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Im Jahr 1992 gab es einige bedeutende Veränderungen im europäischen Fußball. Die Champions League wurde gegründet und der Europapokal der Landesmeister wurde in Champions League umbenannt. Für den Fußball weit bedeutender war jedoch die Einführung der Rückpassregel. Ab sofort war es dem Torhüter nicht mehr erlaubt, einen zu ihm als Rückpass zugespielten Ball mit den Händen aufzunehmen.

Für die Regeländerung gab es gute Gründe. Die WM 1990 war stark geprägt von der Defensivtaktik der teilnehmenden Mannschaften. Das Zeitschinden mittels Ballgeschiebe in der Verteidigung wurde immer beliebter. Setzte die gegnerische Mannschaft die Verteidiger unter Druck, wurde die Aktion mit einem Rückpass zum Torhüter, der den Ball bis dahin mit den Händen aufnehmen konnte, beendet. Noch eklatanter war dieses Verhalten bei der EM 1992 festzustellen, als der spätere Europameister Dänemark die Angriffsbemühungen des Gegners vor allem mit Rückpässen auf Torhüter Peter Schmeichel bremste.

Neue Regel verändert das Spiel

Trotz anfänglicher Bedenken erwies sich die Regeländerung schnell als positive Entwicklung für das Fußballspiel, denn das Spieltempo wurde dadurch deutlich erhöht. Für Stürmer lohnte es sich, den Rückpässen schnell nachzusetzen. Die Verteidiger hingegen waren nun gefordert, im Zusammenspiel mit dem Torhüter spielerische Lösungen zu finden, um sich vom Gegnerdruck zu befreien. Torhüter waren quasi über Nacht in puncto Ballkontrolle und Passtechnik gefordert. Nicht wenige beschränkten sich darauf, den Ball auf die Tribüne zu klären, weil ihre fußballerischen Fähigkeiten zur damaligen Zeit nicht ausreichten, spielerisch andere Lösungen zu finden.

Die Niederländer hingegen waren ihren europäischen Konkurrenten schon einen Schritt voraus. Johan Cruyff, von 1985 – 1988 Trainer bei Ajax Amsterdam und anschließend acht Jahre bei FC Barcelona, hatte schon damals Vorstellungen von einem anderen Torwartspiel. Selbst kein Torhüter, hing er möglicherweise weniger in gängigen Vorstellungen zum Torwartspiel fest. In seinen Augen kam es beim Torwartspiel weniger auf den Einsatz der Hände an, sondern Gruyff sah im Torhüter den elften Feldspieler, der Angriffe einleiten und hinter einer weit aufgerückten Abwehrkette aus Libero und Ausputzer fungierte. In seiner Denkweise ging es weniger um Reflexe, Sprünge und Kraft, sondern vor allem um Geschwindigkeit, Spielverständnis und Passtechnik. Entsprechend experimentierte er schon frühzeitig mit dieser Idee. Für Torhüter alter Schule hatte das zur Folge, dass sich z.B. beim FC Barcelona Torwart-Legende Andoni Zubizaretta (126 Länderspiele für Spanien) plötzlich auf der Ersatzbank wiederfand, weil Cruyff auf Torhüter mit Technik am Fuß anstatt auf Linientorhüter setzte.

Die Zeit war reif für Edwin van der Sar

In der Folge entwickelte Louis van Gaal diese Ideen weiter, als er Cheftrainer bei Ajax wurde. Die Zeit von Edwin van der Sar begann. Dank seiner Grundausbildung als Feldspieler revolutionierte er das Torwartspiel. Bis dahin Ersatztorhüter bei Ajax Amsterdam brachte ihn diese Regeländerung entscheidende Vorteile. „“Die Rückpassregel änderte mein Leben, weil ich bereits gut mit den Füßen war,“ erinnerte sich der 1,97 m große Riese nach seiner aktiven Laufbahn. Inzwischen agierte bei Ajax auch Franz Hoek als Torwarttrainer, der diese neue Betrachtung des Torwartspiels entscheidend mit beeinflusste. „Wir sahen uns an, welche Qualitäten ein Ajax-Torhüter haben musste, und Edwin besaß fast alle. Er hatte ein gutes Gefühl für den Raum vor dem Tor und konnte sichere Pässe spielen. Vielen Torhütern fiel das schwer, da die meisten von ihnen `Linientorhüter` waren, die im Tor bleiben und vor allem gelernt haben, Schüsse zu parieren. Dank seiner Größe hatte er auch eine enorme Reichweite. Er besaß eine unheimliche Ruhe, was ihm zu einem ausgezeichneten Ausgangspunkt für den Spielaufbau machte. Und er war ehrgeizig und nahm die Ratschläge der Trainer an“, beschrieb Franz Hoek einmal die Gründe für Entscheidung für Edwin van der Sar.

Der 130-malige niederländische Nationaltorhüter glänzte selten mit spektakulären Paraden. Seine Spielweise war eher langweilig, effizient und geschäftsmäßig. Van der Sar sah seine Aufgabe einfach darin, „die Bälle zu halten, die man halten sollte“. Der Keeper wurde ab sofort ein Teil des gepflegten Spielstils, den Ajax unter der Regie von van Gaal entwickelte und seinen Ursprung im umsichtigen Spiel des Ajax-Schlussmanns hatte. Als Ajax die Champions League gewann, hatte Johan Cruyff – zu der Zeit Cheftrainer beim FC Barcelona - anerkennende Worte für van der Sar übrig. Er bezeichnete den Ajax-Keeper als Schlüsselspieler der Mannschaft.

Van der Sars Spielweise Vorbild für spätere Keeper

Der Einfluss von Edwin van der Sar auf die spätere Torhütergeneration war groß. Auch für Manuel Neuer wurde er zur Orientierung. „Einer der ersten Neuerer war Edwin van der Sar, der viel mit den Füßen spielte und die Position auf ein neues Niveau hob“, erklärte der fünfmalige Welttorhüter später. „Seine Spielweise inspirierte mich, und die Philosophie von Ajax gefiel mir. Auch andere Top-Torhüter nennen den 130-fachen niederländischen Ex-Nationaltorhüter als wichtigstes Vorbild, wie z.B. Thibaut Courtois (Belgien), David de Gea (Spanien) oder Vincent Enyema (Nigeria).

Mit Edwin van der Sar als Torhüter und den niederländischen Vordenkern Johan Cruyff und Louis van Gaal wurde eine Epoche eingeleitet, die das zukünftige Torwartspiel bestimmen sollte. Heutzutage gehören fußballerische Fähigkeiten zum Grundrepertoire eines jeden Torhüters. Ohne diese Qualitäten bleibt der Weg in den bezahlten Fußball verschlossen.

Torwartspiel

Artur Stopper

Artur Stopper

Über den Autor

Mit über 25 Jahren Erfahrung als Torwarttrainer weiß Artur, wie Torhüter ticken. Deshalb bevorzugt er Themen, die die Welt der Torhüter ausmachen: Vereinswechsel, Tiefschläge, Pechsträhnen, Höhenflüge, Emotionen, Ersatzbank, Halbgötter, Erfolge.

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