Selbst die besten Torhüter leisten sich mal einen Aussetzer, wie man zuletzt in Spielen der Champions League beobachten konnte. Kinsky (Spurs), Jorgensen (Chelsea), Garcia (Barca), Donnarumma (ManCity), Oblak (Atletico) und Safonov (PSG), allen sind ernsthafte Fehler unterlaufen. So trauen sich Keeper im Dribbling hin und wieder zu viel zu, wagen einen zu riskanten Pass, verpassen den Zeitpunkt des Abspiels oder greifen eben einfach daneben. Eines ist allen Torhüter der Welt gemeinsam: Es gibt keinen, dem nicht irgendwann mal ein dummer Fehler unterlaufen ist. Patzt aber ein Torwart, hat dies für die Mannschaft meist fatale Folgen, weil er der letzte Mann ist.
Besonders schlimm erlebte dieses Schicksal zuletzt Tottenhams Torwart Antonín Kinský in Madrid beim Champions-League-Auswärtsspiel gegen Atletico. Bereits nach 16 Minuten lag sein Team mit 3:0 im Rückstand, wobei der Spurs-Keeper mit zwei Patzern entscheidend dazu beigetragen hatte. Beim 1:0 in der 6. Minute rutschte er bei einem Pass aus und leitete mit diesem Missgeschick die Atletico-Führung ein. In der 15. Minute wollte er einen Rückpass direkt weiterleiten, traf den Ball aber nicht richtig. Julian Alvarez bedankt sich und schob die Kugel ins leere Tor ein. Wie im Fall des Tottenham-Keepers passieren die meisten Torwartfehler bei der Verarbeitung von Rückpässen. Was sind die Ursachen, und welche typischen Fehler treten dabei besonders häufig auf?
Brenzlige Situationen durch Passfehler
Als die Rückpassregel 1992 eingeführt wurde, hatten viele Torhüter zunächst technische Defizite bei der Verarbeitung von Rückpässen. Oft hatten sie nur einen starken Fuß. Diese technischen Schwächen sind bei den Torhütern im Spitzenbereich inzwischen behoben, Beidfüßigkeit gehört heute zum Grundrepertoire eines Keepers. Wenn aber technische Fehler nicht mehr die Hauptursache bei Torwartpatzern sind, welche sind es dann?
Auf Fehlersuche beim Spielaufbau
Im modernen Fußball ist der Torhüter stark in den Spielaufbau miteinbezogen, er fungiert sozusagen als erster Angreifer. Daher ist es nicht verwunderlich, dass Passfehler des Keepers eine häufige Ursache für Gegentore sind. Dafür gibt es unterschiedliche Gründe.
Fehlende Vororientierung
Das Spieltempo des Spitzenfußballs hat sich in den vergangenen Jahren deutlich erhöht. Davon ist auch die Position des Torhüters betroffen. Als elfter Feldspieler muss er Rückpasssituationen oft unter hohem Zeit-, Raum- und Gegnerdruck lösen. Um die Aufgabe gut bewältigen zu können, ist eine gute Vororientierung notwendig. Dazu muss der Torhüter bereits vor dem ersten Ballkontakt freie Mitspieler und mögliche Lösungsoptionen erkennen, um beim Druck eines anlaufenden Gegenspielers eine gute Lösung parat zu haben. Nur bei einer guten Vorientierung nimmt er frühzeitig wahr, ob er z.B. das Spiel nach einem Rückpass auf die andere Seite verlagern kann oder ob Passwege durch das Zentrum bestehen.
Im Falle unseres Beispieles müsste der Torwart bei einer guten Vororientierung bereits vor dem ersten Ballkontakt und während der Ball unterwegs ist drei Optionen der Spielfortführung erkennen: Er muss wahrnehmen, dass sich auf seiner linken Seite ein Innenverteidiger ohne Gegnerdruck anbietet (A), zugleich sich aber auch der Passgeber zum Anspiel nach hinten (B) absetzt. Eine dritte Option bestünde in einem Pass auf den zentralen Stürmer, der sich durch einen schnellen Antritt vom Gegenspieler gelöst hat und dadurch anspielbar ist (C). Ein Torhüter ohne gute Vororientierung kommt durch den ihn anlaufenden Gegenspieler so unter Druck, dass er häufig den Ball entweder unkontrolliert klärt, den Gegner anschießt oder sich in ein gefährliches Dribbling einlassen muss.
Fehlerhafte Wahrnehmung
Auch eine fehlende Wahrnehmung kann Torwartpatzer heraufbeschwören, wie das folgende Beispiel aus dem Spiel VfB Stuttgart gegen RB Leipzig zeigt. Nachdem RB-Schlussmann Maarten Vandevoordt in der 57. Minute einen Rückpass erhalten hat, stoppt er den Ball ab und sontiert seine Optionen beim Spielaufbau. Um dem RB-Keeper die Passoption zur rechten Spielfeldseite zu nehmen, läuft ihn VfB-Stürmer Denis Undav seitlich an. Vandevoordt hätte die Möglichkeit, den Ball sicher zu seiner linken Seite zu spielen, aber er erkennt einen offenen Raum im Zentrum des Spielfeldes und entscheidet sich für den Vertikalpass. Dabei übersieht er aber den VfB-Angreifer Chris Führich (B), weil dieser sich im Sichtschatten zweier Feldspieler befindet.
Als Vandevoordt den Pass für RB-Mittelfeldspieler Seiwald (A) in diesen freien Raum spielt, läuft Führich (B) den Ball ab und leitet ihn auf Undav weiter, der die Kugel aus 11 m mit der rechten Innenseite in die rechte Torecke einschiebt.
Missverständnis
Manchmal gibt es aber auch Missverständnisse zwischen dem Torhüter und Feldspieler, weil beide unterschiedliche Gedanken haben. Ein typisches Beispiel dafür ist der Fehlpass, den Yann Sommer vom italienischen Meister Inter Mailand Anfang März 2026 im Spiel Milan - Inter spielte.
Nachdem der linke Innenverteidiger Bastoni bei der Spieleröffnung den Ball in die Mitte zu Yann Sommer gespielt hat, sucht der Schweizer Nationaltorwart eine Option für einen kurzen Spielaufbau. Er erkennt Mittelfeldspieler Zielinski (A) als Anspielmöglichkeit, der mit einer leichten Seitbewegung seine Bereitschaft zum Zuspiel angezeigt hat. Da Sommer annimmt, dass Zielinski in den freien Raum starten und anschließend den Ball auf Außenverteidiger Bisseck weiterleiten wird (rote Linie), spielt er den Pass in die vermutete Laufrichtung. Im Moment, als er den Pass spielt, hat der polnische Nationalspieler aber seine Laufbewegung in Richtung seines Keepers verändert. Dadurch spielt der Inter-Schlussmann den Ball in die Füße von Milan-Angreifer Pulisic, der bereits auf diesen Pass gelauert hat. Mit dem zweiten Ballkontakt legt er das Spielgerät auf seinen Mitspieler Modric, der aus knapp 20 Metern freie Schussbahn hat. Der flache Abschluss rauscht allerdings hauchdünn am rechten Pfosten vorbei. Glück für Inter, dass Milan nicht bereits in der 3. Spielminute in Führung gegangen ist.
Falsche Entscheidung
Es ist die 76. Minute im Spiel Atletico Madrid - Tottenham Hotspurs im März diesen Jahres. Das Spiel steht bereits 5:1 für die Spanier, als Torhüter Jan Oblak ein folgenschwerer Abspielfehler unterläuft. Nach einem Rückpass auf den Keeper wird Oblak von Tottenhams Angreifer Solanke im Tempo leicht seitlich angelaufen, um den Pass auf den Innenverteidiger Le Normand (rote Linie) zu verhindern. Atleticos Schlussmann hätte aber noch genügend, den Pass auf den IV zu spielen, bevor ihm Solanke zu nahe kommt. Wie die Grafik verdeutlicht, wäre dieser Pass auch am sinnvollsten, da die Madrilenen in diesem Moment auf der rechten Seite eine Überzahlsituation von 3 gegen 1 haben (siehe gelber Kreis) und den Ball in Ruhe kontrollieren könnten.
Aber Oblak konzenriert sich als Passoption fast ausschließlich auf Gonzalez, der sich mittig zwischen Strafraum- und Mittellinie befindet. Obwohl dieser sich passiv verhält, spielt Oblak den Pass auf seinen Mitspieler. Tottenhams Mittelfeldspieler Pedro Prorro und Joao Palhinha erahnen das Zuspiel. So spielt Oblak den Ball direkt in die Füße von Pedro Prorro. Mit dem ersten Kontakt legt dieser für Solanke auf, der nicht lange fackelt und den Ball wuchtig unter die Latte jagt. Die Entscheidung, den Ball in die Mitte auf Gonzalez zu spielen, war also in zweierlei Hinsicht falsch: Zum einen setzt er das Spiel in der falschen Richtung fort und zum zweiten spielt er mit Gonzalez einen Mitspieler an, der sich passiv verhält und dadurch das Zuspiel gar nicht fordert.
Zeitpunkt verpasst
Manchmal verpasst der Torhüter aber auch den richtigen Zeitpunkt zum Abspiel, wie eine Szene aus den Spiel Bayer 04 Leverkusen gegen Bayern München im März in der 61. Minute zeigt. Im Moment der Ballannahme hat Blaswich noch genügend Zeit. Denn obwohl ihn Kane im Tempo anläuft, hat der Bayer 04-Schlussmann im Moment des ersten Kontaktes noch etwa 15 m Abstand zum Bayern-Torjäger und damit genügend Zeit, den Rückpass sicher zu klären.
Weil er aber den richtigen Zeitpunkt verpasst, schießt der Keeper beim Klärungsversuch im eigenen Strafraum Kane an. Die Kugel prallt nach links zu Luiz Diaz, der nach ein paar Metern wieder nach innen passt, wo Kane die Kugel aus kurzer Distanz ins leere Tor schiebt. Es ist kein
Kinsky
Gestern erlebt Tottenham-Torwart Kinsky ein Spiel, das jeder Torhüter kennt. Ein Fehler beim Spielaufbau. Der Ball landet im eigenen Tor. Kurz danach passiert der nächste Fehler. Viele sehen nur die Technik. Aber das eigentliche Problem passiert im Kopf. Nach einem Fehler steigt der Druck. Der Körper wird angespannt. Entscheidungen werden hektisch. Genau deshalb passiert der zweite Fehler oft direkt danach. Top Torhüter machen in diesem Moment drei Dinge:
Was Kinský in Madrid erlebt hat, wird er verarbeiten. Entscheidend dabei ist nicht nur der Spieler selbst und seine psychische Stärke, sondern auch die Einordnungskompetenz der Verantwortlichen und der Medien.Ungenaue Pässe: Fehlpässe direkt in den Fuß des Gegners, oft bedingt durch den schnellen Druckaufbau der gegnerischen Stürmer. Falsche Entscheidungen: Zu langes Zögern beim Abspiel, wodurch Passwege zugestellt werden, oder riskante Pässe durch die Mitte anstatt über die Außenpositionen. Mangelnde Übersicht: Das Übersehen freistehender Mitspieler oder das Verkennen der gegnerischen Pressingsituation.

