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Seit dem Sommer 2015 ist Thomas Schlieck bei Borussia Dortmund als Torwart-Koordinator für die U9 bis zur U23 zuständig. Zuvor arbeitete er in gleicher Funktion bereits drei Jahre lang für RB Leipzig und ein Jahr für den Revier-Rivalen Schalke 04. Vom 1999 bis 2011 sammelte er außerdem über viele Jahre Erfahrung als Torwarttrainer sowie als Torwart-Koordinator und Scout beim ehemaligen Bundesligisten Arminia Bielefeld. Der 47-Jährige gilt in Fachkreisen als absoluter Experte im Torwartbereich.

Goalguard hat Thomas Schlieck zu seiner Tätigkeit und der augenblicklichen Situation beim BVB befragt.

Artur Stopper Thomas, seit dem Sommer 2015 bist du bei Borussia Dortmund als Koordinator Torwartbereich beschäftigt. Wie muss man sich deine Tätigkeit genau vorstellen?

Thomas Schlieck Meine Hauptverantwortung liegt in dem Bereich von der U9 bis zur U23, in dem man von Torhüterausbildung spricht. Die Kernaufgabe war es oder ist es immer noch, eine Einheitlichkeit und Struktur zu schaffen in den Themen Torwartausbildung, Torwartscouting, in den Trainingsinhalten sowie der Trainings- und Spielanalyse.

Artur Stopper Heutzutage wird im Spitzensport sehr viel mit Statistiken gearbeitet. Das Wort vom „Laptop-Trainer“ macht bereits die Runde. Welche Vorteile bringt die Arbeit mit Statistiken gegenüber herkömmlichen Methoden?

Thomas Schlieck Die Arbeit mit Statistiken, speziell in den Bereichen Trainings- und Spielanalyse, führt dazu, dass man Sachverhalte anhand von Fakten und möglichst objektiven Daten beurteilen kann. Wenn man über Jahre eine Menge von Daten gesammelt hat über verschiedene Spieler auf einer Position, helfen diese Daten, anhand von Fakten zu entscheiden und nicht aus der Emotionalität heraus.

Artur Stopper Torwarttraining lässt sich grob in die Bereiche Torverteidigung, Raumverteidigung und Spieleröffnung unterteilen. Welcher dieser Bereiche ist deiner Meinung nach am schwierigsten zu vermitteln?

Thomas Schlieck Am schwierigsten ist der Bereich der Raumverteidigung zu trainieren, weil es darum geht, dass a) die Übergänge der einzelnen Teilbereiche fließend sind und b) die Kreativität gefordert ist, Übungen zu finden, die die Raumverteidigung so abbilden, wie sie im Spiel gefordert ist. Hinzu kommt, dass im Bereich des Raumes immer Entscheidungen getroffen werden müssen. Je jünger und unerfahrener Torhüter sind, desto unwahrscheinlicher ist es, dass die Erfolgsquote hoch ist. Deshalb brauchen wir ein großes Verständnis für die Komplexität der Situation und müssen dann mit diesem Verständnis und einer gewissen Ausdauer daran arbeiten, die Anzahl der richtigen Entscheidungen im Raum zu erhöhen.

Artur Stopper Zur Raumverteidigung zählt auch das Verteidigen von Eckbällen. Manche Mannschaften verteidigen bei Eckbällen ihr Tor mit zwei Spielern auf der Torlinie, manche mit einem Spieler vorne oder hinten, andere verzichten auf einen Spieler auf der Torlinie. Welche Variante bevorzugst du und warum?

Thomas Schlieck Wenn ich allein als Torwarttrainer entscheiden könnte, würde ich immer die Variante, beide Pfosten zu besetzen, bevorzugen. Es geht immer in erster Linie darum, ein Tor zu vermeiden. Deshalb würde ich mich für die Variante Safety first entscheiden. Allerdings tangiert dieser Bereich immer die gesamttaktische Ausrichtung des Cheftrainers. Deshalb werden speziell diese Entscheidungen im Spitzensport nicht vom Torwarttrainer entschieden, sondern immer im Verbund mit dem Trainerteam.

Artur Stopper Für viele Experten und Fernsehkommentatoren gilt nach wie vor die Regel „Wenn der Torhüter kommt, muss er den Ball haben“. Ist diese Regel noch zeitgemäß, wenn im modernen Torwartspiel vor allem das Agieren vom Torhüter erwartet wird?

Thomas Schlieck Grundsätzlich ist mir immer lieber, der Torhüter begeht einen Handlungsfehler, d.h. der Torhüter agiert im Raum, speziell im Jugendfußball oder im Ausbildungsbereich, anstatt überhaupt nicht zu handeln. Dann wäre es für mich ein Unterlassungsfehler. Unterlassungen führen aber nicht dazu, dass eine Verbesserung eintritt. Grundsätzlich ist der Satz immer noch weit verbreitet und hat auch eine gewisse Berechtigung. Aber es gibt natürlich Situationen, wo man speziell wieder im Jugendbereich versuchen muss, inwieweit man ein Risiko eingehen kann und es aufgeht. Deswegen wird es immer wieder Situationen geben, wo Entscheidungen, in Räume zu gehen und Bälle zu attackieren, auf dem Weg dorthin als falsch erkannt werden, und Situationen entstehen, in denen ein Torwart nicht an den Ball kommt. Deshalb gilt der Satz sicherlich für den Top-Bereich, weil man aufgrund der Erfahrungswerte, die man gesammelt hat, oder Situationen, die man erlebt hat, deutlich klarer entscheiden kann. Im Nachwuchsfußball ist nach meiner Meinung dieser Spruch nicht gültig.

Artur Stopper Beim Champions-League-Spiel von Borussia Dortmund gegen die Tottenham Hotspurs wurde Roman Bürki für zwei Treffer ins kurze Eck verantwortlich gemacht. Inwiefern wurde er zu Recht kritisiert und wo siehst du ihn zu Unrecht angegriffen?

Thomas Schlieck Aus meiner Sicht ist es auf Champions-League-Niveau normal, dass diese Kritik, auch in dieser Deutlichkeit, kommt. Aus meiner Sicht war seine Position, unabhängig von den Bezeichnungen kurze oder lange Ecke, nicht optimal. Deswegen fallen diese beiden Tore. Bei besser gewählter Position wäre die Chance, die beiden Bälle abzuwehren, größer gewesen. Trotzdem muss man natürlich sagen, dass der Ball bei 1:0 von Son ein äußerst unangenehmer Ball für einen Torhüter war, weil der Ball knapp über die Schulter ging und es sehr schwierig war, in dieser Situation die Hand an den Ball zu bekommen, zumal bei dem Tempo, mit dem der Ball geschossen wurde.

Artur Stopper Gerade in dieser für Bürki schwierigen Situation hat Borussia Dortmund seinen Vertrag bis 2021 verlängert. Warum war diese Entscheidung richtig?

Thomas Schlieck Weil Roman Bürki für mich ein Torhüter mit einem enormen Potenzial ist und eine sehr stabile Saison 2016/17 gespielt hat. Die Gespräche hinsichtlich einer Vertragsverlängerung sind nicht nach dem Spiel in London oder nach dem krassen Fehler im Spiel gegen Apoel Nikosia begonnen worden, sondern waren davor schon angelaufen. Alle Verantwortlichen bei der Borussia wissen, welch großartiger Torhüter er ist und welches Potenzial noch in ihm steckt. Daher war es nur folgerichtig, das zu tun.

Artur Stopper Vor einigen Jahren setzten sich mit ter Stegen, Leno, Baumann und Karius, um nur einige zu nennen, gleichzeitig mehrere junge Torhüter als Stammtorhüter in der Bundesliga durch. Inzwischen ist es bei dieser Wachablösung ruhiger geworden. Sind die guten Jahrgänge vorbei, oder welche Gründe siehst du für diese Entwicklung?

Thomas Schlieck Das ist schwierig zu sagen, wenn man die Jungs nicht so kennt. Bernd Leno wurde von Bayer Leverkusen verpflichtet, ohne dass er jemals zuvor auf diesem Level ein Spiel gemacht hatte, ter Stegen war aus der Not heraus im Abstiegskampf der Gladbacher ins Tor gekommen, Loris Karius war eigentlich schon aussortiert, erhielt aber seine Chance, weil die anderen beiden Torhüter (Müller, Wettklo) verletzt waren bzw. die Rote Karte erhalten hatten. Man sieht daran, dass oft glückliche Umstände und Zufälle eine Rolle spielen. Im Moment sind die Plätze besetzt. Außerdem sind momentan acht ausländische Torhüter in der Bundesliga beschäftigt, die auch Plätze belegen. Hinzu kommt die Frage, wieviel Mut Cheftrainer und der Torwarttrainer im gemeinsamen Zusammenspiel entwickeln, junge Torhüter spielen zu lassen. Ein positives Beispiel, bei dem dies gelingt, ist Dynamo Dresden mit der Ausleihe von Marwin Schwäbe von der TSG Hoffenheim, der sich über ein Drittligajahr in Osnabrück reingespielt hat und nun in der zweiten Liga in Dresden Stammtorhüter ist. Deshalb ist das nicht so pauschal zu sagen. Soweit ich Nachwuchstorhüter kenne und beurteilen kann, gibt es in den einzelnen Jahrgangsstufen immer noch genügend talentierte Torhüter, auch im internationalen Vergleich. De facto ist es im Moment so, dass auf dem höchsten Niveau nur wenige Nachwuchstorhüter spielen. Diese Problematik besteht auch in der U21-Nationalmannschaft, wo mit Alexander Nübel ein Torhüter spielt, der wohl im Bundesliga-Kader von Schalke steht, dort aber bisher keine Einsätze hatte.

Artur Stopper Mit Dominik Reimann ist mittlerweile ein Eigengewächs dritter Torhüter im Profikader des BVB. Wie weit ist für ihn der Weg nach ganz oben?

Thomas Schlieck Sehr weit. Er ist seit der U9 bei Borussia Dortmund und hat alle Stufen durchlaufen. Dominik hat die außergewöhnlichste Qualität im Spiel mit dem Fuß, die ich jemals bei einem Torhüter gesehen habe. In den anderen Bereichen muss er noch an sich arbeiten und seinen Weg gehen. Vor der Saison hatte er in Testspielen einige Einsätze im Profiteam, unter anderem eine Halbzeit gegen den AC Mailand, und konnte schon mal in den Spitzenfußball hineinschnuppern. Letztlich liegt er immer an jedem selbst, ob man mit dem vorhandenen Können die sich bietende Chance nutzt.

Artur Stopper Was sind die größten Hindernisse für einen jungen talentierten Torhüter auf dem Weg nach oben?

Thomas Schlieck Das ist eine schwierige Frage. Ich glaube, dass vieles mit der eigenen Persönlichkeit zusammenhängt. Letztlich wird sich immer derjenige mit dem größeren Willen gegenüber dem mit dem vermeintlich größeren Talent durchsetzen. Am Ende ist es wohl immer das Zusammenspiel von diesem Willen, der Persönlichkeitsstruktur, den torwartspezifischen Fähigkeiten und der Bereitschaft, sich jeden Tag verbessern zu wollen, die zum Erfolg führt. Außerdem muss man auch im mentalen Bereich so präpariert sein, dass man der Situation gewachsen ist, wenn sie kommt, denn meist kommt sie unverhofft. Natürlich spielt auch das Quäntchen Glück auf dem Weg nach oben eine Rolle.

Artur Stopper Mit Hans Tilkowski, Eike Immel und Roman Weidenfeller hat der BVB in der Vergangenheit drei Nationaltorhüter hervorgebracht. Wann können wir den nächsten erwarten?

Thomas Schlieck Gute Frage, aber sie ist schwer zu prognostizieren. Wir haben mit Luca Unbehaun im Jahrgang 2001 ein Top-Talent, der vom Alter her U17-Spieler ist, aber bereits in der U19 spielt. Er hat sicherlich ein sehr großes Potenzial und hervorragende Voraussetzungen. Aber keiner kann voraussagen, ob er den Weg nach oben gehen wird und wann das der Fall sein wird.

Artur Stopper Thomas, wird bedanken uns dafür, dass du dir für uns Zeit genommen hast, und wünschen dir weiterhin viel Erfolg.

InterviewThomas Schlieck

Artur Stopper

Artur Stopper

Über den Autor

Mit über 25 Jahren Erfahrung als Torwarttrainer weiß Artur, wie Torhüter ticken. Deshalb bevorzugt er Themen, die die Welt der Torhüter ausmachen: Vereinswechsel, Tiefschläge, Pechsträhnen, Höhenflüge, Emotionen, Ersatzbank, Halbgötter, Erfolge.

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