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Seit 2012 ist Patrick Foletti für die Torhüter der Schweizer Nationalmannschaft zuständig. Aber nicht nur in der Schweiz hat er sich einen hervorragenden Namen gemacht. Auch über die eigenen Landesgrenzen hinweg erfährt er große Wertschätzung, der Kicker kürte ihn vor einiger Zeit zu einem der führenden Torwarttrainer Europas. Nicht ohne Grund setzen einige Bundesligavereine auf die Klasse der Schweizer Torhüter, die Patrick Foletti mitentwickelt hat. Goalguard hatte die Möglichkeit, sich mit dem Schweizer Torwarttrainer vor dem Aufbruch nach Russland unter anderem über die Chancen der Eidgenossen bei der WM, die Kriterien der Nominierung der Nationaltorhüter sowie über Entwicklungen im modernen Torwarttraining zu unterhalten.

Artur Stopper Patrick, es sind nur noch wenige Tage bis zum Beginn der WM in Russland. Fühlst du bereits eine innere Anspannung oder lässt du dir noch etwas Zeit?

Patrick Foletti Anspannung ist das falsche Wort. Es ist eher eine Vorfreude auf das große Turnier. Ich darf nach der Olympiade, der Europameisterschaft und der Weltmeisterschaft 2014 ein zweites Mal ein so großes Turnier erleben. Daher ist es eine große Vorfreude.

Artur Stopper Mit Yann Sommer, Roman Bürki und Yvon Mvogo stehen alle drei Schweizer Nationaltorhüter bei deutschen Bundesligisten unter Vertrag. Erleichtert das deine Entscheidung für die Nominierung als Nummer eins, weil alle unter vergleichbaren Bedingungen ihre Leistung nachweisen müssen?

Patrick Foletti Nein, das spielt keine Rolle. Entscheidend ist die Qualität der Torhüter, unabhängig davon, wo sie spielen. Die drei von dir genannten Torhüter sowie Georg Kobel, der nach dem U21-Lehrgang zu uns gestoßen ist, und Marwin Hitz, der ja auf die WM-Teilnahme verzichtet hat, sind alle fünf Top-Torhüter, und das ist das entscheidende Auswahlkriterium.

Artur Stopper Gibt es noch andere Kriterien, auf die du bei der Nominierung der Torhüter achtest?

Patrick Foletti Bei uns spielt die Hierarchie im Team eine wichtige Rolle. Bereits im März haben wir ganz klar kommuniziert, wer bei uns die Nummer eins, zwei und drei ist. Bei einem Turnier über einen längeren Zeitraum ist es eminent wichtig, dass jeder Torhüter weiß, was seine Rolle innerhalb des Teams ist und welche Aufgaben er hat. Denn die Nummer zwei und drei sind unter dem Strich fast wichtiger als die Nummer eins in so einem Turnier.

Artur Stopper Was ist die besondere Aufgabe dieser beiden?

Patrick Foletti Sie wissen, dass die Chance, im Turnier eingesetzt zu werden, sehr gering ist. Bei der Nummer drei geht dieses Einsatzchance gegen Null. Ich weiß nicht, ob eine Nummer drei jemals bei einer Weltmeisterschaft zum Einsatz kam. Mit dieser persönlich schwierigen, ja frustrierenden Situation umgehen zu können und trotzdem Energie an die Gruppe zu liefern, ist eine große Aufgabe. Deswegen ist es wichtig, dass auch die Ersatztorhüter wissen, was ihre Position verlangt.

Artur Stopper Roman Bürki wird in Dortmund als guter Torhüter mit großen Fähigkeiten gehandelt, der aber immer wieder durch Patzer Gegentore verschuldet. Sind die Vorwürfe berechtigt?

Patrick Foletti Wenn ich die Berichterstattung heutzutage verfolge, habe ich das Gefühl, dass jeder sagen und schreiben kann, was er will. Daher ist es etwas müßig, über bestimmte Aussagen zu diskutieren. Roman weiß selbst, wenn er Fehler gemacht hat, und er ist selbstkritisch genug, um sich weiter verbessern zu wollen. Alles andere ist Teil des Spiels und gehört dazu. Dieser Teil ist nicht immer korrekt und fair, aber er gehört dazu. Damit muss man auch umgehen können.

Artur Stopper Wie siehst du selbst die in Deutschland weit verbreitete Auffassung, dass ein Torhüter kein Tor in die kurze Ecke hinnehmen darf? Der dänische Torhüter Kaspar Schmeichel in Diensten von Leicester City hat über diese Diskussion nur geschmunzelt …

Patrick Foletti (schmunzelt) Ich muss Schmeichel im Großen und Ganzen Recht geben, aber möchte mich nicht an dieser Diskussion beteiligen. Er gibt Stammtischaussagen, die wohl fest zementiert, aber vielleicht nicht mehr zeitgemäß sind. Deshalb sollte man das so lassen.

Artur Stopper Der zukünftige BVB-Keeper Marwin Hitz hat auf die Teilnahme an der WM verzichtet. Kannst du seine Entscheidung nachvollziehen?

Patrick Foletti In erster Linie muss ich sie akzeptieren und respektieren. Es ist nicht relevant, ob ich sie verstehe. Ich muss nicht alles zu hundert Prozent einsehen. Aber Marwin ist ein erfahrener Torhüter und intelligenter Mensch. Die Gründe, die er uns geliefert hat, sind nachvollziehbar. Mir ist es auf jeden Fall lieber, dass er seine Entscheidung im Vorhinein getroffen hat, als nach Russland mitzukommen und unglücklich zu sein über die Rolle, die ihm zugedacht war.

Artur Stopper Als einer der besten Torwarttrainer in Europa hast du sicherlich eine klare Philosophie für deine Art des Torwartspiels. Inwiefern musst du dein bevorzugtes System den Vorgaben des Cheftrainers anpassen?

Patrick Foletti Es war so, das ist so und wird es immer bleiben, dass ein Torwarttrainer die Fähigkeit haben muss, sich dem Cheftrainer anzupassen, ohne aber die eigenen Prinzipien zu verlieren. Das ist eine große Herausforderung. Ich arbeite im Schweizer Verband mit acht verschiedenen Trainern zusammen, von denen jeder anders funktioniert. Letztendlich man als Torwarttrainer auch ein guter Verkäufer sein, der seine Argumente, Prinzipien und Vorstellungen so darlegen kann, dass der Cheftrainer sie abkauft, unabhängig davon, wer der Cheftrainer ist. Aber ganz sicher ist es so, dass ich mich den Vorgaben des Cheftrainers anpassen muss und nicht umgekehrt.

Artur Stopper Beschäftigst du dich in der Spielvorbereitung mit den gegnerischen Stürmern, und richtest du dein Torwarttraining auf die gegnerischen Stürmer aus?

Patrick Foletti Ja, definitiv! In der Vorbereitung auf ein Spiel gibt es mindestens zwei Einheiten, die auf die Spielzüge des Gegners ausgerichtet sind. Die Erkenntnisse über den Gegner baue ich immer in mein Training ein.

Artur Stopper BVB-Keeper Roman Bürki sagte vor kurzem zur Situation von Torhütern: "Eine Woche bist du der Held, eine Woche bist du der Idiot". Diese Gefahr ist bei einer WM besonders hoch. Kann man Torhüter überhaupt mental auf diese Situation vorbereiten?

Patrick Foletti Ja und nein. Ich denke, ein Torhüter wächst mit dieser Gefühlslage, einmal der Held und einmal der Idiot zu sein, auf, sobald er sich für diese Position entschieden hat. Das ist ein Prozess, mit dem ein Torhüter lebt. Natürlich kann man kein D-Jugend-Spiel mit einer Weltmeisterschaft vergleichen. Dafür braucht man heutzutage schon eine gute Betreuung. Viele Stars, unabhängig davon, ob sie Feldspieler oder Torhüter sind, arbeiten in diesem Bereich mit professioneller Unterstützung durch Mentaltrainer. Technisch oder taktisch sind alle Spieler heute top ausgebildet. Die entscheidenden Unterschiede liegen im mentalen Bereich.

Artur Stopper Sicherlich hast du auch die offensive Spielweise von Julian Pollersbeck vom HSV verfolgt. Kann diese Spielweise eine Option für das Torwartspiel der Zukunft sein?

Patrick Foletti Ich empfinde diese Spielweise als übertrieben. Es wurde ja pompös darüber berichtet. Auch in unserer Spielphilosophie agiert der Torhüter als elfter Feldspieler. Aber jetzt kommt das große Aber: Er soll nicht primär Qualitäten im Offensivspiel haben, sein Kerngeschäft soll weiterhin sein, Bälle zu halten oder abzuwehren. Dass die Spielweise von Pollersbeck der neue Weg für das Torwartspiel der Zukunft sein wird, glaube ich eher nicht. Ich lasse mich aber gerne überraschen.

Artur Stopper Moderne Torhüter legen inzwischen zirka sechs Kilometer pro Spiel zurück. Spielen deshalb Ausdauerläufe in deinem Training eine größere Rolle als früher?

Patrick Foletti Ich bin bekannt als großer Gegner von Ausdauerläufen im klassischen Sinne, wie Waldläufe oder Laktatstufentests. Wer mich kennt, weiß, dass ich sehr allergisch darauf reagiere. Ausdauer spielt natürlich auch im Torwartspiel eine Rolle. Aber es genügt die Grundlagenausdauer. Denn von diesen 6 km bewegt sich ein Torhüter erfahrungsgemäß 5 km im Spaziertempo. Wir müssen uns also immer das Profil des Spiels genau anschauen und danach trainieren, was ein Torhüter braucht. Für mich macht es überhaupt keinen Sinn, spezifische Einheiten für Torhüter in diesem Bereich zu gestalten. Die spezifische Ausdauer, die ein Torhüter braucht, kann man sehr gut mit intermittierendem Training auf dem Platz trainieren.

Artur Stopper Die besten Torhüter der Schweiz spielen alle in der Bundesliga. Was schätzen die Bundesligavereine an Schweizer Torhütern?

Patrick Foletti Vor allem müssen diese Torhüter natürlich Qualität haben, denn ohne diese Qualität kommt man nicht in die Bundesliga. Aber auch kulturelle und finanzielle Gesichtspunkte spielen dabei eine Rolle. Ein Schweizer Torhüter ist aufgrund der Sprache und des ähnlichen kulturellen Hintergrundes leicht zu integrieren. Außerdem sind die Schweizer Torhüter gemessen an der Qualität, die sie mitbringen, immer noch relativ billig für Bundesligaverhältnisse. Diese drei Kriterien sind für mich maßgebend. Im Übrigen spielen auch noch unsere Nachwuchskeeper Gregor Kobel (TSG Hoffenheim) und Philipp Köhn (RB Leipzig) bei Bundesligaklubs. Wir haben in der Schweiz hervorragende Torhüter. Diese Qualität ist der absolut entscheidende Faktor für das Interesse von Bundesligavereinen an unseren Torhütern.

Artur Stopper Immer wieder wird die Frage kontrovers diskutiert, ob man bei Eckbällen zwei Feldspieler, einen Spieler vorne oder hinten oder keinen auf der Torlinie als Unterstützung für den Torhüter positionieren soll. Ebenso steht die Frage im Raum, ob man Eckbälle am besten in Mann- oder Raumdeckung oder in einer Kombination von beiden Systemen verteidigt. Was ist dein favorisiertes System?

Patrick Foletti Ich selbst habe kein favorisiertes System. Für mich ist immer die Entscheidung des Torhüters wichtig. Sowohl in der A-Nationalmannschaft als auch bei den Junioren übertragen wir den Torhütern diese Verantwortung. Wenn ein Torhüter keine Feldspieler auf der Linie haben will, werden wir dieses System praktizieren, wenn auch der Cheftrainer damit einverstanden ist. Wenn er drei Spieler am Pfosten haben will (schmunzelt), bekommt er drei, wenn wir das überzeugend begründen können. Im Hinblick auf das gesamte Abwehrverhalten entscheidet natürlich der Cheftrainer, in welchem System Eckbälle verteidigt werden. Bezüglich der Positionierung von Feldspielern auf der Torlinie steht aber der Torhüter in der Verantwortung. In der Regel bekommt er die Anzahl an Spielern, die er bevorzugt.

Artur Stopper So wie es Vorstellungen von einem idealen Menschenbild gibt, das wir aber nur bedingt erreichen, gibt es auch Vorstellungen vom idealen Torhüter. Welcher Torhüter auf der Welt entspricht am meisten deinem Torwartideal?

Patrick Foletti Diese Frage bekam ich schon oft gestellt. Den idealen Torhüter gibt es nicht. Er wäre eine Mischung aus verschiedenen Torhütern. Neuer, Buffon oder de Gea z.B. sind alles großartige Torhüter, aber wer hat das Recht zu sagen, Buffon ist besser als Neuer oder umgekehrt? Alle drei sind hervorragende Torhüter, aber total verschiedene Torhütertypen. Daher sage ich immer politisch korrekt: Der ideale Torhüter ist eine Mischung aus Sommer, Bürki und Mvogo.

Artur Stopper Welche Rolle wird die Schweiz bei der WM spielen?

Patrick Foletti Ich hoffe, dass wir die Frische und Frechheit im positives Sinne, die wir in der Qualifikation mit Ausnahme des Spiels in Portugal gezeigt haben, bei der WM auf den Platz bringen können, diese unbeschwerte Art, Fußball zu spielen, offensiv, ohne zu viele Rechnereien und Gedanken. Die Qualität in der Mannschaft ist dafür vorhanden. Mein Wunsch wäre, dass wir diese Unbekümmertheit in der Vorrunde an drei Tagen umsetzen können. Dann bin ich sicher, dass wir uns für das Achtelfinale qualifizieren können. Dann ist alles möglich.

Artur Stopper Patrick, ist drücke euch die Daumen und wünsche euch alles Gute in Russland.

InterviewPatrick FolettiSchweizer Nationalmannschaft

Artur Stopper

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Über den Autor

Mit über 25 Jahren Erfahrung als Torwarttrainer weiß Artur, wie Torhüter ticken. Deshalb bevorzugt er Themen, die die Welt der Torhüter ausmachen: Vereinswechsel, Tiefschläge, Pechsträhnen, Höhenflüge, Emotionen, Ersatzbank, Halbgötter, Erfolge.

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