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Jürgen Klinsmanns Zeit bei Hertha BSC ist zu Ende. Mit einem Blitz-Abgang durch die Hintertür hat er selbst seine Trainertätigkeit beim Hauptstadtclub nach nur elf Wochen beendet. Dafür ist ein anderer wieder zurück, der von Klinsmann ausgebootet wurde: Torwarttrainer Zsolt Petry. Bereits am Mittwochvormittag stand er wieder auf dem Platz. Klinsmann hatte den im Klub fachlich und menschlich hoch geschätzten Ungarn mit seinem Amtsantritt von seiner Tätigkeit entbunden und stattdessen für vier Wochen mit Zustimmung des DFB Bundestorwarttrainer Andreas Köpke installiert. Nach der Beendigung von Köpkes Arbeit war Ende Dezember mit Beginn der Rückrunden-Vorbereitung der 31 Jahre alte Max Steinborn, zuvor Torwarttrainer von Herthas U23, zu den Profis befördert worden.

Zsolt Petry genießt große Anerkennung

Soweit der chronologische Ablauf. Was Klinsmann zu dieser Entscheidung getrieben hat, blieb letztlich unklar. Fachliche Gründe können wohl eher nicht die Ursache für Petrys Degradierung gewesen sein. Dafür wird die Arbeit zu sehr von allen Beteiligten geschätzt. Besonders Stammtorhüter Rune Jarstein hatte die Vertrautheit mit dem verdienten Torwarttrainer immer wieder zum Ausdruck gebracht und schien unter der Abservierung Petrys zu leiden. Seine Leistungskurve ging zuletzt nach unten. Wir sehr er die Arbeit des 53-jährigen Ungar mit seinen großartigen Leistungen vor allem in der vergangenen Saison verknüpft, machte er zuletzt in einer Aussage gegenüber dem „kicker“ deutlich: „Ich habe Zsolt sehr viel zu verdanken. Ohne ihn wäre ich nicht in Berlin. Ohne ihn wäre ich nicht der Torhüter, der ich bin. Wir haben ein besonderes Verhältnis."

„Ohne ihn wäre ich nicht der Torhüter, der ich bin.“

Herthas Nummer eins Rune Jarstein über Zsolt Petry

Aber nicht nur Stammtorhüter Rune Jarstein, sondern auch dessen Vertreter Thomas Kraft und Dennis Schmarsch waren von der Entscheidung Klinsmanns irritiert.

Petry kritisiert Klinsmann Sohn Jonathan

Dass Klinsmann Zsolt Petry kalt stellte, scheint eher eine persönlich motivierte Retourkutsche gewesen zu sein. Im Sommer 2017 hatte Hertha BSC Jonathan Klinsmann, den Sohn des Weltmeisters von 1990, als Nummer drei unter Vertrag genommen. Weil die Berliner aber mit der sportlichen Entwicklung des damals 20-Jährigen unzufrieden waren, kritisierte ihn Zsolt Petry in deutlichen Worten öffentlich: „Die letzten zwei drei Monate ist es nicht so gut gelaufen, wie wir uns das vorgestellt haben. Was die Persönlichkeit, was die typisch deutschen Tugenden angeht. Das Ernsthafte, das Konzentrierte, das Fokussierte betrifft. Das hat er noch nicht so ganz erreicht. Er ist noch ein bisschen zu amerikanisch.“ Was damit gemeint war, lässt sich leicht deuten. Ihm fehlte die Einstellung zu seinem Beruf.

Dabei hatte ihm Petry das Talent nicht abgesprochen, jedoch fehlende Persönlichkeitsentwicklung als Grund ausfindig gemacht: „Was die Grundtechniken betrifft, er hat es drauf. Aber die Persönlichkeitsentwicklung ist noch etwas hängengeblieben. Er spricht im Training wenig mit den Mitspielern, wenig Kontakt, wenig Ausstrahlung, Überzeugung und Entschlossenheit. Mit einem Wort: Körpersprache. Die fehlt ihm noch.“

Klinsmann pflichtet Petry-Aussagen bei – bis zur Amtsübernahme

Nach außen hin pflichtete Jürgen Klinsmann dem Ungar in einem kicker-Interview im April 2018 bei („Natürlich hat Zsolt recht, Jonathan muss lauter werden auf dem Platz, mehr Persönlichkeit zeigen, mehr coachen."). Im März 2019 legte er nach und lobte Petry überschwänglich: „Zsolt hat einen gigantischen Job gemacht. Jonathan ist hier zum Mann geworden." Wie so oft im öffentlichen Raum gibt es die innere Wahrheit und die äußere Unwahrheit. Es scheint, dass Petrys Aussagen über seinen Sohn den Vater mehr getroffen haben, als er zugeben wollte. Wer als Trainer arbeitet oder schon gearbeitet hat, weiß, wie schwer sich ehrgeizige Väter manchmal mit der Wahrheit über das sportliche Können ihres Sohns tun. Jedenfalls ließ Klinsmann den so Gelobten zur Verblüffung des Hertha-Chefetage und der Mannschaft eiskalt fallen, als er selbst die sportliche Verantwortung beim Hauptstadtklub übernahm.

Der Ungar kehrt in angestammte Position zurück

Dass Zsolt Petry nicht einmal 24 Stunden nach Klinsmanns Abgang bereits wieder in seine angestammte Position zurückkehren konnte, hat er dem Weitblick von Hertha-Manager Michael Preetz zu verdanken. Vorsorglich hatte er Petry Ende Januar mit der Aufgabe als Torwarttrainer der U17 des Klubs betraut, mit Aussicht auf eine Rückkehr.

Nun ist Zsolt Petry wieder zurück und genießt seine Tätigkeit sichtlich: "Ich fühle mich sehr gut", sagte Petry nach dem Ende der Vormittagseinheit. „Es war sehr gut, die Jungs wiederzusehen und wieder zusammen mit ihnen zu trainieren, nachdem wir das viereinhalb Jahre lang zusammen gemacht hatten." Er kartet nicht nach, sondern betrachtet seine zeitweise Ausbootung eher als Normalität in der Fußball-Branche: „Das ist Vergangenheit. Ich glaube, das passiert mal in einer Trainerkarriere. So lange du Vorgesetzte hast, musst du immer damit rechnen, dass du mal von deinem Job entfernt wirst. Das ist halt so. Jürgen hat sich für einen anderen Kollegen entschieden. Das muss man akzeptieren und respektieren."

Übrigens: Klinsmanns Sohn Jonathan wartet auch beim Schweizer Erstligisten FC St. Gallen, wohin er im Sommer 2019 ablösefrei mit Aussicht auf einen Stammplatz gewechselt war, auf seinen Durchbruch. Seine ersten Monate beim FC St. Gallen hat er sich wohl anders vorgestellt. Außer im Schweizer Helvetia-Cup gegen Winterthur, wo er vom Platz flog, als er in der 32. Minute einen Gegenspieler mit gestrecktem Bein ansprang, nimmt der 1,93 m große Keeper meist auf der Ersatzbank Platz.

BlickpunktZsolt Petry1. BundesligaTSG 1899 Hoffenheim

Artur Stopper

Artur Stopper

Über den Autor

Mit über 25 Jahren Erfahrung als Torwarttrainer weiß Artur, wie Torhüter ticken. Deshalb bevorzugt er Themen, die die Welt der Torhüter ausmachen: Vereinswechsel, Tiefschläge, Pechsträhnen, Höhenflüge, Emotionen, Ersatzbank, Halbgötter, Erfolge.

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