Die Art, wie Profi-Mannschaften heutzutage in einem Fußballspiel verteidigen, erinnert ein wenig an die Sportart Synchronschwimmen. In beiden Sportarten laufen die Bewegungen der Sportler fast synchron ab, wie von einer unsichtbaren Hand gelenkt und gesteuert. Nicht nur die Abwehrreihe und der Torhüter agieren als eine Einheit, sondern alle Spieler sind in ein taktisches System eingebunden, das vom Trainer vorgegeben ist. Denn damit das gemeinsame Verteidigen gelingt, braucht es eine kompakte Abwehrformation, gute Kommunikation, das Verschieben der Kette und eine aktive, raumorientierte Positionierung des Torwarts.
Aber auch eine gut eingespielte Abwehrreihe kann durch kreative Momente der gegnerischen Angreifer aus den Angeln gehoben werden. Doch welche kreativen Momente des Gegners führen besonders häufig zu Gegentoren? Thomas Eidler, Gesamtleiter der Traineraus- und -fortbildung beim Österreichischen Fußball-Bund, hat diese Frage analysiert. Um herausfinden, ob mehr Treffer aus Abschlusspositionen vor der Abwehrkette oder mehr Treffer aus Abschlussaktionen hinter die Abwehrkette, also wenn der Ball zuvor auf einen einlaufenden Mitspieler gespielt worden war, erzielt werden, hat er alle in der Saison 2024/25 in der Österreichische Bundesliga erzielten Treffer unter die Lupe genommen. Gemäß seiner Fragestellung unterteilte er die Abschlusssituationen in „vor der Abwehrkette“ und „hinter der Abwehrkette“. Außerdem untersuchte Edler, welche Muster und Strukturen am häufigsten zu Gegentoren führten. Goalguard greift auf seine Ergebnisse zurück und stellt Überlegungen an, wie sich der Torhüter auf diese verschiedenen Situationen einstellen und so die jeweilige Herausforderung bestmöglich lösen kann. Im ersten Teil konzentrieren wir uns auf das Betrachten von erfolgreichen Torschlüssen, die „vor der Abwehrkette“ erfolgten.
Abschlüsse „vor der Abwehrkette“
Mit Abschlusssituationen „vor der Abwehrkette“ sind alle Spielsituationen bezeichnet, bei denen einer Mannschaft im Ballbesitz eine Abwehrkette gegenübersteht, die es mit Kreativität oder individuellen Stärken zu überwinden gilt. Dafür stehen der angreifenden Mannschaft verschiedene Optionen zur Verfügung. Welche sind das, und welche sind besonders erfolgversprechend?
Welche Abschlüsse sind besonders erfolgreich?
Bei seinen Untersuchungen aller in der Saison 2024/25 in der Österreichischen Bundesliga erzielten Treffer, die aus Abschlusssituationen vor der Abwehrkette entstanden, fand Thomas Eidler bei der Analyse von 194 Toren heraus, dass vor allem zwei Vorgehensweisen und Angriffskonzepte zum Erfolg führten:
Wie die Grafik zeigt, spielten vor allem Zuspiele aus dem Rückraum (38 %) und Abschlüsse nach einem 1 gegen 1 (35 %) für einen Torerfolg mit nahezu 3/4 aller Tore eine entscheidende Rolle. 18,5 % aller Tore wurden nach einer Flanke erzielt. Um eine Abwehrkette zu überwinden und eine Torchance zu kreieren, stehen den Angreifern verschiedene Wege und Möglichkeiten zur Verfügung.
Situation 1: Nach 1 gegen 1
Auch wenn Abwehrreihen gut gestaffelt sind, gelingt es trickreichen und leichtfüßigen Angreifer immer wieder, sich durch variable, kreative und geschickte Täuschungsbewegungen Raum zum Torabschluss zu verschaffen (siehe Grafik). Mit einer kurzen Finte verschafft sich der Angreifer für einen kurzen Moment eine Lücke zwischen der Abwehrkette, um zum Torabschluss zu kommen. Oft erfolgen die Abschlüsse aus einer kürzeren Distanz zum Tor, als es in der Grafik dargestellt ist.
Die Möglichkeiten des Torhüters in dieser Situation sind begrenzt. Vor dem Torabschluss des Ballführenden passt er sein Stellungsspiel in kleinen Seitschritten auf den Schützen an und versucht aus einer guten Grundstellung heraus den Torschuss des Angreifer abzuwehren und so einen Torerfolg zu verhindern.
Besonders helfen würde ihm außerdem das Zusammenspiel mit seinen Vorderleuten. Wenn der Abwehrspieler bei entsprechender Abstimmung mit dem Keeper einen Teil seines Tores mit seinem Körper abdecken kann, muss der Torhüter nur einen Teil des Tores verteidigen und kann seine Positionierung an das dadurch verkleinerte Tor entsprechend anpassen. Die Unterstützung durch seine Mitspieler kann vor allem bei Abschlussaktionen im Strafraum überaus hilfreich sein, weil die Reaktionszeit des Torhüters aufgrund der kurzen Distanz äußerst begrenzt ist.
Situation 2: Nach Rückpass von Grundlinie
Eine weitere erfolgreiche Angriffsvariante ist der sogenannte 90-Grad-Ball, der Pass von der Grundlinie in den Rückraum. Nachdem ein gegnerischer Spieler, meist ein Flügelspieler, bis nahe der Torauslinie durchgebrochen ist, legt er den Ball vor dem Pass noch einmal leicht nach innen, hebt er den Kopf, um zu erkennen, ob die anvisierten Zielräume von seinen Mitspielern besetzt sind, und spielt dann den Pass möglichst flach und mit Druck in den Rückraum zu einem freistehenden Mitspieler, der in der Regel direkt aufs Tor abschließt. Im optimalen Fall besetzt die angreifende Mannschaft vor dem Rückpass drei mögliche Zielräume: Den ersten Pfosten zum Ablenken des Balles, den Rückraum für einen flachen Rückpass in die zentrale Position (1) sowie den Raum vor dem zweiten Pfosten für einen Chipball (2). Auf diese drei Optionen muss auch der Torhüter mental vorbereitet sein.
Für die Abwehrspieler ist diese Spielsituation schwer zu verteidigen. Denn durch geschickte Laufwege versuchen die Angreifer vor dem Querpass ihre Gegenspieler abzuschütteln oder ins Leere laufen zu lassen, um im Moment des Passes ungehindert in die abgesprochenen Zielräume zu starten. Die Verteidiger stehen vor der Entscheidung, ob sie den Raum verteidigen oder den Mann decken sollen. Zudem haben sie nur ein kurzes Zeitfenster, in dem sie reagieren können, wenn der Ball druckvoll nach innen geschlagen wird.
Für den Torhüter ist es schwierig, die optimale Positionierung zu finden, weil – wie im gezeigten Fall – der Flankengeber die Möglichkeit hat, den Ball flach und druckvoll auf den Spieler im Rückraum zu spielen, der direkt abschließen kann, oder das Spielgerät über den Torhüter hinweg in Richtung 2. Pfosten auf den einlaufenden Spieler flankt. Beide Situationen erfordern ein unterschiedliches Stellungsspiel. Während im ersten Fall der Torhüter auf die Querpassverteidigung, einen Direktschuss aufs Tor oder den Rückpass in die "goldene Zone" eingestellt sein muss und sein Stellungsspiel mit kurzen Schritten entsprechend der Situation anpasst, ist die Anpassung an den Chipball zum zweiten Pfosten bedeutend schwieriger. Meist kann er in diesem Fall nur den schnellsten Laufweg mit Kreuzschritten wählen, um vom Schützen entweder angeköpft oder angeschossen zu werden oder mit einer schnellen Abwehrreaktion einen Torerfolg zu verhindern.
Aber auch in dieser Spielsituation muss der Torhüter seine Position an das Abwehrverhalten seiner Mitspieler anpassen. Wenn z.B. der Abwehrspieler durch entsprechende Positionierung den kurzen Pfosten absichert, kann der Torhüter mutiger vom Pfosten weg agieren. Ebenso kann der Torhüter den Abstand vom Pfosten vergrößern, je näher der Flankengeber zur Grundlinie kommt, weil dadurch ein Torschuss ins kurze Eck immer unwahrscheinlicher wird.
Situation 3: Nach einer Flanke
Mit einem Anteil von 18,5 % ist der Torabschluss nach einer Flanke eine weitere, häufig gewählte Variante, um aus einer Position vor der Abwehrkette ein Tor zu erzielen.
Tore nach Flanken entstehen aus der Kombination von guter Technik, präzisem Timing und taktischem Zusammenspiel. Während Stürmer in den Ball laufen, um ihn per Kopfball oder Direktabnahme zu verwandeln, versuchen Verteidiger, die Flanke zu unterbinden und einen Torerfolg zu verhindern.
Grundsätzlich kann die Flanke vom Tor weg – wie der Abbildung – oder zum Tor hin geschlagen werden. Immer muss das erste Ziel des Torhüters sein, den Ball vor dem Angreifer zu erreichen, um gegnerische Angriffe abzuwehren, bevor eine direkte Gefahr für das eigene Tor entsteht. Dazu braucht es Mut, Entschlossenheit und eine gute Raumverteidigung. Entscheidungsfaktoren für seine Positionierung und sein Handeln sind der Abstand des Torhüters zum Gegner und zum Ball, die Besetzung des Strafraums durch einlaufende Verteidiger und Stürmer sowie die Frage, ob der Laufweg zum Ball frei oder von einer Spielertraube blockiert ist. Der Torhüter muss also, bevor er zum Ball geht, erkennen, ob er trotz dieser Behinderungen den Ball den Ball erreichen kann.
Dreht sich der Flankenball zum Tor hin, muss der Torhüter das Verhalten der gegnerischen Angreifer vor ihm genau beachten. Denn einer der Angreifer kann die Flanke noch berühren und dem Ball dadurch eine Richtungsänderung geben. Möglich ist aber auch, dass die Flanke ohne gegnerische Einwirkung im Tor landet. Dreht sich der Flankenball vom Tor weg, muss er entscheiden, ob er zum Ball geht oder sich lieber auf die Torlinie zurückfallen lässt, um den Ball „passiv“ zu erwarten und in der Torverteidigung zu klären. Bei dieser Entscheidung spielen auch die individuellen Fähigkeiten, körperlichen Voraussetzungen des Torhüters sowie Selbstvertrauen keine unbedeutende Rolle.
Alle diese Beispiele zeigen, dass es nicht die einzig richtige Positionierung gibt, sondern die Position, die der Torhüter einnimmt, entscheidend von Verhalten der Mitspieler und Gegner, vom Schusswinkel des Ballbesitzers, von der Distanz des Schützen zum Tor sowie von der Risikobereitschaft des Torhüters abhängt. Um alle diese Faktoren aufzunehmen und in seine Entscheidung zur optimalen Positionierung miteinzubeziehen, braucht der Torhüter eine gute Wahrnehmungsfähigkeit und Vororientierung.
