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Die Entscheidung ist unmittelbar nach Ende der WM 2018 gefallen. Die Juroren verliehen dem Belgier Thibaut Courtois die Auszeichnung „Goldener Handschuh“ für den besten Torhüter des Turniers. Zum engeren Kreis der Kandidaten gehörte auch der englische Keeper Jordan Pickford, den vor der WM nur wenige als außergewöhnlichen Torhüter auf dem Schirm hatten. Ganz im Gegenteil: Bis kurz vor dem WM-Start war noch nicht einmal klar, wer überhaupt das Tor der englischen Mannschaft hüten soll. Der langjährige Stammkeeper Joe Hart lief zwar in fast allen Qualifikationsspielen auf, patzte seit seinem Wechsel zu West Ham aber derart häufig, dass er in diesem Jahr keine Rolle mehr spielte. Die Kandidaten hießen Jack Butland, der gerade mit Stoke City abgestiegen war, Nick Pope von Burnley und eben Jordan Pickford. Teammanager Southgate entschied sich für den unerfahrenen Pickford, der vor der WM gerade einmal drei Länderspiele absolviert und nur zwei Premier-League-Saisons gespielt hatte. Neben der Unerfahrenheit war der 24-Jährige Schlussmann zudem der jüngste Torhüter, der bei einer Weltmeisterschaft jemals zwischen den Pfosten der Engländer gestanden hat. Am Ende des Turniers kann man Southgate getrost zu seiner Entscheidung und seinem Mut gratulieren. Pickford war einer der besten und überzeugendsten Torhüter bei dem Großturnier in Russland. Das Gesetz vieler englischer Torhüter bei einer WM, mehr durch einen gravierenden Patzer als durch Leistung aufzufallen, hat Pickford beeindruckend gebrochen. Doch was machte den englischen Schlussmann bei der WM so besonders? Was sind seine besonderen Stärken? Goalguard hat die Spielweise des englischen Schlussmannes für euch anhand der Spiele gegen Belgien und Kroatien analysiert.

Anteile der Aktionen

In einem Wert war Pickford der Sieger unter den WM-Torhütern. Keiner hatte mehr Ballkontakte in einem Spiel als der englische Schlussmann. Im Spiel gegen Kroatien kam Pickford auf bemerkenswerte 61 Balltontakte. Insgesamt hatten die WM-Torhüter durchschnittlich 30,8 Ballkontakte pro Spiel. Wenn man das Torwartspiel in die Bereiche Abwehraktionen, Mitspielaktionen und Spieleröffnung unterteilt, setzten sich Pickfords Spielanteile im Durchschnitt der beiden Partien folgendermaßen zusammen: 38,2 % seines Spiel bestand aus der Spieleröffnung, 42,2 % aus Mitspielaktionen und nur 19,6 % aus Abwehraktionen.

Es fällt auf, dass der englische Nationaltorhüter mit 42,2 % einen sehr hohen Wert bei Mitspielaktionen hat. 21-mal wurde er z.B. im Spiel gegen Kroatien von seinen Mitspielern als Anspielstation gesucht. Die Zahlen zeigen, dass der 24-jährige Keeper fest als Aufbauspieler in das Spielsystem seines Teams eingebunden ist.

Abwehraktionen

Der Anteil der Abwehraktionen war in beiden Spielen nahezu gleich. Er betrug zusammengefasst 19,6 % (im Spiel gegen Kroatien 20 %, Belgien 19,2 %). Während sich Pickford im Spiel gegen die Belgier kaum auszeichnen konnte, war er im Spiel gegen die Kroatien mehrfach gefordert. Vor allem in der Raumverteidigung bei hohen Flankenbällen zeigte er seine Strafraumbeherrschung. Dreimal war er zu Faustaktionen (2 x beidhändig, 1x einhändig) gezwungen, einmal musste er eine Flanke von vorne abfangen. In der 105. min klärte er durch ein entschlossenes Entgegenkommen mit dem Körper vor Mandzucik, der nach einem Querpass von außen einschussbereit 5 m vor dem Tor stand. Ansonsten wehrte er mit seinen ausgezeichneten Reflexen mehrmals Schüsse überzeugend ab.

Mitspielaktionen

Besonders interessant ist bei Pickford die Betrachtung dieses Wertes, denn hier liegt seine Kernkompetenz. Als mitspielender Torwart ist er „ein wichtiges Puzzleteil für die Art Fußball, die wir spielen wollen“, wie Southgate seine Entscheidung für den jungen und unerfahrenen Keeper begründete. Seine Bedeutung im englischen Spielsystem bestätigen die Zahlen eindeutig. Im Spiel gegen die Belgier betrug der Anteil an Mitspielaktionen 46,2 %, das heißt fast die Hälfte seiner Aktionen in diesem Spiel bestand darin, Rückpässe seiner Mitspieler weiter zu verarbeiten. Im Spiel gegen die Kroaten betrug dieser Wert immerhin 38,1 %. Während er im Spiel gegen Belgien etwas häufiger die kurzen und sicheren Abspiele auf Mitspieler bevorzugte (66,6 %), schlug er die Rückpässe seiner Mitspieler im Spiel gegen die Kroaten zu einem Anteil von 90,4 % lang nach vorne. Da die Belgier einen höheren Ballbesitz aufwiesen und die Abwehrspieler oft weit aufgerückt waren, bestand der Matchplan der Engländer wohl darin, durch Pickfords lange Pässe mit ihren schnellen Angreifern möglichst schnell zum gegnerischen Tor zu kommen. Dass lange Bälle ein weit höheres Risiko an Ballverlusten beinhalten, zeigt sich an Pickfords Passquoten. Im Spiel gegen Belgien kamen seine Zuspiele nur zu 42,31 % bei den Mitspielern an, im Spiel gegen Belgien, in dem er selten mit langen Bällen operierte, hingegen zu 70 %. Trotzdem brachten seine langen und präzisen Bälle immer wieder seine Mitspieler in gute Positionen.

Spieleröffnung

Ebenso wie sein Vorbild Manuel Neuer besitzt auch Pickford herausragende fußballerische Fähigkeiten. Seine Abstöße sind so präzise, dass sie oftmals der direkte Ausgangspunkt schneller, überfallartiger Angriffe sind und zu Torgefahr führen. Zu Southgates Spielweise mit schnellem Umschalt- und Konterspiel passt Pickford so perfekt. Aber auch im Bereich Spieleröffnung gibt es deutliche Unterschiede zwischen den Spielen gegen Belgien und Kroatien. Gegen die Belgier eröffnete Pickford das Spiel ausschließlich mit kurzen Zuspielen (5 kurze Abstöße, 4 x Zurollen). Im Spiel gegen Kroatien sah seine Spieleröffnung wieder vollkommen anders aus, wie die folgende Grafik zeigt:

Die Farbe orange im Kreisdiagramm macht deutlich, dass Pickford gegen die Kroaten zu 62,5 % das Spiel mit langen Abschlägen eröffnete. Auch in diesem Bereich spiegelt sich der Matchplan der Engländer wieder, schnell vor das gegnerische Tor zu kommen und den Gegner vom eigenen Tor fernzuhalten. Deutlich wurde auch, dass Pickford blitzschnell den nächsten Angriff mit einem punktgenauen Abschlag über eine Distanz von 60 Metern eröffnen kann, nachdem er eine Flanke abgefangen hat.

Fazit

Viele waren verwundert, als der FC Everton im Sommer 2017 den bis dahin international nur wenig bekannten Jordan Pickford für 28,5 Millionen Euro vom Absteiger FC Sunderland verpflichtete und der junge Keeper damit zum teuersten englischen Keeper und zum viertteuersten Torwart auf der Welt wurde. Nach der WM in Russland wurde vielen deutlich, dass mit Pickford zukünftig wohl einer der besten Torhüter heranwächst. Er ist auf den Spuren seines großen Vorbildes Manuel Neuer, den er bewundert, weil der deutsche Nationaltorhüter „die Torhüterrolle auf seine ganz eigene Art interpretiert … und das Spiel auf ein neues Level gehoben“ hat. Diesen Level wird auch Pickford bald erreichen. Denn ebenso wie Neuer besitzt auch der englische Nationaltorhüter herausragende fußballerische Fähigkeiten. Auch die Kommunikation mit seinen Mitspielern zählt zu Pickfords Stärken. Fast durchgehend gibt er Anweisungen an seine Mitspieler und ist in ständigem Austausch mit seinen Vorderleuten. Seine geringe Körpergröße von 1,85 m kompensiert er mit seiner Dynamik und seiner guten Beinarbeit. Wenn Courtois der beste Torhüter der WM 2018 in Russland war, ist Jordan Pickford zweifellos die Torhüter-Entdeckung dieses Turniers.

AnalyseWM 2018Jordan Pickford

Artur Stopper

Artur Stopper

Über den Autor

Mit über 25 Jahren Erfahrung als Torwarttrainer weiß Artur, wie Torhüter ticken. Deshalb bevorzugt er Themen, die die Welt der Torhüter ausmachen: Vereinswechsel, Tiefschläge, Pechsträhnen, Höhenflüge, Emotionen, Ersatzbank, Halbgötter, Erfolge.

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