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Seit der Saison 2011/12 ist Andreas Kronenberg Torwarttrainer der Profimannschaft des Bundesligisten SC Freiburg, und das mit gutem Erfolg. Unter seiner Regie hat sich Alexander Schwolow zu einem der besten Torhüter in Deutschland entwickelt. Ähnliches war ihm bereits mit Oliver Baumann (TSG Hoffenheim) und Roman Bürki (Borussia Dortmund) gelungen. Als aktiver Torhüter war der gebürtige Schweizer überwiegend in der früheren Regionalliga Süd bei den Vereinen TSF Ditzingen, Wacker Burghausen und SC Pfullendorf sowie in der Regionalliga Nord bei Holstein Kiel und Rot-Weiß Erfurt tätig. Zwei Jahre lang stand er außerdem beim damaligen Zweitligisten LR Ahlen als Ersatztorhüter unter Vertrag. Vor seiner Tätigkeit in Freiburg sammelte Kronenberg als Jugend-Torwarttrainer Erfahrungen bei Bayern München und dem VfB Stuttgart. Goalguard hat sich mit dem 43-Jährigen über die Kriterien bei SC Freiburg für die Verpflichtung von Torhütern, die Einbindung des Torwarttrainers in taktische Entscheidungen sowie über seine Erkenntnisse aus der gerade zu Ende gegangenen WM 2018 unterhalten.

Artur Stopper Andreas, mit Mark Flekken habt ihr einen der besten Torhüter der vergangenen Zweitliga-Saison unter Vertrag genommen. Welche Kriterien spielen beim SC Freiburg bei der Verpflichtung von Torhütern eine entscheidende Rolle?

Andreas Kronenberg (lacht) Erstmals müssen wir sie überhaupt bekommen. Das ist zunächst das wichtigste Kriterium. Das ist nicht immer so einfach. Darüber hinaus achten wir darauf, Torhüter zu verpflichten, die noch Entwicklungspotential nach oben haben, weil wir ein Ausbildungsverein sind und Spieler entwickeln wollen. Diese Voraussetzung ist bei Mark gegeben.

Artur Stopper Das moderne Torwartspiel hat sich mehr als früher dem jeweiligen Spielsystem der Mannschaft angepasst. Welche Fähigkeiten muss ein Torhüter mitbringen, um das System des SC Freiburg optimal umzusetzen?

Andreas Kronenberg Ich mag das Wort modern überhaupt nicht. Der Fußball verändert sich laufend. Es geht immer wieder darum, diese neuen Entwicklungen zu beobachten und sich ihnen zu stellen. Bei uns ist es so, dass wir Wert darauf legen, dass der Torhüter bereits an der Spieleröffnung beteiligt ist, wobei ich nicht glaube, dass das nur beim SC Freiburg so ist. Darüber hinaus ist es uns auch wichtig, dass der Torhüter vor allem mit guten Abwehraktionen der Mannschaft hilft, ein Tor zu verhindern. Er darf als einziger Spieler seine Hände einsetzen. Deshalb ist seine vorrangige Aufgabe, mit seinen Händen Tore zu verhindern.

Artur Stopper Ihr habt in der vergangenen Saison mit 56 Gegentreffern die zweitmeiste Anzahl an Toren in der Bundesliga hinnehmen müssen. Das lag ganz sicher am wenigsten am Torhüter Alexander Schwolow. Wie kann Schwolow trotzdem noch mehr dazu beitragen, die Anzahl an Gegentreffern zu verringern?

Andreas Kronenberg Da kann nicht Alexander allein dazu beitragen. Die Leistung eines Torhüters kann man sicherlich nicht an der Anzahl der Gegentore festmachen, wie man bei Alexander gesehen hat, sondern entscheidend ist immer die Defensivbewegung der ganzen Mannschaft. Natürlich kann der Torwart speziell durch entsprechende Paraden der Mannschaft helfen, dass weniger Gegentore fallen.

Artur Stopper Lange Jahre hast du im Nachwuchsbereich bei Bayern München oder dem VfB Stuttgart gearbeitet. Du hast in einem Interview einmal geäußert, dass es für dich schöner sei, einen Torwart in der Jugend zu trainieren, um dann seine Entwicklung zu begleiten, als einen Top-Keeper bei Laune zu halten. Hat sich dein Standpunkt inzwischen verändert?

Andreas Kronenberg Grundsätzlich hat sich dieser Standpunkt nicht verändert, darf aber auch nicht falsch verstanden werden. Beides sind verschiedene Herausforderungen. Es bleibt aber dabei, dass es mein Steckenpferd ist, eine Entwicklung zu begleiten. Beim SC Freiburg arbeite ich auch im Profibereich meist mit sehr jungen Torhütern. Sie sind sicherlich schon auf einer höheren Entwicklungsstufe, befinden sich aber trotzdem noch in der Entwicklung. Kein Profi ist grundsätzlich ganz fertig in seiner Entwicklung. Vielleicht verschieben sich die Prioritäten, weil die Psychologie im Torwartspiel eine größere Rolle spielt. Was den SC Freiburg betrifft, kann ich nicht sagen, dass sich meine Tätigkeit wesentlich von dem unterscheidet, was ich in der Jugend gemacht habe.

Artur Stopper Vor kurzem ging die WM in Russland zu Ende. Sicherlich hast du sie aus dem Blickwinkel von Torhütern intensiv verfolgt. Welche Erkenntnisse zum Stand und zur Entwicklung des Torwartspiels hast du daraus gezogen?

Andreas Kronenberg Natürlich habe ich die Torhüterleistungen sehr aufmerksam verfolgt. Man kann immer wieder Details beobachten. Interessant waren für mich die unterschiedlichen Techniken des Abdrucks aus der Nahdistanz, innerhalb des Strafraumes oder von der Strafraumgrenze. Man konnte z.B. bei Courtois gut den Abdruck nach innen beobachten bei Schüssen aus der Nahdistanz, wenn er nur wenig Reaktionszeit hatte. Interessant waren auch die unterschiedlichen Konstitutionen der Torhüter, die immer eine Rolle spielt, wenn man sich die Grundstellung anschaut. Nach meiner Meinung gibt es nicht die eine richtige Grundstellung. Es gibt sicherlich ein paar Leitplanken, die man dem Torhüter mitgeben kann. Aber dann gilt es auch zu schauen, wie der einzelne Torhüter gebaut ist. Eine große Diskussion ist im Moment, wie breit der Torhüter stehen darf. Es war schon interessant zu sehen, wie Lloris oder Courtois bestimmte Situationen lösen, mit dem Abdruck nach innen oder situativ abhängig auch mal nach außen oder, wenn die Zeit reicht, auch mal mit einem Zwischenschritt.

Artur Stopper Oliver Kahn hat eine Stagnation des Torwartspiels bei der WM beklagt und die Meinung geäußert, der Torwart sei immer noch kaum und noch zu wenig in das Aufbauspiel seiner Mannschaft eingebunden. Siehst du das auch so?

Andreas Kronenberg Nach meiner Meinung geht es im Torwartspiel immer auch um eine Balance zwischen dem Einbau des Torhüters in das Aufbauspiel, gleichzeitig aber auch unnötige Risiken zu vermeiden. Inzwischen ist es vollkommen normal, dass der Torhüter zum Aufbauspiel mit dazugehört. Wie hoch ein Torwart stehen soll, ist letztlich die individuelle Entscheidung des Trainers, was er von seiner Mannschaft und dem Torhüter fordert.

Artur Stopper Über 40 % aller Tore fielen bei der WM in Russland durch Standardsituationen. Was bedeutet diese Zahl für das Torwartspiel oder auch für das Torwarttraining?

Andreas Kronenberg Dass Standards bei der Erzielung von Toren immer wichtiger werden, ist keine neue Erkenntnis. Das war zuletzt bereits in der Bundesliga so. Wichtig ist für den Torhüter, dass er Mitspieler braucht, um die Situation defensiv erfolgreich zu lösen. Ein Torhüter kann nicht alleine gegen Standards ankämpfen. Dazu braucht er eine Abstimmung mit der gesamten Mannschaft. Für das Training, nicht speziell für das Torwarttraining, bedeutet dies, dass der Torhüter immer in solche Trainingseinheiten mit eingebunden sein muss, damit er auch Aspekte aus seiner Sicht einbringen kann.

Artur Stopper Inwiefern bist du als Torwarttrainer in die taktischen Entscheidungen, die den Torwart betreffen, wie z.B. die Art der Spieleröffnung oder die Positionierung der Spieler bei Standardsituationen, eingebunden?

Andreas Kronenberg Bei uns in Freiburg ist es so, dass sich die Co-Trainer Lars Voßler und Florian Bruns sehr viel mit Standards beschäftigen. Da wir als Trainer ganztags zusammen in einem Großraumbüro sitzen, kommen solche Themen immer wieder zur Sprache. Wir diskutieren darüber und entwickeln im gemeinsamen Austausch Lösungen. Die Bedeutung des Torwarttrainers ergibt sich immer in der Zusammenarbeit. Diese kann man aber nicht einfordern, sondern sie ergibt sich durch die Beziehung, die man untereinander hat. Dieses Vertrauen ist bei uns über die vielen Jahre der Zusammenarbeit gewachsen. Man hört vielleicht eher auf das, was der andere sagt, wenn man sich über viele Jahre kennt und schätzen gelernt hat. Dies ist ein glücklicher Umstand, den wir in Freiburg haben.

Artur Stopper Der SC Freiburg hatte in der vergangenen Saison bis zuletzt mit dem Abstieg zu tun. Was können die Fans in der kommenden Saison von ihrem Team erwarten?

Andreas Kronenberg In Freiburg gehört es aber zur Normalität, dass wir vorrangig versuchen, die Liga zu halten. Das ist uns vergangene Saison am Ende noch geglückt. Es wird auch in der kommenden Saison nicht so sein, dass wir um die Champions League mitspielen. Ich hoffe einfach, dass wir die Mannschaft weiter entwickeln können und Schwoli noch einmal einen Schritt nach vorne machen kann. Ansonsten werden wir auch in der kommenden Spielzeit nicht um die deutsche Meisterschaft mitspielen.

Artur Stopper Andreas, ich bedanke mich recht herzlich dafür, dass du dir Zeit für uns genommen hast, und wünsche euch viel Erfolg in der kommenden Saison.

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Artur Stopper

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Über den Autor

Mit über 25 Jahren Erfahrung als Torwarttrainer weiß Artur, wie Torhüter ticken. Deshalb bevorzugt er Themen, die die Welt der Torhüter ausmachen: Vereinswechsel, Tiefschläge, Pechsträhnen, Höhenflüge, Emotionen, Ersatzbank, Halbgötter, Erfolge.

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