Zu den sicherlich schwierigsten Aufgaben des Torhüters gehört, bei einem Pass hinter die Abwehrkette einschätzen zu können, ob er den Pass in die Tiefe vor dem gegnerischen Angreifer erreichen und damit frühzeitig entschärfen kann, ob seine Mitspieler den Ballführenden eher stoppen können oder ob er seine Abwehrchance erhöhen kann, wenn er defensiv bleibt. Dafür muss er ständig die Distanz zwischen der eigenen Position, der Torlinie, dem Ball und den Mitspielern richtig einschätzen können.
Diese Entscheidung musste auch Tschechiens Schlussmann Matej Kovar im WM-Spiel gegen Südkorea vor dem Ausgleich zum 1:1 treffen. Leider konnte er die Situation nicht erfolgreich lösen. Das hatte zum Teil auch mit seinem Verhalten zu tun. Was hätte er aber besser lösen können? Goalguard sagt es euch.
Die optimale Position finden
Die Entscheidung, ob ein Torwart herauskommt oder auf der Linie bleibt, hängt primär von der jeweiligen Spielsituation ab. Durch eine gute Wahrnehmung muss der Keeper in Sekundenschnelle erkennen, ob er den Pass hinter die Abwehrkette erlaufen kann oder ob der Angreifer schneller am Ball ist, oder ob der Schusswinkel des Schützen so klein wird, dass der Verbleib im Tor die bessere Option ist.
So entscheidet sich Kovar
Sicherlich war es kein Torwartfehler des tschechischen Schlussmanns, der zum 1:1-Ausgleich führte. Aber eine Beteiligung am Gegentreffer kann man dem Ex-Leverkusener nach meiner Meinung nicht absprechen. Warum? Weil er mit seiner Entscheidung und Positionierung nicht unwesentlich zum Gegentreffer beigetragen hat.
Die Spielszene in der 67. Minute
Nachdem Südkorea in der 67. Minute nach einem langen Einwurf der Tschechen in Rückstand geraten war, übernehmen im weiteren Verlauf der Partie mehr und mehr die Asiaten die Spielkontrolle. Eine lange Ballbesitzphase endet darin, dass Mittelfeldspieler Kang-In Lee aus dem Zentrum den Ball nach links in den Strafraum auf In-Beom Hwang chippt, der sich zuerst mit einer Seitbewegung von seinem Gegenspieler absetzt und dann im Rücken des tschechischen Gegenspielers in den freien Raum durchstartet (siehe Grafik 1).
Was nun folgt ...
Im Moment des Zuspiels befindet sich Tschechiens Torhüter Matij Kovar ungefähr 4 m vor seinem Tor. Südkoreas In-Beom-Hwang erreicht der Ball etwa 12 m aus leicht schräger Position zum Tor. Tschechiens Innenverteidiger Robin Hranac hat sofort die Verfolgung des durchstartenden Angreifers aufgenommen und bringt im Moment des angetäuschten Schusses seinen Fuß gerade noch vor dem Ball. Wahrscheinlich hätte er den möglichen Schuss blocken können, aber der Angreifer entscheidet sich anders. Schlussmann Kovar hingegen ist etwa 8 m vor sein Tor vorgerückt und steht in einem Abstand von etwa 4 - 5 m zum Schützen. Da Kovar auf einen Schuss des Südkoreaners spekuliert, befindet er sich im Moment, als Südkoreas Mittelfeldspieler den Schuss antäuscht, bereits in einer Abkippbewegung zur rechten Seite. Aber der Angreifer bricht die Schussbewegung ab, lässt die beiden Tschechen mit einem Haken nach rechts aussteigen und erzielt aus 12 m Entfernung mit einem Heber über Kovar hinweg den Ausgleich (siehe Grafik 2).
Was hätte Kovar besser lösen müssen?
Es sind vor allem drei Aspekte, die Kovar eventuell geholfen hätten, die Spielsituation erfolgreicher lösen zu können.
Aspekt 1: Bessere Positionierung
Vor dem Pass zu In-Beom-Hwang befindet sich Kovar etwa auf Höhe der Torraumlinie. Als der Pass gespielt wird, agiert er sofort in Richtung Angreifer. In der Aktion bemerkt er wahrscheinlich, dass er den Ball nicht erreichen kann, aber ein Mitspieler den Ballführenden von der Seite anläuft. Deshalb bremst er seine Vorwärtsbewegung ungefähr 7 - 8 m vor seinem Tor ab und nimmt die Grundstellung ein. Mit seinem Verhalten hat er sich in die für Torhüter denkbar ungünstigte Position gebracht, nämlich in die sogenannte Red-Zone. Denn durch einen zirka 4 m großen Abstand zum Schützen kann er keinen Druck auf den Angreifer aufbauen, bietet dem Schützen aber einen großen Winkel zum Torabschluss an. Zudem hat er durch seine Positionierung ein großer Raum hinter seinem Rücken geöffnet, der nun nicht geschützt ist.
Aspekt 2: Bessere Wahrnehmung
Bei einer guten Wahrnehmung hätte Kovar außerdem erkennen müssen, dass sowohl Innenverteidiger Hranac als auch Außenverteidiger Chaloupek bei entsprechendem Verhalten den Angreifer in der Aktion behindern könnten. Deshalb besteht für Kovar kein Grund, in die Situation auch noch einzugreifen. Stattdessen passiert das, was in einer solchen Situation immer passiert. Außenverteidiger Chaloupek trabt hinterher, weil er die Verantwortung durch Kovars Verhalten bei seinem Keeper sieht, anstatt selbst den Schützen am Torschuss zu hindern. Innenverteidiger Hranac will den angetäuschten Schuss mit einem langen Bein blockieren, läuft aber ins Leere, weil der Angreifer die Schussbewegung abbricht, den Tschechen mit einem Haken nach rechts aussteigen lässt und den Ball über Kovar hinweg ins leere Tor chippt. Mitspieler Chapoulek agiert währenddessen als aufmerksamer Betrachter der Szene. Kovar hätte also die Verantwortung bei seinen Mitspielern lassen sollen.
Aspekt 3: Kein Spekulieren!
Als Südkoreas In-Beom-Hwang einen Schuss nur andeutet, ist Kovar bereits zur rechten Seite abgekippt. Er spekuliert also auf dem Schuss, anstatt zu warten, und fällt so ebenfalls auf das Täuschungsmanöver der Südkoreaners herein. Mit Leichtigkeit wird er von seinem Gegner überchippt, ohne selbst eingeifen zu können. Statt auf den Beinen zu bleiben, geht er viel zu früh zu Boden, verspekuliert sich und ist deshalb chancenlos gegen den Heber des Südkoreaners.
Besser wäre gewesen, ...
Eigentlich hat Kovar eine gute Ausgangsposition vor dem Pass auf den durchstartenden In-Beom-Hwang eingenommen. Ca. 4 m vor dem Tor stehend, hätte er einen kurzen Weg zum Schützen gehabt und hätte ihn eventuell blocken können. Zugleich konnte er sich aus dieser Position aber auch mit kurzen, schnellen Rückwärtsschritten nach hinten in sein Tor absetzen.
Seine Fehlerkette beginnt mit der falschen Einschätzung der Distanz zum Ball, zum anderen nimmt er die Positionen seiner MItspieler Hranac und Chaloupek falsch oder unklar wahr. Er agiert, ohne zunächst die für eine gute Wahrnehmung entscheidenden Faktoren Ball, Angreifer und Mitspieler genug gescannt zu haben. Die Folge: Er fällt eine falsche Entscheidung! Statt die Arbeit seinen beiden Vorderleuten zu überlassen, sich selbst in Richtung Torlinie zurückzuziehen und dort auf den Schuss der Angreifers zu warten, will er der Akteur sein. Auch unter dem alleinigen Druck von Kovars Mitspieler hätte sich der Südkoreaner schwer getan, so zum Abschluss zu kommen, dass der Ball für Kovar unhaltbar gewesen wäre. Eine bessere Entscheidung hätte Kovar vermutlich in dieser Spielsituation geholfen.

