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Daniel Correia ist einer der führenden Torwarttrainer in Portugal. Der 42-Jährige war 14 Jahre lang beim FC Porto, dem Champions-League-Sieger von 2004, zunächst als Jugendtrainer, später als Verantwortlicher für das B- und A-Team des vielfachen portugiesischen Meisters tätig. In dieser Zeit trainierte er unter anderem mit dem fünfmaligen Welttorhüter Iker Casillas, der im Januar 2015 nach Querelen von Real Madrid zum FC Porto gewechselt war. Seit der Saison 2018/19 ist er verantwortlich für die Profi-Keeper des anderen portugiesischen Spitzenklubs Sporting Lissabon.

Beim Torwarttrainer-Seminar im Oktober 2018 in Bregenz, das von safehands the art of goalkeeping veranstaltet wurde, referierte Daniel Correia zum Thema „Torwartphilosophie und –kultur bei Sporting Lissabon“. Wir haben für euch das Seminar besucht und die wichtigsten Aussagen zusammengefasst.

Zu Beginn seiner Präsentation machte Correia deutlich, dass es viele unterschiedliche Vorstellungen, Ideen und Wege gibt, Torhüter zu trainieren. Es gebe nicht nur den einzig richtigen Weg, sondern verschiedene. Aus vielfältigen eigenen Erfahrungen und Gesprächen mit Kollegen, Cheftrainern und Torhütern, aus Informationen von Seminaren, Kongressen und sonstigen Begegnungen habe er ein Konzept des Torwarttrainings für sich entwickelt, seinen Weg. Dieses Konzept stelle er im Folgenden vor, damit die Zuhörer Anregungen erhalten oder ihr eigenes Trainingskonzept reflektieren können. Eine Grundvoraussetzung ist Correia wichtig: Egal, in welchem Team oder auf welchem Level ein Torwarttrainer arbeite, ob in der Jugend oder in einem Profi-Team, brauche er immer eine klare Vorstellung von der Rolle des Torhüters. Im Jugendbereich würden die Torhüter nach einem festen Konzept innerhalb des Vereins entwickelt. Im Profibereich hingegen müsse sich der Torwarttrainer oft den Vorstellungen des Cheftrainers anpassen. Weil der Torhüter ein Teil des Teams sei und seine Spielweise an der Spielphilosophie des Trainers ausgerichtet sei, müsse sich das Spielkonzept des Cheftrainers im Torwarttraining widerspiegeln.

Wenn man den Torhüter als Teil des Teams begreife, habe er seine eigenen Aufgaben innerhalb einer Mannschaft. Aus den Vorgaben des Spielsystems entwickle sich der Weg, wie die Torhüter trainiert werden müssten. Dieser Weg sei abhängig von zwei Spielsituationen: Wenn das eigene Team den Ball hat und wenn der Gegner den Ball hat. Aus diesen Rahmenbedingungen entwickle sich letztlich die Methodik des Torwarttrainings. Das Torwarttraining muss nach seiner Meinung also immer im Einklang stehen mit der Spielphilosophie des ganzen Teams. Anhand von Grafiken zeigte Correia anschließend auf, wie das Training bei Sporting Lissabon innerhalb einer Trainingswoche strukturiert ist. Abhängig sei die Gestaltung des Wochenplanes von der Belastung der Spieler. Bedenken müsse man immer, dass der Körper Zeit zur Erholung brauche. Wenn sich der Zeitraum zwischen zwei Spielen z.B. durch eine englische Woche verändere, müsse diese Zusatzbelastung selbstverständlich in der Intensität der Trainingswoche berücksichtigt werden. Bei seiner Trainingsplanung müsse er also überlegen, ob er eher Übungen zur contraction tension (Kontraktionsspannung), zur contraction duration (Kontraktionsdauer) oder zur contraction velocity (Kontraktionsgeschwindigkeit) auswählt. Abschließend machte er an Grafiken deutlich, in welchem Umfang die Physis der Torhüter bei einer normalen und einer englische Woche trainiert wird.

Bei der Betrachtung des Wochenplanes fiel bereits ein wichtiger Unterschied zum Training in Deutschland ins Auge. An jedem Trainingstag steht ein anderer Trainingsschwerpunkt auf dem Programm und im Mittelpunkt! Anhand eines Übersichtsplans machte Correia anschaulich, an welchem Wochentag welcher Schwerpunkt trainiert wird. Bei der Betrachtung der verschiedenen Tagespläne wurde ein weiterer Unterschied zum Training in Deutschland sichtbar. Der Beginn und das Ende des Trainings sind an jedem Tag gleich! Jeder Trainingstag beginnt für die Spieler von Sporting Lissabon vor der eigentlichen Trainingseinheit mit einem 15-minütigen Aufenthalt im Fitnessraum. Jeder wählt dabei sein eigenes Programm. Manche setzen sich gerne aufs Fahrrad, andere arbeiten lieber an Geräten für Krafttraining. Deshalb hat bei Sporting jeder Spieler die Möglichkeit, diese Aufwärmphase individuell nach seinen Wünschen zu gestalten. Ebenso gleichbleibend: Jede Trainingseinheit endet auch täglich mit einem 15-minütigen Abschluss im Fitnessraum.

Nun ging Correia auf die verschiedenen Trainingsschwerpunkte an den einzelnen Wochentagen ein. Am Dienstag, dem ersten Trainingstag nach dem Spiel, steht bei Sporting Lissabon vor allem aktive Regeneration auf dem Programm. Das betrifft auch die Torhüter. Der Torhüter, der gespielt hat, absolviert im ersten Training nach dem Spiel nur ein Aufwärmtraining. Bei niedriger Belastung trainiert er vor allem technische Abläufe nach Zuspielen der anderen Torhüter. Diese wiederum benutzen diese Aktionen zur eigenen Aufwärmung. Anhand von Videosequenzen zeigte er auf, wie dieses Trainingsziel in geeigneten Übungen umgesetzt werden kann. Eine weitere Besonderheit unterscheidet das Torwarttraining bei Sporting Lissabon von dem bei uns in Deutschland üblichen. Während in Deutschland Torwarttraining meist isoliert von der Mannschaft mit dem Torwarttrainer stattfindet, sind die Torhüter bei Sporting nach der Aufwärmphase meist sofort ins Teamtraining integriert! Sie nehmen im Mannschaftstraining auch an Übungen teil, die nicht unbedingt auf Torhüter ausgerichtet sind. So bekommen die Torhüter durchaus in bestimmten Trainingsformen die Aufgabe, Verteidiger oder Angreifer zu spielen oder bei Überzahl- oder Unterzahlspielen als Feldspieler zu agieren.

Der Mittwoch ist der Tag, an dem das Tension-Training durchgeführt wird. Damit sind Übungen gemeint von kurzer und hoher Intensität. Nach der Aufwärmphase im Fitnessraum führt Correia an diesem Tag 30 Minuten vor dem Trainingsbeginn auf den Platz ein spezielles Torwarttraining durch. Dabei stehen vor allem Übungen mit schnellen Richtungswechseln und Sprüngen, Eins-gegen-Eins-Situationen und Duellen im Kleinfeld auf dem Programm, also Übungen mit hoher Bewegungsintensität, Konzentration und Anspannung. Bei Bedarf können auch Feldspieler ins Torwarttraining einbezogen werden, um bestimmte Spielsituationen noch spielnaher zu trainieren. Sobald das Team aber auf den Platz kommt, werden die Torhüter wieder ins Mannschaftstraining eingebaut. Manchmal trainieren die Torhüter auch die ganze Trainingseinheit ausschließlich im Mannschaftsverbund. Wenn allerdings spezielle Aspekte auf dem Programm stehen, die fürTorhüter weniger relevant sind, übernimmt Correia die Torhüter und führt mit ihnen ein Torwarttraining durch.

Am Donnerstag stehen Übungen auf dem Programm, die eher den Schwerpunkt Ausdauer im Fokus haben. Für dieses Trainingsziel ist das Spielfeld größer, es ist in verschiedene Zonen eingeteilt und die Übungen finden mit einer größeren Anzahl an Spielern in einer Mannschaft statt. Der Schwerpunkt des Tages findet auch im Torwarttraining seinen Niederschlag. Lange Bälle zum Partner oder Anspielsituationen sind typische Trainingsinhalte bei diesem Trainingsschwerpunkt. Ziel sind also ausdauernde Übungen im weiten Raum. Wieder zeigte Correia anschließend mit Hilfe von Videosequenzen, wie diese Trainingsziele in Trainingsübungen umgesetzt werden können.

Der Freitag ist bei Sporting Lissabon der Tag mit dem Schwerpunkt Geschwindigkeit. Unter diesem Aspekt versteht das Trainerteam Laufgeschwindigkeit genauso wie Reaktions- und Handlungsschnelligkeit. Weil diese Trainingseinheit schon nahe zum nächsten Spiel ist, verzichtet Correia auf eine spezielle Torwarttrainingseinheit. Die Torhüter sind also sofort wieder ins Team integriert. Die Spielformen finden wieder in kleineren Räumen statt, so dass viele Kontakte und Abschlüsse in hohem Tempo die Folge sind. Außerdem muss der Torhüter in diesen Spielformen ständig schnelle Entscheidungen treffen, z.B. ob er entgegenkommen oder fallen soll. Auch zu diesem Schwerpunkt zeigte er anhand kurzer Videosequenzen Beispiele, wie Geschwindigkeit mit Torhütern trainiert werden kann.

Am Samstag, also dem Tag vor dem Spiel, sind die Torhüter ausschließlich in das Training der Mannschaft eingebunden. In dieser abschließenden Trainingseinheit werden vor allem Standardsituationen geübt. Eines wurde durch den Vortrag deutlich: In der portugiesischen Torwarttrainingskultur ist der Torhüter viel mehr als bei uns ins Mannschaftstraining eingebaut, während bei uns Torwarttraining oft isoliert von der Mannschaft stattfindet. Der Torhüter wird also mehr von der Mannschaft und weniger vom Torwarttrainer trainiert. Ein interessanter Denkansatz! Im anschließenden Praxisteil stellte Correia in Trainingsübungen dar, wie sich der Torhüter verhalten soll, wenn Bälle in die Tiefe des Raumes gespielt werden oder mit einem Flugball überspielt wird, wenn er weit vor dem Tor steht.

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Artur Stopper

Artur Stopper

Über den Autor

Mit über 25 Jahren Erfahrung als Torwarttrainer weiß Artur, wie Torhüter ticken. Deshalb bevorzugt er Themen, die die Welt der Torhüter ausmachen: Vereinswechsel, Tiefschläge, Pechsträhnen, Höhenflüge, Emotionen, Ersatzbank, Halbgötter, Erfolge.

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