Der Torhüter ist heutzutage bei den meisten Mannschaften fest in die Spieleröffnung eingebunden. Grundsätzlich stehen dem Keeper bei der Spieleröffnung zwei Optionen zur Verfügung: Er kann den Ball lang nach vorne schlagen oder als Überzahlspieler über Kurzpassspiel den Spielaufbau seiner Mannschaft einleiten. Zieht sich das gegnerische Team nach einem Torabschluss zurück und verzichtet auf das Pressing, gelingt das eigene Aufbauspiel problemlos. Anders verhält es sich, wenn der Gegner vorne sofort zustellt und ins Pressing geht, sobald der erste Ball gespielt ist. Für diesen Fall muss ein Mannschaft Ideen entwickeln, wie sie dem Druck des Gegners entkommen kann.
Der italienische Erstligist FC Turin hat im diesjährigen Trainingslager in Pinzolo (Trentino) Varianten einstudiert, wie nach einem Rückpass die Spielfortsetzung gegen einen gegnerischen Angreifer und zwei Sechsern initiiert und gestaltet werden kann. Goalguard war dabei und zeigt euch, wie die Torhüter in einer Trainingseinheit nach vorbereitenden Übungen schrittweise an die Umsetzung der Spieleröffnung in Abstimmung mit den Mitspielern herangeführt wurden.
Spielaufbau mit Plan
Damit eine Spielfortsetzung von Erfolg gekrönt ist, braucht es genaue Absprachen innerhalb der Mannschaft. Jeder Spieler muss wissen, was seine Rolle in der jeweiligen Situation ist und welche Laufwege er ansteuern muss.
Spielfortsetzung gegen einen Angreifer und zwei Sechsern
Um auf das Verhalten des Gegners reagieren zu können, sollte jedes Team mehrere Varianten der Spielfortsetzung in seinem Repertoire haben. Für welche Variante sich ein Team letztlich entscheidet, hängt vor allem vom Anlaufverhalten des Gegners ab. Presst er mit einem, zwei oder sogar drei Spielern? Läuft er schnell oder eher abwartend an? Viele Mannschaften in der italienischen Serie A agieren auf dem Papier in einem 4-2-3-1 (z.B. SSC Neapel) oder 3-4-2-1 (AS Rom, AC Mailand, Atalanta Bergamo) mit nur einem zentralen Angreifer. Wird hoch gepresst, laufen ein Stürmer und zusätzlich ein offensiver Mittelfeldspieler die gegnerischen Verteidiger und den Torhüter im 4-4-2 an. Übrigens setzten auch sieben der acht Viertelfinalisten auf diese Grundordnung. Im internationalen Fußball ist es die am häufigsten gewählte Spielausrichtung. Deshalb ist die im Folgenden eingeübte Variante im Aufbauspiels des italienischen Erstligaklubs FC Turin auf dieses Spielsystem ausgerichtet.
Die Variante des FC Turin
Das 4:2:3:1-System besteht aus einer Viererkette, der Doppel-Sechs, einer offensiven Dreierreihe und einem Mittelstürmer. Das Zentrum vor der Abwehrkette ist äußerst kompakt durch die doppelte Besetzung der Sechserposition. Um den Torhüter in den Spielaufbau miteinbeziehen zu können, muss er fußballerische Qualitäten mitbringen, und zwar beidfüßig. Denn mit ihm als Überzahlspieler soll die Kompaktheit des Gegners verändert werden.
Teil 1: Vorbereitende / hinführende Übungen
Im Eingangsteil der Trainingseinheit werden die Keeper in drei verschiedenen Übungen auf die fußballerischen und kognitiven Anforderungen vorbereitet. Ein Torhüter muss im modernen Fußball in der Lage sein, ein Pass über eine Entfernung von 10 m und mehr punktgenau und mit der richtigen Dosierung spielen zu können. Außerdem braucht er eine gute Vororientierung und Wahrnehmung, um die Positionen seiner Mitspieler und Gegner richtig einzuschätzen.
Übung 1: Gute Ballannahme und Weiterleitung
Die Ballannahme ist die direkte Vorbereitung für einen gezielten Pass zum Mitspieler. Denn nur wenn der Torwart den Ball sicher kontrolliert hat, kann er ihn wie gewünscht auf einen gut positionierten MItspieler weiterspielen. Darauf ist die erste Übung ausgerichtet. Die Torhüter stehen sich im Quadrat im Abstand von ca. 5 m gegenüber. Sie spielen sich den Ball ohne Vorgabe über eine kurze Entfernung zu. Dabei nehmen sie den Ball mit einem Fuß an und spielen ihn mit den anderen Fuß zu einem Mitspieler weiter.
Übung 2: Anlaufverhalten wahrnehmen
Übung 2 baut auf Übung 1 auf. Sie läuft nach demselben Prinzip ab. Wieder spielt der Passempfänger mit zwei Kontakten. Allerdings muss der Torhüter nun auch das Anlaufverhalten des Gegners im Auge behalten. Der Torwart muss erkennen, über welche Seite der Gegnerdruck kommt und den Ball auf die "ungedeckte Seite" zum freien Spieler weiterleiten. Dazu geht der Passgeber seinem Zuspiel hinterher und läuft den Torhüter von einer Seite an.
Übung 3: Passen über größere Distanzen
Bei der dritten Übung passt der Torhüter den Ball über eine größere Distanz. Dadurch entwickelt das Gefühl für den nötigen Druck hinter den Ball, denn ein ungenauer oder zu schwacher Pass kann vom Gegner abgefangen werden. Neben der nötigen Passschärfe des Balles beim Zuspiel steht bei dieser Übung auch das richtige Anbietverhalten des Torhüters im Mittelpunkt. Denn nach einem Pass setzt sich der Torhüter sofort nach hinten oder zur Seite ab, um als mögliche Anspielstation bereit zu stehen.
Spielaufbau unter halbaktivem Gegnerdruck
Nachdem die Torhüter in vorbereitenden Übungen auf technisch sauberes Passen, Passen mit Gegendruck und richtiges Anbietverhalten vorbereitet worden waren, übte das Torhüterteam nun die Abläufe im Aufbauspiel gegen einen Angreifer und einen möglichen Helfer aus dem Mittelfeld ein.
Video 1: Rückpass von rechts
Ausgangspunkt ist eine typische Spielsituation: Der Torhüter wird von der rechten Spielfeldseite zentral angespielt. Mit zwei Ballkontakten verlagert er das Spiel in der Torwartkette auf die andere Seite. Sobald der linke Innenverteidiger von einem gegnerischen Angreifer angelaufen wird, passt er den Ball zum linken Sechser, der wiederum den Ball direkt zum Torhüter zurückprallen lässt. Als dieser von einem offensiven Mittelfeldspieler von der rechten Seite angelaufen wird, passt er zurück zum linken Sechser, der nun mehrere Optionen zur Spielfortsetzung hat. Je nach Anlaufverhalten des zusätzlichen Angreifers kann er den Ball auf einen der Sechser (Aktion 1) oder nach außen auf den rechten Innenverteidiger (Aktion 2) spielen.
Video 2: Rückpass von links
Dieses Mal erfolgt das Zuspiel in der Torwartkette von der linken Spielfeldseite zurück auf den zentral postierten Torhüter. Dieser verlagert das Spiel mit dem zweiten Ballkontakt auf die andere Spielfeldseite. Der Angreifer läuft dem Ball hinterher. Auch in diesem Fall spielt der rechte Innenverteidiger den Ball auf den rechten Sechser, der den Ball zum Torhüter zurückprallen lässt. Sobald der gegnerische offensive Mittelfeldspieler zur Unterstützung seines Angreifers den Torhüter von links anläuft, spielt dieser den Ball entweder nach außen auf den durchstartenden linken Innenverteidiger (Aktion 1) oder, falls der "Helfer" durch sein Anlaufverhalten den Raum nach links abdeckt, wieder zurück auf den rechten Sechser, der mehrere Optionen zur Spielfortsetzung hat.
Die eingeübte Spielfortsetzung des FC Turin folgt also einem klaren, taktischen Prinzip. Sobald ein offensiver Mittelfeldspieler seinen Angreifer unterstützt und den Torhüter anläuft, überspielt der Torhüter die erste Angriffsreihe mit einem Pass auf einen der Sechser. Der weitere Ablauf hängt dann von der Position und dem Anbietverhalten weiterer Mitspieler ab sowie der Positionierung und dem Verhalten der Gegenspieler.
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