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Das Fußballspiel wird insgesamt immer schneller. Auch das Torwartspiel bleibt von dieser Entwicklung nicht verschont. Deshalb spielen eine schnellere Beinarbeit sowie die richtige Wahl der Schrittfolge bei der Ausbildung von Torhütern eine immer gewichtigere Rolle. Dennis Neudahm, der hauptberuflich als U17-Torwarttrainer bei der TSG Hoffenheim arbeitet und neben dieser Tätigkeit zudem als Koordinator für das Torhüter-Scouting der Kraichgauer und speziell für die Sichtung von talentierten Torhütern im Nahraum zuständig ist, hat sich mit dem Thema „Schritttechniken und Beinarbeit in der Torverteidigung“ intensiv beschäftigt und im Rahmen des Torwarttrainer-Seminars in Tettnang 2017, das von Safehands / the art of goalkeeping veranstaltet wurde, seine Arbeitsweise in diesem Trainingsschwerpunkt vorgestellt.

Zu Beginn seines Vortrag „Schritttechniken und Beinarbeit in der Torverteidigung“ wurde anhand von zwei Grafiken von Hoffenheims Keeper Oliver Baumann veranschaulicht, welches Anforderungsprofil die Nummer eins der Kraichgauer in der Saison 2016/17 zu erfüllen hatte. In 36 Saisonspielen musste Baumann insgesamt 2542 Aktionen bewältigen. Das sind im Durchschnitt 70 Aktionen pro Spiel. 78,80 % all seiner Aktionen gehörten zum Bereich Spieleröffnung, 12,20 % waren dem Bereich Raumverteidigung und 9 % der Torverteidigung zuzuordnen. In der zweiten Grafik war ausgewertet, in welchem der drei Bereiche Baumann Gegentore hinnehmen musste. Keine Gegentore resultierten aus den Rubriken Spieleröffnung und Raumverteidigung. Alle 39 Gegentore der vergangenen Saison musste Baumann im Bereich Torverteidigung hinnehmen. Besonders viele Gegentore passierten aus der Nahdistanz bzw. 1:1-Situationen (69,30 %), also aus einer kurzen Distanz. Bei nur 25,60 % aller Tore war ein Abdruck des Torhüters gefordert, 5,10 % lagen im Bereich der Grundtechniken.

Anschließend stellte Neudahm eine vereinsinterne Studie zur EM 2012 vor, die zum Ergebnis kam, dass von den 96 Gegentoren im Turnierverlauf 18 % auf fehlerhaftes Verhalten des Torhüters zurückzuführen waren. Wie die Untersuchung zeigte, konnten 10 % der Gegentore dem Torhüter direkt zuordnen werden, bei 8 % war er mit beteiligt. Untersuchungsaspekte in der Studie waren das Stellungsspiel, die Grundposition (im Gleichgewicht, im Laufen, zu hoch / zu tief ..), die Entscheidung (Reaktion, Tauchen, Block …), die Organisation (Mauer, Eckball ..) und die Technik. Die Autoren kamen außerdem zu dem Ergebnis, dass hauptsächlich taktische Fehler des Torhüters die Ursachen für die Gegentore waren, technische Fehler hingegen eher selten. Anhand eines 7-minütigen Videos mit Spielszenen des Hoffenheimer Stammtorwarts Oliver Baumann stellte Neudahm dann einige Ausbildungsprinzipien der Hoffenheimer Torhüterphilosophie heraus. Als besonders wichtige Prinzipien nannte er eine gute Spieleröffnung und das permanente Schaffen einer zusätzlichen Anspielstation, eine sehr offensive Ausrichtung in der Raumverteidigung und den Grundsatz, möglichst lange und neutral stehen zu bleiben – zusammengefasst: bewusst zu spielen.

Ähnlich wie bei Borussia Dortmund wird auch in Hoffenheim der Trainingsalltag mit einer speziell dafür ausgerichteten Software genau dokumentiert. Alle Aspekte des Torwarttrainings sind dabei den Oberbegriffen Technik, Taktik, Athletik und Psyche zugeordnet. Die Trainingsinhalte werden tagtäglich mit dieser Software in den genannten Bereichen festgehalten, so dass für alle Beteiligten stets abrufbar ist, in welchen Bereichen mit den Torhütern gearbeitet wurde. Außerdem werden die genaueren Trainingsinhalte, z.B. Spieleröffnung, Grundtechniken, 1vs1, Abdruck, Raumverteidigung usw. in das Software-Programm eingetragen. So lässt sich jederzeit überprüfen, in welchen Schwerpunkten bei der Trainingsarbeit mit welchen Anteilen gearbeitet wurde.

Zum Schluss seiner Präsentation gab Neudahm noch Einblicke in die wöchentliche Trainingsarbeit mit den Torhütern. Er stellte dar, an welchen Tagen in der Regel welche Schwerpunkte im Training durchgeführt werden. Außerdem erklärte er, wie eine typische Trainingseinheit in Hoffenheim aufgebaut ist. Nach der Aufwärmung werden zunächst in der Hinführung Grundtechniken geschult oder gefestigt. Daran schließt sich der Hauptteil an, der unterschiedliche Schwerpunkte (Abdruck, 1vs1, Raumverteidigung) zum Thema haben kann. Der daran anschließende Teil des Trainings wird in Hoffenheim Spielphasenform genannt. Dieser Schwerpunkt entspricht dem Komplextraining bei Borussia Dortmund, in dem möglichst spielnah trainiert wird, d.h. immer mit einem zumindest leichten taktischen Aspekt. Am Ende der Trainingseinheit stehen immer Spielformen mit der gesamten Mannschaft. Die anschließende Regeneration findet individuell statt, d.h. jeder Spieler ist für seine Erholungsphasen selbst verantwortlich, er wird dabei nicht überwacht.

Sehr interessant war auch der Praxisteil am Samstagmorgen. Dennis Neudahm führte mit anschaulichen Übungen vor, wie der Torhüter durch entsprechende Schritttechniken (Zwischenschritt in verschiedenen Variationen, Kreuzschritt) möglichst schnell in die Grundstellung kommt und welche Schritttechnik in welcher Situation am besten angewendet wird. Die Wahl der jeweiligen Lauftechnik ist vor allem abhängig von der zu überwindenden Distanz. Im zweiten Teil seiner praktischen Ausführungen zeigte Neudahm mit Hilfe verschiedener Übungen, wie der Torhüter aus der Grundstellung heraus bestimmte Schritttechniken einsetzt, um in Kombination mit der richtigen Torverteidigungstechnik einen Torerfolg des Gegners zu verhindern.

VeranstaltungSeminar

Artur Stopper

Artur Stopper

Über den Autor

Mit über 25 Jahren Erfahrung als Torwarttrainer weiß Artur, wie Torhüter ticken. Deshalb bevorzugt er Themen, die die Welt der Torhüter ausmachen: Vereinswechsel, Tiefschläge, Pechsträhnen, Höhenflüge, Emotionen, Ersatzbank, Halbgötter, Erfolge.

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