachtar Doneszk, Ajax Amsterdam und der türkische Klub Basaksehir FK dem russischen Team am nächsten. Die deutsche Rangliste führen RB Leipzig und Bayern München mit je 1,926 m vor Borussia Dortmund (1,90 m) an.

    Aus dem gewohnten Rahmen fällt hingegen der vierte deutsche Vertreter, Borussia Mönchengladbach. Die Durchschnittsgröße ihres Torwarttrios beträgt „nur“ 1,85. Sowohl die Nummer eins (Yann Sommer) als auch die Nummer zwei (Tobias Sippel) erreichen gerade mal die Größe von 1,83. Gladbachs Nummer drei, Max Grün, hebt den Schnitt mit 1,90 m leicht an. Die Rheinländer haben damit das kleinste Torwarttrio aller Champions-League-Teilnehmer, knapp vor dem FC Porto mit 1,86 m sowie dem FC Sevilla und Lazio Rom mit jeweils 1,87 m. Ihre Torhüter sind im Schnitt 7 bis 10 Zentimeter kleiner als die der meisten anderen Teams.

    Das Ergebnis unterstreicht die Erkenntnis, die schon seit Jahren Bestand hat. Bei südländischen Vereinen spielt die Größe eine weniger wichtige Rolle. In diesen Breitenlagen sind eher fußballerisch gut ausgebildete Torhüter gefragt, die zudem sehr schnell auf den Beinen sind. Dass Südeuropäer in der Regel insgesamt etwas kleiner (4-6 cm) sind, mag diese Statistik zusätzlich beeinflussen. Als alleiniger Grund reicht diese Tatsache jedoch nicht aus. Auch In Russland ist der Durchschnittsmann nur 1,75 m groß, trotzdem haben russische Teams außergewöhnlich große Torhüter in ihren Reihen.

    Dass die Größe aber nicht der entscheidende Faktor für die Klasse eines Keepers ist, zeigt seit Jahren der Schweizer Nationaltorhüter Yann Sommer in Diensten von Borussia Mönchengladbach, sowohl auf nationalem als auch internationalem Parkett. Auch Keylor Navas (Paris St. Germain) oder Steve Mandanda (Olympique Marseille) gehören trotz geringer Torwart-Größe zu den Top-Torhütern in Europa. Insgesamt ist jedoch der Drang zu großen Torhütern nicht zu übersehen. Um den Sprung in die europäische Eliteliga zu schaffen, muss ein Torhüter wohl über besondere Fähigkeiten in anderen Bereichen verfügen, um trotz fehlender Größe im Spitzenfußball zu bestehen.

    Analyse

    Artur Stopper

    Artur Stopper

    Über den Autor

    Mit über 25 Jahren Erfahrung als Torwarttrainer weiß Artur, wie Torhüter ticken. Deshalb bevorzugt er Themen, die die Welt der Torhüter ausmachen: Vereinswechsel, Tiefschläge, Pechsträhnen, Höhenflüge, Emotionen, Ersatzbank, Halbgötter, Erfolge.

  • Rekorde zu erzielen, ist sicherlich einer der Antriebe im Leistungssport. Bei der EM 2020 wurde aber eine Höchstmarke verbessert, auf die allen Beteiligten wohl gerne verzichtet hätten. Noch nie wurden nämlich bei einer EM so viele Eigentore erzielt, nämlich insgesamt 11. Das sind mehr als bei den 15 EM-Turnieren zuvor zusammen, denn bis 2021 fielen in der Geschichte der Fußball-EM insgesamt nur neun Eigentore. Nach der Vorrunde waren es bereits 6 Eigentore, doppelt so viele wie der Rekord aus dem Jahr 2016. Doch welche Gründe gibt es dafür? Grundsätzlich kann man sagen, dass die Eigentore das Ergebnis verunglückte Rückpässe, Klärungsversuche von Abwehrspielern oder Fehlgriffe der Torhüter waren. Goalguard hat für euch analysiert, wie die Eigentore zustande kamen.

    An vielen Eigentoren waren Torhüter beteiligt?

    Vier der elf Eigentore wurden von Torhütern erzielt. Von Torwartfehler kann man aber bei den Eigentoren von Lukas Hradecky (Finnland) und Wojciech Szczesny (Polen) sicherlich nicht reden. Beiden Keepern prallte der Ball vom Pfosten an Rücken (Szczesny) oder Hand (Hradecky) und von dort ins Tor. Beide Eigentore lassen sich also eher der Kategorie Pech als der Kategorie Torwartfehler zuordnen.

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    Analyse

    Artur Stopper

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    Mit über 25 Jahren Erfahrung als Torwarttrainer weiß Artur, wie Torhüter ticken. Deshalb bevorzugt er Themen, die die Welt der Torhüter ausmachen: Vereinswechsel, Tiefschläge, Pechsträhnen, Höhenflüge, Emotionen, Ersatzbank, Halbgötter, Erfolge.

  • Für Freunde des Offensivfußballs war die Euro 2020 eine gelungene Veranstaltung. Denn noch nie zuvor wurden bei einem EM-Turnier so viele Tore erzielt wie zuletzt. Insgesamt 142 erzielte Tore standen am Ende des Turniers zu Buche. Das entspricht einem Tore-Durchschnitt von 2,8 Toren pro Spiel. Vor vier Jahren beim der EM 2016 in Frankreich waren es noch 34 Tore weniger.

    Weniger erfreulich ist dieses Ergebnis allerdings für Torhüter, die mehr Tore hinnehmen mussten als je zuvor. Doch wie fielen diese Tore eigentlich? Markus Krauss, Torwarttrainer der U19 beim Bundesligisten VfB Stuttgart, hat sich mit der Frage beschäftigt, aus welchen Zonen am häufigsten Tore erzielt wurden und welche Abschlussarten wie oft zu Toren führten.

    Im ersten Teil der Veröffentlichung zeigen wir euch, aus welchen Zonen die Torschützen besonders erfolgreich waren.

    Em2020 Gegentore

    Drei Zonen ragen heraus

    In der Grafik sind die Zonen, aus denen besonders häufig Tore erzielt wurden, mit rotem Farbhintergrund gekennzeichnet. Das wenig überraschende Ergebnis: Alle drei Zonen, aus denen mehr als 10 % Toranteile erzielt wurden, liegen zentral vor dem Tor. Am erfolgreichsten waren die Schützen aus der mit M2 benannten Zone, der Zone zwischen fünf und elf Meter vor dem Tor. 28,17 % der Torerfolge resultierten aus dieser Entfernung, das entspricht in etwa jedem dritten bis vierten Tor. Die Erklärung, warum gerade diese Zone am torgefährlichsten ist, liegt nahe. In der tornächsten Zone M1 hat der Torhüter durch die Nähe zum Schützen noch eine Abwehrmöglichkeit, z.B. durch einen Block, mit zunehmendem Abstand zum Tor (M3) erhöht der Keeper seine Reaktionszeit. In der Zwischenzone M2 hingegen hat der Torhüter einerseits wenig Reaktionszeit und andererseits zu viel Abstand zum Schützen, um ihn am Torabschluss hindern zu können.

    Deutlich wird bereits in der Farbgebung, dass von den drei zentralen Zonen M1, M2 und M3 die meiste Torgefahr ausgeht. 59,16 % aller Tore wurden aus diesen drei Zonen erzielt.

    Fernschüsse sind deutlich weniger erfolgreich

    Interessant ist auch ein Blick darauf, wie viele Tore von außerhalb des Strafraumes erzielt wurden. Das Ergebnis: Mit einem Anteil von nur 13,38 % sind Fernschüsse wenig erfolgsversprechend.

    Analyse

    Artur Stopper

    Artur Stopper

    Über den Autor

    Mit über 25 Jahren Erfahrung als Torwarttrainer weiß Artur, wie Torhüter ticken. Deshalb bevorzugt er Themen, die die Welt der Torhüter ausmachen: Vereinswechsel, Tiefschläge, Pechsträhnen, Höhenflüge, Emotionen, Ersatzbank, Halbgötter, Erfolge.

  • 142 Tore sind bei der EM 2020 gefallen, so viele wie noch nie zuvor bei einer EM. Die Ursache dafür ist leicht erklärbar. Gegenüber früheren Europameisterschaften, bei denen oft die Torverteidigung das taktische Spielsystem bestimmte, setzten viele Mannschaften auf eine eher offensiv geprägte Spielweise. Selbst der spätere Europameister Italien kehrte von dem dieses Land in früheren Zeiten prägenden Catenaccio-Stil ab.

    Markus Krauss, Torwarttrainer der U19 des Bundesligisten VfB Stuttgart, hat die EM aus der Torwarttrainer-Perspektive genauer unter die Lupe genommen. Seinen ersten Untersuchungsaspekt, aus welchen Torentfernungen wie viele Tore erzielt wurden, haben wir euch bereits veröffentlicht. In Teil 2 geht es nun um die Frage, welche Abschlussart am häufigsten zum Torerfolg führte. Das folgende Säulendiagramm veranschaulicht sein Ergebnis.

    Besonders erfolgreich: Schüsse innerhalb des Strafraums und Hereingaben

    Bei einem ersten Blick auf das Diagramm wird bereits deutlich, dass zwei Abschlussarten als besonders erfolgreich herausragen: Schüsse innerhalb des Strafraumes sowie Torabschlüsse nach Hereingaben. Allein mit diesen beiden Torabschlüssen wurde exakt die Hälfte aller Tore der EM erzielt. Am erfolgversprechendsten erwiesen sich dabei – wenig überraschend - mit 27,46 % Schüsse aus der Nahdistanz, Schüsse innerhalb des Strafraumes. Jedes dritte bis vierte Tor wurde auf diese Weise erzielt.

    Auf Platz 2 der erfolgreichsten Torabschlüsse folgen Hereingaben mit 22,54 %. Etwas mehr als jedes fünfte Tor wurde nach einer Hereingabe erzielt. Eine Auffälligkeit sticht speziell bei den Hereingaben zudem heraus. Während es bei allen anderen Abschlussarten kaum Unterschiede in den ermittelten Werten zwischen der Vor- und Finalrunde gibt, unterscheidet sich dieser Wert bei Hereingaben deutlich. Denn während in der Vorrunde 20,21 % aller Hereingaben erfolgreich abgeschlossen wurden, erhöhte sich dieser Wert in der Finalrunde auf 27,08 %, also eine Steigerung um ca. 7 %. Die Ursachen dafür lassen sich nur vermuten. Mannschaften, die sich für die Finalrunde qualifizierten, besitzen in der Regel Spieler mit höherem technischen Format, die zum einen besser und genauer flanken und zum anderen bei höheren technischen Fertigkeiten die Hereingabe besser abschließen können.

    Mit deutlichem Abstand folgen alle anderen Abschlussarten, die sich in ihren Werten nur in Nuancen unterscheiden: Mit 9,86 % aller Tore die Eins-gegen-Eins-Situation, gefolgt von Fernschüssen aus 20 m oder mehr (8,45 %). Noch eine interessante Auffälligkeit: Fernschüsse aus 20 m und mehr waren etwas erfolgreicher als Schüsse aus 16 – 20 m. Eine mögliche Erklärung dafür könnte der Überraschungseffekt sowohl für den Torhüter als auch die Verteidiger sein, wenn sich ein Stürmer zu einem Schuss aus größerer Distanz traut. Eine weitere Vermutung wäre, dass ein Schütze aus größerer Distanz seltener von einem Verteidiger geblockt wird als ein Schütze in unmittelbarer Nähe der Strafraumlinie, weil er bei größerem Abstand zum Tor nicht so intensiv angegriffen wird.

    Bedeutung von Standardsituationen hat abgenommen

    Noch eine Auffälligkeit weist die EM 2020 gegenüber dem internationalen Turnier zuvor (WM 2018) auf. Während bei der WM 2018 45 % aller Tore nach einem ruhenden Ball erzielt wurden, lag dieser Wert bei der EM 2020 deutlich niedriger. Nur 19,01 % der Tore führten nach Standardsituationen zu einem Torerfolg. Dieser deutlich niedrigere Wert überrascht, gilt das Einüben von Standardsituationen vor Großturnieren doch als probates Mittel, in kurzer Zeit die Grundlagen für Erfolge vorzubereiten, denn sie lassen sich in der kurzen Vorbereitungszeit leichter einstudieren als wirkungsvolle Spielzüge oder offensive Lösungsmöglichkeiten. Möglicherweise waren aber die Mannschaften, alarmiert durch die hohe Zahl an Toren durch Standards bei der WM 2018, von ihrem Trainerstab besser auf die Verteidigung von Standards vorbereitet.

    Ein weiterer Aspekt könnte eine Rolle gespielt haben. Durch die offensivere Spielweise, die viele Mannschaften bei der EM 2020 gepflegt haben, wurden die gegnerischen Stürmer mehr vom Tor ferngehalten. Weil die Abwehrketten bei dieser Spielweise zwangsläufig höher standen, kam es möglicherweise zu weniger Freistoßsituationen in torgefährlichen Bereichen, da die Fouls weiter entfernt vom Tor passieren und so direkte Freistöße durch die größere Entfernung kein geeignetes Mittel waren.

    Analyse

    Artur Stopper

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    Über den Autor

    Mit über 25 Jahren Erfahrung als Torwarttrainer weiß Artur, wie Torhüter ticken. Deshalb bevorzugt er Themen, die die Welt der Torhüter ausmachen: Vereinswechsel, Tiefschläge, Pechsträhnen, Höhenflüge, Emotionen, Ersatzbank, Halbgötter, Erfolge.

  • Das Aufwärmen vor dem Spiel ist ein fester Bestandteil der Spielvorbereitung von der Bundesliga bis zur Kreisklasse. Während früher die Aufwärmung des Torhüters meist nur aus einem Warmschießen bestand, hat sich inzwischen auch im Torwartbereich die Erkenntnis durchgesetzt, dass torwartspezifisches Aufwärmen mehr beinhalten muss als nur Schüsse der Mitspieler auf das Tor. Doch wie wärmt sich ein Torhüter eigentlich richtig auf?

    Mit dieser Frage hat sich Fabian Otte, inzwischen Torwarttrainer der Profi-Torhüter von Borussia Mönchengladbach, bereits vor einigen Jahren beschäftigt und dazu die Warm-ups von elf Profitorhütern, vor allem aus der 1. Bundesliga und der belgischen Jupiter Pro League, an Spieltagen während der Saison 2018/19 analysiert. Zudem führte er Interviews mit sieben Profi-Torwarttrainern, die in den untersuchten Warm-ups beteiligt waren, über die Struktur der Warm-ups und befragte sie nach den Gründen, warum sie diesen Ablauf des Programms gewählt haben. Ein Ergebnis seiner Untersuchung bereits vorweg: Nach wie vor ist der Ablauf des Aufwärmprogrammes eher intuitiv und basiert meist auf Erfahrungen des Trainers oder Torhüters. Häufig wird wenig im Detail über diese Routinen gesprochen, und noch seltener werden die Vorgehensweisen genauer analysiert.

    Drei Aspekte des Warm-ups hat Fabian Otte in seiner Untersuchung speziell unter die Lupe genommen: Den Aufbau und die Struktur der Warm-ups, das durchschnittliche Volumen, die Wiederholungszahlen sowie das Verhältnis zwischen angesagten/technischen und freien/spielnäheren Aktionen der Torhüter. Dabei ging es Otte nicht um die Bewertung der Warm-ups, sondern rein um eine strukturierte Analyse.

    Die Ergebnisse der Studie

    a) Wiederholungszahlen in den verschiedenen Bereichen

    Fabian Otte stellte durchaus Unterschiede in der Gesamtdauer der Warm-ups der Nummer eins vor den Spielen fest. Die Dauer der Brutto-Warm-up Zeit (mit Pausen) der Nummer eins lag zwischen 23 und 38 Minuten. Zieht man die Pausen ab, bleibt eine Netto Warm-up Zeit zwischen 14 und 24 Minuten. Im Durchschnitt führte jeder Torwart eine Gesamtzahl von 115 Aktionen mit dem Ball durch.

    Interessant ist ein genauer Blick auf die Verteilung der 115 Aktionen. Das Ergebnis: 66 Aktionen waren angesagte Bälle ohne oder mit sehr limitierter Entscheidungsfindung. Bei 33 Aktionen war eine technische Entscheidungsfindung verlangt, z.B. freie und ‚unangesagte‘ Grundtechnikbälle. Nur 16 Aktionen beinhalteten komplexere, freie technisch-taktische Entscheidungen (z.B. Flanke aus dem Halbfeld mit Entscheidung – Raumverteidigung oder Fallen für freie Torverteidigungsaktion).

    Ebenso interessant ist ein Blick drauf, welche torwartspezifischen Bereiche im Warm-up Anwendung finden und welchen Anteil sie im Aufwärmprogramm haben. Das veranschaulicht die folgende Grafik. Die Systematik in die Bereiche Grundtechniken, Spieleröffnung, Abdruck, 1-gegen-1, Flanken und Mitspielen basiert auf der torwartspezifischen Einteilung nach Rechner & Memmert (2011).

    Aufwärmung

    Die Grafik zeigt, dass in der Aufwärmung der von Fabian Otte untersuchten Torhüter besonders stark die Bereiche Grundtechniken (Basics) mit 39 % sowie die Spieleröffnung (Distribution) mit 33% aller Aktionen repräsentiert waren, während Abdruck und 1gegen1-Situationen eine eher untergeordnete Rolle spielten.

    b) Gemeinsamkeiten in der Struktur der Aufwärmung

    Ottes Untersuchung zeigte aber auch, dass sich bestimmte Abläufe in Aufbau der Aufwärmung durchaus ähneln. Die Durchführung der Warm-ups liefen bei den meisten Vereinen/Torhütern in dieser Reihenfolge und mit diesem Aufbau ab, wie ihn die folgende Grafik zeigt. Das Aufwärmtraining begann mit der physischen Aktivierung, dann folgten die Bereiche Grundtechniken, Komplexere Abläufe und Übungen zur Spieleröffnung.

    Aufwärmung

    Eines wird deutlich: Der Aufbau der Warm-ups zeigt eine stetige Zunahme der Komplexität, nämlich von einfach zu schwerer/komplexer. Worin die angesprochenen Teile inhaltlich bestanden und wie lange sie dauerten, zeigen die folgenden Ergebnisse:

    1. Aktivierung (engl. Physical ACTIVATION)

    Die Dauer der Aktivierung unterschied sich teils deutlich. Sie betrug zwischen 3.5-12.5 Minuten, je nach Torwart. Die physische Vorbereitung fand überwiegend auf dem Platz (Einlaufen, Stabilität, Mobilität / Beweglichkeit) statt, teilweise wurde sie aber auch in der Kabine durchgeführt, evtl. verbunden mit einer kognitiven Aktivierung. Zum Großteil erfolgte die Aktivierung zudem ohne Ball und isoliert.

    2. Basistechniken (engl. BASIC GK Technical Parts)

    Der Anteil der Basisübungen betrug bei der Aufwärmung je nach Torhüter zwischen 1.5 - 6 Minuten auf dem Platz. Einfache Grundtechniken, wie zentrale und seitliche Fang- und Falltechniken, Passübungen mit Ballannahme und Flugbällen sowie angesagte Abdrücke hatte dieser Schwerpunkt innerhalb der Aufwärmung zum Inhalt. Meist führten die Torwarttrainer technische Abläufe und angesagte Bälle mit keiner/ sehr stark limitierter Entscheidungsfindung durch, d.h. der Torwart wusste bereits vor dem Schuss, wohin der Ball gespielt wird.

    3. Komplexere Abläufe (engl. COMPLEX GK Skills)

    In Anschluss an die Basistechniken erfolgten komplexere Abläufe mit einer Dauer zwischen 6:30- 12:30 Minuten, je nach Torwart. Aufwärminhalte waren dabei freie Schüsse (meist freie Grundtechnik- und Abdruckbälle), 1-gegen-1 Situationen (verschiedene Abläufe, Techniken und Übungsformen) und Abläufe in der Raumverteidigung, teilweise in Verbindung mit langen Spieleröffnungen. Aber auch Übungen von gesteigerter Komplexität mit Fokus auf spielnähere Fertigkeiten und technischen Entscheidungen, teilweise auch zum Ende mit komplexeren, technisch-taktischen Entscheidungen (z.B. Flanke aus dem Halbfeld mit Entscheidung – Raumverteidigung oder Fallen für freie Torverteidigungsaktion) waren Bestandteile dieses Teils der Aufwärmung.

    4. Spieleröffnung & Torschuss mit dem Team (engl. DISTRIBUTION & Team Shooting)

    Den Abschluss des Warm-ups bildeten die Bereiche Spieleröffnung und Torschuss mit dem Team. In sieben von elf von Otte beobachteten Warm-ups konzentrierte sich der Torwart bei der Spieleröffnung noch einmal auf eher technische Abläufe, indem er z.B. Flugbälle zum Torwarttrainer spielte.

    Eine Auffälligkeit zeigte die Studie ganz klar: In keinem der elf Warm-ups war die Nummer 1 beim Torschuss mit dem Team noch beteiligt. Sie hatten bereits die Kabine aufgesucht. Diese Aufgabe überließen sie in der Regel dem Ersatztorhüter. Auf Fabian Ottes Frage nach den Gründen für dieses Verhalten gaben die Torwarttrainer meist zwei Überlegungen an. Zum einen wollten sie bei zu vielen Schüssen oder Wiederholung eine physische Überladung vermeiden, zum anderen wollten sie ein ‚Unsicherheitsgefühl‘ verhindern, das sich beim Torhüter breit machen könnte, wenn er bei den Torschüssen der Feldspieler zu viele Gegentore hinnehmen müsste oder andere negative Aktionen hätte.

    Eine weitere Beobachtung war auffällig: In allen Warm-ups blieb der Torhüter ohne Kontakt mit den Feldspielern!

    Analyse

    Artur Stopper

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    Über den Autor

    Mit über 25 Jahren Erfahrung als Torwarttrainer weiß Artur, wie Torhüter ticken. Deshalb bevorzugt er Themen, die die Welt der Torhüter ausmachen: Vereinswechsel, Tiefschläge, Pechsträhnen, Höhenflüge, Emotionen, Ersatzbank, Halbgötter, Erfolge.

  • Im ersten Teil der Analyse stand im Mittelpunkt der Beobachtung die Frage, wie die Struktur bzw. der Aufbau der Warm-ups vor Meisterschaftsspielen im Profifußball aussieht. Die Ergebnisse seiner Untersuchung haben wir euch bereits dargestellt. Im folgenden Artikel stehen nun Gedanken und Fragen im Fokus, die sich aus den Ergebnissen der Untersuchung von Fabian Otte ergeben.

    Angesagte oder freie Aktionen?

    Wie Ottes Untersuchungen - die Beobachtungen der Aufwärmprogramme in Verbindung mit Interviews mit den observierten Torwarttrainern - zeigen, bauten die Torwarttrainer in den Warm-ups Übungen ein, die zu 57% angesagt, technische Aktionen beinhalteten. Diese wurden als Aktionen beschrieben, „welche eher keine oder sehr stark limitierte Entscheidungen erfordern, bei denen die Richtung des Balles angegeben ist“. Die Absicht dahinter ist klar. Bei Übungen, in denen die Torecke bekannt ist, liegt der Fokus auf der korrekten Ausführung der torwartspezifischen Bewegungen und Techniken. Das Gefühl für technisch richtige Abläufe soll aktiviert werden. Ein weiterer Nebeneffekt: Angesagte Technikaktionen erhöhen – so die Absicht der Torwarttrainer - aufgrund der Erfolgsquote das vom Torwart empfundene ‚Selbstvertrauen‘ und ‚Wohlbefinden‘, denn wenn er viele Aktionen erfolgreich absolviert hat, gewinnt er ein Gefühl von Sicherheit. Das ist ein psychologischer Faktor, der nicht unterschätzt werden darf.

    Soll der Torhüter ein Mitspracherecht haben?

    Noch eine zweite Erkenntnis ergab die Befragung: Die Planung und Durchführung des Warm-ups finden überwiegend im Austausch und in Absprache mit dem Torwart statt. Der Torwart hat also viel Mitspracherecht bei der Planung. Allen interviewten Torwarttrainern war die Wichtigkeit bewusst, dass „das Warm-up allein dem Torwart gehört, da dieser im Spiel Leistung bringen muss!“ Die Rolle des Torwarttrainers wird eher als die eines ‚Unterstützers‘ und ‚Übunganleiters‘ gesehen.

    Diese Denkweise kann Fabian Otte aus wissenschaftlicher Sicht durchaus unterstützen. Denn die Einbeziehung des Torhüters habe einen direkten und positiven Einfluss auf die Motivationssteigerung und das Selbstvertrauen. Die Basis ist die Selbstbestimmungstheorie mit den menschlichen Grundbedürfnissen der Autonomie und der Zugehörigkeit. Bei dieser Vorgehensweise spürt der Torhüter, dass er ein Mitspracherecht hat und ein gleichberechtigtes Mitglied auf Augenhöhe mit dem Trainer ist. Wahrscheinlich fühlt er sich gut vorbereitet nach dem Warm-up, da er das bekommen und gemacht hat, was für ihn vor dem Wettkampf als wichtig erachtet wurde. Zitat eines Torwarttrainers: „Ich glaube die Kunst des Warm-ups liegt darin, den Torwart so vorzubereiten, dass er mit einem überragend guten Gefühl in die Kabine zurück geht… und das auch aufgrund der Schüsse des Torwarttrainers auf das Tor.“

    Wird die bisher übliche Aufwärmung den Anforderungen des Spiels gerecht?

    Bewusst waren sich die Torwarttrainer auch darüber, dass die Anforderungen im Spiel selbst andere sind und die Herausforderungen des Spiels bei herkömmlichen Aufwärmübungen kaum berücksichtigt sind. Denn in der Spielsituation sind die Wahrnehmung von Informationen bzgl. des Schützen, Positionsanpassungen im Raum in Antwort auf Ballbewegungen, sowie die Entscheidung und Durchführung eines zum Beispiel langen Blockes gefordert. Deshalb wären zweifellos freie Aktionen mit ganzheitlicheren Wahrnehmungs-Kognitions-Aktions-Kopplungen näher an den Abläufen, die später im Spiel vom Torwart verlangt werden. Fabian Otte erscheint es daher fundamental wichtig, beide Bereiche im Warm-up zu integrieren. Wie genau die Balance zwischen beiden Bereichen aussieht – ob 60/40, 50/50 oder anders - müsse der Torwarttrainer in Absprache mit dem Torhüter entscheiden, da sie abhängig sei von den Bedürfnissen des Torhüters.

    Die Rolle des Torwarttrainers beim Warm-up

    Die Befragung der verschiedenen Torwarttrainer ergab einige Gemeinsamkeiten in der Denkweise, wie das Warm-up gestaltet werden sollte. Große Einigkeit herrschte darüber, dass die Vorbereitung und Entwicklung des Torhüters im physischen, technischen oder taktischen Bereich generell in den Trainingseinheiten während der Trainingswoche stattfinden. Das Ziel des Warm-ups im Leistungsbereich ist die Aktivierung der physischen und geistigen Leistungsfähigkeit, nicht weniger, aber auch nicht mehr!

    Doch wie sieht die optimale Wettkampfvorbereitung im Rahmen des Warm-ups eigentlich aus? Wie soll die Aufwärmzeit am effektivsten genutzt werden? Wie sollen die Wiederholungszahlen zwischen angesagten oder freien Bällen aussehen? Die Vorgehensweise der einzelnen Torwarttrainer war bei der Betrachtung sehr individuell. Aber wichtig scheint, dass beide Bereiche im Warm-up integriert sind. Wie genau die richtige Balance aussieht, ist abhängig von den Bedürfnissen des Torhüters.

    Auch das Coaching des Torwarttrainers sollte bewusst darauf abgestimmt sein. Sinnvoll erscheint den Torwarttrainern ein eher motivierendes Coaching oder positives Feedback mit wenigen inhaltlichen Punkten zu technisch-taktischen Aspekten.

    In einem weiteren Punkt stimmten die Torwarttrainer überein: Laut ihren Aussagen gibt es absolut keine Korrelation zwischen positiven oder negativen Warm-ups und anschließend besserer oder schlechterer Spielleistung des Torhüters.

    Anregungen für Torwarttrainer

    Da sich das Warm-up zu großen Teilen an den Bedürfnissen des Torhüters ausrichten soll, gibt es kein Patentrezept dafür, wie optimales Warm-up vor dem Spiel bei Torhütern aussehen sollte. Fabian Otte gibt aber jedem Torhüter den folgenden Fragenkatalog an die Hand, welche Gesichtspunkte bei der Gestaltung des Warm-ups berücksichtigt werden sollen:

    • Wie viele verschiedene torwartspezifische Aktionen und Wiederholungen haben wir in unserem Warm-up? (Spektrum der Aktionen und Volumen/ Quantität der Aktionen)
    • Wie ist unsere Balance zwischen angesagten/ technischen und spielnäheren/ freien Aktionen im Warm-up?
    • Wie physisch-belastend ist das Warm-up für meinen Torwart? (Intensität und Qualität der Aktionen, Pausengestaltung)
    • Wie viel Mitspracherecht gebe ich meinem Torwart?
    • Wann und wie oft ändere ich die Warm-up Routine innerhalb einer Saison?
    • Worin kann/ sollte/ muss sich ein Warm-up im Kinder- und Jugendbereich (im Vergleich zum hier beschriebenen Profibereich) unterscheiden? (Aufbau, Wiederholungen, Übungsformen usw.)
    • Coache ich während des Warm-ups? Wenn ja, was und wie viel?

    Ein Ergebnis ist Fabian Otte abschließend wichtig: Warm-ups gehören dem Torwart! Deshalb sollte der Torwart stets ein starkes Mitspracherecht bei der Planung und Durchführung haben. Denn er weiß am besten, was er in der Vorbereitung auf das Spiel braucht. Deshalb gibt es auch kein grundsätzliches ‚Geheimrezept‘ bei der Durchführung der Aufwärmung, da Warm-ups sehr individuell aussehen können. Die Folgerungen aus seinen Ergebnissen überlässt er aber jedem einzelnen Trainer.

    Analyse

    Artur Stopper

    Artur Stopper

    Über den Autor

    Mit über 25 Jahren Erfahrung als Torwarttrainer weiß Artur, wie Torhüter ticken. Deshalb bevorzugt er Themen, die die Welt der Torhüter ausmachen: Vereinswechsel, Tiefschläge, Pechsträhnen, Höhenflüge, Emotionen, Ersatzbank, Halbgötter, Erfolge.

  • Unter dem Begriff Standardsituationen werden Aktionen zusammengefasst, die nach einem ruhenden Ball erfolgen, also Eckbälle, Freistöße oder Elfmeter. Sie nehmen schon immer im Fußball einen sehr hohen Stellenwert ein und können Spiele entscheiden. Diese Erkenntnis ist nicht neu. Aber wir häufig führen eigentlich Standards zu Gegentoren, und welche Standards sind am erfolgreichsten?

    Markus Krauss, Torwarttrainer bei der U19 des VfB Stuttgart, hat untersucht, wie häufig Standardsituationen zu Gegentoren führen. Dazu hat er den Anteil an Gegentoren durch Standardsituationen in der Bundesliga-Saison 2020/21, bei der EM 2020 sowie in der Premier League-Saison 21/22 unter die Lupe genommen.

    Prozentualer Anteil der Standardsituationen an Gegentoren

    In der folgenden Grafik sind seine Ergebnisse dargestellt. Aus der Darstellung kann man ersehen, wie oft (Angaben in Prozenten) in den drei unterschiedlichen Wettbewerben Standardsituationen (Eckbälle, Freistöße, Elfmeter) zum Torerfolg geführt haben, gemessen an der Gesamtanzahl an Toren:

    Wettbewerb / Standard Tore nach Eckball Tore nach indirektem Freistoß Tore nach direktem Freistoß Tore nach Elfmetern
    Bundesliga 7,11 4,53 1,29 9,27
    EM 7,04 4,23 0,70 7,04
    Premier League 9,06 2,80 1,49 7,84

    a) Freistöße

    Ein Blick auf die Zahlen zeigt, dass Freistöße den kleinsten Anteil unter den Gegentoren in allen drei Wettbewerben bilden, wobei der Anteil der indirekt erzielten Tore nach Flanken ca. viermal so hoch ist als der bei direkten Freistößen. Die Grafik macht deutlich:

    Freistöße sind von allen Standardsituationen am wenigsten erfolgsversprechend. Vergleicht man die verschiedenen Wettbewerbe genauer miteinander, stellt man fest, dass es bei indirekten wie direkten Freistößen durchaus einen Unterschied zur Premier League gibt. In England werden weniger Tore durch Freistöße nach Flanken erzielt als in der Bundesliga, mehr hingegen durch direkte Freistöße. Ein Grund für die geringere Anzahl an Gegentoren nach indirekten Freistößen könnte die höhere fußballerische Klasse in der Premier League sein. Englands Eliteliga ist inzwischen aufgrund der hohen Gehälter zu einem Magnet für internationale Top-Spieler geworden. Diese höhere Qualität bedeutet, dass die Verteidiger in der Regel Flanken besser verteidigen können, da sie zum einen meist taktisch besser geschult und zum anderen athletisch besser ausgebildet sind. Dadurch fallen weniger Gegentore. Bei direkten Freistößen hingegen ist es andersherum. Hier ist der feine Fuß gefragt, der bei höherer fußballerischer Klasse eher vorhanden ist.

    b) Eckbälle

    Ein Blick auf die Anzahl der durch Eckbälle erzielten Tore zeigt zunächst, dass diese Standardvariante neben Elfmetern zu den erfolgreichsten Standardsituationen gehört. Ungefähr jedes 13. Tor resultiert aus einem Eckball.

    Während dieser Wert in der Bundesliga und der EM in etwa gleich sind, fällt der Anteil an nach Eckbällen erzielten Toren in der Premier League etwa 2 % höher aus. Eine mögliche Erklärung könnte sein, dass in England Torhüter stärker von gegnerischen Spielern angegangen und vom Schiedsrichter weniger geschützt werden, in Deutschland hingegen ähnliche Angriffe auf den Torhüter meist abgepfiffen werden. Möglicherweise spielen aber auch die höhere Körperlichkeit im Luftkampf - sprich Größe und Athletik - in der Premier League gegenüber anderen Ligen eine Rolle. Große und robuste Spieler setzen sich im Luftkampf eher durch. Genau dieser Spielertyp ist in der Premier League besonders gefragt.

    Ein dritter Grund könnte zudem die höhere Qualität der Hereingaben sein, denn Top-Spieler können einen Eckball möglicherweise durch ihre technische Klasse präziser und raffinierter ausführen als andere.

    c) Elfmeter

    Der Anzahl an Elfmetertoren entspricht in etwa der Erfolgsquote bei Eckbällen. Auffallend ist aber, dass Elfmeter in der Bundesliga 2 % häufiger gegeben werden als in der Premier League. Das mag damit zusammenhängen, dass im englischen Fußball immer schon körperbetonter gespielt wird und sich deswegen Schiedsrichter bei einem Zweikampf mit dem Pfiff eher zurückhalten. Auch die Interpretation einer Situation durch den VAR dürfte sich in beiden Ligen unterscheiden, weil die englischen Schiedsrichter an die schon immer körperbetontere Spielweise im englischen Fußball angepasst sind und daher einen Körpereinsatz durchwinken, der in der Bundesliga wahrscheinlich bestraft worden wäre.

    Fasst man die Ergebnisse zusammen, kann man feststellen, dass die Anteile der verschiedenen Standardsituationen an den Gesamttoren in allen drei Wettbewerben ähnlich sind und sich nur in Nuancen unterscheiden. Auch die Gesamtsumme ist nahezu deckungsgleich: Der Anteil von Toren nach Standardsituationen beträgt ungefähr 20 %. Anders ausgedrückt: Jedes 5. Tor resultiert aus einem Standard. Der Aufwand, Standardsituationen regelmäßig ins Training einzubauen, kann sich also auszahlen. Daher sollten sie defensiv als auch offensiv trainiert und ein wöchentlicher Bestandteil des Trainings werden.

    Analyse

    Artur Stopper

    Artur Stopper

    Über den Autor

    Mit über 25 Jahren Erfahrung als Torwarttrainer weiß Artur, wie Torhüter ticken. Deshalb bevorzugt er Themen, die die Welt der Torhüter ausmachen: Vereinswechsel, Tiefschläge, Pechsträhnen, Höhenflüge, Emotionen, Ersatzbank, Halbgötter, Erfolge.

  • Völlig zurecht kann man das WM-Turnier 2018 in Russland als „Turnier der Standards“ bezeichnen. Mit 68 Standardtoren aus 62 Spielen wurde in der langen WM-Geschichte ein neuer Rekord aufgestellt. 42 Prozent aller WM-Tore fielen nämlich nach Standards. Und noch eine Zahl unterstreicht das Erfolgsgeheimnis bei dieser WM: Von insgesamt 32 Teams erzielten 15 mindestens 50 % ihrer Tore nach einem Standard. „Standards erwiesen sich bei dieser Weltmeisterschaft als wichtiges Mittel", sagte Andy Roxburgh von der Technischen Studiengruppe (TSG) der FIFA über die taktischen Trends dieses Turniers. Bei WM-Turnier 2014 in Brasilien lag dieser Wert noch deutlich niedriger. 22 Prozent aller Treffer fielen nach Standardsituationen. Kann die WM 2022 in Katar den Wert der WM von 2018 noch toppen? Diese Frage wird in den kommenden vier Woche beantwortet werden.

    Welche Standards bei der WM 2018 besonders erfolgreich waren bzw. in welcher Häufigkeit, verdeutlicht die folgende Grafik. Sie zeigt, dass die meisten Tore nach Standardsituationen durch Elfmeter (29 Tore) erzielt wurden, gefolgt von Eckbällen (23) und Freistößen (21).

    Wie ist dieser hohe Wert erklärbar?

    Für diese Entwicklung gibt es verschiedene Gründe. Ein Grund für die wahre Elfmeterflut ist sicherlich der erstmals bei der WM 2018 eingesetzte Videobeweis, denn mit Hilfe des VAR wurden mehr Fouls erkannt und geahndet. Verzichtete der Schiedsrichter in den Jahren zuvor meist auf den Elfmeterpfiff, wenn er sich nicht ganz sicher war, wird er nun ausdrücklich vom VAR auf das Foulspiel im Strafraum hingewiesen. 29 Strafstöße bekamen die Teams insgesamt zugesprochen, in früheren Turnieren waren es nie mehr als 18. Die Elfmeterschützen waren zudem meist erfolgreich. 22 dieser Versuche landeten im Netz.

    Möglicherweise hat die erhöhte Wachsamkeit durch den VAR auch dazu beigetragen, dass die Verteidiger besonders im Strafraum weniger robust in die Zweikämpfe gingen, weil das Damoklesschwert eines Elfmeters immer über ihnen hing. Bei einer Ecke oder einem Freistoß hatten die Stürmer so mehr Platz und weniger Widerstand in der Abschlussaktion.

    Ein weiterer Aspekt: Weil auch vermeintlich „kleinere“ Nationen inzwischen athletisch und taktisch, besonders beim Verteidigen, gut ausgebildet sind, wird es für angreifende Mannschaften immer schwieriger, Tore aus dem Spiel heraus zu erzielen. Diese Tatsache reduziert die Wahrscheinlichkeit auf Tore aus dem Spiel heraus. Dass die Fußballwelt in ihrem Leistungsvermögen näher zusammengerückt ist, unterstreicht noch eine andere Zahl. 31 der 64 Partien wurden mit einem Tor Unterschied beendet, d.h. viele Spiele waren eine sehr enge Kiste. Da ein Torerfolg aus dem Spiel heraus immer unwahrscheinlicher wird, können gut einstudierte Standards ein probates Erfolgsmittel sein. Hinzu kommt, dass sich Standardsituationen in der kurzen Vorbereitungszeit, die alle Nationalmannschaften vor einer WM haben, schnell und effektiv einstudieren lassen und dadurch ein oftmals einfaches und wirkungsvolles Mittel darstellen, ein Spiel mit einer gelungenen Aktion zu entscheiden. Besonders die Engländer waren dabei sehr erfolgreich. Mit neun WM-Toren nach Standards stellte England einen neuen Rekord auf. „Wir haben Standards als Schlüssel für dieses Turnier identifiziert“, erklärte Englands Nationaltrainer Gareth Southgate. Die Folgerung daraus: Wenn aus dem Spiel heraus immer weniger geht, bleiben noch die ruhenden Bälle.

    Nicht zuletzt kommt hinzu, dass Standards unheimlich schwierig zu verteidigen sind. Denn es genügt, dass ein einziger Spieler unaufmerksam ist, schlecht postiert ist oder zu spät reagiert, um dem Gegner eine Großchance zu ermöglichen. Zudem erschweren das Freisperren des Mitspielers, das Verlängern des Eckballes per Kopf oder einstudierte Laufbewegungen den Abwehrspielern die Abwehrarbeit. Bei optimalem Ablauf der Standardvariante lassen sich diese Bälle nur schwer verteidigen, weil ein Abwehrspieler meist nur auf den Angreifer reagieren kann und daher der Angreifer einen Bewegungsvorsprung hat. Das effektive Verteidigen von Standards lässt sich also schwieriger einstudieren als das eiskalte Ausnutzen derselben.

    Die deutsche Nationalmannschaft hat unter Bundestrainer Hansi Flick bereits eine Konsequenz aus diesen Ergebnissen gezogen, denn mit Mads Buttgereit wurde der erste Standardtrainer beim DFB installiert. Er soll die traditionelle Schwäche der Nationalelf bei Ecken und Freistößen ausmerzen. Dass Eckbälle, Freistöße und Einwürfe für Flick von gesteigertem Wert sind, ist schon aus seinen Zeiten als Löw-Assistent bekannt. Die Berufung von Buttgereit in den Trainerstab war insofern ein klares Signal, dass man speziell in diesem Bereich weiteres Verbesserungspotenzial sieht. Auch andere Nationen haben an diesem Teilaspekt des Spiels gearbeitet. Deshalb wird es interessant sein, ob bei der WM 2022 in Katar noch mehr Standardsituationen zu Torerfolgen führen werden als bei den Weltmeisterschaften zuvor.

    Analyse

    Artur Stopper

    Artur Stopper

    Über den Autor

    Mit über 25 Jahren Erfahrung als Torwarttrainer weiß Artur, wie Torhüter ticken. Deshalb bevorzugt er Themen, die die Welt der Torhüter ausmachen: Vereinswechsel, Tiefschläge, Pechsträhnen, Höhenflüge, Emotionen, Ersatzbank, Halbgötter, Erfolge.

  • Am Sonntag hat die vielleicht bisher umstrittenste Fußball-Weltmeisterschaft 2022 in Katar begonnen. Gut vier Wochen nach dem Eröffnungsspiel steigt am 18. Dezember das Finale. Insgesamt werden 32 Teams in 64 Partien um den Weltmeistertitel der FIFA kämpfen. Die deutsche Nationalmannschaft um Bundestrainer Hansi Flick bekommt es in Gruppe E mit Spanien, Japan und Costa Rica zu tun.

    Im ersten Gruppenspiel trifft das DFB-Team am kommenden Mittwoch auf Japan. Insgesamt acht Profis aus der 1. und 2. Bundesliga stehen im Aufgebot der "Samurai Blue". Neben den aus der Bundesliga bekannten Namen fällt beim Blick auf den Kader Japans ein ungewöhnlicher Name auf: Daniel Schmidt. Ein deutsch klingender Name im japanischen WM-Aufgebot? Die Erklärung ist einfach. Der in Illinois (USA) geborene Torhüter kam mit zwei Jahren als Sohn einer japanischen Mutter und eines amerikanischen Vaters mit deutschen Wurzeln nach Japan. Nachdem er zuvor in Japan seine Torwartausbildung absolviert und sich als Nr. 1 bei Vegalta Sendai in der J-League etabliert hatte, wechselte er zur Saison 2019/20 zum belgischen Erstdivisionär VV St. Truiden, wo er bereits in der dritten Spielzeit zwischen den Pfosten steht. Seit dieser Saison heißt sein Torwarttrainer Dennis Rudel, der noch einigen aus seiner Zeit bei den Stuttgarter Kickers, dem VfL Wolfsburg, den Kaizer Chiefs (Südafrika), Union Berlin und dem VfB Stuttgart ein Begriff ist.

    Weil Daniel Schmidt nur den wenigsten Fußballfans bekannt sein dürfte, hat sich Markus Krauss, Torwarttrainer bei der U19 des VfB Stuttgart, der Frage angenommen, was von dem 30-jährigen und 1,97 m großen japanischen Nationaltorhüter zu erwarten ist. Dazu hat Markus das Torwartspiel von Daniel Schmidt für euch analysiert.

    Daniel Schmidt im Torhüter-Check

    In dieser Saison spielte Daniel Schmidt in 12 von 15 Spielen (Stand: 1.11.22) für St. Truiden in der ersten belgischen Liga. Dabei musste er 13 Gegentore hinnehmen und spielte 4-mal zu Null. Außerdem stand er bei eineinhalb Testspielen gegen Venezuela und die USA (beide zu Null) Ende September in Düsseldorf im Tor der japanischen Nationalmannschaft.

    Als erstes hat Markus Krauss einen Blick auf die 13 Gegentore geworfen, die der japanische Keeper in diesem Jahr bei seinen Spielen hinnehmen musste.

    Bei der minimalen Quote von 7,69 % der Tore führte ein Torwartfehler zum Gegentor, in 38,46 % der Gegentore hätte bei einem optimaleren Torwartverhalten nach den individuellen Kriterien von Markus Krauss eventuell ein Gegentor verhindert werden können. In 38,46 % der Tore hingegen traf ihn keine Schuld. Außerdem hätte er in 15,38 % der Aktionen mit einem Big Save zu einer Verhinderung eines Gegentores beitragen können. „Diese Verteilung entspricht ziemlich genau dem Durchschnitt eines Torhüters in den verschiedenen Ligen Europas“, untermauert Markus Krauss die Qualität des Keepers.

    a) Wo hat er noch Optimierungspotenzial?

    Eine nähere Betrachtung der Gegentore zeigt, dass der japanische Schlussmann nach Meinung von Markus Krauss im 1gegen1-Verhalten manchmal nicht die optimale Distanz zum Schützen findet und ab und zu in der für den Torhüter ungünstigen Red Zone zum Stehen kommt, wie das folgende Bild veranschaulicht.

    Situation 2

    Zu seinen Gunsten muss man aber sagen, dass er mit dieser Art der Positionierung auch schon sehr erfolgreich Situationen gelöst hat, da er sehr mutig stehen bleibt, sich abschießen lässt und kein Zucken oder Wegdrehen erkennbar ist.

    Eine weitere Auffälligkeit ist, dass er in der Torverteidigung hin und wieder etwas zu weit vor seinem Tor steht. In dieser Position besteht die Gefahr, dass der Stürmer einen Bogenball über ihn hinweg ins Tor chippen kann.

    Situation 1

    Der einzige wirkliche Torwartfehler, der ihm unterlaufen ist, war ein Ball, den er im Spiel gegen Antwerpen nach vorne abprallen ließ. Nach diesem Spiel fiel er mit Muskelriss für drei Wochen aus. Schon während des Spiels gab es immer wieder Anzeichen, dass er schon früh im Spiel körperliche Probleme hatte.

    b) Seine Stärken

    Seine besondere Klasse kommt durch den folgenden Wert zum Ausdruck. In seinen Einsätzen in dieser Saison gelangen dem 1,97 m großen Athleten, der trotz dieser Größe sehr dynamisch und explosiv wirkt, acht Big Saves und dies immer bei Spielständen, die Spitz auf Knopf (0:0, 1:0) standen und er somit auf den Spielausgang entscheidend Einfluss nehmen konnte.

    Seine besonderen Fähigkeiten liegen zudem ganz klar in der Strafraumbeherrschung und beim Abfangen von Flanken. Dies macht eine von Markus Krauss über den gleichen Zeitraum erstellte Analyse zur Raumverteidigung im Vergleich mit anderen europäischen Spitzentorhütern deutlich. Der japanische Nationaltorhüter „fischt“ ca. 1,7 Flanken pro Spiel herunter und führt die Tabelle in diesem Bereich vor Kepa/Mendy (1,33), ter Stegen (0,88), Maignan (1,4), Müller (0,85) und Vlachodimos (1,28). Deutlicher kann man seine außergewöhnliche Klasse in diesem Bereich nicht zum Ausdruck bringen. Bei early cross Hereingaben hat er außerdem eine sehr mutige Position und agiert überaus vorausschauend.

    Eine eher untergeordnete Rolle spielte im bisherigen Saisonverlauf bei belgischen Erstligisten hingegen das Mitspielen mit dem Fuß oder Kopf außerhalb seiner Box, wobei dies auch stark mit der Spielweise seiner Mannschaft im Gesamten zu tun hat. Dass er mit dem Ball umgehen kann, wird er aber sicherlich in der Nationalmannschaft Japans unter Beweis stellen müssen, in der – im Gegensatz zur Spielweise in Belgien – auf einen Spielaufbau mit Kurzpassspiel von hinten heraus Wert gelegt wird. Grundsätzlich hat Schmidt aber keine Schwierigkeiten am Fuß, lässt sich von gegnerischem Druck nicht aus der Ruhe bringen und spielt sehr gute lange Bälle, sowohl mit rechts als auch mit seinem „schwächeren“ linken Fuß. Seine Fähigkeiten sind in diesem Bereich zweifelsohne auf sehr gutem europäischen Niveau. Es wird sich zeigen, ob er seinen Spielstil in der kurzen Vorbereitungszeit auf die WM auf die Spielweise mit der Nationalmannschaft anpassen kann.

    Häufig ist es auch sein Ziel, das Spiel durch gezielte Abwürfe schnell zu machen und Dynamik für die eigene Mannschaft zu entwickeln. Zudem verfügt Schmidt über einen sehr langen Abschlag, mit dem er auch versucht, im schnellen Konterspiel Torchancen einzuleiten.

    Setzt sich Daniel Schmidt gegen seine Konkurrenten durch?

    Welcher Torhüter im Eröffnungsspiel und weiteren Verlauf des Turniers im Tor der Japaner stehen wird, ist noch offen. Daniel Schmidt muss sich beim Kampf um die Nr.1 mit dem 33 Jahre alten Shuichi Gonda duellieren, welcher bei Shimizu S-Pulse in der japanischen J-League spielt. Sein Konkurrent ist 10 cm kleiner und wirkt nach Einschätzung von Markus Krauss dennoch weniger athletisch und dynamisch als der Legionär in Belgien. Das Torwarttrio komplettiert der 39-jährige Eiji Kawashima, der seit 2018 beim französischen Erstligisten Racing Straßburg unter Vertrag steht und mit 96 Länderspielen für Japan eine Torwart-Ikone bei den Asiaten ist. Ähnlich wie in Straßburg dürfte Kawashima aber auch in der japanischen Nationalmannschaft nur noch die Rolle des Backup spielen. Dennis Rudel, Schmidts Trainer beim VV St. Truiden, sieht seinen Schützling im Vorteil gegen den bisherigen Platzhirschen: "Ich glaube, dass Daniel zuletzt viele Pluspunkte mit seinen konstant guten Leistungen sammeln konnte."

    Analyse

    Artur Stopper

    Artur Stopper

    Über den Autor

    Mit über 25 Jahren Erfahrung als Torwarttrainer weiß Artur, wie Torhüter ticken. Deshalb bevorzugt er Themen, die die Welt der Torhüter ausmachen: Vereinswechsel, Tiefschläge, Pechsträhnen, Höhenflüge, Emotionen, Ersatzbank, Halbgötter, Erfolge.

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