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Der Reporter von Sky war sich beim 1:1-Gegentor der Bayern beim Auswärtsspiel in Bremen sicher: Der Gegentreffer geht auf Manuel Neuers Konto. Schließlich gilt in diesem Land der unumstößliche Torwart-Leitsatz "Wenn er rausgeht, muss er ihn haben.“ Und das Ergebnis ist eindeutig: Neuer kam aus dem Tor und hatte den Ball nicht! Daher ist für viele Experten und Möchtegern-Experten die Schuldfrage klar. Aber ist sie das auch?

Was war passiert?

Bei einer genaueren Analyse des Treffers wird offensichtlich, dass nicht Neuer allein, sondern nahezu die gesamte rechte Abwehrhälfte der Bayern sowie vor allem die Innenverteidigung zum Gegentor beigetragen haben. Doch der Reihe nach ...

Fehler 1: Der Bremer Max Kruse, der nahe der linken Seitenlinie auf ein Zuspiel wartet, bekommt den Ball zugespielt. Joshua Kimmich greift ihn an. Mit einer einfachen Körperdrehung lässt Kruse Kimmich ins Leere laufen. Statt energisch nachzusetzen, um eine Flanke zu verhindern, gibt ihm Kimmich eher Begleitschutz. Auch ein weiterer in der Nähe stehender Bayern-Akteur übt keinen Druck auf Kruse aus. So kann der Bremer Angreifer aus ca. 22 m Entfernung den Ball ungehindert nach innen flanken.

Fehler 2: Im Bayern-Strafraum sind Niklas Süle und Jerome Boateng 8 m vor dem Tor in einem Abstand von 6 m zueinander auf etwa gleicher Höhe posiert. Zwischen ihnen stehend, erwartet der Japaner Osako, etwa einen Meter weiter vom Tor entfernt, den Ball. Bei entsprechender Aufmerksamkeit und Vororientierung im peripheren Blick müsste ihn Süle eigentlich wahrgenommen haben und müsste den Raum zum Tor schließen. Er macht aber keine Anstalten, sich auf die drohende Gefahr vorzubereiten. Stattdessen verharrt er ruhig auf seiner Position, als die Flanke über ihn hinwegsegelt. Osako erkennt die Situation und läuft im Tempo zwischen den beiden Bayern-Abwehrspielern zum Kopfball an. Boateng, der hinter ihm postiert ist, schafft es, den direkten Weg des Kopfballs zum Tor zuzustellen. Aber anstatt Osako am Einköpfen zu hindern, zieht er den Kopf ein, so dass der deutlich kleinere Japaner per Kopf zum Torabschluss kommt. Wahrscheinlich hatte Boateng ein Eingreifen Neuers erwartet. Möglicherweise hatte ihn der Nationaltorhüter sogar mit einem Kommando aufgefordert, ihm den Ball zu überlassen.

Fehler 3: Als Osako nach Kruses Flanke von hinten anrauscht, eilt Neuer aus seinem Tor heraus, um Osako am Einköpfen zu hindern. Leider erfolglos, da er zum Zeitpunkt des Kopfstoßes ca. 2,5 m entfernt zu Osako steht, weil er nach kurzem Abstoppen außerdem von Boateng daran gehindert wird, näher an Bremens Stürmer heranzurücken.

Neuers Beurteilung des Gegentores

Der Nationaltorhüter versuchte sich anschließend auf Sky zu verteidigen und verwies unter anderem auf seine Mitspieler. "Es ist eine Flanke zum Tor, die man relativ einfach verteidigen kann. Wir lassen sie aber zu und ich versuche, nah heranzukommen, um mich anköpfen zu lassen. Wenn ich auf der Linie bleibe, habe ich es schwerer", befand Neuer. Damit hatte er an sich nicht Unrecht. Denn durch sein Herauslaufen verringerte Neuer die Distanz zu Osako - und vergrößerte in der Theorie des Torwartspiels die Wahrscheinlichkeit, den Kopfball des Bremers abzuwehren.

Meine Bewertung der Situation

Bei dieser Aussage zeigt sich eine Problematik, die auch von Torwarttrainern immer wieder kontrovers diskutiert wird. Nämlich: Soll ein Torhüter sein Tor nur dann verlassen, wenn er den Ball sicher erreicht, oder erhöht ein Torhüter die Chance zur Abwehr des Balles, wenn er auf eine möglichst nahe Distanz zum Ball herankommt. Eines scheint sicher: Wenn Neuer auf der Linie geblieben wäre, hätte er wohl bei einem Kopfball aus fünf Metern Entfernung kaum eine Abwehrchance gehabt. Mit seinem Vorpreschen zum Ball erhoffte er sich eine bessere Abwehrchance, weil er mit seinem Körper und den ausgestreckten Armen den Winkel verkürzen wollte. Diese Absicht hätte der Nationaltorhüter fast verwirklicht. "Ich wurde ja auch angeköpft, aber nicht entscheidend genug", unterstrich der 32-Jährige die Richtigkeit seiner Aktion.

Bis hierher teile ich den Standpunkt der dreimaligen Welttorhüters. Auch nach meiner Meinung wäre ein passives Abwarten auf der Torlinie in dieser Situation weniger hilfreich gewesen als ein Verkürzen des Winkels mit Händen und Körper.

Das eigentliche Problem in dieser Szene ist für mich eher die offensichtlich mangelhafte Kommunikation zwischen Neuer und seinen Abwehrspielern. Ein lautes „DU“ hätte ausgereicht, Boateng an seine Verantwortung in dieser Situation zu erinnern, oder ein lautes „Ich“ hätte angezeigt, dass Neuer die Situation lösen möchte. Stattdessen lässt Boateng den Kopfball zu, weil er selbst den Kopf einzieht, und der Abstand Neuers zu Osako ist mit 2,5 m zu weit, um wirklich effektiv mit einer breiten Körperhaltung den Ball am Überschreiten der Torlinie zu hindern. Boateng, der zwischen Neuer und Osako positioniert war, hatte ihn daran gehindert, näher an den Kopf des Japaners heranzurücken. Das Vorpreschen Neuers hin zu Osako war aus meiner Sicht grundsätzlich richtig, seine Aussage ist also nachvollziehbar. Allerdings hätte er dazu näher zum Kopf des Japaners sein müssen, um seine Abwehrchance zu verbessern. Vermutlich fehlende Kommunikation brachte Neuer nicht in die gewünschte Position zum Schützen. Insofern muss er eine Mitschuld übernehmen.

Am Ende stand ein vermeidbares Gegentor, über das sich Trainer Niko Kovac an der Seitenlinie sichtlich ärgerte. Eines ist jedenfalls sicher. Neuer für diesen Gegentreffer allein verantwortlich zu machen, ist viel zu kurz gegriffen. Wie beschrieben, war der Gegentreffer eher eine Verquickung von mehreren Fehlern der Bayern-Spieler. Auch wenn es inzwischen salonfähig geworden ist, den einst Unberührbaren mit Freude zu demontieren, einen sachlichen Umgang mit seiner Aktion hat Manuel Neuer allemal verdient.

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Artur Stopper

Artur Stopper

Über den Autor

Mit über 25 Jahren Erfahrung als Torwarttrainer weiß Artur, wie Torhüter ticken. Deshalb bevorzugt er Themen, die die Welt der Torhüter ausmachen: Vereinswechsel, Tiefschläge, Pechsträhnen, Höhenflüge, Emotionen, Ersatzbank, Halbgötter, Erfolge.

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