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Die Worte von John Achterberg, Torwarttrainer beim englischen Spitzenklub FC Liverpool, waren deutlich: „Es hilft niemandem, weitere sechs Monate rumzusitzen, ohne das Gefühl, dass man wirklich für irgendwas kämpft", sagte Liverpools Torwarttrainer John Achterberg dem Onlinemagazin "The Athletic". Gemeint war mit seinen Aussagen Loris Karius, der im Sommer 2016 vom englischen Spitzenklub FC Liverpool für 6,2 Millionen Euro von Mainz 05 an die Mercyside gelockt und dort mit einem bis 2022 laufenden Vertrag ausgestattet worden war. Was zunächst als Karrieresprung wie im Bilderbuch aussah, entpuppte sich in den Folgejahren eher als Missverständnis. Denn inzwischen hat der 28-jährige deutsche Keeper keine sportliche Perspektive mehr bei den Reds. Deshalb empfiehlt ihm sein niederländischer Torwarttrainer, sein Talent zu nutzen und den Premier-League-Verein möglichst noch in dieser Transferphase zu verlassen. Die Begründung schickte er gleich hinterher: „Dadurch wird er sich nicht verbessern. Er muss seine Qualität nutzen, um jetzt Karriere zu machen. Loris hat viele gute Qualitäten." Eine durchaus sinnvolle Überlegung, denn Karius' Vertrag in Liverpool läuft im Sommer aus.

Die aktuelle Situation bei den Reds

In der Torwartgruppe des FC Liverpool spielt der gebürtige Biberacher bereits jetzt keine Rolle mehr. Hinter Stammkeeper Alisson Becker ist der 23-jährige, 26-fache irische U-Nationaltorwart Caoimhin Kelleher, der in den Pokalwettbewerben auch regelmäßig zum Einsatz kommt, die klare Nummer zwei. Als Backup und Nummer 3 steht seit 2019 der Spanier Adrian bereit, der aus seiner Zeit bei Betis Sevilla und West Ham United sowie seinem Alter von 35 Jahren reichlich Erfahrung mitbringt. Außerdem gehört das 19-jährige brasilianische Torwart-Juwel Marcelo Pitaluga, der als Siebzehnjähriger vom brasilianischen Klub Fluminense Rio de Janeiro und als brasilianischer U17 Weltmeister nach England wechselte, zum Torwartteam der Reds. Er ist wohl neben seinem Landsmann Alisson der Grund, warum seit Ende November Brasiliens Torwart-Legende Claudio Taffarel das Team der Torwarttrainer unter Chefcoach Jürgen Klopp ergänzt. Dass der Verein zukünftig mehr auf die Qualitäten Pitalugas setzt als auf Loris Karius, zeigt die Tatsache, dass er in dieser Saison schon mal im Kader stand, Karius hingegen noch gar nicht.

Vom Überflieger aufs Abstellgleis

Dabei begann die Zeit von Karius an den Anfield Road zunächst vielversprechend. Am 6. Spieltag debütierte der damals gerade mal 23-jährige Keeper, nachdem er sich zuvor in einem Testspiel gegen den FC Chelsea die Mittelhand gebrochen hatte. In Duell mit dem belgischen Nationaltorhüter Simon Mignolet erarbeitete er sich mit der Zeit den Nummer-eins-Status im Tor des vielfachen englischen Meisters.

Auch die Saison 2017/18 war zunächst ein großer Erfolg für den Deutschen, vor allem in der Champions League. Bis zum Finale blieb er als einziger Keeper ohne Gegentor. Doch der 26. Mai 2018 im Olympiastadion von Kiew sollte zum Wendepunkt einer vielversprechenden Karriere werden. Im Champions-League-Finale gegen Real Madrid unterliefen Karius zwei schwere Patzer, durch die Liverpool das Endspiel letztlich mit 1:3 verlor. Noch während der Liverpool-Keeper nach dem Schlusspfiff verzweifelt auf dem Boden kniete, zeigten sich die sozialen Netzwerke bereits von ihrer hässlichsten Seite. Sogar Morddrohungen soll der Keeper im Anschluss erhalten haben. Welchen Albtraum der frühere Mainzer im Stadion und danach durchleben musste, ist für Außenstehende kaum zu begreifen.

Der Schmähbegriff „Flutschfinger“ hing zukünftig wie ein Makel an dem jungen Torhüter, nachdem ihm das Spielgerät nach einem harmlosen Distanzschuss des eingewechselten Bale durch die Hände geflutscht war. Dabei gab es für Karius' Horrornacht durchaus Gründe. Unmittelbar vor dem ersten Gegentor hatte der Keeper nach einem Kontakt mit dem Ellenbogen von Sergio Ramos eine Gehirnerschütterung erlitten, die seine Wahrnehmung im weiteren Spielverlauf beeinträchtigte. Doch dieses Spiel sollte zum Wendepunkt einer vielversprechenden Karriere werden. Er verlor nicht nur seinen Stammplatz bei den Reds, sondern auch mit seiner Karriere ging es seit seinen fatalen Patzern steil bergab. Das ehemals vielversprechende Talent war plötzlich ganz unten angekommen. „Das wünscht man seinem schlimmsten Feind nicht", bewertete Liverpools Trainer Jürgen Klopp die Situation seines jungen Keepers nach dem Spiel.

Karius wird nach Istanbul und Berlin ausgeliehen

Da er in Liverpool daraufhin ohne sportliche Zukunft war, lieh ihn der Premier-Klub aus. Von 2018 bis 2020 spielte Karius auf Leihbasis für Besiktas Istanbul. Für die Türken kam der Deutsche in nationalen Wettbewerben sowie in der Europa League als Stammkeeper zu 67 Einsätzen. Anfang Mai 2020 löste er aber seinen Leihvertrag aufgrund ausgebliebener Gehaltszahlungen seitens Beşiktaş auf. Ende September 2020 wechselte er bis zum Ende der Saison 2020/21 auf Leihbasis in die Bundesliga zum 1. FC Union Berlin. Dort konnte er sich allerdings nicht als Nummer eins gegen den überaus gut und konstant haltenden Andreas Luthe durchsetzen. Ein weiteres Mal kam seine Karriere zum Stillstand.

Weil Karius noch bis im Sommer beim FC Liverpool unter Vertrag steht, kehrte er nach dem Ende der vergangenen Saison von Berlin wieder an die Anfield Road zurück, allerdings ohne die Chance auf Einsatzzeiten. Obwohl sich der Wind im Profifußball manchmal schnell dreht, wird er in seinem Fall nicht auf einen Sinneswandel der Verantwortlichen hoffen dürfen. Zu sehr ist er bei den Fans gebrandmarkt, bei jedem Fehler würden ihn die Fans und Medien an die Schmach von Kiew erinnern.Deshalb kann es für ihn nur eine Zukunft außerhalb von Liverpool geben. Natürlich haben die Liverpooler Verantwortlichen ein Interesse daran, einen Spieler ohne Perspektive von ihrer Gehaltsliste zu streichen. Deshalb sind sie an einem Wechsel des 28-jährigen Schlussmanns zum jetzigen Zeitpunkt interessiert. Karius hingegen wird sich entscheiden müssen, ob er "weitere sechs Monate rumzusitzen" oder einen Vereinswechsel anstreben soll. Mit 28 Jahren befindet er sich eigentlich im besten Torwartalter und ist noch zu jung, um sich mit einer Rolle als Bankdrücker abzufinden. Deshalb wird er genau hinhören, welche Möglichkeiten ihm ein zukünftiger Verein anbieten wird. Wie viele Auswahloptionen ihm überhaupt angeboten werden, wird sich zeigen. Zu wünschen wäre ihm jedenfalls, dass sein seit Kiew sportlich steiniger Weg im Frühherbst seiner Karriere noch einen guten Abschluss findet.

Blickpunkt

Artur Stopper

Artur Stopper

Über den Autor

Mit über 25 Jahren Erfahrung als Torwarttrainer weiß Artur, wie Torhüter ticken. Deshalb bevorzugt er Themen, die die Welt der Torhüter ausmachen: Vereinswechsel, Tiefschläge, Pechsträhnen, Höhenflüge, Emotionen, Ersatzbank, Halbgötter, Erfolge.

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