Standardsituationen können für den Ausgang eines Spieles entscheidend sein, wie die Bundesligapartie zwischen Borussia Dortmund und Mainz 05 am vergangenen Freitag zeigte. Drei der vier Gegentore erzielten die Dortmunder nach ruhenden Bällen, zwei davon nach Eckbällen. Durch eingeübte und aufeinander abgestimmte Abläufe wurde fast jeder Eckball zur Torgefahr. Im Falle des dritten Gegentreffers, für den Serhou Guirassy kurz vor der Pause nach Eckball von Julian Ryerson gesorgt hatte, sprach der Mainzer Trainer Urs Fischer seinen Schussmann Daniel Batz nicht gänzlich frei von Schuld: "Da braucht es die Hilfe der Mitspieler, aber auch der Torwart muss natürlich ein bisschen mehr machen, muss sich ein bisschen Platz verschaffen."
Leichter gesagt als getan! Denn bei der Kreation ausgeklügelter Laufwege steht dabei vor allem der gegnerische Torhüter im Blickpunkt. Während früher selbst der geringste Kontakt im Fünfmeterraum zugunsten des Torhüters abgepfiffen wurde, hat sich dies verändert. Seit 2012 der besondere Schutz des Torhüters im Torraum aufgehoben wurde, werden Zweikämpfe zwischen Torhüter und Feldspieler wie normale Duelle bewertet. Bei den meisten Eckballvarianten wird speziell der Torhüter angelaufen, blockiert, gerempelt oder in seinem Bewegungsablauf gestört. Die Grenzen zum Foulspiel sind fließend. Trotzdem sieht sich der Keeper Kritik ausgesetzt, oft mit dem Vorwurf, er müsse sich eben mehr wehren.
Torhüter in Bedrängnis
Längst arbeiten zahlreiche Vereine mit Standardspezialisten, die bei Eckbällen mit dem Team durch kreative Lösungen die Ausführung maximieren. Immer mehr Teams nutzen dabei Grauzonen, die besonders den Torhüter betreffen. Trotz dieser Hemmnisse bewerten Kommentatoren und Medien Torhüterleistungen nach wie vor nach dem wie festgemauerten Dogma, dass der Torraum dem Torhüter gehört, ohne die neuen Gegebenheiten im Torraum zu berücksichtigen. Wie schwierig es für die Keeper geworden ist, zeigt - stellvertretend für viele andere - das Beispiel von Daniel Batz beim 3:0 des BVB gegen Mainz.
Hat Batz wirklich eine Chance?
Es ist die 43. Minute, als sich Daniel Batz gegen eine Spielertraube in seinem Torraum behaupten muss. Der BVB führt bereits mit 2:0. Zunächst betrachten wir die Aufstellung der Mannschaften vor der Ausführung des Eckballs.
Die Ausgangssituation
Bereits vor der Ausführung des Eckballs befinden sich 14 Spieler innerhalb des Torraumes, acht Mainzer und sechs Dortmunder. Die Spieltraube erstreckt sich von der vorderen bis zur hinteren Torraumlinie. Dortmunds Felix Nmecha (A) positioniert sich vor Mainz-Keeper Daniel Batz. Der Mainzer Abwehrspieler Danny da Costa versucht, seinen Torhüter gegen den BVB-Angreifer abzuschirmen, indem er sich zwischen die beiden drängt.
Kurz bevor der Norweger Ryerson zur Ausführung des Eckstoßes anläuft, bewegen sich mehrere BVB-Spieler aus dem Rückraum nach vorne, um den Torraum zusätzlich zu verdichten und weitere Kopfballoptionen anzubieten. Gleichzeitig umkreist Nmecha Batz im Rücken, verfolgt von seinem Gegenspieler. Um sich vor dem Mainzer Schlussmann zu drängen, stößt er Danny da Costa weg und verschafft sich so die gewünschte Position. Gleichzeitig läuft BVB-Abwehrspieler Waldemar Anton (B) vom hinteren Pfosten ein und nimmt den Raum ein, den Nmecha vor seinem Schlenker innehatte.
Der Moment des Torabschlusses
Mit seinem Laufweg schafft Anton die Absicherung für Girassy, der die Flanke aus zwei Meter Entfernung zum 3:0 einköpft. Daniel Batz hingegen kann nur verspätet eingreifen, weil er bis kurz vor dem Kopfball in das Gerangel zwischen Nmecha und da Costa verwickelt ist.
Trägt Daniel Batz wirklich eine Mitschuld?
Wie bereits angesprochen, hat sich Nmecha, als Ryerson den Eckstoß ausführt, nach seiner Kreisbewegung um den Mainzer Keeper - in ständigem Gerangel mit seinem Gegenspieler - direkt vor Batz geschoben, während sich Daniel Batz auf den Ablauf konzentriert. Mit seinem Laufweg schafft Nmecha ein unübersichtliches Durcheinander vor dem Keeper und beeinträchtigt zudem dessen Sicht zum Eckballschützen. Als der Ball schon auf Höhe des vorderen Torpfostens angekommen ist, befindet sich Batz immer noch im Schiebewettbewerb mit Nmecha. Erst im letzten Moment kann er sich lösen, kommt aber nicht mehr in eine Anlaufbewegung zum Ball, sondern muss aus dem Stand abspringen, wodurch er die Dynamik und Wucht zum Ball verliert und den Kopfball. Er kommt zu spät und kann den Kopfball von Girassy nicht mehr verhindern.
Das alles passiert in nicht einmal zwei Sekunden. Solange dauert der Flug des Balles. Er muss in dieser kurzer Zeitspanne die Bedrängung durch den Gegenspieler bewältigen, den Ball im Auge behalten und im Getümmel den optimalen Laufweg zum Ball finden. Als weiterer Nachteil kommt hinzu, dass die Kopfballspieler in der Regel mit einigen Metern Anlauf zum Ball kommen.
Es ehrt Daniel Batz, dass er eine Mitschuld an dem Gegentreffer übernimmt: „Ich muss vielleicht ein bisschen energischer zum Ball gehen.“ Vielleicht will er nicht den Worten des Mainzer Cheftrainers Urs Fischer widersprechen, der nach dem Spiel feststellte, dass auch der Torwart ein bisschen mehr machen, sich da ein bisschen Platz verschaffen müsse. Wie Daniel Batz das aber schaffen sollte, bleibt ein Geheimnis. Denn für den Torwart ist es äußerst schwierig, in der Kürze der Zeit diesem Blocken auszuweichen oder es zu umgehen, zumal er sich voll auf den Ball konzentrieren muss und nicht auf die Beeinträchtigungen. Unter den gegebenen Umständen sollten Torhüter großzügiger beurteilt werden und das Dogma, dass der Torraum dem Torhüter gehört, endgültig ad acta gelegt werden. Für mich trägt Daniel Batz jedenfalls keine Schuld. Eher sollte die Frage diskutiert werden, ob der Bedrängung der Torhüter, wie sie inzwischen stattfindet, nicht Einhalt geboten werden muss.

