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Zum Einzug ins Finale hat es Belgien leider nicht gereicht. Frankreich besiegte Belgien dank einer abgezockten Vorstellung mit 1:0. Am belgischen Torhüter Thibaut Courtois, der in Diensten des englischen Spitzenklubs Chelsea London steht, lag es aber nicht, dass die Belgier ihr Ziel WM-Endspiel nicht erreichten. Mit vier starken Paraden trug der 1,99 m große Hüne dazu bei, dass die Entscheidung bis zum Schluss offen blieb. Besonders in der Schlussphase zeigte er mit überragenden Aktionen, warum er zu den besten Torhütern der Welt gehört.

Auch am Gegentor kann man ihn wohl von Schuld freisprechen, obwohl der Ball in der kurzen Ecke einschlug, wie einige Kritiker anmerken werden. Der französische Angreifer Griezmann hatte den Ball bei einem Eckball so gekonnt auf die kurze Ecke gedreht, dass der französische Abwehrspieler Umiti aus kurzer Distanz den Ball mit einem Kopfstoß am machtlosen Courtois vorbei in die kurze Ecke platzieren konnte. Allein der belgische Mittelfeldspieler Fellaini hätte den Treffer verhindern können, indem er Umtiti nicht entwischen lassen und entschlossener verteidigt hätte.

Courtois Aktionen

Insgesamt hatte Thibaut Courtois 29 Ballkontakte in diesem Spiel. Wenn man das Torwartspiel in die Bereiche Abwehraktionen, Mitspielaktionen und Spieleröffnung unterteilt, setzen sich Courtois Spielanteile folgendermaßen zusammen: 55 % seines Spiel bestand aus der Spieleröffnung, 28 % aus Mitspielaktionen und nur 17 % aus Abwehraktionen.

Abwehrende Aktionen

Insgesamt hatte Courtois nur vier Aktionen in der Torverteidigung. In der 39. min klärte er gegen Pavard, der aus 6 m und spitzem Winkel ins lange Eck abzog, Courtois aber noch den Ball mit dem Fuß um den Torpfosten lenken konnte. Dann musste er einen Kopfball von Giraud klären, der aber direkt auf den Körper des Schlussmanns kam und deshalb keine große Herausforderung für Courtois darstellte. Besonders gefährlich wurde es zweimal in der Nachspielzeit für das belgische Tor. In der 93. Min prüfte Griezmann den belgischen Keeper mit einem Schuss aus 16 m ins lange Eck, den Courtois aber sicherte hielt. In der 96. Min scheiterte der eingewechselte Tolisso mit einem flachen Schuss ins entfernte Toreck an Courtois. Ansonsten musste er nur noch einen hüfthohen Ball aufnehmen.

Mitspielaktionen

Courtois war insgesamt nur acht Mal in das Passspiel seiner Mannschaft eingebunden. Fünfmal leitete er den zu ihm zurückgespielten Ball in zwei Kontakten mit einem Kurzpass zu einem Mitspieler weiter, dreimal wählte er die lange Variante. Bei langen Bällen ist Courtois durchaus in der Lage, auch unter Druck zielgenaue Bälle auf Mitspieler zu spielen, weil er über gute fußballerische Fähigkeiten verfügt. Allerdings stellt seine Passquote von 62,5 % im Halbfinalspiel gegen Frankreich keinen überragenden Wert dar.

Spieleröffnung

Wie die Grafik zeigt, bevorzugt Courtois mit dem belgischen Team zumeist die kurze Spieleröffnung. Sie garantiert, dass der Ball zunächst in den eigenen Reihen bleibt. In 69 % der Spieleröffnungen wählte Courtois den kurzen Abstoß. Wenn er den Ball innerhalb des Spielfeldes abfing, rollte er meist den Ball zu einem Mitspieler. Auf Handabschläge oder Abwürfe verzichtete Courtois in diesem Spiel völlig. Die kurze und sichere Art der Spieleröffnung wurde ihm allerdings vom Gegner leicht gemacht, weil sich die Franzosen nach Torabschlüssen meist in die eigene Spielhälfte zurückzogen und nur selten die Belgier bereits bei der Spieleröffnung unter Druck setzten. So konnte Courtois in Ruhe das Spiel seiner Mannschaft neu aufbauen.

Fazit

Wenn es um den „Goldenen Handschuh“, die Auszeichnung für den stärksten Torhüter geht, dürfte der Name Thibaut Courtois eine große Rolle spielen. Oliver Kahn ernannte den Belgier nach dessen spektakulären Parade gegen Brasilien, als er einem Schuss von Coutinho mit der Überhand aus dem Torwinkel über die Querlatte lenkte, sowie nach weiteren neun Paraden, die Statistiker der Kategorie „hochkarätige Chance“ zuordnen, offiziell zur Nummer 1 der gesamten Weltmeisterschaft. „Ich denke, nach diesem Spiel kann man das sagen“, urteilte der „Titan“, der selbst nach der WM 2002 zum stärksten Torwart und sogar zum besten Spieler des Turniers gewählt wurde. Courtois gelingt es, seine Körpergröße von 1,99 Metern und seine Spannweite von mehr als zwei Metern im richtigen Moment einzusetzen. Besonders deutlich kommt diese Fähigkeit in 1gegen1-Situationen zum Tragen. Trotz seiner hünenhaften Größe ist er aber auch bei flachen Bällen extrem schnell am Boden. Beim Abdruck zum Ball wendet er oft die Technik des negativen Abdrucks an. Er steht sehr breit und bewegt bei Schüssen aus kürzeren Entfernungen den ballnahen Fuß zuerst nach innen, um sich dann explosiv zum Ball abdrücken zu können.

Ein kleiner Wehmutstropfen: Nicht wenige Menschen halten sein Auftreten für arrogant, sowohl auf dem Platz als auch bei Auftritten außerhalb des Spielfeldes. Er selbst ist davon überzeugt, dass er mit seiner Größe von 1,99 m Vorteile gegenüber einigen Torwartkollegen besitzt. „Ich hätte den Ball möglicherweise gehalten, weil ich etwas größer bin“, tönte Belgiens 1,99-Meter-Keeper nach dem goldenen Tor seines Teamkollegen Adnan Januzaj in der Vorrunde gegen Englands Schlussmann Jordan Pickford (1,85 Meter).

Selbst in extremen Drucksituationen strahlt Courtois eine ungeheure Ruhe und Gelassenheit aus, die manchmal fast etwas überheblich wirkt. Pressing-Situationen löst er meist unaufgeregt, weil er sich auf seine fußballerischen Fähigkeiten verlassen kann. Gefühlsausbrüche sind bei ihm eher selten. Courtois ist ein Gesamtpaket, das in allen Bereichen des Torwartspiels überragende Fähigkeiten besitzt. Sowohl in der Tor- und Raumverteidigung als auch in der Spieleröffnung und bei Mitspielaktionen gibt es nur wenige Torhüter, die ihm das Wasser reichen können. Schade, dass die Freunde des Torwartspiels durch das Ausscheiden der Belgier diesen Ausnahmekönner nicht länger bei der WM genießen können.

AnalyseAnalyseThibaut CourtoisWM 2018

Artur Stopper

Artur Stopper

Über den Autor

Mit über 25 Jahren Erfahrung als Torwarttrainer weiß Artur, wie Torhüter ticken. Deshalb bevorzugt er Themen, die die Welt der Torhüter ausmachen: Vereinswechsel, Tiefschläge, Pechsträhnen, Höhenflüge, Emotionen, Ersatzbank, Halbgötter, Erfolge.

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