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Standards haben im heutigen Fußball eine hohe Bedeutung. In der laufenden Bundesliga-Saison fielen bis zum 19. Spieltag 28 Prozent aller Tore nach Eckbällen, Freistößen, Einwürfen oder Elfmetern. Besonders effektiv davon sind Eckbälle. Sie machen unter den Standardsituationen 43 % aller Tore aus, in der Champions League sind es sogar 45 Prozent. Um den Gegner zu überraschen, ist Kreativität gefragt. Denn in Zeiten von intensiver medialer Aufarbeitung und Videoanalyse müssen die Abläufe bei der Ausführung des Eckstoßes für den Gegner unberechenbar sein. Deshalb hat das angreifende Team in der Regel verschiedene Varianten im Köcher, die vom Eckballschützen durch abgesprochene Codes, z.B. einem erhobenen Arm, vor der Ausführung angezeigt werden.

Der in Sachen Eckbällen erfolgreichste Verein in Europa ist Arsenal London. In dem Artikel „Die Trickkiste von Arsenal“ hat Goalguard deren Tricks und Abläufe untersucht und detailliert erklärt. Besonders varianten- und erfolgreich in Deutschland zeigt sich neben dem SC Freiburg das Team von Union Berlin. Das ist kein Zufall, denn die Eisernen beschäftigen seit 2014 mit Sebastian Bönig einen Spezialisten, der die Standards bei Union ausarbeitet und mit der Mannschaft einstudiert. Wir zeigen euch die Abläufe von vier Union-Varianten, die jeweils nur leicht abgeändert sind, sowie die Aufgaben der einzelnen Spieler in diesem Ablauf. Das Hauptaugenmerk legen wir auf den Torhüter und zeigen euch, wie der gegnerische Torhüter behindert oder durch abgesprochene Laufwege am Abfangen der Flanke gehindert werden soll.

Den Gegner überraschen

Wie bereits betont, ist der Überraschungsmoment das größte Faustpfand bei Eckbällen. Wer nur nach Schema F vorgeht, wird keinen Erfolg haben. Gefragt sind kreative Abläufe und einstudierte Laufwege, auf die der Gegner nicht vorbereitet ist und daher nur reagieren kann. Die Abläufe müssen also für den Gegner unberechenbar sein.

Durch Varianten verwirren

Eines haben inzwischen alle Varianten, die sich national und international beobachten lassen, gemeinsam. Seit der Torhüter seinen Schutz im Fünfmeterraum verloren hat, versucht die angreifende Mannschaft immer öfter, den gegnerischen Keeper durch gezielte Blocks und Behinderungen vom Ball fernzuhalten. Auch Arsenal London und Union Berlin arbeiten mit diesem Mittel. In einem Punkt unterscheiden sie sich die beiden Vereine in der Ausführung des Eckstoßes aber deutlich. Während Arsenal vor der Ausführung bereits mehrere Angreifer im hinteren Torraum positioniert, die gleichzeitig nach vorne laufen und so den Raum vor dem Tor verdichten, versammeln sich die Zielspieler bei Union auf Höhe der Strafraumlinie und laufen im Tempo auf breiter Front in die Zielräume ein, wodurch sie sich einen Vorteil im Luftkampf verschaffen, weil sie aus der Laufbewegung mit Anlauf abspringen.

Wir haben vier typische Union-Varianten aus dem Spiel am 20. Spieltag gegen Eintracht Frankfurt herausgegriffen.

Beispiel 1: Zielraum blockieren

Christopher Trimmel steht als Eckballschütze zur Ausführung bereit. Amaimouni-Echghouyab befindet sich etwa 3 – 5 m von ihm entfernt. Er hat die Aufgabe, den zugespielten Ball abzustoppen, um so dem Eckballschützen eine bessere Schusssituation hin zum Tor zu verschaffen. Ein Eintracht-Abwehrspieler positioniert sich neun Meter entfernt vom Schützen, um die Flanke nach Möglichkeit zu unterbinden. Zwei Union-Spieler stehen am vorderen Pfosten, bewacht von drei Gegenspielern. Zudem haben sich ein Spieler auf Höhe des Elfmeterpunktes und drei Spieler an der Strafraumlinie aufgestellt.

Sobald Trimmel den Ball zum Mitspieler passt, laufen zwei der drei Spieler von der Strafraumlinie nach einer Kreuzbewegung in Richtung Zielzone (gelbes Feld), während der dritte im Rückraum auf den zweiten Ball wartet. Zwei weitere Spieler sichern den Rückraum. Gleichzeitig blocken die beiden Spieler am vorderen Torpfosten ihre Gegenspieler so, dass sie in der Zielzone nicht eingreifen können. Genau in diese Zone flankt Trimmel den ruhenden Ball. Frankfurts Chaibi kann den Ball per Kopf abwehren. Der Ball landet aber bei Kemlein, der im Rückraum wartet und den Ball direkt aus der zweiten Reihe volley aufs Tor schießt. Eintracht-Keeper Kaua Santos kann das Leder noch mit Mühe über den Querbalken lenken.

Beispiel 2: Blocken durch Rückwärtslauf

Zwei Union-Angreifer positionieren sich auf Höhe des vorderen Torpfostens im Torraum, bewacht von zwei gegnerischen Verteidigern. Ein Angreifer befindet sich am Elfmeterpunkt, drei weitere an der Strafraumlinie, wobei zwei von ihnen dicht beieinanderstehen. Da ein weiterer Spieler zur kurzen Ausführung des Eckballes bereitsteht, wird ein gegnerischer Abwehrspieler mit nach außen gezogen.

In dem Moment, als der Eckball-Ausführende den Ball kurz zum Mitspieler passt, bewegt sich einer der beiden Angreifer am vorderen Pfosten rückwärts in Richtung Torhüter, um so den Laufweg des Torhüters zur Zielzone (gelbes Feld) am hinteren Pfosten zu behindern. Gleichzeitig laufen zwei Spieler von der Strafraumlinie in Richtung Zielzone, um den Flugball per Kopf verwerten zu können.

Beispiel 3: Laufweg des TH im Stand behindern

Bei dieser Variante steht nur ein Union-Spieler im Torraum. Er nimmt eine Position neben dem Torhüter ein. Alle anderen Union-Spieler positionieren sich zwischen Elfmeterpunkt und Strafraumlinie, also in größerer Distanz zum Tor. Zwei warten am Elfmeterpunkt, fünf Spieler hinter der Strafraumlinie. Auf Seiten der Eintracht bilden fünf Abwehrspieler eine Abwehrreihe auf der Torraumlinie, einer sichert den Raum am vorderen Torpfosten.

Als der Eckballschütze, der den Ball „zum Tor hin“ schlägt, zur Ausführung des Eckballs anläuft, laufen drei Union-Angreifer in Richtung hinteren Pfosten in die abgesprochene Zielzone (gelbes Feld), einer setzt sich zur Mitte ab. Zwei Spieler bleiben im Rückraum zur Absicherung. Gleichzeitig blockiert der Spieler im Torraum den Laufweg des Eintracht-Keepers zum Ball, indem er sich breit macht. Der Zielzone wird also mit mehreren Spielern überladen, die alle zudem aus der Bewegung kommen und dadurch im Luftkampf einen Vorteil haben.

Beispiel 4: Blocken durch Vorwärtslauf

Bei dieser Variante arbeitet der "Torwart-Blockierer" von der anderen Seite. Wieder schlägt der Eckballschütze den Ball von rechts mit dem linken Fuß „zum Tor hin“. Während sich alle Union-Spieler vor der Ausführung wieder zwischen Elfmeterpunkt und Strafraumlinie postieren, nimmt ein Union-Angreifer eine Position zwischen Torhüter und dem hinteren Torpfosten ein.

Sobald der Eckballschütze zur Ausführung des Eckballs anläuft, bewegt sich dieser Spieler nach vorne vor den Torhüter, um wieder dessen Laufweg zur Zielzone des Balles (gelbes Feld) zu blockieren. Die in Nähe der Strafraumlinie postierten Union-Angreifer laufen gleichzeitig wieder in Richtung Zielzone (gelbes Feld), in die der Ball vom Ausführenden geschlagen werden soll.

In allen gezeigten Varianten ist das Blockieren oder Behindern des Torhüters ein entscheidender Faktor für den Erfolg des Standards. Auf welche Weise der Torhüter behindert wird, hängt von der anvisierten Zielzone ab, die der Eckballschütze vorab durch abgesprochene Codes angezeigt hat. Mit den verschiedenen Varianten des Gegners im Hinterkopf, kann der Keeper vielleicht bereits erahnen, worauf er eingestellt sein muss.

Bevor eine Variante eingeübt wird, muss das Trainerteam zudem vorab überlegen, ob der Ball vom Ausführenden zum Tor hin oder vom Tor weg, lang vors Tor geschlagen oder kurz ausgeführt werden soll. In allen vier gezeigten Union-Varianten wird die Variante zum Tor hin gewählt. Untersuchungen von Christoph Kappel zur Bundesliga-Saison 2024/25 zeigen, dass diese Variante in 49 % aller Eckbälle bevorzugt wurde. 34 % aller Eckbälle wurden vom Tor weg gespielt, in 17 % aller Fälle erfolgte die Ausführung kurz. Ob ein Eckball zum gewünschten Erfolg führt, hängt von mehreren Faktoren ab: Von der Flankenqualität der Spieler, von deren Entschlossenheit und Kopfballstärke, vom Timing beim Einlaufen und der Präzision der Laufwege sowie der Durchsetzungsfähigkeit in der Raum- oder Manndeckung. Ein Ziel haben alle Varianten gemeinsam: Es soll verhindert werden, dass der Torhüter zum Ball kommt und die Flanke abfangen oder den Ball wegfausten kann.

Analysen

Artur Stopper

Artur Stopper

Mit über 25 Jahren Erfahrung als Torwarttrainer weiß Artur, wie Torhüter ticken. Deshalb bevorzugt er Themen, die die Welt der Torhüter ausmachen: Vereinswechsel, Tiefschläge, Pechsträhnen, Höhenflüge, Emotionen, Ersatzbank, Halbgötter, Erfolge.

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