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Eine Fußball-Weltmeisterschaft ist eines der größten Sportspektakel, die unser Planet zu bieten hat. Stundenlang berichten die Medien in Vorberichten oder Analysegesprächen über die Spiele. Die Bedeutung und Aufmerksamkeit dieses Ereignis lässt sich gut an der Anzahl von Journalistinnen und Journalisten ablesen, die bei einer WM arbeiten. Berichteten 1974 noch etwa 4.500 Medienvertreter vom deutschen Titelgewinn im eigenen Land, waren es 1990 beim Sieg in Italien schon über 7.000. Beim deutschen Titel 2014 in Brasilien waren bereits etwa 18.000 Sportjournalisten akkreditiert. Ähnliches zeigt ein Blick auf die Zuschauerzahlen. So verfolgten bei der WM 2018 in Russland 1,12 Milliarden Menschen das Finale, 3,572 Milliarden nehmen in irgendeiner Form Anteil an der WM. Das ist nahezu die Hälfte der Weltbevölkerung.

Jeder Sportler freut es, wenn viele Zuschauer Interesse an ihren Sport haben. Gleichzeitig erzeugt aber diese weltweite Anteilnahme durch die hohe Erwartungshaltung der Fans einen ungeheuren Druck, dem die Athleten standhalten müssen. Der Torhüter spürt diesen Druck im Besonderen. Denn sein Fehler kann über Sieg oder Niederlage entscheiden. Deshalb ist die Erfahrung bei Torhütern eine wichtige Voraussetzung, wie unsere Untersuchung der WM-Torhüter zeigt.

Die meisten Torhüter bringen viel Erfahrung mit

Interessant ist ein Blick auf die Altersstruktur und die Anzahl der Länderspiele der Stammtorhüter der verschiedenen WM-Teilnehmer.

Ein Blick auf die Anzahl der Länderspiele vor der WM macht deutlich: Die meisten Stammtorhüter bei der WM bringen viel Erfahrung mit. Im Durchschnitt haben sie 54 Länderspiele hinter sich. Insgesamt fünf Torhüter können sogar mehr als 100 Länderspieleinsätze vorweisen. Mit 117 Einsätzen gehört Deutschlands Nationaltorhüter Manuel Neuer zu den Keeper mit der meisten Erfahrung. Er wird aber in punkto Länderspieleinsätze von zwei Torhütern übertroffen, nämlich vom Franzosen Hugo Lloris, der mit 139 Einsätzen die meisten Länderspieleinsätze aller WM-Torhüter vorweisenkann, sowie dem Mexikaner Guillermo Ochoa mit 131. Neben den bereits genannten Torhütern können auch Keylor Navas (Costa Rica, 107 Spiele) und Wayne Hennessey (Wales, 106) auf über 100 Länderspieleinsätze zurückblicken. Ein Viertel aller Torhüter absolvierte bereits über 80 Länderspiele.

Aber es gibt auch einen Torhüter, der bis vor der WM noch keine Länderspieleinsätze vorweisen konnte, nämlich der niederländische Schlussmann Andries Noppet, bis vor kurzem noch ein Nobody. Seine Nominierung kam sehr überraschend. Bei der WM verzichtete Niederlandes Bondscoach Luis van Gaal nicht nur auf Jasper Cillessen, der früher für Ajax Amsterdam und für den FC Barcelona spielte und in der niederländischen Öffentlichkeit das größte Standing besitzt, sondern auch auf Mark Flekken vom SC Freiburg. Noppert hatte kein Europapokalspiel bestritten und brachte die Erfahrung von gerade mal 32 Erstligaeinsätzen mit. Noch vor einem Jahr saß er bei Go Ahead Eagles nur auf der Bank. Noch schlimmer: Vor zwei Jahren hatte er nicht einmal einen Klub. Eigentlich war Justin Bijlow von Feyenoord Rotterdam als Nummer eins vorgesehen. Aber von den drei für Katar nominierten Keepern sei eigentlich nur Noppert in Form, sagte van Gaal bei Präsentation seines Kaders. Deshalb entschied er sich für Andries Noppert, mit 2,03 Metern der größte Spieler bei der WM.

Nur vier Torhüter bringen mit weniger als zehn Länderspieleinsätzen noch wenig Erfahrung mit: Der Tunesier Aymen Dahmen (4), der Ghanaer Ati Zigi (4), der Serbe Vanja Milinkovic-Savic (6) und der Uruguayer Sergio Rochet (8).

Legt man die Annahme zugrunde, dass man bei Torhütern, die 30 Länderspiele und mehr absolviert haben, von einer gewissen Erfahrung sprechen kann, dann trifft diese Einschätzung auf 21 Torhüter zu. Anders ausgedrückt: 65,6 % der WM-Keeper verfügen über die Erfahrung von mehr als 30 Länderspielen.

Die Altersstruktur der WM-Keeper

Die meist hohe Anzahl an Länderspieleinsätzen spiegelt sich verständlicherweise auch in der Altersstruktur der WM-Keeper wider, wie die folgende Grafik verdeutlicht:

Während bei früheren Weltmeisterschaften teilweise sehr junge Torhüter, wie z.B. der Italiener Donnarumma, der bei der WM 2018 mit 19 Jahren Stammtorhüter war, zum Einsatz kamen, ist bei der WM 2022 in Katar nur ein Torhüter unter 25 Jahren alt, nämlich Portugals Schlussmann Diogo Costa mit 23 Jahren. Ihm am nächsten kommenden altersmäßig vier Torhüter, die gerade einmal 25 Jahre alt sind: Milinkovic-Savic (Serbien), Aymen Dahmen (Tunesien), Unai Simon (Spanien) sowie Ati Zigi (Ghana). Nur 11 Torhüter sind jünger als 30 Jahre, 21 Keeper hingegen bereits über 30 Jahre alt. In Prozentzahlen ausgedrückt: 65,63 % aller Stammtorhüter sind 30 Jahre und älter, nur 34,37 % hingegen sind jünger als 30 Jahre. Mit Manuel Neuer (36), dem Mexikaner Ochoa (37) und dem Dänen Schmeichel (36) sind drei Stammtorhüter bereits über 35 Jahre alt. 56,25 % aller WM-Stammkeeper, also mehr als die Hälfte, befinden sich bei dieser WM aber im Alter zwischen 30 und 35 Jahren.

Warum ist Erfahrung gefragt?

Wie bereits betont, gibt es wohl kein Sportereignis auf der Welt, das weltweit eine ähnliche Aufmerksamkeit auf sich zieht wie eine Fußball-Weltmeisterschaft. Da die WM zudem nur alle vier Jahre stattfindet, ist das Interesse der Fans noch stärker auf dieses Spektakel konzentriert. Ungeheure Erwartungen sind mit dem Auftreten der Teams verbunden. Neben Helden schafft die WM auch Versager, die in Teilen der Medien und der Öffentlichkeit nach Fehlern für den Misserfolg ihres Teams verantwortlich gemacht werden. Manche Fans leben ihre Enttäuschung vor allem in den sozialen Medien aus, Boulevardblätter stempeln sie oft zu Sündenböcken. Es liegt also ein großer mentaler Druck auf den Spielern, im Besonderen auf Torhütern. Sie brauchen eine große mentale Stärke sowie die Fähigkeit, Fehler schnell zu verarbeiten, um in der Hölle der Emotionen bestehen zu können. Die Grundlage dafür ist Erfahrung. In den vielen internationalen Einsätzen haben die Torhüter gelernt, wie sie schwierige Situationen bewältigen können, ohne ihre Selbstsicherheit zu verlieren. Das ist ein wichtiger Grund, warum Nationaltrainer über viele Jahre an demselben Torhüter festhalten, oft auch in sportlich schwächeren Phasen.

Hinzu kommt, dass den Nationaltrainern oft wenig Zeit bleibt bei der Vorbereitung auf ein Länderspiel oder ein Turnier. Da ist es von Vorteil, wenn bestimmte Abläufe mit den Feldspielern bereits eingespielt sind. Am besten erreicht man dies durch Blockbildung. In der deutschen Nationalmannschaft bildet Bayern München dieses Korsett. Für den Bundestrainer ist es von Vorteil, wenn bestimmte Automatismen und Abstimmungen im Spiel aus dem Vereinsfußball übernehmen kann. So spricht neben seinen oft überragenden für Manuel Neuer als Nummer eins gegenüber ter Stegen, dass er das Verhalten vieler Nationalmannschaftskollegen bereits von den Bayern kennt.

Guter Wein und Torhüter sind vergleichbar. Diese Weisheit galt in Fußballdeutschland bis vor wenigen Jahren als unumstößlich. Sollte heißen: Je älter ein Keeper ist, desto besser hält er Bälle. In Zeiten, in denen die Nationalkeeper Maier, Köpke, Kahn oder Lehmann hießen, gab es nie einen Grund, diesen Leitsatz zu hinterfragen. Alle hüteten das Tor der Nationalelf bis in ihre Dreißiger hinein. Auch beim Blick über den Tellerrand hinaus auf andere Länder wird deutlich, dass einige große Torhüter ihr Leistungsvermögen auch im fortgeschrittenen Alter noch halten konnten. Edwin van der Sar beispielsweise, Torhüter-Legende von Manchester United, gewann mit den Red Devils 2008 die Champions League, und das im Alter von 37 Jahren. Italiens Torwart-Legende Gianluigi Buffon wurde mit 39 Jahren noch ein fünftes Mal zum Welttorhüter gekürt. Erfahrung und Alter können also auf der Torhüterposition durchaus leistungsfördernde Faktoren sein. Deshalb halten sich viele Nationaltorhüter lange als Nummer eins.

Dieser Grundsatz ändere sich bei der WM 2010, als Manuel Neuer bereits mit 24 Jahren zur neuen Nummer eins im deutschen Tor aufstieg und zusammen mit einigen anderen jungen Keepern eine neue Ära einleitete. Der Hintergrund für diesen Wechsel war die Einführung der Rückpassregel, durch die die etablierten Torhüter plötzlich zum Mitspielen gezwungen waren, und damit veränderte Anforderungen an ein verändertes Torwartspiel. Die jungen Keeper hatten eine andere Ausbildung genossen als ihre Vorgänger. Von klein auf wurden sie an das moderne Torwartspiel herangeführt, bei dem der Keeper hoch steht und quasi als elfter Feldspieler den Libero gibt. Sauberes Passspiel und das Auge für die Spieleröffnung gehören heutzutage ebenso zum Anforderungsprofil eines Torwarts wie gute Reflexe auf der Linie und ein guter Abschlag. Der damalige DFB-Bundestorwarttrainer Andreas Köpke meinte zur Nominierung junger Torhüter fürs DFB-Team: "Den alten Spruch mit dem besten Torwartalter ab 30 können Sie inzwischen vergessen." Betrachtet man das Durchschnittsalter der aktueller WM-Stammtorhüter, hat sich dieser Satz wieder ins Gegenteil verkehrt.

AnalyseWM 2022

Artur Stopper

Artur Stopper

Mit über 25 Jahren Erfahrung als Torwarttrainer weiß Artur, wie Torhüter ticken. Deshalb bevorzugt er Themen, die die Welt der Torhüter ausmachen: Vereinswechsel, Tiefschläge, Pechsträhnen, Höhenflüge, Emotionen, Ersatzbank, Halbgötter, Erfolge.

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