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Steven Fraser, Jugendtrainer und Talentscout bei Arsenal London, war sehr angetan, als er die Spielweise von HSV-Schlussmann Julian Pollersbeck das erste Mal sah. „Sehr interessant, wie sich Hamburgs Torwart Julian Pollersbeck in Ballbesitz positioniert“, schrieb er bei Twitter. Und weiter: „Ich liebe es! Wie lange es wohl noch dauert, bis ein Torwart bei Ballbesitz in der eigenen Hälfte auf einer Linie mit einem Innenverteidiger agiert?“ Ein Lob aus dem Munde des Mitarbeiters eines Vereins, der lange Zeit als europäische Institution für modernen und schönen Fußball galt. Auch Pollersbeck selbst war von dieser neuen Interpretation des Torwartspiels sofort angetan: „Die Spielidee kommt mir sehr entgegen. Ich habe schon immer versucht, als mitspielender Torwart zu agieren.“

Verordnet hat ihm diese neue Spielweise HSV-Coach Christian Titz, als er im März dieses Jahres nach der Entlassung von Markus Gisdol zum Cheftrainer des Hamburger SV befördert wurde. Im System Titz ist der Torhüter der elfte Feldspieler. Er ist als erster Aufbauspieler maßgeblich an der Spieleröffnung beteiligt, indem er die Bälle verteilt und auch außerhalb des Strafraumes das Spiel aktiv mit aufbaut. Dadurch schaffen die Hanseaten eine nummerische Überzahl und können den Ball zu besser in den eigenen Reihen kontrollieren. Diese Spielweise setzt einen Leitspruch des Trainers um: „Wenn wir den Ball haben, kann der Gegner kein Tor erzielen.“

Wie sehr Pollersbeck dem Auftrag seines Trainers nachkommt, belegt eindrucksvoll die Statistik der bisherigen Zweitliga-Saison. Nach neun Spieltagen steht der HSV-Keeper sowohl in der Kategorie „Ballkontakte“ als auch in der Statistik „Pässe“ in der zweiten Bundesliga ganz oben! Pollersbeck kommt in den neun Partien auf 769 Ballkontakte und 687 Pässe, von denen 582 davon beim Mitspieler ankamen. Das entspricht einer Passquote von 84,7 %. Kein Feldspieler im Bundesliga-Unterhaus erreicht diese Werte! Interessanterweise liegt in der Statistik der Ballkontakte HSV-Verteidiger Rick van Drongelen mit 740 Ballkontakten auf dem dritten Platz, weil er oft als direkte Anspielstation für den HSV-Keeper dient.

Wie sehr Torhüter Julian Pollersbeck als elfter Feldspieler in den Spielaufbau des Hamburger SV integriert ist, zeigt auch eine andere Zahl. Im ersten Bundesligaspiel unter der Regie von Christian Titz gegen Hertha BSC hatte der Ex-Lauterer 36 Ballaktionen außerhalb des Strafraums. Zum Vergleich: Bei Neuer waren es 2014 in seinem spektakulären Algerien-Spiel 19. Deutlicher kann man die offensive Ausrichtung des HSV-Torhüters nicht aufzeigen.

Dass auch dieses System nicht frei von Zweifeln ist, versteht sich von selbst. Der oft von Kritikern erhobene Vorwurf, diese extrem offensive Spielweise des Torhüters beinhalte einige Risiken, können die bisherigen Daten aber nicht bestätigen. Kein Torhüter der zweiten Liga spielte häufiger zu Null als Pollersbeck (insgesamt 5 x). Zudem stellt der Hamburger SV die fünftbeste Abwehr der Liga, obwohl sie allein im Spiel gegen Jahn Regensburg fünf Gegentreffer hinnehmen musste. Gerne greifen die Kritiker dieser offensiven Interpretation des Torwartspiels den einzigen Patzer Pollersbecks in dieser Saison als Beispiel für das riskante Spiel heraus, als er sich nach einem Rückpass vor dem Strafraum verzettelte, Jahn-Stürmer Sargis Adamyan ihm den Ball abjagte und den Ball im Tor ohne Hüter versenkte. Betrachtet man diese Szene aber genauer, ist dieses Tor keine Folge, die sich aus dem Torwartspiel Pollersbecks ergeben hat, sondern ein technischer Fehler beim ersten Ballkontakt. Anstatt den Ball beim Erstkontakt vor den Körper zu spielen oder direkt zu klären, nimmt er den Ball leicht nach hinten mit und bringt sich dadurch in eine schwierige Passsituation. Statt den Ball in dieser für ihn ungünstigen Situation ins Seitenaus zu spielen, begibt er sich in ein Dribbling und verliert dabei den Ball gegen Adamyan. Fazit: Das Tor ist die Folge einer Nachlässigkeit Pollersbecks und nicht der Art seines Torwartspiels geschuldet.

Ein weiterer Kritikpunkt an dem Spielsystem von Titz ist, dass das Spiel auf Ballzirkulation angelegt ist und deshalb der Ball oft von Mitspielern zum Torhüter zurückgespielt wird oder lange in den eigenen Reihen zirkuliert. Mit dieser Art des Fußballspiels können sich nicht alle Zuschauer anfreunden und bringen dies akustisch zum Ausdruck. Dem 24-jährigen HSV-Keeper hingegen kommt diese Spielweise entgegen, weil er dadurch die Konzentration hochhält. „Ich mag es, wenn ich oft am Ball bin. Es ist auch gut für den Kopf, wenn man permanent in das Spiel eingebunden ist. Man ist immer auf der Höhe.“

Bisher scheuen sich noch die meisten Fußballtrainer, das Torwartspiel in dieser extrem offensiven Variante zu versuchen. Neuerungen brauchen Zeit und bergen die Gefahr des Misserfolgs in sich. Torhüter müssen mit diesem System am besten von der Jugend an vertraut sein, damit es gelingen kann. Wie schon oft in der Vergangenheit entscheidet aber meist Erfolg oder Misserfolg des Pioniers darüber, ob eine Neuerung übernommen wird. Die Zukunft wird zeigen, ob die Spielidee von Christian Titz eine weitere Veränderung des Torwartspiels auslöst.

Analyse2. BundesligaHamburger SVJulian Pollersbeck

Artur Stopper

Artur Stopper

Über den Autor

Mit über 25 Jahren Erfahrung als Torwarttrainer weiß Artur, wie Torhüter ticken. Deshalb bevorzugt er Themen, die die Welt der Torhüter ausmachen: Vereinswechsel, Tiefschläge, Pechsträhnen, Höhenflüge, Emotionen, Ersatzbank, Halbgötter, Erfolge.

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