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Das Aufwärmen vor dem Spiel ist ein fester Bestandteil der Spielvorbereitung von der Bundesliga bis zur Kreisklasse. Während früher die Aufwärmung des Torhüters meist nur aus einem Warmschießen bestand, hat sich inzwischen auch im Torwartbereich die Erkenntnis durchgesetzt, dass torwartspezifisches Aufwärmen mehr beinhalten muss als nur Schüsse der Mitspieler auf das Tor. Doch wie wärmt sich ein Torhüter eigentlich richtig auf?

Mit dieser Frage hat sich Fabian Otte, inzwischen Torwarttrainer der Profi-Torhüter von Borussia Mönchengladbach, bereits vor einigen Jahren beschäftigt und dazu die Warm-ups von elf Profitorhütern, vor allem aus der 1. Bundesliga und der belgischen Jupiter Pro League, an Spieltagen während der Saison 2018/19 analysiert. Zudem führte er Interviews mit sieben Profi-Torwarttrainern, die in den untersuchten Warm-ups beteiligt waren, über die Struktur der Warm-ups und befragte sie nach den Gründen, warum sie diesen Ablauf des Programms gewählt haben. Ein Ergebnis seiner Untersuchung bereits vorweg: Nach wie vor ist der Ablauf des Aufwärmprogrammes eher intuitiv und basiert meist auf Erfahrungen des Trainers oder Torhüters. Häufig wird wenig im Detail über diese Routinen gesprochen, und noch seltener werden die Vorgehensweisen genauer analysiert.

Drei Aspekte des Warm-ups hat Fabian Otte in seiner Untersuchung speziell unter die Lupe genommen: Den Aufbau und die Struktur der Warm-ups, das durchschnittliche Volumen, die Wiederholungszahlen sowie das Verhältnis zwischen angesagten/technischen und freien/spielnäheren Aktionen der Torhüter. Dabei ging es Otte nicht um die Bewertung der Warm-ups, sondern rein um eine strukturierte Analyse.

Die Ergebnisse der Studie

a) Wiederholungszahlen in den verschiedenen Bereichen

Fabian Otte stellte durchaus Unterschiede in der Gesamtdauer der Warm-ups der Nummer eins vor den Spielen fest. Die Dauer der Brutto-Warm-up Zeit (mit Pausen) der Nummer eins lag zwischen 23 und 38 Minuten. Zieht man die Pausen ab, bleibt eine Netto Warm-up Zeit zwischen 14 und 24 Minuten. Im Durchschnitt führte jeder Torwart eine Gesamtzahl von 115 Aktionen mit dem Ball durch.

Interessant ist ein genauer Blick auf die Verteilung der 115 Aktionen. Das Ergebnis: 66 Aktionen waren angesagte Bälle ohne oder mit sehr limitierter Entscheidungsfindung. Bei 33 Aktionen war eine technische Entscheidungsfindung verlangt, z.B. freie und ‚unangesagte‘ Grundtechnikbälle. Nur 16 Aktionen beinhalteten komplexere, freie technisch-taktische Entscheidungen (z.B. Flanke aus dem Halbfeld mit Entscheidung – Raumverteidigung oder Fallen für freie Torverteidigungsaktion).

Ebenso interessant ist ein Blick drauf, welche torwartspezifischen Bereiche im Warm-up Anwendung finden und welchen Anteil sie im Aufwärmprogramm haben. Das veranschaulicht die folgende Grafik. Die Systematik in die Bereiche Grundtechniken, Spieleröffnung, Abdruck, 1-gegen-1, Flanken und Mitspielen basiert auf der torwartspezifischen Einteilung nach Rechner & Memmert (2011).

Aufwärmung

Die Grafik zeigt, dass in der Aufwärmung der von Fabian Otte untersuchten Torhüter besonders stark die Bereiche Grundtechniken (Basics) mit 39 % sowie die Spieleröffnung (Distribution) mit 33% aller Aktionen repräsentiert waren, während Abdruck und 1gegen1-Situationen eine eher untergeordnete Rolle spielten.

b) Gemeinsamkeiten in der Struktur der Aufwärmung

Ottes Untersuchung zeigte aber auch, dass sich bestimmte Abläufe in Aufbau der Aufwärmung durchaus ähneln. Die Durchführung der Warm-ups liefen bei den meisten Vereinen/Torhütern in dieser Reihenfolge und mit diesem Aufbau ab, wie ihn die folgende Grafik zeigt. Das Aufwärmtraining begann mit der physischen Aktivierung, dann folgten die Bereiche Grundtechniken, Komplexere Abläufe und Übungen zur Spieleröffnung.

Aufwärmung

Eines wird deutlich: Der Aufbau der Warm-ups zeigt eine stetige Zunahme der Komplexität, nämlich von einfach zu schwerer/komplexer. Worin die angesprochenen Teile inhaltlich bestanden und wie lange sie dauerten, zeigen die folgenden Ergebnisse:

1. Aktivierung (engl. Physical ACTIVATION)

Die Dauer der Aktivierung unterschied sich teils deutlich. Sie betrug zwischen 3.5-12.5 Minuten, je nach Torwart. Die physische Vorbereitung fand überwiegend auf dem Platz (Einlaufen, Stabilität, Mobilität / Beweglichkeit) statt, teilweise wurde sie aber auch in der Kabine durchgeführt, evtl. verbunden mit einer kognitiven Aktivierung. Zum Großteil erfolgte die Aktivierung zudem ohne Ball und isoliert.

2. Basistechniken (engl. BASIC GK Technical Parts)

Der Anteil der Basisübungen betrug bei der Aufwärmung je nach Torhüter zwischen 1.5 - 6 Minuten auf dem Platz. Einfache Grundtechniken, wie zentrale und seitliche Fang- und Falltechniken, Passübungen mit Ballannahme und Flugbällen sowie angesagte Abdrücke hatte dieser Schwerpunkt innerhalb der Aufwärmung zum Inhalt. Meist führten die Torwarttrainer technische Abläufe und angesagte Bälle mit keiner/ sehr stark limitierter Entscheidungsfindung durch, d.h. der Torwart wusste bereits vor dem Schuss, wohin der Ball gespielt wird.

3. Komplexere Abläufe (engl. COMPLEX GK Skills)

In Anschluss an die Basistechniken erfolgten komplexere Abläufe mit einer Dauer zwischen 6:30- 12:30 Minuten, je nach Torwart. Aufwärminhalte waren dabei freie Schüsse (meist freie Grundtechnik- und Abdruckbälle), 1-gegen-1 Situationen (verschiedene Abläufe, Techniken und Übungsformen) und Abläufe in der Raumverteidigung, teilweise in Verbindung mit langen Spieleröffnungen. Aber auch Übungen von gesteigerter Komplexität mit Fokus auf spielnähere Fertigkeiten und technischen Entscheidungen, teilweise auch zum Ende mit komplexeren, technisch-taktischen Entscheidungen (z.B. Flanke aus dem Halbfeld mit Entscheidung – Raumverteidigung oder Fallen für freie Torverteidigungsaktion) waren Bestandteile dieses Teils der Aufwärmung.

4. Spieleröffnung & Torschuss mit dem Team (engl. DISTRIBUTION & Team Shooting)

Den Abschluss des Warm-ups bildeten die Bereiche Spieleröffnung und Torschuss mit dem Team. In sieben von elf von Otte beobachteten Warm-ups konzentrierte sich der Torwart bei der Spieleröffnung noch einmal auf eher technische Abläufe, indem er z.B. Flugbälle zum Torwarttrainer spielte.

Eine Auffälligkeit zeigte die Studie ganz klar: In keinem der elf Warm-ups war die Nummer 1 beim Torschuss mit dem Team noch beteiligt. Sie hatten bereits die Kabine aufgesucht. Diese Aufgabe überließen sie in der Regel dem Ersatztorhüter. Auf Fabian Ottes Frage nach den Gründen für dieses Verhalten gaben die Torwarttrainer meist zwei Überlegungen an. Zum einen wollten sie bei zu vielen Schüssen oder Wiederholung eine physische Überladung vermeiden, zum anderen wollten sie ein ‚Unsicherheitsgefühl‘ verhindern, das sich beim Torhüter breit machen könnte, wenn er bei den Torschüssen der Feldspieler zu viele Gegentore hinnehmen müsste oder andere negative Aktionen hätte.

Eine weitere Beobachtung war auffällig: In allen Warm-ups blieb der Torhüter ohne Kontakt mit den Feldspielern!

Analyse

Artur Stopper

Artur Stopper

Über den Autor

Mit über 25 Jahren Erfahrung als Torwarttrainer weiß Artur, wie Torhüter ticken. Deshalb bevorzugt er Themen, die die Welt der Torhüter ausmachen: Vereinswechsel, Tiefschläge, Pechsträhnen, Höhenflüge, Emotionen, Ersatzbank, Halbgötter, Erfolge.

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