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Seit dem Juli 2013 hat Benedikt Fernandez beim Drittligisten SF Lotte seine sportliche Heimat gefunden. In der Jugend des Bundesligisten Bayer Leverkusen ausgebildet, schien einer Bundesliga-Karriere nichts im Wege zu stehen, als er einen Profivertrag bei seinem Ausbildungsverein unterzeichnete. Lange Jahre verbrachte er hinter seinen Konkurrent und Freund bereits aus Jugendtagen, dem Ex-Nationaltorhüter Rene Adler, überwiegend auf der Bank. Als nach elf Jahren Vereinszugehörigkeit sein Vertrag nicht verlängert wurde, begann eine sportliche Odyssee für den sympathischen Torhüter. Nachdem ihm nach einem Probetraining bei Mainz 05 im letzten Moment Loris Karius vorgezogen wurde, war er ein Jahr vereinslos. Kurze Gastspiele beim 1. FC Saarbrücken und dem Regionalligisten Elversberg folgten. Auf eine erfolgreiche Schiene fand Fernandez 2013 zurück, als er beim damaligen Meister der Regionalliga West, den Sportfreunden Lotte, unterschrieb. Mit diesem Klub stieg er 2016 in die dritte Liga auf. Seither ist der inzwischen 32-jährige Keeper der Liebling der Fans und absoluter Leistungsträger seines Vereins. Goalguard sprach mit Benedikt Fernandez über seine Vergangenheit, seine sportliche Situation bei SF Lotte und vor allem über die Chancen seines Teams im bevorstehenden DFB-Achtelfinalspiel gegen den Zweitligisten 1860 München.

Artur Stopper Benedikt, nach einer kurzen Erholungspause über die Weihnachtstage und zum Jahreswechsel befindet ihr euch seit Anfang Januar wieder in der Vorbereitungsphase auf die Rückrunde. Wie stark wird eure Vorbereitung vom Wintereinbruch beeinträchtigt?

Benedikt Fernandez Der Winter zeigt sich seit Anfang Januar bei uns sehr hartnäckig. Wir spielten im Testspiel gegen Hannover 96 zum ersten Mal auf Naturrasen, d.h. wir konnten die ganze Vorbereitung nur auf Kunstrasen absolvieren. Als es stark schneite und auch der Kunstrasen voller Schnee lag, mussten wir in die Soccer-Halle oder in den Kraftraumbereich ausweichen. Daher war die Vorbereitung sicherlich nicht optimal. Allerdings waren die Bedingungen für die Wintervorbereitung auch in früheren Jahren meist nicht besser und ich glaube, dass viele Dritt- oder Viertligisten das gleiche Problem hatten.

Artur Stopper War im Nachhinein ein Fehler, die Vorbereitung nicht in wärmeren Gefilden durchzuführen?

Benedikt Fernandez Sicherlich konnten wir uns auf Kunstrasen nicht so gut auf den Wettbewerb vorbereiten wie Mannschaften, die im Trainingslager waren. Das ist aber auch immer eine Frage der finanziellen Mittel, die man zur Verfügung hat. Hier sind sicherlich einigen Drittligisten die Hände gebunden. Aber natürlich wäre es für alle schöner gewesen, wenn wir zumindest ein paar Tage auf Naturrasen hätten trainieren können.

Benedikt Fernandez im Dress von Bayer 04 Leverkusen in der Saison 2010/11

Artur Stopper Bereits Anfang Februar steht das erste sportliche Highlight an, nämlich das DFB-Achtelfinalspiel gegen 1860 München. Beherrschten die letzten Wochen mehr die Gedanken an das DFB-Pokalspiel oder an den Rückrundenstart in der dritten Liga dein Inneres?

Benedikt Fernandez Natürlich ist das nächste Spiel immer das Wichtigste (schmunzelt). Meine Gedanken kreisten zunächst einmal um die Frage, ob wir aufgrund der Platzverhältnisse am vergangenen Wochenende überhaupt wieder in die Saison starten konnten. Der Stadionplatz war erst in der Nacht von Freitag auf Samstag geräumt worden. Für uns war sicherlich gut, dass wir vor dem nächsten großen Highlight, dem Achtelfinale im DFB-Pokal, ein Punktspiel absolvieren konnten, damit wir wieder in unseren Spielrhythmus finden, auch wenn wir das Spiel gegen Werder Bremen II nicht erfolgreich gestalten konnten.

Artur Stopper In den ersten beiden Runden des DFB-Pokals habt ihr mit Werder Bremen und Bayer Leverkusen bereits zwei Bundesligisten aus dem Wettbewerb geworfen. Nun steht mit dem Zweitligisten 1860 München eine vermeintlich leichtere Aufgabe an. Wird die Aufgabe diese Mal leichter?

Benedikt Fernandez Weil wir bereits zwei Bundesligisten ausgeschaltet haben, herrscht natürlich auch im Umfeld die Meinung vor, dass der Gegner machbar sei. Aber 1860 München spielt immerhin eine Liga höher und hat über viele Jahre drei oder vier Ligen höher gespielt als wir. Deswegen brauchen wir uns keine Gedanken darüber zu machen, wer die Favoritenrolle in diesem Spiel hat. Für uns wird wichtig sein, dass wir gut in die Rückrunde starten und so das Selbstvertrauen und die Lockerheit wiederfinden, die uns gegen Bayer Leverkusen und Werder Bremen ausgezeichnet hat.

Artur Stopper Dein Motto lautet: Gib niemals auf, egal wie aussichtslos deine Situation auch scheinen mag! Du hast dieses Motto im Spiel gegen Leverkusen vorgelebt, denn von Krämpfen geplagt pariertest du die Elfmeter von Volland sowie Baumgartlinger. Wie stark kann ein Führungsspieler mit seinem Verhalten und Einsatzwillen die Mentalität seiner Mannschaft beeinflussen?

Benedikt Fernandez Den Begriff Führungsspieler muss ich etwas relativieren. Unser Cheftrainer gibt den Spielern eine relativ lange Leine und fährt damit gut. Dementsprechend haben wir in Lotte flache Hierarchien in der Mannschaft, die nicht vergleichbar sind mit den Verhältnissen früher bei Bayer Leverkusen, als Ballack, Schneider, Ramelow und Co am Werk waren und klare, pyramidenförmige Hierarchien herrschten. Natürlich merken die Spieler in bestimmten Spielen, wenn Leistungsträger vorangehen. Dieses Verhalten fällt sicherlich weniger ins Gewicht, wenn wir vor 50 Zuschauern bei Mainz II spielen. Aber in den DFB-Pokalspielen oder den Spielen gegen die Drittliga-Spitzenmannschaften wie Duisburg, Magdeburg oder Osnabrück ist es schon wichtig, dass erfahrene Spieler eine Führungsrolle übernehmen und die entsprechende Mentalität vorleben. Ich denke schon, dass ich und einige andere diese Rolle in unserer Mannschaft einnehmen und auch ausfüllen.

Artur Stopper Elfmeter scheinen eine Lieblingssituation von dir zu sein. Wie bereitest du dich auf dieses Duell vor? Sammelst du Informationen über z.B. die Elfmeterschützen der Gegner oder setzt du mehr auf die Beobachtung der Abläufe des Schützen beim Schuss?

Benedikt Fernandez Ich kann mich noch an einen früheren Artikel von dir erinnern, über den wir uns einmal unterhalten hatten, wo du auffällige Beobachtungsmerkmale der Elfmeterschützen wie die Körperhaltung sowie die Stellung der Hüfte und die Fußhaltung beschrieben hattest. Damals, noch zu Leverkusener Zeiten, hatte ich mich intensiv mit diesem Thema beschäftigt. In der Jugendzeit bei Bayer war ich nämlich ein ausgesprochener „Elfmeter-Killer“. Anschließend spielte ich für einige Zeit leider nicht so häufig. Während der Zeit in Saarbrücken und auch die ersten Jahre bei Lotte hielt ich keinen Elfmeter mehr aus dem Spiel heraus. Aber ich war anschließend im Verbandspokal-Finale und im Spiel gegen Leverkusen der Elfmeter-Held. Auch in dieser Saison hielt ich bereits zwei von sieben Elfmetern. Ich kann mir aber diese Schwankungen nicht erklären. Deshalb glaube ich, dass beim Elfmeterschießen der Faktor Glück, nämlich für welche Torecke man sich entscheidet, keine unwesentliche Rolle spielt. Ich verlasse mich inzwischen stark auf die Analyse meines Torwarttrainers, denn in der dritten Liga bekommt man mehr Informationen und Videomaterial, um das Verhalten der gegnerischen Elfmeterschützen zu analysieren.

Artur Stopper Nach einem Jahr in der Arbeitslosigkeit führte dein weiterer Weg über Saarbrücken und Elversberg nach Lotte, wo du dein sportliches Glück wiedergefunden hast. Wie stark wird eine Sportlerkarriere auch vom Faktor Glück beeinflusst?

Benedikt Fernandez Da bin ich mir sicher: Man muss zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein, um im Haifischbecken Profifußball zu landen. Dort angekommen, wird mit harten Bandagen gekämpft, wenn man nicht gerade ein Toni Kroos oder ein Leroy Sane ist oder einer der anderen, die ganz oben sind. Für die meisten beginnt ein harter Kampf, bei dem Glück und professionelles Verhalten eine große Rolle spielen. Auch nimmt die Rolle der Berater bei Spielerverpflichtungen im Profifußball immer mehr zu, d.h. je näher die Verbindung der Berater zu den Vereinsverantwortlichen ist, umso größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass ein Spieler unter Vertrag genommen wird. Vitamin B spielt also keine unwesentliche Rolle.

Benedikt Fernandez im Spiel gegen den FSV Zwickau am 05.11.2016

Artur Stopper Gab es eine Situation in deiner Karriere, wo du dachtest, es geht nicht weiter?

Benedikt Fernandez An diesem Punkt stand ich sicherlich, als 2011 mein Vertrag bei Bayer Leverkusen nicht verlängert wurde. Im Anschluss begann keine einfache Zeit für mich. Ich stand kurz vor der Verpflichtung bei Mainz 05, aber im letzten Moment wurde mir Loris Karius vorgezogen. Anschließend war ich ein Jahr arbeitslos. Immer wieder stellte ich mir die Frage, wie es passieren konnte, aus einem Bundesligakader nach einer Verletzung aufs Abstellgleis abgeschoben, sportlich zur Nummer drei hinter Fabian Giefer degradiert zu werden und dann sogar ein Jahr lang vereinslos zu sein. Das war eine schwere Zeit für mich. Man muss sich mit Fragen beschäftigen, die man sich normalerweise erst kurz vor dem Karriereende stellt. Aber ich habe diese Zeit hinter mich gelassen und freue mich auf das Jetzt. Vielleicht bin ich nun an der Spitze meiner Karriere oder, wie mein Trainer sagt, im zweiten Frühling angekommen.

Artur Stopper Lotte spielt bislang in der dritten Liga eine überraschend starke Saison. Am 7. Spieltag konnte die Mannschaft sogar kurzzeitig die Tabellenführung übernehmen. Inzwischen habt ihr euch als Aufsteiger in der Spitzengruppe festgesetzt. Staunst du selbst auch ein bisschen über den bisher guten Saisonverlauf oder hattest du ihn so erwartet?

Benedikt Fernandez Erwartet hatten wir einen so erfolgreichen Saisonverlauf definitiv nicht. Aber bei aller Freude ist inzwischen auch ein weinendes Auge mit dabei, weil der Trend zuletzt nach unten gezeigt hat. Möglicherweise liegt es daran, dass wir in den letzten vier Spielen gegen drei Spitzenteams (Duisburg, Magdeburg und Osnabrück) spielten und diese Mannschaften im Ausnützen ihrer Torchancen einfach cleverer waren als wir. Wir brauchen definitiv zu viele Torchancen. Diese fehlende Cleverness ist sicherlich eine Frage von Erfahrung, die vielen Spielern in unserer Mannschaft fehlt, da nur drei Spieler zuvor höherklassig gespielt hatten. Aber wir haben auch in diesen Spielen gezeigt, dass wir selbst diesen Gegnern höchste Schwierigkeiten bereiten können.

Artur Stopper Du hast im vergangenen Sommer deinen Vertrag in Lotte um mein weiteres Jahr verlängert und bist nun in der vierten Saison bei den Sportfreunden. Wie viele Spielrunden sollen es bei diesem Klub noch werden?

Benedikt Fernandez Bei uns ist es so, dass bei den meisten Spielern nur Einjahresverträge unterzeichnet werden. Selbst in unserem Aufstiegsjahr bekamen die Akteure erst einen neuen Vertrag vorgelegt, als der Aufstieg in festen Tüchern war. Einerseits gehen die Verantwortlichen dabei die Gefahr ein, dass ein guter Spieler kurzfristig zu einem anderen Verein abwandert. Andererseits hat der Verein Planungssicherheit, in welcher Spielklasse SF Lotte im nächsten Jahr spielt. Da ich hier in Lotte mit meiner Freundin und dem Klub sowohl meinen privaten als auch sportlichen Lebensmittelpunkt gefunden habe, glaube und hoffe ich, dass in Lotte meine Karriere auch enden wird, aber hoffentlich nicht schon im Sommer (lacht).

Artur Stopper Noch zwei Fragen zum Schluss: Wo wird Lotte am Ende der Saison stehen?

Benedikt Fernandez Ich denke auf gar keinen Fall auf einem Abstiegsplatz, aber entgegen der Hoffnung vieler Fans auch nicht unter den ersten vier Mannschaften. Wenn wir einen neunten oder zehnten Tabellenplatz erreichen, können wir mehr als glücklich sein über das, was wir geleistet haben.

Artur Stopper Wird sich die SF Lotte im DFB-Pokal gegen 1860 München durchsetzen und die nächste Runde erreichen?

Benedikt Fernandez Wenn wir es schaffen sollten, auch gegen 1860 München eine Runde weiterzukommen, dann steht die Gemeinde zum vierten Mal in dieser Saison Kopf. Man kann gar nicht beschreiben, welche Bedeutung dieser Sieg für den Ort und die umliegende Region haben würde.

Artur Stopper Bene, ich drücke dir die Daumen, dass dieser Traum für euch in Erfüllung geht, und bedanke mich dafür, dass du dir Zeit für uns genommen hast.

InterviewBenedikt Fernandez

Artur Stopper

Artur Stopper

Über den Autor

Mit über 25 Jahren Erfahrung als Torwarttrainer weiß Artur, wie Torhüter ticken. Deshalb bevorzugt er Themen, die die Welt der Torhüter ausmachen: Vereinswechsel, Tiefschläge, Pechsträhnen, Höhenflüge, Emotionen, Ersatzbank, Halbgötter, Erfolge.

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