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Dass das Leistungsniveau im Weltfußball immer enger zusammenrückt ist, hat sich bei der kürzlich zu Ende gegangenen FIFA Fußball-Weltmeisterschaft 2026 in den USA, Kanada und Mexiko eindrucksvoll bestätigt. Moderne Datenanalyse, ausgeklügelte Defensivsysteme und weltweit aktive Spieler selbst aus exotischen Ländern ermöglichen es inzwischen auch Außenseitern, sich auf den Gegner einzustellen und spielstarke Mannschaften in ihrer Entfaltung zu behindern. Mit defensiver Kompaktheit machten sie es dem Gegner oft schwer, ihren Abwehrriegel zu überwinden. Deshalb gewannen Standardsituationen in den vergangenen Jahren zunehmend an Bedeutung. Eine besondere Rolle spielen dabei Eckbälle.

Markus Krauss, Torwarttrainer des Drittligisten VfB Stuttgart II und Torwart-Koordinator im NLZ der Schwaben, hat deshalb das Verhalten von Torhütern bei Eckbällen im WM-Turnier 2026 in Kanada, Mexiko und der USA genauer unter die Lupe genommen.

Analyse der Eckbälle bei der WM 2026

Die Anforderungen an die Torhüter haben sich bei Eckbällen deutlich erhöht, seit die Keeper keinen „Sonder-Freiraum“ mehr im Fünfmeterraum genießen. Seither bedrängen Spieler der angreifenden Mannschaft bei Eckbällen den Torwart intensiv. Es wird gezerrt, geblockt und gerangelt, Angreifer und Verteidiger kämpfen um jeden Zentimeter Platz. Hinzu kommt, dass das Überladen von Fünfmeterräumen zugenommen hat. Oft steht der Gegner mit bis zu sechs Angreifern im Torraum, so dass der Torhüter kaum noch Bewegungsfreiheit hat. Markus Krauss hat analysiert, welche Lösungen die Torhüter bei Eckbällen im WM-Turnier gefunden und wie sie auf die Herausforderungen reagiert haben.

Wie stellten sich die Torhüter darauf ein?

Nachdem Markus Krauss im ersten Teil der Analyse untersucht hatte, in welche Zonen vor dem Tor der Ball vom Ausführenden geschlagen wurde, ob die Bälle eher zum Tor hin oder vom Tor weg gedreht wurden und mit welchen Abwehrreaktionen die Torhüter auf die Bälle reagierten, befasst er sich im zweiten Teil der Analyse mit den Fragen, in welchen Zonen er vor allem agierte, wie schwierig die gestellten Aufgaben für den Keeper waren und welche Gegenmittel die Torhüter gegen die Bedrängung durch gegnerische Angreifer wählten.

In welchen Räumen klärte der Torhüter wie oft?

In der folgenden Grafik geht es um die Frage, auf welche Weise und in welcher Zone die Torhüter bei der WM versuchten, den Ball nach einem Eckstoß zu klären. Diese Grafik wurde bereits in Teil 1 der Analyse verwendet. Ergänzend ist in dieser Darstellung aber dargestellt, in welcher Zone die gewählte Abwehrhandlung wie oft erfolgte. Um die Informationen aufzurufen, müsst ihr mit der Maus über den jeweiligen Balken des Diagramms streichen.

Die Grafik verdeutlicht die überragende Rolle der Faustabwehr bei der Verteidigung von Eckbällen. Wie die Zusatzinformationen zeigen, erfolgte in 50 von 60 Aktionen die Faustabwehr im zentralen Raum vor dem Tor, während Abwehraktionen sowohl am ersten Pfosten (5) als auch am zweiten Pfosten (4) kaum ins Gewicht fielen.

Auch wenn der Torhüter Eckbälle abfangen konnte, spielte der zentrale Bereich die entscheidende Rolle. In 28 Abfangaktionen war der Torhüter im zentralen Raum gefordert. Außerhalb dieses Bereichs musste er deutlich häufiger am vorderen (1) als am hinteren Pfosten (6) eingreifen. Die Erklärung ist offenkundig. Durch die längere Flugbahn des Balles hat der Torhüter mehr Zeit, sich auf den Ball einzustellen.

Schaut man sich die Werte bei der versuchten Faustabwehr an, fällt eine andere Auffälligkeit auf. Während keiner der Torhüter den Ball per Faustabwehr am hinteren Pfosten zu klären versuchte, griffen die Keeper 5-mal am vorderen Pfosten ein, wenn auch vergeblich. Dabei versuchten sie in der Vorwärtsbewegung, den Ball bereits kurz zuvor oder im Moment des Kopfstoßes zu klären. Wiederum erfolgten aber die meisten Versuche im zentralen Raum vor dem Tor, nämlich 13 von insgesamt 18.

Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass die Klärung per Faust eine überragende Rolle spielte und die häufigste Abwehrreaktion in der Raumverteidigung bei Eckbällen war. Bei 83 Prozent aller Faustabwehraktionen waren die Torhüter im zentralen Raum vor dem Tor gefordert. Nimmt man alle Abwehraktionen bei Eckbällen zusammen (Fausten, Abfangen, versuchte Faustabwehr), erfolgten 75 % alle Torwart-Aktionen zentral.

Wie schwierig waren die Aufgaben für die Torhüter?

Grundsätzlich hängt die Einstufung des Schwierigkeitsgrades auch vom subjektiven Urteil des Bewerters ab. Wie die folgende Grafik zeigt, beurteilte Markus Krauss die Herausforderungen für den Torhüter beim Abfangen der Bälle in 154 Fällen meist als durchaus anspruchsvoll (gelbe Säulen). Denn in 82 % der Aktionen empfand Markus die Aufgabe als "schwer" (60) oder als "mittel" (67), der mittlere Schwierigkeitsgrad überwog also leicht. Nur bei 27 Eckbällen stufte Markus den Zugriff des Torhüters als "leicht" ein. Die meisten Fälle, in denen die Aufgabe als "schwer" eingestuft wurde, lagen im zentralen Bereich vor dem Tor.

Schwieriger waren die Aufgaben für den Torhüter (rote Balken), wenn er in die Torverteidigung musste, nachdem er den Ball zuvor nicht erreichen oder abfangen konnte. In 51 % aller Fälle bewertete Markus Krauss den Schwierigkeitsgrad bei der Torabwehr für die Keeper als "schwer", während der VfB-Torwarttrainer in 27 % aller Torabschlüsse die Aufgabe als "leicht" empfand.

Wie wehrten sich Torhüter gegen Blocker?

Seit der Torhüter keinen besonderen Schutz mehr im Torraum genießt, haben Störmanöver oder das Blocken des Torhüters stark zugenommen. Es ist nicht immer einfach, das richtige Gegenmittel zu finden, um sich einen gegnerischen Spieler vom Leib zu halten. Interessant ist es deshalb, einen Blick darauf zu werfen, wie sich die Torhüter vorab auf diese Problematik eingestellt haben. Der Befund: In 38 % der Fälle mit Blocker regelte der Torwart die Situation selbst (74) und verzichtet auf einen "Helfer". In 34 % stand ein Verteidiger als „Blocker“ oder Aufpasser neben den Torwart (66), um anstürmende Gegner fernzuhalten oder den Weg freizuschieben.

In nur 10 % aller Aktionen wurde der Angreifer aktiv weggeschoben (20). Der Grund ist wohl, dass in diesem Fall meist eine Rangelei die Folge ist und dadurch der Torhüter durch das Störmanöver in seiner Konzentration und in den gewohnten Bewegungsabläufen gestört ist.

Noch ein weiteres Ergebnis ist ebenfalls interessant. Die Abschlussquote unterschied sich mit Blocker (33,9 %) kaum von ohne Blocker (33,6 %), d.h. ein Blocker ist nicht entscheidend für den erfolgreichen Ausgang einer Eckballsituation.

Analysen Markus Krauss

Artur Stopper

Artur Stopper

Mit über 25 Jahren Erfahrung als Torwarttrainer weiß Artur, wie Torhüter ticken. Deshalb bevorzugt er Themen, die die Welt der Torhüter ausmachen: Vereinswechsel, Tiefschläge, Pechsträhnen, Höhenflüge, Emotionen, Ersatzbank, Halbgötter, Erfolge.

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