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Die Szene wird Thibaut Courtois, dem Welttorhüter von 2018, noch lange in Erinnerung bleiben. In der Saison 2014/15 war der belgische Nationaltorhüter von Atletico Madrid in den Kader des FC Chelsea London gewechselt. Er hatte sich gegen den ehemaligen Welttorhüter (2005) und zehn Jahre älteren Petr Cech zum Saisonbeginn durchgesetzt und war auf dem besten Weg, zu einem der besten Torhüter der Welt heranzureifen. Und dann dieses: Man schrieb den 4. April 2015, als sich folgende Szene ereignete: Sein Mitspieler Eden Hazard verlor auf Höhe des gegnerischen Strafraums den Ball gegen zwei Abwehrspieler von Stoke City. Einer der beiden spielte den Ball sofort auf einen auf Höhe des Mittelkreises wartenden Mitspieler, der den Ball kurz annahm und auf Mittelfeldspieler Charlie Adam zurückpasste. Dieser lief ca. 5 m mit dem Ball und sah, dass Courtois ca. 18 m vor dem Tor stand. Adam fasste sich aus einer Entfernung von 63 m ein Herz und zog ab. Der Ball flog in hohem Bogen über den Chelsea-Keeper hinweg und senkte sich ins Tor. Courtois hatte im Rückwärtslauf noch vergeblich versucht, den Ball mit einer Hand über die Querlatte zu lenken.

Der damalige Chelsea-Torwarttrainer Christophe Lollichon hatte diese offensive Spielweise schon seit Jahren mit dem jungen Petr Cech erfolgreich praktiziert. Für Courtois war diese offensive Anpassung des Torwartspiels zum damaligen Zeitpunkt eher noch ungewohnt. Deshalb war er nicht sehr glücklich darüber, dass ihn diese Spielweise überhaupt abverlangt worden war.

Offensive Spielweise wird heute vom Torhüter erwartet

Einige Jahre sind seither vergangen. Von modern spielenden Torhütern wird heute erwartet, dass sie bei eigenem Ballbesitz mit dem gesamten Mannschaftsverbund weit aufrücken, um als eine Art Libero auf Bälle des Gegners in die Tiefe des Raumes hinter der Abwehrkette handeln zu können. Rückt also die Abwehrkette nach vorne, so bewegt sich die Torhüter mit. Je nach Spielphilosophie des Cheftrainers sollen sich Torhüter teils 20 und mehr Meter vor dem Tor positionieren.

Gleichzeitig sind Torhüter bei dieser Spielweise aber auch immer der Gefahr ausgesetzt, von einem gegnerischen Flugball überlobt zu werden, wenn sie bei einem Ballverlust der eigenen Mannschaft zu weit vor dem Tor stehen. Wie weit sie dabei ihr Tor verlassen, obliegt der Einschätzung jedes Torhüters. Sie ist von der jeweiligen Spielsituation abhängig. Meist wird ihnen nur der Hilfssatz „So weit wie möglich, so tief wie nötig“ für die richtige Wahl ihrer Position im Raum mit auf dem Weg gegeben. Erobert der Gegner den Ball, müssen sie selbst einschätzen, ob ein gegnerischer Spieler aufs Tor schießen und eventuell ein Tor erzielen kann und so ihre Position entsprechend anpassen.

Ein Torwartfehler von Courtois?

Das war offensichtlich bei Courtois nicht der Fall. Insofern kann man ihn nicht von Schuld freisprechen. Allerdings ist es für den Torhüter nicht einfach, die Optionen des Schützen immer richtig einzuschätzen. Im Fall von Courtois konnte der Belgier nicht unbedingt damit rechnen, dass sich ein Spieler aus 63 m überhaupt traut, aufs Tor zu schießen und damit sogar Erfolg hat. Eher musste er aus dieser Distanz mit einem Ball in die Tiefe rechnen. Deshalb plädiere ich in diesem Fall dafür, die außergewöhnliche Leistung des Schützen mit seinem Mut und seiner Zielgenauigkeit anerkennen und Thibaut Courtois mit einem Augenzwinkern aus seiner „Schuld“ zu entlassen.

Torwartspiel

Artur Stopper

Artur Stopper

Über den Autor

Mit über 25 Jahren Erfahrung als Torwarttrainer weiß Artur, wie Torhüter ticken. Deshalb bevorzugt er Themen, die die Welt der Torhüter ausmachen: Vereinswechsel, Tiefschläge, Pechsträhnen, Höhenflüge, Emotionen, Ersatzbank, Halbgötter, Erfolge.

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