Wird geladen

Login

GoalGuardGoalGuard Steady Status

Jetzt Videolisten erstellen

Es gab Zeiten, in denen man einem Torhüter fußballerisch wenig abverlangte. Oft trauten ihm die Mitspieler nicht einmal Bodenabschlag zu, der wurde meist von einem der Abwehrspieler übernommen. Deshalb war der Aufgabenbereich des Torhüters meist auf die Torverteidigung beschränkt. Seit etwa zwei Jahrzehnten hat sich das grundlegend verändert. Neben anderen Aufgaben ist der Torhüter inzwischen auch in hohem Maße an der Spieleröffnung beteiligt. Er muss heutzutage in der Lage sein, neben einem sicheren Passspiel auch lange Bälle über eine große Distanz zielgenau auf Zielspieler zu schlagen. Es ist erstaunlich, welche außergewöhnliche Entwicklung die Torhüter im Laufe der letzten zwei Jahrzehnte genommen haben und was heute können müssen. Statt einer respektvollen Anerkennung dieser Leistung machen inzwischen manche Reporter den Torhüter mitverantwortlich, wenn ein langer Flugball um 35 m beim Gegner angekommen ist und sich aus diesem Pass nach der Balleroberung des Gegners ein Gegentor entwickelt hat. So geschehen im Fall Roman Bürki.

Was war geschehen?

Um den Ablauf der angesprochenen Spielsituation zu verstehen, haben wir euch die Spielszene, die zum 1:0 von Bayer Leverkusen im Spiel gegen Borussia Dortmund führte, grafisch anschaulich dargestellt.

In der 14. Minute schlägt Dortmunds Schlussmann Roman Bürki, ca. 15 m vor seinem Tor stehend, einen langen Ball über etwa 35 m auf die rechte Dortmunder Spielfeldhälfte, weil dort die drei BVB-Spieler (Reus (8), Sancho (7), Meunier (24)) relativ dicht beieinanderstehen. Der Ball landet aber auf dem Kopf von Bayer 04-Linksverteidiger Wendell (18), der vom Dortmunder Sancho zwar halbherzig angelaufen, aber nicht am Kopfball gehindert wird. Wendell köpft deshalb nahezu unbehindert den Ball zu seinem ca.sechs Meter von ihm entfernt stehenden Mitspieler Leon Bailey (9). Dieser muss den Ball mit seinem linken Fuß zuerst am Körper vorbei auf seine linke Körperseite legen, um ihn auf seinen starken linken Fuß zu legen. Die drei Dortmunder Spieler Reus, Menieur und Bellingham betrachten das Geschehen aus sicherem Abstand, ohne Druck auf Bailey auszuüben. Zum leichteren Verständnis des weiteren Ablaufs der Spielsituation haben wir euch das Spielgeschehen in der Dortmunder Spielhälfte in einer weiteren Grafik verdeutlicht.

Während sich Bailey (9) dreht und den Ball auf seinen linken Fuß legt, erkennt Leverkusens Daiby (13) auf der gegenliegenden Spielfeldhälfte gedankenschnell seine Chance und läuft in Hummels (15) Rücken seinem Gegenspieler Guerreiro (13) im Vollsprint weg. Bailey nimmt seinen durchstartenden Mitspieler wahr und spielt von der Mittellinie aus einen herrlichen Diagonalpass über zwei BVB-Ketten hinweg in den Lauf von Diaby, der den Ball lehrbuchmäßig annimmt und ihn am herauseilenden Bürki vorbei ins Dortmunder Gehäuse versenkt. Da Bürki den ersten langen Pass auf einem Spielspieler geschlagen hatte, aus dem sich die weitere Spielszene entwickelte, machen manche Journalisten den Dortmunder Schlussmann mitverantwortlich für das Gegentor. Aber ist er das wirklich?

Ist Bürki mit seinem Fehlpass für das Gegentor mitverantwortlich?

Nach dem ehemaligen Trainer Lucien Favre scheint jetzt Roman Bürki zur Zielscheibe der Dortmund-Kritiker zu werden. Anders ist jedenfalls nicht zu erklären, dass Bürki mit seinem Pass über 35 m auf Wendells Kopf von Medien und Kritikern für das Dortmunder Gegentor mitverantwortlich gemacht wird. Offenbar wird inzwischen von manchen Reportern erwartet, dass der Torhüter einen 35 m-Pass punktgenau zum Mitspieler bringt. Eine Leistung, der auch Feldspieler oft nicht gerecht werden. Und wenn der Torhüter diesen Ball nicht sicher unterbringt, hat er nach ihrer Meinung Teilschuld. Eine fragwürdige Schuldzuweisung, zumal nach meiner Wahrnehmung einige BVB-Feldspieler weit mehr zum Gegentor der Leverkusener beigetragen haben. Denn für mich ist das Tor das Ergebnis einer Aneinanderreihung von fragwürdigem taktischen Verhalten einiger BVB-Spieler und dem Fehlen einer inneren Einstellung.

Fehler 1: Warum bemüht sich eigentlich keiner der Zielspieler, Bürkis lang geschlagenen Ball im Luftduell mit Wendell zu erobern? Bei entsprechender Aufmerksamkeit hätten sie rechtzeitig erkennen müssen, dass der Ball eher auf dem Kopf von Wendell landet und hätten deshalb den Leverkusener Abwehrspieler im Sprung so bedrängen müssen, dass er den Kopfball nicht kontrolliert weiterleiten kann. Stattdessen beobachten sie das Geschehen aus sicherem Abstand.

Fehler 2: Als Wendell den Ball per Kopf zu Bailey weiterleitet, befinden sich drei Dortmunder Spieler in der Nähe des Leverkusener Außenbahnspielers, in einem Abstand von ca. 6 m. Zumindest einer der drei BVB-Spieler hätte den Moment, als Bailey den Ball an der linken Körperseite vorbei auf seinen linken Fuß legt, dazu nützen müssen, die Distanz zu ihm zu verringern und dadurch eventuell den langen Pass zu verhindern. Aber weit gefehlt, alle drei Dortmunder halten die allerdings nicht für sie geforderten Abstandsregeln ein.

Fehler 3: Dortmunds Außenspieler Guerriero bietet sich bei Ballbesitz von Bürki -taktisch richtig - außen an, um das Spiel in der Breite zu öffnen. Spätestens als er aber erkennt, dass der von Bürki gespielte Ball keinen Dortmunder Spieler erreicht, hätte er sich wieder nach innen bewegen müssen, um den Weg für den schnellen Diaby rechtzeitig zu schließen. Schließlich dürfte sich Diabys Schnelligkeit auch in Dortmund herumgesprochen haben. Stattdessen verharrt er an der Außenlinie, so dass Diaby im Spurt den Ball von Bailey fordern und wenig bedrängt abschließen kann.

Fehler 4: Den letzten Fehler begeht nach meiner Meinung Dortmunds Innenverteidiger Mats Hummels. Mit dem Zuspiel Wendells auf Bailey bewegt er sich sofort ballorientiert in Richtung des Spielgeräts, ohne allerdings zur Kontrolle einen Blick hinter sich zu werfen, ob der Raum hinter ihm besetzt ist oder wird. Einem Organisator der Abwehr dürfte dieses Verhalten aber nicht fremd sein. So kann Diaby nahezu ungehindert in diesen offenen Raum vorstoßen.

Nach so viel taktischem Fehlverhalten und fehlender innerer Einstellung seiner Vorderleute das Gegentor mit an Bürki festzumachen, ist deshalb aus meiner Sicht mehr als fraglich. Es ist allgemein bekannt, dass lange Flugbälle immer ein weit höheres Risiko an Ballverlust beinhalten, denn nur etwa 25 % davon kommen beim Mitspieler an. Dennoch sind sie ein taktisches Mittel, um den Mitspielern die Chance auf den sogenannten zweiten Ball zu verschaffen. Was aber, wenn sich die Mitspieler gar nicht um diesen Ball bemühen? Muss dann der Torhüter die Verantwortung dafür übernehmen?

Statt Bürkis hervorragende Leistung in diesem Spiel - Diaby scheiterte gleich zweimal freistehend an Bürki (27., 35.) und ein Distanzschuss wurde von ihm ebenfalls entschärft (43.) - in den Mittelpunkt der Berichterstattung zu stellen, bestimmen wieder einmal die Nörgler und selbsternannten Experten die Wahrnehmung von Roman Bürki in der Öffentlichkeit. Zweifelsohne zeigte der BVB-Schlussmann in der laufenden Saison neben einigen überragenden Paraden, die staunen ließen, auch immer wieder Schwächen. Die Frage, ob der Schweizer Schlussmann den Ansprüchen eines Champions-League-Klubs genügt, darf deshalb wie bei jedem anderen Torhüter sicherlich gestellt werden. Speziell bei Bürki scheint mir die Beurteilung seiner Leistungen stark vom Blick in die Vergangenheit geprägt zu sein. Aber auch er hat Anspruch auf eine faire und sachkundige Bewertung. Und manchmal sollte man einfach die Kirche im Dorf lassen.

Analyse

Artur Stopper

Artur Stopper

Über den Autor

Mit über 25 Jahren Erfahrung als Torwarttrainer weiß Artur, wie Torhüter ticken. Deshalb bevorzugt er Themen, die die Welt der Torhüter ausmachen: Vereinswechsel, Tiefschläge, Pechsträhnen, Höhenflüge, Emotionen, Ersatzbank, Halbgötter, Erfolge.

Weiterführende Artikel Zur Themenseite