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„Wir sind respektvoll, menschlich und fair.“ Diesen Satz kann man im Leitbild des Zweiligisten Dynamo Dresden auf der Homepage nachlesen. Ein schöner und höchst edler Satz. Von Bedeutung ist er allerdings nur, wenn er auch gelebt wird. Davon sind allerdings die Sportfunktionäre sowie die sogenannten „Fans“ des ostdeutschen Zweitligisten weit entfernt. Was momentan mit dem gerade einmal 20 Jahre alten U20-Nationaltorhüter Markus Schubert in der Hauptstadt Sachsens passiert, erinnert eher an ein Kesseltreiben gegen den jungen Schlussmann als an einen respektvollen, menschlichen oder fairen Umgang, wie ihn sich die Verantwortlichen auf die Fahnen geschrieben haben. Bei Dynamo sind diese Adjektive offensichtlich leere Worte ohne tiefere Bedeutung!

Was war geschehen?

Der 1998 im sächsischen Freiberg geborene Schubert spielt seit 2011 für Dynamo und gilt deshalb als Aushängeschild des Vereins. Seit einiger Zeit steht fest, dass er seinen Ausbildungsverein zur kommenden Saison verlassen wird. Der Zweitligist hätte den auslaufenden Vertrag mit dem Torwart gerne verlängert, doch Schubert lehnte das Angebot ab und kündigte seinen Wechsel an. Wohin sein Weg führen wird, ist noch nicht klar. Laut Aussagen verschiedener Medien soll er aber in Kontakt stehen mit einem Bundesligisten. Eigentlich ist nichts Ungewöhnliches passiert. Schubert, der zu den begabtesten Nachwuchstorhütern in Deutschland gehört, geht seinen sportlichen Weg, und das bei deutlich höheren finanziellen Bezügen. Daran kann nichts verwerflich sein. Er ist Teil des inzwischen in der Branche alljährlich übliche Wechselspiels am Ende einer Saison. Und im Gegensatz zu manchen Profis, die einen gültigen Vertrag besitzen und dennoch Wechselabsichten haben oder den Wechsel sogar erzwingen, war sein Vertragsverhältnis beendet.

Das Verhalten der sogenannten „Fans“

Die sogenannten Fans von Dynamo Dresden sehen das jedoch anders. Nachdem bekannt wurde, dass Schubert seinen Vertrag in Dresden nicht verlängert, wurde er beim Auswärtsspiel in Ingolstadt von den mitgereisten Dynamo-Fans ausgepfiffen und der Ersatztorwart besungen. Zudem zeigten Dynamo-Fans ein offenbar an Schubert gerichtetes Spruchband, auf dem „Spieler kommen, Spieler gehen - Doch du bist die größte Hure!“ geschrieben stand.

Dass sich bei Fans Enttäuschung breit macht, wenn ein Leistungsträger und Aushängeschild den Verein verlässt, ist verständlich. Das ist bei Fans anderer Vereine nicht anders als bei Dynamo. Laut Angaben der Ultras Dynamo war aber der Unmut über die Art und Weise, wie Schubert seine Entscheidung getroffen haben soll, größer als die Wechselabsicht selbst. So sollen der Verein und die Fans ein Jahr lang um Schubert gekämpft haben. Der Torwart soll mehrere Angebote von Dynamo erhalten und persönliche Gespräche mit Fans aus dem K-Block geführt haben. Schubert habe daraufhin einen möglichen Verbleib bei Dynamo in Aussicht gestellt. Spätestens hier muss man als neutraler Beobachter hellhörig werden. Fans aus dem K-Block führen persönliche Gespräche über eine Vertragsverlängerung? Dazu muss man wissen, dass die Ultra-Szene von Dynamo Dresden bereits schon mehrfach durch aggressive und rücksichtslose Verhaltensweisen sowie mit rechtsradikalen und die Menschenwürde verletzenden Parolen aufgefallen ist. Man braucht nicht viel Phantasie, um sich vorstellen zu können, wie die Gespräche des 20-jährigen Keepers mit diesem Typ Mensch wohl verlaufen sind. Zudem muss ein intensives Bemühen um eine Vertragsverlängerung nicht automatisch bedeuten, dass der Gegenüber das Vertragsangebot auch annimmt.

Begründet wird die herabwürdigende Reaktion der Ultras gegenüber Schubert mit der besonderen Liebe der Dynamo-Fans mit ihrem Verein. Und jeder, der diese Reaktionen nicht versteht, kann „die Emotionen, die Verbundenheit und die Hingabe der Dynamofans nie nachvollziehen“, ist auf der Internetseite der Ultras nachzulesen. Aus dieser Leidenschaft und Loyalität leiten sie das Recht ab, über den Lebensweg eines jungen Sportlers bestimmen zu können. Wie leer das Leben dieser Anhänger ohne den Verein sein muss, zeigt der Satz, der am Ende nach ihrer Ansicht gilt: „Nichts ist größer als der Verein!“ Der Verein wird zur Projektionsfläche für im eigenen Leben unerfüllte Wünsche!

Für diesen Teil der Anhängerschaft ist es inzwischen auch zur Selbstverständlichkeit geworden, dass sich Fußballer beim Training oder im Spiel beleidigen lassen müssen, denn das ist nach ihrer Ansicht "wahrlich nichts Neues“. Auf und neben dem Fußballplatz sei die Sprache eben derb. Es wäre den Versuch wert, diesen Menschentyp einmal mit heutzutage durchaus gebräuchlichen Schimpfwörtern zu beleidigen mit dem Hinweis, dass die Ausdrucksweise in der Gesellschaft heutzutage so sei. Ob man dann auf eine friedfertige Reaktion hoffen kann? Gegenüber Profi-Fußballern darf man das hingegen, sie sind inzwischen wohl Freiwild!

Verhalten und Reaktionen des Vereins

Bemerkenswert ist das Verhalten des Teams, das hinter dem Schlussmann stand. „Er hat eine hervorragende Saison gespielt, wir haben ihm viel zu verdanken. Ihn die letzten Spiele jetzt so darzustellen, ist schon respektlos“, erklärte Niklas Kreuzer nach der Partie. Und auch Kapitän Sören Gonther positionierte sich klar gegenüber dem geschmacklosen Plakat im Gästeblock: "Dieses Plakat ist ein absolutes No-Go. Dass wir da als ganze Mannschaft reingehen, haben wir gemeinsam beschlossen und ist selbstverständlich. Das hat nichts mit Unterstützung zu tun.“ Statt in die Fankurve zu gehen, verschwand das Team geschlossen in die Kabine.

Die Reaktionen des Trainers und des Sportvorstandes hingegen waren deutlich weniger klar. Weil sich das nächste Heimspiel für Schubert durchaus zum Spießrutenlauf hätte entwickeln können, hatte Trainer Cristian Fiel Schubert für das nächste Heimspiel gegen St. Pauli aus dem Kader gestrichen. „Es ist eine Entscheidung, die mir schwer fällt. Schubert ist 20 Jahre alt, er könnte mein Sohn sein. Meinem Noah würde ich das nicht zumuten wollen, was da auf ihn zukommen würde", nannte Fiel seine Gründe. Diese Begründung ist nachvollziehbar, eine Bewertung des Fan-Verhaltens fehlt aber. Unklar bleibt außerdem, ob Fiel die Entscheidung aus freien Stücken oder auf Druck der Ultras getroffen hat, denn „Die Fans von Dynamo sind eine Macht!“, wie der Schlusssatz auf ihrer Internetseite lautet. Es wäre nicht das erste Mal gewesen, dass sie Ultras Einfluss auf Entscheidungen bei Dynamo Dresden genommen haben.

Gesondert betrachten muss man das Verhalten von Sportvorstand Ralf Minge. Angesprochen auf die Beleidigungen Schuberts durch die Dynamo-Fans betonte er, dass die Anhänger das Recht hätten, ihre Meinung zu äußern. Dieses Recht kann man in einem freien Land selbstverständlich niemand absprechen. Die Stilfrage scheint für ihn keine Rolle zu spielen. Ganz im Gegenteil. Er gießt noch zusätzlich Feuer in das Geschehen, indem er Schubert Undankbarkeit vorwirft. „Als Schubert in Dresden unterschrieb, wusste keiner, wie es sportlich und wirtschaftlich weitergeht. Und trotzdem: er bekam jede Förderung. Es war ein gemeinschaftliches Investment in einen Spieler", erklärt der Sportchef. Ob Ralf Minge wohl ähnlich einfühlsame Gedanken beschleichen, wenn er Spieler von anderen Vereinen abwirbt? Über die Wut der Fans gegenüber dem 20-Jährigen sagte Minge: "Das ist wie bei einer Ehe. Man ist jahrelang verliebt und sagt sich, lass uns heiraten. Die ersten Probleme gibt’s schon bei der Terminfindung. Und dann kommt der Partner plötzlich heim und sagt, ich heirate jemand anderes. Da kehrt sich Liebe schnell ins Gegenteil um." Man kann kaum glauben, dass Minge schon seit vielen Jahren im Fußball-Geschäft tätig ist, wenn er eine Liebesbeziehung zwischen zwei Menschen mit den Modalitäten im Geschäft Fußball gleichsetzt. Er tut so, als würden Profi-Fußballer nur aus lauter Liebe zum Verein einen Vertrag unterschreiben und sich auf ewig nur mit dem Verein ihres Herzens verbinden wollen, wie das in einer Ehe zumindest das Ziel ist. Warum äußert er nicht ehrlich, dass das Geschäft Profi-Fußball viel weniger emotional funktioniert, als es gerne von Funktionären aus wirtschaftlichen Gründen propagiert wird, und vor allem nichts mit Liebe zu tun hat. Die Wahrheit ist, dass Profi-Fußballer nur in einem begrenzten Zeitfenster die Möglichkeit haben, ihre finanzielle Zukunft zu sichern oder ihre sportlichen Ziele zu erreichen, und diese Option nach besten Möglichkeiten wahrnehmen.

Minge sollte sich vielmehr fragen, warum er nicht schon rechtzeitig mit dem Nachwuchstorhüter einen Vertrag abgeschlossen hatte, der Dynamo Dresden bei einem Wechsel Schuberts eine entsprechende Ablösesumme sichert. Einfacher für ihn ist, mit dem Finger auf den Anderen als Schuldigen zu zeigen. Im Übrigen wäre es sehr interessant, verfolgen zu können, was passieren würde, wenn Ralf Minge von einem anderen Verein ein Angebot zu deutlich verbesserten Bezügen erhalten würde. Ob da sein so oft beschworenes Dynamo-Herz wohl an der gleichen Stelle bleiben würde?

BlickpunktDynamo Dresden2. BundesligaMarkus Schubert

Artur Stopper

Artur Stopper

Über den Autor

Mit über 25 Jahren Erfahrung als Torwarttrainer weiß Artur, wie Torhüter ticken. Deshalb bevorzugt er Themen, die die Welt der Torhüter ausmachen: Vereinswechsel, Tiefschläge, Pechsträhnen, Höhenflüge, Emotionen, Ersatzbank, Halbgötter, Erfolge.

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