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Seit dem Januar 2015 ist Michael Rechner für das Torwarttraining im Bundesligateam der TSG Hoffenheim verantwortlich. Die Ausbildung zum Torwarttrainer hat er von der Pike auf gelernt. Fünf Jahre lang war er selbst Profi-Torhüter, unter anderem beim Hamburger SV und Waldhof Mannheim. Nach dem Ende seiner Profikarriere begann er ein Studium der Sportwissenschaft an der Uni Heidelberg. Ab 2008 kümmerte er sich um die Ausbildung der Torhüter der U23 und U19 bei der TSG Hoffenheim. Im Januar 2015 übernahm er die Verantwortung für das Torwarttraining der Profis beim Champions-League-Teilnehmer aus dem Kraichgau. Unter seiner Regie entwickelte sich Oliver Baumann zu einem der besten Torhüter in Deutschland.

Goalguard hatte die Möglichkeit, sich mit Hoffenheims Profi-Torwarttrainer unter anderem über die aktuelle Situation in Hoffenheim, die Chancen einer Rotation auf der Torwartposition sowie kognitiven Trainingsmethoden im Torwarttraining der Hoffenheimer zu unterhalten.

Artur Stopper Michael, nach sieben Spielen belegt die TSG Hoffenheim mit gerade mal sieben Punkten den 13. Tabellenplatz. Wie beurteilst du den bisherigen Saisonverlauf?

Michael Rechner Natürlich könnte der bisherige Saisonverlauf besser sein, wir haben definitiv zu wenige Punkte. Häufig zeigten wir eine gute Spielleistung, kämpfen aber mit zwei Probleme in dieser Saison: Zum einen waren wir nicht gut genug in der Chancenverwertung, obwohl wir uns viele Möglichkeiten erarbeiten. Zum anderen ist unsere Verletztenliste sehr lang. Teilweise mussten wir zehn verletzte Spieler beklagen, darunter auch viele Stammkräfte. Unter dem Strich haben wir sicherlich ein paar Punkte zu wenig.

Artur Stopper Mit 13 Gegentoren habt ihr mit die meisten in der Bundesliga hinnehmen müssen. Was ist los in der TSG-Abwehr?

Michael Rechner Mit Kevin Vogt, Nuhu, unserem Neuzugang aus Bern, Benjamin Hübner, der schon die ganze Saison verletzungsbedingt fehlt, sowie Ermin Bicakcic fiel teilweise fast die komplette Dreierkette aus. Zudem waren unter den vielen Gegentoren einige vermeidbar. Bei schwacher Chancenverwertung muss eine Mannschaft aber zumindest versuchen, wenige Gegentore zuzulassen. Das ist uns bisher noch zu wenig gelungen.

Artur Stopper Julian Nagelsmann hat vor kurzem vor dem Spiel gegen Hannover 96 die Entscheidung getroffen, Stammtorhüter Oliver Baumann „aus Gründen der Belastungssteuerung“ komplett aus dem Kader zu streichen. Diese Begründung ist neu. Hat die Belastung bei Torhütern stark zugenommen?

Michael Rechner Die Belastung hat meiner Meinung nach nicht zugenommen, sie ist aber immer schon hoch. Vielleicht weniger die körperliche, sondern eher die extreme mentale Belastung. Aus unserer Sicht machte es deshalb in einer Phase, in der wir einige englische Wochen hatten, Sinn, auch Oliver mal eine Pause zu geben. Deshalb entschieden wir uns, in Hannover Gregor Kobel spielen zu lassen. Im Nachhinein betrachtet, war diese Entscheidung richtig, weil sie die Jungs gut angenommen haben. Vielleicht fehlt anderen Trainerteams manchmal einfach der Mut zu einer solchen Entscheidung.

Artur Stopper In der Vergangenheit wurde in Deutschland auf der Torhüterposition meist nur gewechselt, wenn der Stammtorhüter verletzt war oder eine Schwächephase zeigte. Bei einigen Topteams in Europa war in der Vergangenheit eine Rotation auf der Position des Schlussmannes jedoch nicht unüblich. Könnte die Rotation auf der Torwartposition wie bei Feldspielern zukünftig zur Selbstverständlichkeit werden?

Michael Rechner Ich glaube schon, dass es Sinn macht, auch mal auf dieser Position zu wechseln, wenn man viele Spiele hat, indem man einen Torhüter in einem Wettbewerb spielen lässt und den anderen in einem anderen. Dieses System funktioniert natürlich nur, wenn die Leistung der beiden Torhüter stimmt und die Qualität dafür da ist. Glücklicherweise haben wir bei uns die Situation, dass wir im Profikader drei sehr gute Torhüter haben und die zwischenmenschliche Beziehung in diesem Dreierteam positiv ist. Deswegen hat diese Vorgehensweise bei uns funktioniert.

Artur Stopper In Hannover feierte dafür Youngster und Stellvertreter Gregor Kobel ein starkes Debüt zwischen den Pfosten. Was fehlt dem jungen Schweizer noch zu einem Stammplatz in einem Bundesligateam?

Michael Rechner Ihm fehlt eigentlich nichts außer Erfahrung, die er natürlich im Alter von 20 Jahren noch nicht haben kann. Er bringt sehr viel mit, hat aber im Moment die Situation, dass er mit Oliver Baumann einen sehr guten Torhüter vor sich hat, der mit fast 300 Bundesligaspielen unglaublich viel Erfahrung mitbringt. Zudem zeigte Oliver in den vergangenen Jahren sehr gute Leistungen und hatte einen großen Anteil daran, dass wir am Ende der vergangenen Saison mit Platz drei die Champions League erreichten und im Jahr zuvor mit Platz vier in die Champions-League-Qualifikation gekommen sind. Deshalb ist es im Moment nicht einfach für den Jungen, an Baumann vorbeizukommen. Aber unabhängig von Oliver Baumann hat Gregor Kobel alle Voraussetzungen, Bundesliga-Torhüter zu werden, er ist ein großes Talent.

Artur Stopper Hoffenheim ist bekannt für innovative Trainingsmethoden. Oliver Baumann schult sein situatives Handeln und Erkennen z.B. mit Brain-Jogging unter Anleitung eines Sportpsychologen mit dem Ziel, seine Wahrnehmung und gedankliche Geschwindigkeit im Kopf zu erhöhen. Liegt im kognitiven Bereich das größte Entwicklungspotenzial bei Torhütern?

Michael Rechner Auf jeden Fall! Es gibt mehrere Untersuchungen, die zum Ergebnis kommen, dass der Mensch nur rund 15 % seines Gehirns nutzt. Deshalb führen wir abseits des Trainingsplatzes dieses Training zur Wahrnehmung und Entscheidung durch. Allerdings beträgt der zeitliche Aufwand dafür nur 2 x 15 Minuten pro Woche. Wenn man diese Zahl dem zeitlichen Aufwand für körperliches Training gegenüber stellt, ist der Anteil von kognitivem Training immer noch sehr gering. Ich glaube aber, dass wir viele Möglichkeiten in diesem Bereich noch gar nicht nutzen. So könnte man sich z.B. mit mentalem Training bestimmte Situationen gedanklich vorstellen und dadurch den Torhüter besser auf diese Situationen vorbereiten. Auch könnte man über die mentale Bewegungsvorstellung technische Abläufe bewusster machen. Wir trainieren in Hoffenheim bereits die Bereiche Wahrnehmung, Handlungsschnelligkeit, Aufmerksamkeit oder Konzentration, um ein paar Schlagworte zu nennen, mit Hilfe von kognitivem Training. Dieses Thema könnte man aber sicherlich noch intensivieren, hier gibt es noch viel Potenzial zur Verbesserung. Viele andere Sportarten nutzen die Möglichkeiten des mentalen Trainings bereits besser, der Fußball hinkt hier hinterher. Ich bin sicher, dass kognitives Training zukünftig verstärkt eine Rolle spielen wird.

Artur Stopper Werden Fußballspiele auf der Torwartposition mehr als bei Feldspielern im Kopf entschieden?

Michael Rechner Das glaube ich schon. Der Torhüter hat einen viel größeren mentalen Druck, weil ein Fehler oft sofort zum Gegentor führt. Außerdem muss ein Torhüter oft innerhalb kürzester Zeit Entscheidungen treffen, z.B. bei einer Flanke oder einem tief gespielten Ball. Er muss entscheiden, ob er herauskommt oder im Tor bleibt, und das in wenigen Situationen in einem Spiel, die aber für den Ausgang des Spiels entscheidend sein können. Diese wichtigen Entscheidungen in wenigen, meist Spiel entscheidenden Momenten, hat ein Feldspieler selten zu treffen.

Artur Stopper Bei euch steht auch das Training mit Torhütern aus anderen Sportarten, z.B. dem Hockey, auf dem Plan. Was erhofft ihr euch davon?

Michael Rechner Diesen Austausch haben wir tatsächlich schon mit verschiedenen Sportarten durchgeführt. Das Ziel war, mit den Jungs auch einmal Bewegungsabläufe zu trainieren, die sie aus dem Torwarttraining nicht kennen. Ferner ging es darum, mit den jeweiligen Sportlern in Kontakt zu kommen. Wir trainierten z.B. einmal mit dem Hockey-Nationaltorhüter. Es war überaus interessant, was er von seinem Torwart- oder Athletiktraining, seinen Wochenplänen oder seinen technischen Abläufen berichtete. Ebenfalls war interessant zu erfahren, wie er es geschafft hat, seine sportlichen und beruflichen Tätigkeiten (Studium, Job) unter einen Hut zu bringen. Es war für unsere Profi-Torhüter beeindruckend, wie er bei teilweise gleichem Trainingsaufwand wie unsere Profi-Keeper nebenbei noch eine Ausbildung und ein Studium absolviert hat. Hinzu kommt, dass er diesen Aufwand betreibt, ohne entsprechend finanziell entschädigt zu werden. Diesen Austausch mit einem Top-Athleten aus einer anderen Sportart, der den gleichen Aufwand und dieselbe Begeisterung für seinen Sport hat, fanden wir spannend und war eine sehr gute Erfahrung für unsere Torhüter.

Artur Stopper Oliver Baumann äußerte vor kurzem folgendes in einem Interview: "Für jede Aktion - egal, ob einer auf dem Feld flankt oder schießt - gibt es in meinem Kopf eine Schublade.“ Wenn A passiert, wende ich Lösungen aus meinem Schubladen-Repertoire A an. Wenn B passiert, B. Wenn C passiert, C. ... Könntest du uns an diesem Schubladen-Denken teilhaben lassen?

Michael Rechner Wir versuchen nicht nur Oli, sondern auch bereits unsere Jugendtorhüter so zu schulen, dass sie eine Spielsituation richtig lesen lernen, dadurch die Spielsituation schnell wahrnehmen und somit die richtige Entscheidung treffen. Wenn z.B. nach einem Pass eine 1gegen1-Situation folgt, muss der Torhüter die Situation schnell wahrnehmen. Er muss erkennen, wie die Distanz vom Schützen zum Tor ist, welchen Winkel hat er oder wie die Distanz vom Schützen zum Torwart ist. Je nach Distanz reduzieren sich bestimmte Techniken. Wenn der Schütze z.B. 4-5 m vor dem Torwart steht und schießt, kann der Torhüter alle Raumverteidigungs-, Spieleröffnungs- oder Abdrucktechniken streichen. Bei dieser Distanz kommt außerdem der Block nicht infrage, d.h. die Aktion reduziert sich vielleicht auf zwei Aspekte, die jetzt noch kommen können. Sobald der Ball kommt, soll der Torhüter gelernt haben, ganz schnell auf diese beiden Schubladen zurückzugreifen und sie schnell zu öffnen, um richtig zu handeln. Diese Denkweise wollen wir bereits den Jugendtorhütern vermitteln. D.h. unsere Torhüter stehen, bildlich gesprochen, vor diesem großen Schrank mit seinen 20 Schubladen und sollen in der entsprechenden Spielsituation die richtige Schublade öffnen.

Artur Stopper Im Sommer 2017 stufte der "Kicker" Oliver Baumann wieder in der "Internationalen Klasse" ein. Obwohl er fraglos einer der besten deutschen Torhüter ist und für ihn „ein Traum in Erfüllung gehen“ würde, wurde er bisher noch nie zur A-Nationalmannschaft eingeladen. Unterschätzen die DFB-Entscheider Baumanns Qualitäten?

Michael Rechner Oli spielt zweifellos seit vielen Jahren auf einem hohen Niveau. Wir sind sehr zufrieden mit seinen Leistungen. In seiner Spielweise ist er sehr sachlich und löst viele Situationen durch ein gutes Stellungsspiel, eine gute Antizipation und hohe Spielintelligenz. Vielleicht hat er deswegen nicht so oft diese spektakulären Paraden wie andere Torhüter in seinem Spiel und wird in seinem Leistungsvermögen unterschätzt. Nach meiner Meinung gehört er auf jeden Fall zu den Top-Torhütern in der Bundesliga und in Deutschland und hätte es daher verdient gehabt, einmal nominiert zu werden. Andererseits ist es natürlich so, dass wir in Deutschland viele extrem gute Torhüter haben, wenn wir an Neuer, ter Stegen, Trapp, Leno oder Fährmann, der auch schon einige Jahre konstant gut spielt, denken. Insofern ist es in Deutschland sehr schwer, Nationaltorhüter zu werden.

Artur Stopper Michael, ich wünsche dir, dass ihr in Hoffenheim bald wieder den Weg zurück in die Tabellenspitze findet und deine Arbeit mit den Torhütern erfolgreich ist. Danke, dass du dir Zeit für uns genommen hast.

Interview1. BundesligaMichael RechnerTSG 1899 Hoffenheim

Artur Stopper

Artur Stopper

Über den Autor

Mit über 25 Jahren Erfahrung als Torwarttrainer weiß Artur, wie Torhüter ticken. Deshalb bevorzugt er Themen, die die Welt der Torhüter ausmachen: Vereinswechsel, Tiefschläge, Pechsträhnen, Höhenflüge, Emotionen, Ersatzbank, Halbgötter, Erfolge.

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