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Das XXL-Turnier in den USA, Kanada und Mexiko ist Geschichte, mit Spanien als verdientem Weltmeister. In 104 Spielen fielen insgesamt 308 Tore, im Schnitt also 2,96 pro Partie. Im Vorfeld der WM war erwartet worden, dass dabei Standardsituationen eine gewichtige Rolle spielen würden. Denn in der englischen Premier League fiel in der vergangenen Saison jeder vierte Treffer auf diese Art. Besonders Meister FC Arsenal London hatte sich dabei hervorgetan. Aber es kam anders. Tore nach Standardsituationen spielten während der WM 2026 eher eine Nebenrolle. Trotzdem lohnt sich ein Blick auf die Ausführung von Standards, denn Weltturniere bilden oftmals Trends im internationalen Fußball ab. Immerzu werden Ideen entwickelt, wie man den Gegner überraschen kann. Darauf können und müssen sich Torhüter einstellen.

Markus Krauss, Torwarttrainer beim Drittligisten VfB Stuttgart II und Torwart-Koordinator im NLZ bei den Schwaben, hat verschiedene Aspekte bei der Ausführung von Standards unter die Lupe genommen und analysiert. Goalguard stellt seine Ergebnisse in den kommenden Wochen in mehreren Artikeln vor. Im ersten Teil der Artikelserie liegt der Fokus seiner Beobachtungen auf Eckbällen.

Analyse der Eckbälle bei der WM 2026

Für Ex-Trainer Christoph Daum war ein WM-Turnier „wie eine Weltausstellung des Fußballs“. Man könne bei einer WM taktische Ideen aus allen Teilen des Erdballs entdecken. Viele Trainer und Analysten des Verbandes nutzen daher die Möglichkeit, die aktuellen neuen Trends im internationalen Fußball zu erkennen und diese Analysen und Erkenntnisse in konkreten Trainingsinhalten für die Entwicklung der eigenen Mannschaft zu nutzen. Dazu gehören auch Standards und speziell Eckbälle. Mit diesem Wissen können Trainer ihre Abwehr inklusive Torhüter besser auf diese Spielsituation vorbereiten oder für die eigene Durchführung der Eckbälle nutzen. Denn Eckbälle gelten im Fußball als besonders gefährliche Standardsituationen.

Wie wurden Eckbälle bei der WM ausgeführt?

In diesem Artikel werfen wir einen Blick darauf, wie oft Eckbälle bei der WM in Tore umgemünzt werden konnten, welche Zielzonen von den Eckballschützen am meisten angesteuert wurden, ob die Bälle eher vom Tor weg oder zum Tor hin geschlagen wurden und wie sich die Torhüter bei der Abwehr der Bälle verhielten.

Erfolgsquote von Standards bei der WM

Insgesamt führten bei der WM 2026 insgesamt 54 Standards zum Torerfolg. Davon fielen 31 Tore nach Eckbällen, Freistößen oder Einwürfen, die über eine weitere Aktion zum Torerfolg führten. Hinzu kamen sieben direkt verwandelte Freistöße und 16 Elfmetertore. Damit fielen nur rund 18 Prozent aller Tore nach Ecken oder Freistößen. Zwar hat sich der Anteil im Vergleich zum Weltturnier von vor vier Jahren in Katar leicht erhöht, damals lag er bei 15 Prozent. Er ist jedoch weit entfernt von den Weltmeisterschaften 2014 und 2018. Damals fielen rund 25 Prozent aller Tore nach ruhenden Bällen, also etwa jeder vierte Treffer. Insofern bewegte sich die WM 2026 entgegen dem erwartenden Trend, der bei Vereinsmannschaften in diesem Bereich zu beobachten ist.

Markus Krauss nahm in seiner Untersuchung speziell die Eckbälle genauer unter die Lupe. Insgesamt wurden im Turnierverlauf 943 Eckbälle ausgeführt. Immerhin ungefähr jede dritte Ecke endete nach seinen Analysen mit einem Torabschluss (33,6 %), aber nur 3,7 % der Torabschlüsse führten auch zu einem Treffer.

Häufige Zielzonen

Zuerst analysierte Markus Krauss, in welche Zielzone der Ball von den Eckballschützen gespielt wurde und in welcher Häufigkeit. Darüber gibt die folgende Grafik Auskunft.

Torzonen

Wie die Grafik verdeutlicht, ist besonders auffallend und zugleich wenig überraschend, dass der Raum zentral vor dem Tor mit 321 Ecken (34 %) als klar häufigste Zielzone vom Eckballschützen anvisiert wurde. Das hat einen einfachen Grund: Ein Angreifer, der sich im Zentrum befindet, hat das gesamte Tor vor sich und kann daher in jede beliebte Ecke des Tores köpfen, was die Wahrscheinlichkeit eines Torerfolges erhöht. Bei Kopfbällen von den Seiten hingegen, die aus einem spitzen Winkel erfolgen, verkleinert sich die Zielfläche deutlich. Durch die kürzere Distanz zum Tor aus dem Zentrum verringert sich zudem die Reaktionszeit für den Torhüter.

Wird der Ball vom Flankengeber nicht ins Zentrum, sondern in eine andere Zone geschlagen, macht die Grafik eine weitere Erkenntnis sichtbar: Der Raum vor dem Torhüter - am vorderen Pfosten (B) bzw. der Raum vor dem Pfosten (A) - wurde von den Eckballschützen fast doppelt so oft angesteuert wie der Raum hinter dem Torhüter (D,E). Das hat einen einfachen Grund: Wenn der Angreifer mit Tempo in Richtung des ersten Pfostens einläuft, sorgt er meist für einen Überraschungsmoment bei seinem Gegenspieler und für viel Verwirrung im Strafraum. Weil die Abwehrspieler meist mit herausrücken, entstehen Lücken im Zentrum, die von gegnerischen Kopfballspezialisten genutzt werden können. Zudem verringert sich durch die kürzere Distanz zum Flankengeber die Reaktionszeit für die Verteidiger und den Torhüter.

Vom Tor weg oder zum Tor hin?

Eine weitere interessante Beobachtung ist, ob die Eckballschützen den Ball häufiger zum Tor hin (A) in Richtung Torhüter oder vom Tor weg (B) und damit weg vom Einflussbereich des Torhüters geschlagen haben. Auch hier gibt es ein eindeutiges Ergebnis. 531 und damit 56 % aller Ecken segelten zum Tor hin, 319 (34 %) führten vom Tor weg. In 10 % aller Fälle (91 Eckbälle) war eine eindeutige Zuordnung nicht möglich. Eckbälle, die zum Tor hin geschlagen werden, sind für den Torhüter einerseits brenzliger, weil eine kurze Berührung des Balles durch einen gegnerischen Angreifer meist ausreicht, um die Flugbahn des Balles so verändern, dass dem Torhüter keine Reaktionszeit mehr bleibt. Andererseits erhöht sich die Abwehrchance für den Torhüter, wenn sich der Ball zu ihm hindreht. Grundsätzlich erschweren dem Keeper in beiden Varianten viel Verkehr vor seinem Tor und bewusstes Blocken der gegnerischen Spieler den Weg zum Ball, so dass sein Zugriff auf das Spielgerät stark eingeschränkt ist.

Wie reagierten die Torhüter auf Flanken?

Die Erkenntnis unterstreicht auch die folgende Grafik, in der erfasst und dargestellt ist, mit welcher Abwehraktion und in welcher Häufigkeit die Torhüter auf Eckbälle reagierten. Die Zeiten, in denen Torhüter in schöner Regelmäßigkeit die Flankenbälle "herunterpflückten", sind vorbei. Seitdem die Torhüter keinen besonderen Schutz mehr im 5-m-Raum haben, werden sie gerempelt, bedrängt und durch gegnerische Spieler blockiert. Das Risiko, im Bewegungsablauf zum Ball oder beim Fangen im Luftkampf angegangen zu werden, ist sehr hoch.

Daher ist es nicht verwunderlich, dass sich die Torhüter bei der WM 2026 in 60 Prozent der Fälle für die Faustabwehr entschieden und nur in 28 % aller Flanken den Ball abfingen. Nimmt man die 18 Prozent noch hinzu, in denen die Torhüter eine Faustabwehr versuchten, wird deutlich, dass die Faustabwehr bei der Abwehr von Eckbällen bei dieser WM deutlich überwog, wobei zu bedenken ist, dass eine versuchte Faustabwehr keine erfolgreiche Aktion ist. Denn unter Bedrängung faustet der Torhüter oft am Ball vorbei oder trifft zumindest den Ball nicht richtig.

In Teil 2, der in Kürze folgen wird, wird euch Markus Krauss darüber informieren, in welchen Zonen des Tores der Torhüter bei Eckbällen besonders häufig gefordert und wie schwer der Ball für ihn zu erreichen war, aus welchen Bereichen es am häufigsten zum Torabschluss kam und aus welchen Zonen nach Eckbällen die meisten Tore erzielt wurden.

Analysen Markus Krauss

Artur Stopper

Artur Stopper

Mit über 25 Jahren Erfahrung als Torwarttrainer weiß Artur, wie Torhüter ticken. Deshalb bevorzugt er Themen, die die Welt der Torhüter ausmachen: Vereinswechsel, Tiefschläge, Pechsträhnen, Höhenflüge, Emotionen, Ersatzbank, Halbgötter, Erfolge.

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