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Seit 2013 kümmert sich Klaus Thomforde als Torwarttrainer um den deutschen U21-Nationaltorhüter. Internationale Top-Torhüter wie Marc-Andre ter Stegen, Bernd Leno oder Alexander Nübel fanden auch unter seiner Anleitung den Weg in die Weltspitze. Zuvor arbeitete er in dieser Funktion unter anderem für die litauische Nationalmannschaft und bei Holstein Kiel. Der inzwischen 59-Jährige spielte in seiner aktiven Karriere ausschließlich für St. Pauli Hamburg. 334 Spiele hat er für die Kiezkicker in der Zeit von 1983 bis 1999 absolviert, davon genau 100 in der ersten Bundesliga. Bis heute liegt er unter den Rekordspielern von St. Pauli auf Rang drei. Goalguard sprach mit der St. Pauli-Ikone über seine Arbeit bei der U21-Nationalmannschaft.

Artur Stopper Klaus, vor einigen Jahren hießen die U21-Nationaltorhüter ter Stegen, Bernd Leno, Kevin Trapp oder Oliver Baumann, deren Namen schon damals den meisten Fußballfans bekannt waren. Inzwischen heißen die U21-Nationaltorhüter Luca Philipp, Nico Mantl und Noah Atubolu, die nur Insider kennen. Muss man sich um das „Torhüterland Deutschland“ Gedanken machen?

Klaus Thomforde Natürlich könnte man das denken. Ich selbst bin da etwas anderer Meinung, weil ich mit diesen Jungs intensiv zusammenarbeite und deshalb an sie glaube. Sie sind aus meiner Sicht gut ausgebildet und können durchaus in die Fußstapfen ihrer Vorgänger schlüpfen.

Artur Stopper Luca Philipp hatte 21 Einsätze in der Regionalliga bei Hoffenheim II, Nico Mantl sitzt bei RB Salzburg meist auf der Ersatzbank und Noah Atubolu spielt in der dritten Liga beim SC Freiburg II. Warum finden junge und talentierte Torhüter heutzutage so schwer den Weg zwischen die Pfosten eines Erst- oder Zweitligisten?

Klaus Thomforde Für mich gibt es dafür eine plausible Erklärung. Zu der Zeit, als Marc-Andre ter Stegen und Bernd Leno in die Bundesliga gekommen sind, waren sie bereits außergewöhnliche Talente im U17- oder U19-Bereich. Zudem haben sie die Chance bekommen, direkt in der Bundesliga zu spielen. Das lag auch daran, dass sich das Torwartspiel verändert hatte. Es wurde ein kompletteres Torwartspiel gefordert, bei dem der Torhüter auch das Offensivspiel mit dem Fuß beherrschen musste. Vor dieser Zeit war das nicht der Fall, da genügte es schon, wenn man den Ball geradeaus weit nach vorne schlagen konnte. Mit dem neuen Torwartspiel standen den Trainern ganz neue taktische Möglichkeiten zur Verfügung. Weil jüngere Torhüter in dieser Hinsicht besser ausgebildet waren, konnte man sie auch früher einsetzen. Das war für mich der Hauptgrund, dass in dieser Zeit jüngere Torhüter die älteren schnell verdrängen konnten. Mittlerweise ist es so, dass alle Torhüter im Offensivspiel gut ausgebildet sind und deshalb der Faktor Erfahrung wieder mehr zum Tragen kommt, der früher auch eine größere Rolle spielte. Deshalb müssen die jüngeren Torhüter heute wieder länger warten, weil die älteren bei gleichen Fähigkeiten mehr Erfahrung mitbringen. Das ist aus meiner Sicht der eigentliche Grund, warum die Einsätze unserer jungen Talente im Moment auf höchstem Niveau stagnieren.

Artur Stopper Zu deiner aktiven Zeit war dein Spitzname „Das Tier im Tor“, weil du berüchtigt warst für deine intensiven Gefühlsausbrüche. Viele heutige Spitzentorhüter sind eher ruhige Typen, die unaufgeregt die Bälle halten, niemand anschreien und auch niemandem an den Kragen gehen. Warum gibt es heutzutage diese verrückten, extrovertierten Torhüter, wie du oder auch Oliver Kahn waren, kaum mehr?

Klaus Thomforde Ich kann gar nicht genau sagen, warum das so ist. Ich bin schon der Meinung, dass auch heute noch Emotionen zu sehen sind, wenn auch nicht in der Art wie zu meiner Zeit. Dafür gibt es aber Gründe. Damals war dieses Verhalten ein wichtiges Tool für mich, da ich technisch und taktisch nicht so gut ausgebildet war wie die Torhüter heute. Deshalb musste ich andere Tools benutzen, um den gewünschten Erfolg zu erreichen und Erstligatorhüter zu bleiben. Ich denke, dass die Jungs heute besser ausgebildet sind, weil sie im Gegensatz zu uns bereits im Jugendbereich von qualifizierten Torwarttrainern geschult werden. In meiner Zeit gab es meist keine Torwarttrainer. Ich bin froh, dass ich mir dieses emotionale Tool selbst aneignen konnte. Meinen Torhütern biete ich dieses Werkzeug in der Ausbildung an, aber sie müssen für sich selbst entscheiden, ob sie diesen Input annehmen wollen oder er nicht. Es geht nicht darum, Torhüter zu kopieren, sondern ihnen Möglichkeiten an die Hand zu geben, sich selbst weiterzuentwickeln. Ich selbst halte Emotionalität für ein interessantes Tool, das die Jungs noch stärker machen kann.

Artur Stopper Du hast Finn Dahmen, der beim U21-Europameisterschaftserfolg 2021 das deutsche Tor hütete, eine große Karriere prophezeit. Momentan ist er die Nummer zwei bei Mainz 05, in der bisherigen Saison mit nur zwei Einsätzen zum Saisonende. Was hast du an dem Mainzer Keeper besonders geschätzt?

Klaus Thomforde Zuerst muss man wissen, wie sich Finn im Laufe seiner Karriere entwickelt hat. Er hatte nie leichte Wege, auch nicht auf dem Weg zu uns. Er wurde zunächst nachnominiert, wurde zur Nummer drei und bekam dann seine Chance. Er hat diese Chance genutzt und spielte die Europameisterschaft. Im Verlauf des Turniers war er nicht fehlerfrei, kämpfte sich aber gut durchs Turnier und spielte im wichtigsten Spiel des Turniers, dem Endspiel, zu null. Imponiert hat mir vor allem seine tolle Ausstrahlung und sein überragendes Coaching, das ich in seinem Alter bisher noch nie gesehen hatte, auch nicht bei unseren Top-Torhütern aus der Vergangenheit.

Artur Stopper Finn Dahmen gehört eher zu den kleineren Torhütern. Wie sehr behindert ihn fehlende Größe auf seinem Weg nach oben?

Klaus Thomforde Besonders in Deutschland spielt die Größe von Torhütern eine große Rolle. Wenn man sich hingegen weltweit umsieht, findet man genügend Torhüter, die trotz fehlender Größe hervorragende Torhüter waren. Weltklassetorhüter wie Claudio Bravo oder Iker Casillas oder in der Bundesliga Yann Sommer sind allesamt kleinere Torhüter, die ihren Weg gegangen sind. Diese Chance sehe ich auch bei Finn Dahmen. Fehlende Größe ist für mich jedenfalls kein Ausschlusskriterium.

Artur Stopper Wie bereits angesprochen, hast du in jungen Jahren mit ter Stegen, Leno oder Nübel gearbeitet. War bei Marc-Andre ter Stegen eigentlich die Entwicklung zu einen der weltbesten Torhüter vor zehn Jahren schon erkennbar?

Klaus Thomforde Für mich schon. Er hatte zu dieser Zeit bereits A-Länderspiele absolviert, auch wenn diese leider nicht besonders glücklich verlaufen sind. Marc-Andre ter Stegen ist ein Beispiel dafür, dass man auf dem Weg nach oben manchmal auch holprige Wege gehen muss. Über die Länderspiele ging der Weg weiter zum FC Barcelona, wo er zunächst nicht zufrieden war, weil er sich nicht sofort als Stammtorhüter gegen Claudio Bravo durchsetzen konnte, sondern „nur“ in der Champions League und den Pokalspielen spielte. Ich musste ihm deutlich machen, dass dieses „nur“ etwas ganz Besonderes ist und es nur eine Frage der Zeit sein würde, dass er Stammtorhüter wird. Nämlich spätestens dann, wenn ein Verein Kaufinteresse an ihm zeigt. Genauso ist es dann gekommen.

Artur Stopper Wenn du Marc-Andre ter Stegen von 2013 mit dem von 2022 vergleichst, in welchen Bereichen hat er die größten Fortschritte gemacht?

Klaus Thomforde Ich denke vor allem in der Persönlichkeitsentwicklung. Sein Trophäenschrank ist voll, er strotzt vor Selbstvertrauen. Trotzdem ist er nach meiner Wahrnehmung immer demütig geblieben. Auch ist er inzwischen Familienvater geworden, ich sehe ihn öfters bei Facebook mit seinem Sohnemann stolz spazieren. Das sind Faktoren, die einem als Mensch reifen lassen. Zudem ist er inzwischen auch eine Institution in Barcelona.

Artur Stopper Du bist seit 2013 für das Torwarttraining der U21-Nationalmannschaft zuständig. Was kannst du den Jungs in der kurzen gemeinsamen Zeit bei der Nationalmannschaft eigentlich noch beibringen oder ihnen mit auf ihren Weg geben?

Klaus Thomforde Ich hatte das Glück, in meiner Anfangszeit mit diesen Benchmark-Torhütern zu arbeiten und konnte dabei viele Erfahrungen sammeln. Mit diesen Ausnahmetorhütern habe ich viel erlebt, weil die Möglichkeiten vorhanden war, Marc-Andre mit Barcelona zu beobachten. Zudem habe ich alle Spiele der Champions League von Barcelona zuhause und auswärts gesehen. Dasselbe habe ich mit Bernd Leno während seiner Zeit in Leverkusen gemacht. So war ich z.B. beim Auswärtsspiel bei Atletico Madrid dabei. Das waren außergewöhnliche Momente und Erfahrungen, die ich den nachfolgenden Torhütern immer vermitteln will, um ihnen Wege aufzuzeigen. Einige sind auf diesen Weg gut aufgesprungen, wenn ich z.B. an Marvin Schwäbe in Köln oder Odisseas Vlachodimos denke, der bei Benfica Lissabon einen sensationellen Weg gegangen ist. Andere Beispiele sind Julian Pollersbeck, der einen steinigen Weg weitergeht und bei Olympique Lyon schon den ein oder anderen Einsatz hatte. Oder Alexander Nübel, der beim AS Monaco gut einschlägt. Denen habe ich anhand dieser Geschichten aufgezeigt, welche Möglichkeiten sie haben werden, wenn sie viel dafür tun.

Zudem habe ich ihnen an diesen Beispielen klar gemacht, dass sie trotz aller Erfolge demütig bleiben müssen. Am Beispiel ter Stegen kann man aufzeigen, dass Erfolg kein Selbstläufer ist. Denn obwohl er mit Barca die Champions League gewonnen hatte, verlor er mit der U21-Nationalmannschaft im Halbfinale der EM mit 0:5. Das zeigt, dass man immer wieder neu um den Erfolg kämpfen muss, egal wie gut man ist.

Auch in punkto Einstellung ist Marc-Andre ein gutes Beispiel. Als er als 18-Jähriger gerade mit Mönchengladbach die Relegation gewonnen hatte, rief er anschließend unseren U19-Torwarttrainer an, um zu fragen, ob er abends noch zum Lehrgang kommen soll. Das sind die Momente, in denen man merkt, wo der Weg hinführen kann. Diese Geschichten gebe ich unseren jüngeren Torhütern mit. Dann liegt es in ihrer eigenen Hand, einen ähnlichen Weg zu gehen, weil sie grundsätzlich alle das Potenzial dazu haben. Ob sie dann immer den Weg zur Weltklasse gehen müssen, sei dahingestellt. Auch ein internationaler Bereich ist schon außergewöhnlich.

Artur Stopper Klaus, wir bedanken uns für die interessanten Einblicke in deine Arbeit und wünsche dir weiterhin viel Freude und Erfolg mit den U21-Nationaltorhütern.

InterviewKlaus ThomfordeU21Nationalmannschaft

Artur Stopper

Artur Stopper

Über den Autor

Mit über 25 Jahren Erfahrung als Torwarttrainer weiß Artur, wie Torhüter ticken. Deshalb bevorzugt er Themen, die die Welt der Torhüter ausmachen: Vereinswechsel, Tiefschläge, Pechsträhnen, Höhenflüge, Emotionen, Ersatzbank, Halbgötter, Erfolge.

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