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Oliver Baumann ist seit seinem Wechsel im Sommer 2014 vom SC Freiburg die Nummer eins beim Bundesligisten TSG Hoffenheim. Mit 28 Jahren hat er bereits die stolze Anzahl von 292 Bundesligaeinsätzen erreicht. Seit Jahren besticht Baumann durch seine Konstanz und hat sich zu einem der besten Torhüter in der Bundesliga entwickelt. Nicht ohne Grund wird sein Name immer wieder mit der Nationalmannschaft in Verbindung gebracht. Dass er sich in Hoffenheim wohl sehr fühlt, hat er bereits Anfang 2017 unter Beweis gestellt. Er verlängerte seinen Vertrag bei den Kraichgauern bis 2021. Goalguard unterhielt sich mit dem Ausnahmekeeper über seine Entwicklung, seine Interpretation des Torwartspiels, über die Rotation auf der Torhüterposition sowie seine sportliche Zukunft.

Artur Stopper Oliver, im Moment belegt die TSG Hoffenheim Platz 9. Entspricht diese Platzierung deinen Erwartungen vor Saisonbeginn?

Oliver Baumann Sicher nicht, aber im Vergleich mit der vergangenen Saison hatten wir zum damaligen Zeitpunkt eine ähnliche Punktzahl. Unsere Erwartungen liegen im Bereich zwischen Platz 6 und besser. Da stehen wir im Moment noch hintenan.

Artur Stopper Sicherlich habt ihr analysiert, was bisher gefehlt hat, um noch erfolgreicher zu sein?

Oliver Baumann Generell hatten wir viele Spiele, in denen wir gegen Ende noch in Führung lagen, diese aber nicht über die Zeit bringen konnten. Das stört uns natürlich extrem und nagt an uns, weil wir sehen, dass wir über die Qualität verfügen, oben dabei zu sein, dann aber Spielphasen haben, in denen wir es dem Gegner zu einfach machen. Diese Phasen trennen uns derzeit von Spitzenteams.

Artur Stopper Du hast dich in den vergangenen Jahren kontinuierlich entwickelt und wurdest vom Kicker mit der Bezeichnung „Der Stabile“ gewürdigt. Wie erreicht man diese Stabilität, und in welchen Bereichen hast du in den vergangenen Jahren besonders verbessert?

Oliver Baumann Grundsätzlich strebe ich immer nach Perfektion, auch wenn man die natürlich nie ganz erreicht. Mein Ziel ist es, möglichst konstant gut zu spielen und Ausschläge nach oben zu haben. Meiner Meinung nach hilft eine gewisse Konstanz der Mannschaft am meisten. Diese Stabilität erreicht man durch das Streben nach ständiger Verbesserung und Perfektion: durch Arbeit im Kraftraum, durch das Arbeiten an vielen Bausteinen, aus denen unser Torwarttraining besteht, wie Fußarbeit, Reaktion Hand-Fuß und viele mehr. Dadurch habe ich mich peu a peu in allen Bereichen verbessert. Wahrscheinlich habe ich aber am meisten im mannschaftstaktischen Bereich dazugelernt. Ich verstehe unser Spiel mittlerweile sehr gut und kann dadurch der Mannschaft in ihrem gesamten Gefüge helfen. Ein großer Baustein ist mein Stellungsspiel, ich frage mich ständig: Wie groß ist meine Distanz zu den Verteidigern mit oder ohne den Ball? Wo muss ich stehen, wenn ein gegnerischer Spieler den Ball von einer bestimmten Position flankt? Möglicherweise habe ich durch meine Positionierung und durch richtige Entscheidungen nicht so viele spektakuläre Aktionen, da ich eben bereits viele Situationen im Vorhinein antizipiere.

Artur Stopper Du bist mit 28 Jahren und 267 Ligaspielen für den SC Freiburg und die TSG Hoffenheim inzwischen ein erfahrener Torhüter. Agiert man mit viel Erfahrung anders als in jungen Jahren?

Oliver Baumann Auf einige Situationen trifft das sicherlich zu. In all den Jahren habe ich natürlich auch Fehler gemacht, konnte daraus lernen und generell viele Situationen durchspielen. Dadurch gewinnt man an Sicherheit. Außerdem entwickelt man mit der Zeit auch ein Gefühl für das Drumherum, für die Stadien oder bestimmte Drucksituationen. Der Profifußball schafft generell viel Stress. Wenn ich aber heute nach dem Spiel ins Auto steige, weiß ich, dass Fußball meine Arbeit ist, aber nun meine private Zeit beginnt. Das ist mir früher schwerer gefallen. Da habe ich oft noch lange nach dem Spiel mit Situationen gehadert und mir überlegt, was ich hätte anders machen sollen.

Artur Stopper Ein Artikel auf der TSG-Internetseite über dich ist mit der Überschrift „Der ruhige Riese“ überschrieben. Werden deine guten Leistungen zu wenig wahrgenommen, weil du kein Lautsprecher bist?

Oliver Baumann Das weiß ich nicht, aber es stimmt schon, dass ich sicher kein Lautsprecher bin. Über mich gibt es nicht so viel Spektakuläres zu berichten, was ich aber auch gar nicht will. Mein Instagram-Profil ist zum Beispiel nicht mega aufregend, viele Profifußballer geben deutlich mehr von sich preis. Auch in sportlicher Hinsicht gibt es eher selten reißerische Headlines über mich, weil meine Spielweise, wie bereits erwähnt, nicht von Spektakel geprägt ist. Zudem brauche ich keine Schlagzeilen, in denen ich fordere, ich müsse zu einem noch größeren Verein oder in die Nationalmannschaft. Ich glaube, dass man bei mir weiß, was man von mir bekommt und an mir hat.

Artur Stopper Trainer Julian Nagelsmann gönnte dir Ende September aus Gründen der Belastungssteuerung eine schöpferische Pause. Wie sehr hattest du das Gefühl, diese Pause zu brauchen?

Oliver Baumann Ich selbst möchte immer spielen. Deshalb bin ich auch nach seiner Entscheidung zu ihm gegangen und habe ihm gesagt, dass er selbstverständlich der Chef sei und alles vorgebe, aber ich eben gerne spielen würde. Wir haben uns gut darüber ausgetauscht. Seine Argumentation war, dass man nach so vielen Spielen wie in der Hinrunde manchmal ein kleineres Tief bekommt. Dieses Tief wollten wir vermeiden. Ich denke, das hat auch gut funktioniert.

Artur Stopper Rotation ist inzwischen unter Feldspielern ein gängiges Prinzip. Einige Trainer internationaler Spitzenteams haben auch schon auf der Torhüterposition rotiert. Hältst du auch Rotation auf der Torhüterposition für denkbar und sinnvoll?

Oliver Baumann Es kommt auf die Anzahl der Wettbewerbe an. Zwei Wettbewerbe sind von der Belastung her für einen Torhüter zu leisten. Bei der Teilnahme an einem dritten Wettbewerb kann es durchaus sinnvoll sein, den Torhüter auch einmal zu wechseln. Aber es kommt ebenso auf andere Faktoren an, zum Beispiel darauf, ob beide Torhüter ein sehr ähnliches Leistungslevel besitzen. Grundsätzlich bin ich aber eher gegen eine Rotation auf der Torhüterposition.

Artur Stopper Gregor Kobel musste seinen Einstieg bei einem möglichen Abstiegskandidaten, dem FC Augsburg, leisten. Wäre es für einen jungen und unerfahrenen Torhüter am Beginn der Karriere nicht besser, erste Erfahrungen in einem Verein ohne den ständigen Druck des Abstiegskampfes zu machen?

Oliver Baumann Ich habe nur eine Seite kennengelernt. Ich hatte bei meinem Start in Freiburg auch viel Druck, weniger von Seiten des Vereins, sondern aus meinem eigenen Verantwortungsbewusstsein heraus, weil ich wusste, dass speziell in Freiburg der Erfolg viel von der Leistung des Torhüters abhing. In einigen Vereinen trägt die Mannschaft den Torwart, in anderen der Torwart die Mannschaft. Speziell in Freiburg bekommt ein Torhüter immer viel zu tun. Ich habe als junger Torhüter Fehler gemacht, Gregor macht sie auch und wir werden sie weiterhin machen. Aus Fehlern muss man aber lernen. Diesen Prozess machen alle jungen Torhüter durch. Man lernt in dieser Zeit das harte Bundesliga-Geschäft kennen und muss damit umgehen, wenn nach einem Fehler am nächsten Tag in der Zeitung steht „Kobel oder Baumann verschenkt den Sieg“. Das ist in jungen Jahren besonders unangenehm, aber daran muss man wachsen, um in dem Bundesliga-Geschäft funktionieren zu können. Als Torwart braucht man die Persönlichkeit, diese Nebengeräusche wegzustecken.

Artur Stopper Nach Ansicht vieler Experten wird sich ein Leistungszuwachs zukünftig vor allem durch kognitive Übungen entwickeln. Ihr arbeitet in Hoffenheim bereits mit einer Brain-App oder mit der so genannten Helix, einer von SAP entwickelten 180-Grad-Projektionsfläche, die die Trainingsumgebung darstellt. Wie oft arbeitest du mit solchen Hilfsmitteln und inwiefern helfen sie dir in deinem Torwartspiel?

Oliver Baumann Wir trainieren mindestens einmal pro Woche mit Kathi, unserer Psychologin, bestimmte Konstellationen mit iPads, Helix oder Beamer. Ich bin sicher, dass uns dieses Training hilft, weil sich der Torhüter im Spiel auch genau auf die Sekunde konzentrieren, gleichzeitig aber auch Phasen ohne Konzentration einbauen muss. Diesen Wechsel zwischen konzentrierter Anspannung und Entspannung kann man sicherlich nur bedingt exakt simulieren, aber mit Hilfe der technischen Mittel werden bestimmte Gehirnzellen angeregt. Und je mehr dieser Gehirnzellen angeregt werden, umso besser ist es letztlich.

Artur Stopper Du hast bereits 2017 deinen Vertrag mit der TSG Hoffenheim bis 2021 verlängert. Magst du keine Veränderungen in deinem Leben oder hat dich das Konzept von Hoffenheim überzeugt?

Oliver Baumann (grinst) Eine große Veränderung hatte ich ja bereits. Nach einer langen Zeit in Freiburg von der Jugend an kannte ich nahezu jeden im Verein. Ich wollte etwas Neues kennenlernen und habe den schweren Weg mit viel Gegenwind nach Hoffenheim zu einem Verein gewagt, der mir in vielerlei Hinsicht jedoch mehr bieten konnte. Hier in Hoffenheim fühle ich mich sehr wohl und bin nach wie vor vom Weg und den Möglichkeiten dieses Vereins überzeugt. Außerdem lebe ich zusammen mit meiner Frau in Heidelberg, in einer schönen Stadt. Ich weiß, was ich hier habe, und würde diese Vorteile nicht so schnell aufgeben. Es müsste schon sehr gute Gründe geben, diesen Standort zu verlassen.

Artur Stopper Viele Torhüter wünschen sich, einmal im Ausland zu spielen, vor allem in der englischen Premier League. Von dir habe ich diesen Wunsch noch nicht gehört. Habe ich ihn überhört oder ist er bei dir nicht vorhanden?

Oliver Baumann Grundsätzlich wäre ich durchaus offen für ein Engagement in England, auch wenn ich das nicht laut hinausposaune. Aber wenn die Stadt und die Region nicht schöner sind als Heidelberg mit Umgebung und der Verein sportlich nicht interessanter ist als die TSG Hoffenheim, würde mir der Wechsel wenig bringen. Wir haben in den vergangenen Jahren international gespielt, mit Duellen in Liverpool oder Manchester. Das waren mit die geilsten Spiele, die ich je erlebt habe - weil die Atmosphäre, die Plätze und die Art, wie der Fußball in England gefeiert wird, einmalig waren. Auch Italien und Spanien haben tolle Vereine und schöne Ecken. Aber solange sich die TSG Hoffenheim weiter so gut entwickelt und der Verein den Weg weiterverfolgt, auf dem er gerade ist, gibt es wenig Gründe für mich, diesen Klub zu verlassen. Ich kann mir auch sehr gut vorstellen, in Hoffenheim meine Karriere zu beenden.

Artur Stopper Welche Schlagzeile wünschst du dir am Ende der Saison?

Oliver Baumann „Hoffenheim hat den Weg nach Europa doch noch gepackt!“

Artur Stopper Oli, ich wünsche dir natürlich, dass dieser Wunsch in Erfüllung geht, und vor allem weiterhin so konstant gute Leistungen ablieferst. Danke, dass du dir Zeit für uns genommen hast.

Interview1. BundesligaTSG 1899 HoffenheimOliver Baumann

Artur Stopper

Artur Stopper

Über den Autor

Mit über 25 Jahren Erfahrung als Torwarttrainer weiß Artur, wie Torhüter ticken. Deshalb bevorzugt er Themen, die die Welt der Torhüter ausmachen: Vereinswechsel, Tiefschläge, Pechsträhnen, Höhenflüge, Emotionen, Ersatzbank, Halbgötter, Erfolge.

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