Standards haben im heutigen Fußball eine große Bedeutung. In der laufenden Bundesliga-Saison fielen bis zum 19. Spieltag 28 Prozent aller Tore nach Eckbällen, Freistößen, Einwürfen oder Strafstößen. Ähnlich sind die Werte auch in der Champions League. Besonders häufig führten unter den Standardsituationen Eckbälle zum Erfolg (48 % in der Bundesliga, 45 % in der Königsklasse). Zahlreiche Vereine haben auf diese Tatsache reagiert und beschäftigen einen spezialisierten Assistenten, der sich nur um den ruhenden Ball kümmert. In Zeiten der Videoanalyse ist Kreativität gefragt, weil sich der Gegner ansonsten auf die einstudierten Abläufe einstellen kann. Die Aufgabe für die Torhüter wird dadurch nicht leichter.
„Der Torraum gehört dem Torhüter“, lautet ein allseits bekanntes Dogma im Fußball. Auch Kommentatoren von Fußballspielen greifen des Öfteren auf diesen Glaubenssatz zurück und erwarten, dass ein Torhüter bei Eckbällen oder Flanken den Ball im Fünfmeterraum, wie der Bereich umgangssprachlich genannt wird, sicher abfängt. Dabei vergessen sie, dass seit 2012 die früher im DFB-Regelbuch enthaltenen Anweisung „Der Torwart darf nicht gerempelt werden, außer er hält den Ball“ nicht mehr gilt. Bis dahin stand der Torhüter innerhalb dieser Zone unter einem besonderen Schutz. Oft wurde selbst der geringste Kontakt gegen den Torhüter vom Schiedsrichter zu seinen Gunsten abgepfiffen. Das hat sich geändert, der Torwart muss sich seither im „Fünfer“ gegen gegnerische Attacken selbst behaupten. Gegnerische Mannschaften nutzen zunehmend die Grauzonen des Regelwerks zum Nachteil der Torhüter, indem Spieler speziell dafür abgestellt werden, den Torhüter in seinem Aktionsfeld zu stören oder zu behindern. Auf welche Weise sie das machen? Goalguard sagt es euch.
Sind Torhüter „vogelfrei“?
Weil Torhüter die Hände benutzen dürfen und dadurch eine höhere Reichweite erreichen, sind sie bei Eckbällen im Luftkampf um den Ball im Vorteil. Um diesen Vorteil zu egalisieren, entwickeln inzwischen in vielen Klubs kreative Methoden, mit denen die Torhüter gestört, behindert oder zumindest beeinträchtigt werden können. Drei Vorgehensweisen gegen den Torhüter sind dabei besonders verbreitet.
Aus der Balance bringen
Ein beliebtes Mittel, den Torhüter in der Aktion zu stören, ist ein leichter Stoß vor der Aktion. So gesehen im Champions-League-Spiel zwischen Arsenal und Bayern München, als Manuel Neuer in der Laufbewegung zum Ball geschubst wurde, kurz ins Straucheln geriet und deshalb gegen den hochsteigenden Timber einen Schritt zu spät kam. Der Ball trudelte über ihn hinweg ins Tor.
Einen anderen Weg wählte Stuttgarts Denis Undav im Spiel gegen Eintracht Frankfurt, als er seinen Gegenspieler mit einem Stoß auf Eintracht-Keeper Kaua Santos drückte, der gerade im Luftsprung war, um einen Flankenball abzufangen. Von seinem Mitspieler gestört und auf der Balance gebracht, ließ der Brasilianer den Ball vor die Füße von VfB-Stürmer Demirovic fallen, der den Ball dankend annahm und das Spielgerät über die Torlinie drückte.
Beide Aktionen gegen den Torhüter waren schwerwiegend genug, um den Torhüter aus der Balance zu bringen und in seinem Bewegungsablauf zu stören, aber leicht genug, um vom Schiedsrichter abgepfiffen zu werden.
Blocken und Sperren
Ein bewährtes Mittel bei Eckbällen ist inzwischen, den Torhüter zu blocken. Immer häufiger versucht die angreifende Mannschaft, den gegnerischen Torhüter durch gezielte Blocks vom Ball fernzuhalten. Schon in früheren Zeiten war es eine beliebte Methode, einen Spieler neben den Torhüter zu stellen, um so seinen Laufweg zu stören. Heutzutage wird der Torraum von manchen Mannschaften mit bis zu sechs Spielern in der Fünfermeterzone so verdichtet, dass dem Torhüter der Laufweg in alle Richtungen verstellt ist und er keine Chance hat, an den Ball zu kommen.
Ein inzwischen häufig angewendetes Mittel: Spieler laufen aus dem Rücken des Torhüters ein, um so den Laufweg des Torhüters zu kreuzen und den Weg zum Ball zuzustellen. Weil sich der Torhüter den Blick auf den Ball richtet, sieht er den Spieler nicht kommen und wird überrascht. In kürzester Zeit muss er seine Entscheidung verändern. Oft bleibt ihm dazu aber nicht mehr die Zeit. Diese Vorgehensweise wendeten die Bayern im letzten Champions-League-Spiel gegen den belgischen Vertreter Union Saint-Gilloise erfolgreich an, wie die folgende Grafik veranschaulicht.
Eigentlich hat Union Saint-Gilloise mit sechs Feldspieler + Torhüter gegenüber drei Bayern-Spieler ein Überzahlverhältnis innerhalb des Torraumes. Die Belgier scheinen also gut vorbereitet zu sein für den Eckball. Als Olise zur Ausführung des Eckballs anläuft, weiß jeder Bayern-Spieler, was er zu tun hat und was seine einstudierte Aufgabe ist. Harry Kane (1), der sich vor der Ausführung im Rücken des Torhüters befindet und zudem durch einen Gegenspieler vom Torhüter abgeschirmt wird, umkreist, als Olise anläuft, die beiden gegnerischen Akteure im Tor und läuft in die vorher abgesprochene Zielzone (gelbes Feld). Pavlovic (3) bewegt sich zeitgleich vor den Laufweg des Torhüters, um ihm den Weg zur Zielzone zu versperren. Lennart Karl (2) hingegen, der als kleinster Spieler im Bayern-Team am vorderen Pfosten postiert ist, hat eine andere Aufgabe übernommen. Er blockiert mit seinem Körper den Laufweg seines Gegenspielers in Richtung Zielzone, was ihm erfolgreich gelingt. Durch das Zusammenspiel der Bayern-Spieler bleibt die anvisierte Zielzone unverteidigt, Kane kann unbedrängt einköpfen.
Kreuzende oder blockierende Aktionen gegnerischer Spieler stören außerdem den technischen Bewegungsablauf des Torhüters zum Ball gehörig. Denn wenn er nicht in seinen "1,2,3,Absprungrhythmus kommt, fehlt ihm ohne die Anlaufbewegung die entsprechende Dynamik, Wucht und Höhe, um vor den Gegner an den Ball zu kommen.
Mit der Variante, von der "blinden" Seite, also im Rücken des Gegner einzulaufen, arbeitet besonders erfolgreich der englische Premier-League-Spitzenreiter FC Arsenal London. Mit 14 Treffern führen die Gunners die Statistik in Sachen Standards auch in dieser Saison schon wieder an. Welche verschiedenen Ausführungen sie dabei anwenden, haben wir euch in unserem Artikel „Eckballvariationen: Die Trickkiste von Arsenal" ausführlich analysiert.
Wie man sieht, werden manche Spieler bei Eckbällen nur dazu abgestellt, den Torhüter oder Gegenspieler zu stören oder zu blockieren. Nach den internationalen Fußballregeln ist dies legitim. Wann die Aktion zum Foulspiel wird, erklärt DFB-Schiedsrichter-Boss Knut Kircher: „Ist es ein Blocken durch ein statisches, legales Im-Weg-Stehen oder gibt es eine Extra-Bewegung in den Gegner hinein? Letzteres soll als Foulspiel gewertet werden.“
Bewegungsabläufe stören
Ebenso schwierig ist es für den Torhüter, sich in seinem Torraum durchzusetzen, wenn er ist seinem technischen Bewegungsablauf zum Ball gestört wird. So werden im Gewühl dem Torhüter unauffällig die Hände nach unten gedrückt, ein Arm kurz festgehalten, um den Weg zum Ball zu verlangsamen, oder der Torhüter spürt im Luftkampf einen Fingerdruck im Brust- und Bauchbereich, wodurch der automatisierte Bewegungsablauf zum Ball beeinträchtigt wird.
Bei all diesen Behinderungen, denen der Torhüter ausgesetzt ist, ist die veraltete Denkweise "Wenn er rauskommt, muss er den Ball haben", nach der die Torhüter nach wie vor beurteilt werden, sicherlich zu überdenken. Denn das Abfangen von Bällen wird dem Keeper inzwischen deutlich erschwert.
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