Vor allem in der vergangenen Spielzeit war Noah Atubolu der große Rückhalt zwischen den Pfosten des SC Freiburg. Nachdem er – in Hoffnung auf Angebote aus der großen Fußballwelt – den vom Verein im Frühjahr angebotenen Vertrag nicht verlängern wollte, handelten die Breisgauer. Sie verpflichteten mit Mio Backhaus vom Ligakonkurrenten Werder Bremen ein anderes große Torwarttalent in Deutschland. Für den 22-jährigen Schlussmann legten die Freiburger 12 Millionen Euro auf den Tisch.
Noah Atubolus Träume hingegen scheinen zu platzen. Keine zwei Wochen vor dem Schließen des Transfermarkts wartet der Torhüter noch immer auf den Ruf eines prominenten Top-Klubs.
Hat er sich verzockt?
Eigentlich schien Noah Atubolu auf dem Weg zu einer großen Karriere, nachdem seine Laufbahn holprig begonnen hatte. Denn nach einigen Patzern in seiner Anfangszeit wurde der damalige U21-Nationaltorhüter besonders in den sozialen Medien heftig kritisiert und rassistisch beleidigt. Erfolgt in einer solchen Situation in den meisten Profivereinen fast reflexartig der Ruf nach einem neuen Torhüter oder zumindest nach einem Torwartwechsel, stellten sich die Freiburger Verantwortlichen und besonders der damaliger Cheftrainer Christian Streich mit viel Rückgrat hinter den 21-Jährigen. Mit deutlichen Worten nahmen sie den jungen und unerfahrenen Schlussmann in Schutz und vertrauten dem jungen Keeper weiterhin. Mit Erfolg, wie sich herausstellen sollte. Der Deutsch-Nigerianer konnte in der Folgezeit seine Leistungen stabilisieren, avancierte in der vergangenen Saison zum unbestrittenen Leistungsträger im Breisgau und war ein Garant für die historisch erfolgreiche Saison bis ins Europa-League-Finale. Das Fachblatt "kicker" bescheinigte ihm im Sommer in seiner halbjährlich erstellten Rangliste des deutschen Fußballs in der Rubrik Torhüter "internationale Klasse".
Beraterwechsel schürt Träume
Eigentlich zweifelte niemand mehr an der nötigen Qualifikation für höhere Aufgaben. Atubolu hat von der U17 bis zur U21 das ganze DFB-Programm absolviert, er gehörte auch schon zum Kreis der Nationalelf und durfte sogar auf eine WM-Nominierung hoffen. Doch mit steigender öffentlicher Anerkennung wachsen häufig gleichzeitig auch die Träume. Bereits im Winter schloss er sich der Agentur Epic Sports an, die ihren Hauptsitz in Abu Dhabi hat. Deren Starberater Ali Barat gilt gerade als Star im internationalen Berater-Showgeschäft, zumindest präsentiert er sich so.
Als das Unternehmen im Januar den Start der Zusammenarbeit verkündete, gab es dazu eine pompös inszenierte, unfreiwillig komische Videopräsentation. Eine englische Synchronstimme pries Atubolu als "Albtraum aller Stürmer" und "Elfmeter-Killer" an. Abschließend saß Atubolu in einem zuvor mehrfach entsicherten Tresorraum mit silbernen Torwart-Handschuhen und sagt in die Kamera: "I am epic!" Spöttische Kommentare in den sozialen Medien ließen nicht lange auf sich warten. Bescheidenheit sieht anders aus. Nicht wenige ahnten bereits zu diesem Zeitpunkt, was kommen würde. Auch für den SC Freiburg lag die Vermutung nahe, dass ihr Stammtorhüter eineinhalb Jahre vor Ende seines 2027 auslaufenden Vertrags den nächsten großen Karriereschritt im Sommer im Blick hatte. Barat und Co. sollten ein paar attraktive Top-Klub-Optionen auf den Tisch zaubern. Nachdem der Keeper eine Vertragsverlängerung in Freiburg früh ablehnte, um sich alle Optionen offenzuhalten, taten die Verantwortlichen das einzig Richtige. Sie setzten sich nicht den Unberechenbarkeiten des Keepers und seiner Berater aus, sondern verpflichteten mit Mio Backhaus stattdessen eine neue Nummer eins, gemäß dem Grundsatz: Der Verein steht über dem Spieler!
Seine Situation kurz vor Transferschluss
Keine zwei Wochen vor dem Schließen des Transfermarkts wartet Noah Atubolu noch immer auf den Ruf eines prominenten Top-Klubs. Hinter der Zukunft des 24-jährigen steht noch immer ein großes Fragezeichen. Galt zunächst die Premier League als Wunschziel, tauchten im Laufe des Sommers Berichte über potenzielle Kontakte zu Olympique Marseille, Juventus Turin, SSC Neapel oder der AC Mailand auf. Zuletzt war nach der 0:7-Testspielklatsche beim FC Brentford, bei der Eintracht-Keeper Santos nicht gut aussah, von einem Wechsel zu Eintracht Frankfurt die Rede. Nach SPORT1-Informationen ist an den Gerüchten um Atubolu jedoch nichts dran, da den Hessen die geforderte Ablösesumme von 20 Millionen zu hoch ist.
Noch ist der Torwart mit Arbeitsvertrag bis 2027 ein geduldeter Gast im eigenen Haus, der anstands- und umständehalber am Training teilnehmen oder individuell auf dem Vereinsgelände trainieren darf. Diese Großzügigkeit ist aber nicht nur ein Akt der Fairness gegenüber einem verdienten Profi. Um überhaupt auf dem Markt einen Abnehmer für den Keeper zu finden, muss er körperlich in einem guten Zustand sein. Ansonsten spielt Atubolu in der Freiburger Planungen keine Rolle mehr. Bei der Präsentation der Mannschaft oder im Sommertrainingslager in Schruns war der 24-jährige Schlussmann außen vor, obwohl er noch bis 2027 im Breisgau unter Vertrag steht.
Atubolu ist ein Beispiel dafür, wie Berateragenturen junge Fußballer mit übertriebenen Versprechen und Hoffnungen von einer größeren Fußballwelt träumen lassen. Sie verstellen den Blick darauf, wie wichtig für einen jungen Profispieler Erfahrung, das Vertrauen und die Sicherheit sind, die ihm oft im Ausbildungsverein gewährt werden. In den Verlockungen nach sportlichem Ruhm und Geld hat Atubolu offensichtlich vollkommen aus dem Blick verloren, wie ihn sein Verein SC Freiburg in schwierigen sportlichen Phasen immer vorbildlich unterstützt und zu ihm gehalten hat.
Eine gewisse Einsicht, dass er sich mit der Berateragentur aus Abu Dhabi verzockt hat, hat der junge Schlussmann schon gewonnen. Denn von der selbsternannten „Boutique“-Berateragentur soll sich Atubolu vor kurzem wieder getrennt haben. Eine Rückkehr ins Freiburger Tor wird es für Atubolu trotzdem nicht geben. Sollte sich seine Situation bis zum Transferschluss nicht verändert haben, wäre sein neuer Stammplatz dann eine Sitzschale auf der Haupttribüne.

