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Ohne Zweifel war der Erfolg der deutschen U21-Nationalmannschaft bei der im Moment stattfindenden U21-EM beim Unterschieden gegen Österreich (1:1) neben einer Portion Glück vor allem der Verdienst von Schalkes Schlussmann Alexander Nübel, der zwei hundertprotzige Chancen des Gegners zunichtemachte und dadurch einen Erfolg unseres Nachbarlandes verhinderte. Allerdings war der Schalker Schlussmann auch maßgeblich an einer Szene beteiligt, die zum Elfmeter und damit zum Ausgleichstreffer der Österreicher führte und nach dem Spiel für reichlich Gesprächsstoff sorgte. Berechtigterweise?

Die Szene zum Elfmeter

Nach einem Freistoß des Bremers Marco Friedl pflückte sich Alexander Nübel den Ball zwar souverän aus der Luft, rammte beim Sprung allerdings sein Knie gegen den Kopf des österreichischen Angreifer Kalajdzic, der sofort zu Boden ging. Der Schalker Keeper war dem 2,00 m großen, österreichischen Stürmer mit dem Knie voraus und außerhalb des Fünfmeterraums an den Kopf gesprungen, als er eine Flanke abfing. Erstaunlich: Für den Betroffenen Sasa Kalajdzic war die Situation aus der 22. Minute mit Alexander Nübel kein Elfmeter. Eine durchaus ungewöhnliche Aussage eines Spielers, der bei hohem Tempo mit dem Knie seines Gegners übel am eigenen Kopf getroffen worden war, und das, obwohl er den Ball bereits aufgegeben hatte und nicht einmal hochsprang. Zweifellos kann man aber Nübels Aktion unterschiedlich betrachten.

Torwarttrainer Thomforde kritisiert die Elfmeterentscheidung

Über die Szene in der 23. Minute regte sich U21-Torwarttrainer Klaus Thomforde auch lange nach Schlusspfiff noch auf. „Der Elfmeter ist für mich ein absolutes Unding. Vielleicht stehe ich mit der Meinung alleine da, aber wenn man den pfeift, dann kann man mit dem Torwartspiel aufhören“, schimpfte der ehemalige Torwart des FC St. Pauli über die Szene mit Kalajdzic und Nübel. Natürlich wird auch Thomforde nicht entgangen sein, dass Nübel den Kopf von Kalajdzic mit dem Knie auf Kopfhöhe des gegnerischen Angreifers getroffen hatte. Für ihn hatte aber der deutsche Keeper den Ball schon vorher mit beiden Händen gefangen, weshalb es nach seiner Meinung kein Angriff auf den österreichischen Stürmer war. Entsprechen angefressen war der deutsche U21-Torwarttrainer nach dem Spiel: „Ich bin seit 30 Jahren beim Fußball dabei, mir hat noch kein Schiedsrichter gesagt, dass das nicht erlaubt ist. Wenn es diese Regel doch geben sollte, muss das den Torhütern auch gesagt werden. Wir wurden nicht darüber informiert. Das sind Sachen, wodurch der Fußball kaputtgemacht wird.“

Auch Nübel selbst zeigte sichtliches Unverständnis und ärgerte sich über die Szene. Obwohl er mit seinen zwei Glanztaten nach 90 Minuten so etwas wie der Garant für den Einzug ins Halbfinale und die gleichbedeutende Qualifikation für die Olympischen Spiele war, ging er alles andere als glücklich vom Platz. Zur Aktion äußern wollte er sich aber nach dem Spiel nicht.

Chefcoach Stefan Kuntz sah die Szene gelassener: "Solche Situationen kann man in der Theorie im Vorfeld nicht erklären. Es geht darum, Tiefen zu durchlaufen, danach aber wieder bereit sein, Höhen zu erleben. Als Betroffener hat Alex gedacht, es war nie im Leben ein Elfmeter. Weil es aber durch den VAR überprüft wurde, wird es keine klare Fehlentscheidung gewesen sein", gab er ehrlich zu.

Szene erinnert an vergangene Bundesliga-Saison

Die Szene erinnerte an einen ähnlichen Vorfall aus der vergangenen Bundesliga-Saison, als Wolfsburgs Schlussmann Koen Casteels den Stuttgarter Kapitän Christian Gentner ebenfalls nach einer Flanke mit hohem Knie niederstreckte, der daraufhin mit mehreren Knochenbrüchen im Gesicht am Boden liegenblieb und ausgewechselt werden musste. Schon damals nannte DFB-Schiri-Chef Hellmut Krug die Aktion „grenzwertig“. Ex-Fifa-Schiri Markus Merk sagte bei Sky, er hätte Casteels „mindestens Gelb“ gegeben. Grund: Der Torhüter habe sein Knie „als Waffe benutzt“. Casteels hingegen rechtfertigte seine Aktion: „Wenn das Foul ist, muss man die ganze Jugendausbildung umstellen, ab fünf, sechs Jahren. 99 Prozent der Torhüter machen das so.“ Wie schon Casteels Vorgehen die Bundesliga spaltete, so sind auch im Fall Nübel die Sichtweisen unterschiedlich. Während manche in Casteels oder Nübels Kniehaltung eine natürliche Schwung- und Sprungbewegung erkennen oder wie Casteels selbst diese Kniehaltung als Schutzhaltung des Torhüters gegenüber dem Stürmer begründen, sprechen andere von einem Einsatz des Knies, der die Gesundheit der gegnerischen Spieler gefährdet. Für eine reine Abdruckbewegung zum Sprung hätte jedenfalls ein deutlich niedrigerer Knieeinsatz gereicht.

Ein Blick ins Regelheft der FIFA

In Regel 12 (Verbotenes Spiel und unsportliches Betragen) der FIFA-Regeln ist klar definiert, wann ein Foulspiel vorliegt. Unterschieden wird in die Bereiche Fahrlässigkeit, Rücksichtslosigkeit und übermäßige Härte.

  • „Fahrlässigkeit“ liegt vor, wenn ein Spieler unachtsam, unbesonnen oder unvorsichtig in einen Zweikampf geht. „Fahrlässige Fouls“ ziehen keine disziplinarische Maßnahme nach sich.
  • „Rücksichtslosigkeit” liegt vor, wenn ein Spieler ohne Rücksicht auf die Gefahr oder die Folgen seines Einsteigens für seinen Gegner vorgeht. „Rücksichtlose“ Fouls ziehen eine Verwarnung nach sich.
  • „Übermäßige Härte“ liegt vor, wenn ein Spieler brutal in den Zweikampf geht und die Verletzung des Gegners in Kauf nimmt. „Übermäßige Härte“ zieht einen Platzverweis nach sich.

Definiert ist auch, was ein grobes Foulspiel ist: „Ein Spieler begeht ein grobes Foul, wenn er einen Gegenspieler bei laufendem Spiel im Kampf um den Ball übermäßig hart oder brutal angreift.“ Innerhalb des Strafraumes ist dieses Verhalten mit einem Strafstoß zu ahnden.

Es bleibt jedermann selbst überlassen, wie er die Aktion des Schalker Keepers einordnet. Wie auch immer der eigene Standpunkt ausschauen mag, eines sollte klar sein. Wenn Torhüter das verständliche Recht in Anspruch nehmen, ihre Gesundheit zu schützen, hat wohl auch der Stürmer in gleichem Maße ein Recht darauf, dass seine Gesundheit geschützt bleibt. Man darf Alexander Nübel sicherlich keine Verletzungsabsicht unterstellen, aber eine mögliche Verletzung des Gegners hat er in dieser Aktion zweifellos in Kauf genommen. Insofern kann man durchaus Verständnis für die Entscheidung des Schiedsrichters haben.

BlickpunktAlexander NübelU21

Artur Stopper

Artur Stopper

Über den Autor

Mit über 25 Jahren Erfahrung als Torwarttrainer weiß Artur, wie Torhüter ticken. Deshalb bevorzugt er Themen, die die Welt der Torhüter ausmachen: Vereinswechsel, Tiefschläge, Pechsträhnen, Höhenflüge, Emotionen, Ersatzbank, Halbgötter, Erfolge.

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