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Der englische Meister Manchester City zog am Mittwoch mit einem 2:1-Sieg gegen die TSG Hoffenheim erwartungsgemäß als Gruppensieger ins Achtelfinale der Champions League ein. Allerdings stemmten sich die Kraichgauer nach Kräften gegen die Niederlage und gingen sogar mit 1:0 in Führung. Dass sich die TSG Hoffenheim nach der Gruppenphase aus der Champions League verabschieden würde, stand bereits vor dem Anpfiff fest. Hoffnung bestand aber noch auf die Teilnahme an der Europa League. Deshalb verteidigten die Nordbadener diesen Funken Hoffnung mit Leidenschaft. Trotz 70 Prozent Ballbesitz des Gegners verdienten sich die Gäste auf der Insel Respekt und hatten durchaus gute Möglichkeiten. Der deutsche Nationalspieler Leroy Sané machte den Traum aber letztlich mit zwei Toren zunichte.

Allerdings hätte der Sieg der Citys durchaus noch deutlich höher ausfallen können. Sie vergaben aber zahlreiche hochkarätige Chancen oder fanden im überragenden Gäste-Schlussmann Oliver Baumann ihren Meister. Dabei scheint mir eine Abwehraktion Baumanns aus Torwartsicht besonders wert, isoliert betrachtet und gewürdigt zu werden, weil sie weit mehr verlangte als „richtig stehen“ und „Abdruck“. Grundlage ihres Gelingens waren vor allem eine gute Vororientierung, Antizipation, Wahrnehmung und eine sich ständig verändernde und neu anzupassende Positionierung. So gelang es Baumann, aus einer völlig chancenlosen Situation einen Big Save zu machen.

Der Ablauf der Szene in der 54. Minute

Bei einem Hoffenheim Angriff befinden sich alle Spieler beider Mannschaften, mit Ausnahme von Oliver Baumann, in der Spielhälfte von Manchester City. Ein Hoffenheimer Angreifer hat sich auf der linken Angriffsseite gegen einen Gegenspieler durchgesetzt und dribbelt in der Nähe der Torauslinie in den gegnerischen Strafraum. Als er von einem Abwehrspieler der Engländer angegriffen wird, will er einen Rückpass zu einem Mitspieler spielen, der völlig ungedeckt ca. 11 m etwas seitlich versetzt vor dem Tor steht. Weitere gegnerische Abwehrspieler befinden sich auf Höhe der 5-m-Linie. Ein Abwehrspieler erkennt die Absicht des Hoffenheimer Angreifers, erläuft den Rückpass und spielt den Ball direkt in den Lauf des sofort gestarteten City-Angreifers Raheem Sterling. Neben Sterling erkennen auch die beiden anderen City-Stürmer Leroy Sane und Bernardo Silva sofort die Situation und spurten in höchstem Tempo auf nahezu gleicher Höhe in einem Abstand von ungefähr 6 m nebeneinander auf das Tor von Oliver Baumann zu. Zwei Hoffenheimer Abwehrspieler setzen nach, ohne jedoch wirklich ernsthaft den Konter unterbinden zu können.

Eine fast ausweglose Situation rollt auf Hoffenheims Schlussmann zu. Eigentlich hat er keine Chance gegen drei gegnerische Angreifer, zumal er nicht auf die Hilfe seiner Mitspieler bauen kann. Aber sein äußerst geschicktes Verhalten bringt ihn in gute Positionen. Statt dem Ballführenden entgegen zu spurten, um eventuell den Winkel zu verkürzen, macht er genau das Gegenteil. Er lässt sich bis auf Höhe der 5-m-Linie zurückfallen. Er hat erkannt, dass er keine Chance hat, wenn er den ballführenden Spieler attackieren würde. Ihm ist klar, dass Sterling dann den Ball quer zu einem Mitspieler passen würde, sobald Baumann näher an ihn heranrücken würde. Allerdings hätte Baumann wohl auch kaum eine Chance, wenn er sich nur passiv und abwartend verhalten würde.

Da kommt Baumann ein genialer Einfall. Als sich Sterling ca. 20 m vor der Tor der Hoffenheimer befindet, täuscht Baumann durch eine kurze Vorwärtsbewegung einen Spurt an, bricht ihn aber sofort wieder ab. Sterling hat Baumanns Verhalten wahrgenommen und spielt nun den Ball quer nach links vorne zu seinem mitgelaufenen Stürmer-Kollegen Sane. Baumanns Täuschungsmanöver hat Erfolg. Er macht sich in Kreuzschritten sofort auch den Weg in Richtung Sane, um die Linie zum Tor wieder zu schließen. Sane erreicht den leicht nach vorne gespielten Ball ca. 10 m vor dem Hoffenheimer Tor. Da sich Baumann durch seine gute Antizipation bereits wieder richtig positioniert hat und deshalb der Weg zum Tor versperrt ist, lässt Sane den Ball direkt zu seinem Mitspieler Silva prallen. Silva nimmt der Ball kurz mit dem linken Fuß an und sucht den Abschluss mit dem zweiten Ballkontakt. Diesen Moment nutzt Baumann, um mit zwei kurzen Schritten näher an Silva heranzurücken und dann den Block zu setzen. Seine Rechnung geht auf. Der Ball prallt von Baumanns Körper ins Toraus.

Warum mich diese Szene beeindruckt hat? Sie zeigt, dass ein Torhüter eine Situation manchmal durch kluges und überlegtes Handeln besser lösen kann, als wenn er sich in die Schussbahn gegnerischer Bälle wirft, den Hals riskiert, obwohl dem gegnerischen Stürmer gerade der Sinn nach einem Frustfoul steht, oder einen Ball mit voller Wucht und aus nächster Nähe mit seinem Gesicht abwehrt. Wirklich gute Torhüter lesen ein Spiel. Aber natürlich können auch sie in bestimmten Situationen auf die zuvor beschriebenen „Zutaten“ nicht verzichten.

Blickpunkt1. BundesligaOliver BaumannTSG 1899 Hoffenheim

Artur Stopper

Artur Stopper

Über den Autor

Mit über 25 Jahren Erfahrung als Torwarttrainer weiß Artur, wie Torhüter ticken. Deshalb bevorzugt er Themen, die die Welt der Torhüter ausmachen: Vereinswechsel, Tiefschläge, Pechsträhnen, Höhenflüge, Emotionen, Ersatzbank, Halbgötter, Erfolge.

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