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Die vielleicht erfolgsversprechendste Phase des Fußballs ist das Umschalten nach einem Ballgewinn. Bei der WM 2018 in Russland fielen fast ein Viertel aller Treffer nach Konterangriffen. Auch bei der WM 2022 in Katar spielte diese Phase eine bedeutende Rolle. Viele Mannschaften setzten auf eine kompakte Defensive und schnelles Umschaltspiel bei Ballgewinn, um so hinter die oft hoch stehenden Abwehrreihen des Gegners zu kommen.

Im Artikel "Umschaltspiel: Den Gegner überraschen – aber wie?" haben wir euch anhand von Spielszenen von Bayern-Schlussmann Jonas Urbig im Spiel Bayern München gegen den VfB Stuttgart im April 2026 dargestellt, wie durch ein schnelles Umschaltverhalten des Torhüters ein gefährlichen Gegenstoß eingeleitet werden kann und welche Faktoren bei der Umsetzung beachtet werden müssen. Im nun folgenden Artikel nehmen wir die beiden im Ausgangstext beschriebenen Spielaktionen von Urbig zum Anlass, euch Vorschläge zu unterbreiten, wie man Torhüter im Training mit spielnahen Übungen auf diese Spielsituationen vorbereiten und damit einen für den Gegner schwer zu verteidigenden Überraschungsmoment schaffen kann.

Flankenball abgefangen

Wie das Beispiel Jonas Urbig zeigt, kann der Torhüter entscheidend dazu beitragen, die Umschaltphase zum eigenen Vorteil zu nutzen. Nachdem der Keeper den Ball mit der Hand oder dem Fuß gesichert hat, muss er den Gegenangriff einleiten, solange die Defensive des Gegners noch ungeordnet ist. Mit einem schnell durchgeführten und präzisen Abwurf oder Abschlag kann er den Gegner überraschen und seine Mannschaft mit wenigen Aktionen schnell vors gegnerische Tor bringen.

Übung 1: Den Konter einleiten

Ein geeigneter Zeitpunkt für einen Konter ist gegeben, wenn der Torhüter z.B. nach einer Flanke den Ball abgefangen hat und plötzlich der Ballbesitz wechselt. Um den Gegenstoß einzuleiten, läuft er schnell mit dem Ball in Richtung Strafraumlinie und schlägt von dort aus einen langen Flugball in die gegnerische Hälfte. In Sekundenschnelle muss der Torhüter zuvor entschieden haben, ob der Konter überhaupt eine Chance auf Erfolg hat. Eine gute Vororientierung und Wahrnehmung helfen ihm dabei. Ist die Entscheidung zum Gegenstoß gefallen, muss er auf die Signale seiner Mitspieler achten, um zum einen den optimalen Zeitpunkt zum Einleiten der Aktion zu erwischen und sich zum anderen für die richtige Torwartechnik zu entscheiden, um die Aktion mit Erfolg durchzuführen. Da das Spiel die Trainingsübungen vorgibt, kann die Feinabstimmung zwischen Torhüter und Zielspieler mit den folgenden Übungen, die der Aktion von Jonas Urbig nachstellt sind, trainiert werden.

Eines vorweg: Die folgenden Übungen sind nur dann zur Umsetzung geeignet, wenn der Torhüter einen präzisen und zielgenauen Hüftdrehstoß sowie den Chipball mit großer Sicherheit beherrscht. Bei der Präzision seiner Zuspiele sollte er eine Zielwahrscheinlichkeit von mindestens 80 Prozent erreichen. Ansonsten führen die Übungen zu unnötigem Frust. Denn der Torhüter ist enttäuscht, wenn er die anvisierte Zielzone nicht trifft, und der Stürmer, wenn er immer wieder die Zielzone ohne Ergebnis anlaufen muss. Sollte der Torhüter also diese Voraussetzungen noch nicht beherrschen, sind Übungen ohne Zielspieler in vorgebene Zielzonen mit möglicherweise kürzeren Entfernungen geeigneter.

Materialien und Übungsanordnung

Die Auswahl des Materials ist selbstverständlich davon abhängig, welche Materialien in einem Verein vorhanden sind. Besitzt der Klub z.B. mehrere Airbodys, werden einige davon - in der Grafik drei - vor dem Tor aufgestellt, um den Torhüter - wie im Spiel - im Anlaufverhalten zu behindern. Sind hingegen keine Airbodys vorhanden, übernimmt Torwart 2 diese Aufgabe, der ansonsten neben dem Torpfosten wartet und sich mit Torwart 1 nach jeder Aktion im Wechsel ablöst.

Neben der Zone vor dem Tor (B) muss auch der Außenbereich an der Mittellinie (C) mit Materialien vorbreitet werden. Ein Dummy kurz vor der Mittellinie kennzeichnet die Startzone des Zielspielers. Dort wartet dieser neben dem Dummy, der den Abwehrspieler simuliert. Im optimalen Fall ist der Zielspieler derjenige Feldspieler, der auch im Spiel diese Position besetzt. Eventuell stehen ein oder zwei weitere Angreifer zur Verfügung, die sich als Stürmer abwechseln, um in erholtem Zustand die Auftakt- und Laufbewegung im höchstem Tempo durchführen zu können. Denn nur wenn die Aktion spielnah absolviert wird, entwickelt sich ein Gefühl für das richtige Timing zwischen Torwart und Angreifer. Verfügt der Verein zudem über Dummies, werden einige an der Mittellinie aufgestellt, um so die gegnerische Abwehrkette nachzustellen.

Um die Zielzone festzulegen, in die der Torhüter den Ball im Hüftdrehstoß spielen soll, wird in der gegnerische Hälfte mit Markierungsteller ein Feld abgesteckt, in das der Angreifer hineinstartet und in das das Zuspiel des Keepers im richtigen Moment erfolgen soll. Denn um den Gegner im Spiel auf dem falschen Fuß zu erwischen, muss der Ball direkt, schnell und präzise gespielt werden.

Übungsablauf

Ein Spieler / Torhüter agiert als Flankengeber. Sobald der Torhüter den Ball nach der Flanke abgefangen hat, läuft er mit dem Spielgerät schnell bis zur Strafraumlinie und leitet den Konter ein. Als Zielspieler dient der Spieler, der in der Nähe der Mittellinie neben dem Dummy steht. Dieser Zielspieler signalisiert dem Torhüter vor der Aktion mit seiner Auftaktbewegung nach vorne oder einer schnellen Drehung in Richtung gegnerische Spielhälfte, wohin er den Ball gespielt bekommen will.

Die beiden Optionen sind in unterschiedlichen Farben dargestellt. Je nach Verhalten des Zielspielers wählt der Torhüter die passende Variante. Beispiel A (rot): Dreht er sich nach einer langsamen Vorwärtsbewegung schnell in Richtung gegnerisches Tor (roter Spieler), erwartet er den Ball in der mit Gelb markierten Zielzone (rote Linie). Beispiel B (blau): Läuft der Zielspieler (blauer Spieler) dem Torhüter mit offener Körperhaltung entgegen, fordert er in der Regel das flache Zuspiel in den Fuß (blaue Linie). In diesem Fall ist ein Abwurf des Torhüters (1) oder das Zurollen des Balles auf den Mitspieler die richtige Lösung. Häufig passt der Angespielte in dieser Spielsituation den Ball im Anschluss wieder direkt zurück zum Keeper (2). Nun wäre eine weitere geeignete Übung für den Keeper, den zurückgespielten Ball anzunehmen und mit dem zweiten Kontakt in das gelb unterlegte Feld als Bodenabschlag (3) zu spielen. So trainiert der Torhüter zwei Arten des langen Zuspiels: den Hüftdrehstoß und den Bodenabschlag. Sollten ein weiterer Torhüter sowie ein bewegliches Tor zur Verfügung stehen, könnte auf der gegnerischen Strafraumlinie ein zusätzliches Tor mit Torhüter aufgestellt werden, in das der Zielspieler einen Torabschluss im 1gegen1 durchführt (nicht in der Grafik dargestellt).

Das richtige Timing

Dass der schnelle Konter im Spiel gut gelingt, ist ein genaues Timing im Aktionsablauf zwischen Torhüter und Zielspieler die Grundvoraussetzung. Sobald der Zielspieler sieht, dass ihn der Torhüter in den Blick genommen hat, läuft er dem Torhüter entgegen und zeigt damit seine Anspielbereitschaft an. Kurz vor dem Hüftdrehstoß oder dem Abwurf des Torhüters signalisiert der Zielspieler mit seiner Körperhaltung - einer Drehbewegung oder einem kurzen Antritt -, ob er den Ball lang oder kurz zugespielt bekommen will. Das ist der Moment, in dem der Torhüter seine Spieleröffnung einleitet. Der richtige Zeitpunkt zum Zuspiel ist gegeben, wenn der Zielspieler den Spurt beginnt. Nur dann kann der Angreifer seinen Gegenspieler abwimmeln.

Sind ein weiterer Torhüter sowie ein bewegliches Großtor vorhanden, kann ein Tor an der gegnerischen Strafraumlinie aufgestellt werden, um so für den durchstartenden Angreifer eine Option mit Torabschluss im 1gegen1 zu schaffen.

Übung 2: Alternative Spielfortsetzungen

Die oben beschriebene Übung zur Spielfortsetzung kann aber auch noch mit weiteren Aufgaben - je nach Anzahl der zur Verfügung stehenden Torhüter und Feldspieler - ergänzt und ausgebaut werden. Nachdem der Torhüter den Rückpass im Erstkontakt angenommen hat, sucht er nach Optionen zur Spielfortsetzung, indem er das Spielfeld scannt. Neben den Angeboten von Übung 1 (Hüftdrehstoß, Bodenabschlag, Kurzpass) stehen ihm in Übung 2 zwei weitere Möglichkeiten zur Verfügung.

Chipball und Spielverlagerung

Wenn der lange Flugball (Übung 1) nicht möglich ist, weil der Zielspieler nicht reagiert und damit keine Bereitschaft zum Zuspiel anzeigt, verlagert der Torhüter den Blick auf der anderen Spielfeldseite. Dort wartet ein Spieler (weiß gekleidet) etwa 5 m vor dem Kleintor auf ein mögliches Zuspiel. Sobald ihn der Torhüter wahrgenommen hat und der Blickkontakt zwischen dem Spieler und dem Torwart hergestellt ist, zeigt der Spieler mit seinem Laufverhalten an, wohin er den Ball gespielt bekommen will. Bewegt er sich in das mit roten Markierungsteller gekennzeichnete Feld, erhält er einen vom Keeper flach zugespielten Ball, den er sofort oder mit dem zweiten Ballkontakt aufs Tor abschließt. Läuft der Spieler hingegen das gelbe Feld an, erwartet er einen Chip des Schlussmanns über das Kleintor hinweg auf den durchlaufenden Angreifer. Wiederum schließt der Stürmer die Aktion mit einem Torschuss auf das Großtor ab.

Anforderungen anpassen und erhöhen

Grundsätzlich müssen die Anforderungen in der Trainingsübungen stets an das Können des Keepers angepasst werden. Beherrscht der Schlussmann z.B. den langen Flugball nicht gut genug, kann die Entfernung verkürzt oder müssen zunächst isoliert technische Übungen durchgeführt werden. Kann er einen Chipball nicht sicher spielen, fällt dieses Element in Übung 2 weg.

Kommt der Keeper jedoch mit den gestellten Herausforderungen zurecht, können weitere Elemente eingebaut werden, um die Entscheidungsfindung des Keepers unter Stress und Zeitdruck zu fördern. Denn im Spiel stehen dem Torhüter nicht unbegrenzt lange Spieleröffnungsoptionen zur Verfügung, da der Gegner in der Regel entstandene Lücken rasch wieder zu schließen versucht. Zeitdruck kann erzeugt werden, indem der Trainer nach dem Erstkontakt des Keepers Zahlen herunterzählt (5-4-3-2-1-0), die vorgeben, bis wann die Aktion durchgeführt sein muss.

Mit dem Angebot weiterer Ziele (Minitor, Biertisch usw.), die der Torhüter je nach Vorgabe des Trainers (farbige Kärtchen, Zahlen, Vierfarbenhandschuhe) schnell anspielen muss, können der Stress erhöht und die Entscheidungsfindung zusätzlich erschwert werden.

Um die Konzentration auf die Aufgaben zu erhöhen, bietet sich zudem ein Wettkampf zwischen zwei Torhütern an. So bekommt der Torhüter beispielsweise in Übung 1 drei Punkte, wenn er den Ball in die vorgebene Zielzone (gelbes Feld) spielt. Einen Punkt kann er erreichen, wenn der Ball beim Zielspieler ankommt, aber nicht in der Zielzone landet. Bei Übung 2 wird diese Zählweise ebenfalls angewandt, aber noch ergänzt, durch drei Punkte, wenn der Ball in einer der beiden anderen Zielfelder ankommt.

Nur wer auf dem Ballgewinn schneller reagiert als der Gegner, hat eine Chance, die Umschaltphase erfolgreich zu gestalten. Deshalb sind eine gute Flughöhe des Balles sowie die gute Abstimmung zwischen Torhüter und Zielspieler entscheidet für das Gelingen des Umschaltspiels.

Training

Artur Stopper

Artur Stopper

Mit über 25 Jahren Erfahrung als Torwarttrainer weiß Artur, wie Torhüter ticken. Deshalb bevorzugt er Themen, die die Welt der Torhüter ausmachen: Vereinswechsel, Tiefschläge, Pechsträhnen, Höhenflüge, Emotionen, Ersatzbank, Halbgötter, Erfolge.

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