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Seit dieser Saison ist Daniel Correia für die Torhüter des portugiesischen Spitzenklubs Sporting Lissabon zuständig. Seine Ausbildung absolvierte er allerdings beim vielfachen portugiesischen Meister und Champions-League-Sieger FC Porto, wo er sich vom Jugend-Torwarttrainer bis hin zum Trainer der Profi-Torhüter entwickelte. In dieser Zeit arbeitete er unter anderem mit dem fünffachen Welttorhüter und der spanischer Torhüter-Ikone Iker Casillas zusammen.

Goalguard hatte die Möglichkeit, sich mit dem erfolgreichen portugiesischen Torwarttrainer über die Situation bei Sporting Lissabon, seine gemeinsame Zeit mit Casillas und seine Erfahrungen in den Vereinigten Arabischen Emiraten zu unterhalten.

Artur Stopper Sporting Lissabon liegt im Moment auf Platz sechs der portugiesischen ersten Liga, vier Punkte hinter dem Zweiplatzierten und Stadtrivalen Benfica. Wie schwer erträgt die Sporting-Seele diesen Zustand?

Daniel Correia Wir sind am Beginn der Saison und haben erst acht Spiele absolviert. Die gegenwärtige Situation mit vier Punkten Rückstand wird sich sicher im Laufe der Saison verändern, weil auch die anderen Teams Punkte lassen werden. Ich hoffe, dass wir am Ende der Saison mehr Punkte aufweisen können als Benfica und hoffentlich auch als alle anderen Mannschaften. Wir tun jedenfalls alles dafür.

Artur Stopper Von Romain Salin abgesehen, sind alle Torhüter neu bei Sporting. Ist das - wie in deinem Fall - ein Vor- oder Nachteil für einen Torwarttrainer, der ebenfalls neu im Verein ist?

Daniel Correia Es kommt auf die Sichtweise an. In den vergangenen zehn Jahren hatte Sporting Lissabon mit Rui Patricio einen großartigen Torhüter, der ein Aushängeschild des Vereins war. Es ist immer schwierig, einen Torhüter seiner Klasse zu ersetzen, wenn er den Verein verlässt. Deshalb entschied sich der Verein, neue Torhüter zu verpflichten. Für mich als Torwarttrainer ist es gut, neue Torhüter zu haben, weil wir alle gemein versuchen müssen, eine Einheit zu werden und die neue Spielphilosophie des Cheftrainers als auch meine Vorstellung vom Torwartspiel anzunehmen und umzusetzen. Ich denke grundsätzlich ist es auch gut, neue Charaktere im Klub zu haben, weil man mit neuen Torhütern und Persönlichkeiten einiges verändern kann im Verein.

Artur Stopper Die Nummer eins bei Sporting ist im Moment der ehemalige italienischen Nationaltorhüter Viviano, der bereits 32 Jahre alt ist. Ersatztorhüter Romain Salin ist schon 34 Jahre alt. Kann man Torhüter in diesem Alter noch entwickeln?

Daniel Correia Im Moment ist es anders herum. Salin ist die Nummer eins. Daneben haben wir noch den Brasilianer Renan Ribeiro sowie Luis Maximiliano aus der vereinseigenen Akademie im Kader. Ich denke, dass man als Torhüter so lange hinzulernen kann, wie man selber will. Ich arbeitete schon früher mit älteren Torhütern, z.B. mit Helton, der bereits 37 Jahre alt war, oder mit dem 35-jährigen Iker Casillas. Allen habe ich meine Sichtweise des Torwartspiels und die des Cheftrainers verständlich gemacht, damit sie sich in das Spielsystem einfügen. Ich glaube sogar, dass sie eher jetzt als früher dazulernen, weil sie in fortgeschrittenem Alter besser ihre Qualitäten kennen und wissen, was sie können und was nicht. Wenn man Torhütern neue Ideen vorschlägt, die sie verstehen, können sie immer ihre Leistungsfähigkeit verbessern, unabhängig vom Alter.

Artur Stopper Wie bereits angesprochen, hast du einen Italiener, einen Franzosen, einen Brasilianer und einen jungen portugiesischen Nachwuchstorhüter im Torwartteam. Sie kommen also alle aus unterschiedlichen Ländern mit unterschiedlichen Torwartphilosophien. Wie schwierig ist es unter diesen Voraussetzungen, seine eigene Spielphilosophie durchzusetzen?

Daniel Correia Besonders viel Freude empfinde ich oft am Ende einer Trainingseinheit, wenn wir im Torwartteam auf dem Platz zusammenstehen und genau darüber diskutieren. Romain sagt, wie sie das in Frankreich machen, dann meint Viviano, dass er in Italien gelernt hat, den Ball zu attackieren und eine Situation auf diese Art zu lösen, und Renan bringt seine Ideen aus der brasilianischen Torwartschule ein. Maximiliano, unser Jüngster, hört überall aufmerksam zu und lernt und lernt. Diese Diskussionen am Trainingsende sind für uns alle gut und gewinnbringend. Meine Absicht ist es, allen Torhütern zu helfen und sie besser zu machen, ohne jedoch ihren eigenen Spielstil zu verändern. Denn ich habe im Laufe der Jahre gelernt, dass es unmöglich ist, die Identität eines Torhüters zu verändern. Man kann jeden in seiner Spielweise zu verbessern, mit Vorschlägen, mit Training, mit Ausprobieren von Neuem, aber man muss sich als Torwarttrainer gleichzeitig auch ein Stück weit ihrer Spielweise anzupassen. Von all diesen verschiedenen Kulturen und unterschiedlichen Ausbildungen werden mit absoluter Sicherheit aber alle Torhüter bereichert.

Artur Stopper Neben Sporting Lissabon haben auch die großen Teams wie Benfica oder der FC Porto überwiegend ausländische Torhüter in ihrem Kader. Was läuft schief in der Torwartausbildung in Portugal?

Daniel Correia Das ist eine gute Frage. Wir haben einige gute Talente. Das Problem für mich ist, dass die Nachwuchstalente nicht die Zeit bekommen, ihre Qualität zu zeigen, weil speziell diese Klubs sofort gute Ergebnisse brauchen. Wenn Torhüter mit 18 oder 19 Jahren in der ersten Mannschaft einen Fehler machen, werden sie gekreuzigt. Es ist also nicht allein eine Frage der Qualität, sondern des Vertrauens, sie spielen zu lassen. Talente brauchen Zeit, um sich zu entwickeln. Die allgemeine Meinung ist, dass ein Torhüter erst im Alter zwischen 29 und 30 seinen höchsten Level erreicht. Der Grund ist, dass man junge Torhüter nicht früher spielen lässt. Würde man sie mit 17 oder 18 Jahren regelmäßig spielen lassen, würden sie ihren höchsten Level schon mit 22 oder 23 Jahren erreichen. Natürlich würden sie Fehler machen, aber das gehört zum Entwicklungsprozess dazu. Die Gradwanderung zwischen Fehler machen und Erfolg haben ist sehr schmal. Aber auch 22-jährige Torhüter machen noch Fehler. Man sollte einfach nur Geduld haben.

Artur Stopper Du hast in der vergangenen Saison für ein Jahr in den Vereinigten Arabischen Emiraten für den dortigen Spitzenklub Al Ahly gearbeitet. Wie kam diese Zusammenarbeit zustande?

Daniel Correia Während meiner Zeit beim FC Porto arbeitete ich mit dem damaligen Cheftrainer Jose Peseiro zusammen. Als dieser nach Dubai wechselte, lud er mich ein, ihm nach Dubai zu folgen.

Artur Stopper Was hat dich an dieser Aufgabe gereizt?

Daniel Correia Ich arbeitete von 2008 bis 2014 ununterbrochen immer in demselben Verein, nämlich den FC Porto. Zuerst mit Kindern und Jugendlichen in allen Altersstufen, dann mit den Torhütern des B-Teams und des A-Teams. Irgendwann merkte ich, dass es Zeit war für eine neue Herausforderung. Ich wollte sehen, was außerhalb unserer Welt passiert. Denn wenn man so lange in einem Verein ist, fühlst man sich wie im eigenen Haus. Man weiß alles und kennt alle Leute. Man sieht nur seine eigenen Torhüter und glaubt, dass sie die besten sind, weil man jeden Tag nur mit ihnen arbeitet. Deswegen spürte ich, dass ich Erfahrungen in anderen Ländern, anderen Vereinen und anderen Kulturen sammeln wollte.

Artur Stopper Welche Erfahrungen hast du aus Dubai für dich mitgenommen?

Daniel Correia Zunächst einmal arbeitet man in den Vereinigten Arabischen Emiraten mit einheimischen Torhütern, nicht mit Ausländern. Im ganzen Team darf man nur drei Ausländer haben, aber nicht auf der Torwartposition. Die Torhüter müssen Einheimische sein, weil sie ihre eigenen Torhüter entwickeln wollen. Für mich gibt es dort vier bis fünf wirklich gute Torhüter, die auch in Europa spielen könnten. Alle anderen sollten aber einen besseren Level haben, denn sie haben völlig unterschiedliche Typen von Torwarttrainern: Brasilianer, Italiener, Spanier, Serben, Marokkaner, Portugiesen, Deutsche, Holländer, also Torwarttrainer von überall her. Ich will auch nicht sagen, dass die eine Torwartschule besser ist als die andere. Aber mit all diesen reichen Erfahrungen und Anregungen müssten sie ein eigenes Vorstellungsbild von einem Torhüter entwickeln und diesem folgen. In der Trainingseinstellung habe ich keine Unterschiede zwischen arabischen und europäischen Torhütern gesehen. Sie haben in gleichem Maße Spaß am Spiel und eine maximale Leistungsbereitschaft. Nachholbedarf haben sie allein im physischen Bereich.

Artur Stopper Du hast beim FC Porto auch mit Iker Casillas gearbeitet. Hast du in dieser Zeit mehr von ihm oder er mehr von dir gelernt?

Daniel Correia (lacht) Ich hoffe, er hat mehr von mir gelernt. Aber natürlich habe ich von allen Torhütern gelernt. Speziell von Casillas habe ich etwas Wichtiges gelernt, nämlich dass eine Person gleichzeitig ein Superstar und trotzdem absolut normal sein kann. Er ist für fast alle ein Idol und arbeitet trotzdem täglich daran, besser zu werden und dazuzulernen. Aber selbstverständlich hoffe ich, dass ich ihm auch etwas mitgeben konnte.

Artur Stopper Daniel, vielen Dank dafür, dass du dir für mich Zeit genommen hast. Ich wünsche dir, dass ihr am Ende der Saison nicht nur vor Benfica, sondern auch vor den anderen Mannschaften steht.

InterviewDaniel CorreiaSporting Lissabon

Artur Stopper

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Über den Autor

Mit über 25 Jahren Erfahrung als Torwarttrainer weiß Artur, wie Torhüter ticken. Deshalb bevorzugt er Themen, die die Welt der Torhüter ausmachen: Vereinswechsel, Tiefschläge, Pechsträhnen, Höhenflüge, Emotionen, Ersatzbank, Halbgötter, Erfolge.

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