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Die Fußballinteressierten rieben sich im Halbfinalspiel der Champions League zwischen Bayern München und Paris St. Germain immer wieder verwundert die Augen. Denn die Bodenabschläge von PSG-Keeper Matvei Safonov segelten in schöner Regelmäßigkeit in der gegnerischen Spielhälfte ins Seitenaus. Auf die Reaktionen der Stadionbesucher muss Safonov nicht lange warten. Jeden fehlgeleiteten Flugball quittierten nicht wenige Zuschauer mit hämischem Applaus und Schadenfreude. Andere stellten sich die Frage, wie ein fußballerisch derart limitierter Torhüter auf europäischem Top-Niveau überhaupt zum Einsatz kommen kann.

Mit jedem weiteren Ball ins Seitenaus kam es nachdenklicheren Betrachtern in den Sinn, ob vielleicht hinter diese „Unfähigkeit“ des Keepers ein ausgeklügelter taktischer Plan von PSG-Trainer Luis Enrique steckte. Schließlich war es nicht das erste Mal, dass die Hauptstädter mit absurd anmutenden Varianten überraschten, zumal der russische Nationaltorhüter alle Bälle - fast punktgenau - ins Seitenaus auf Höhe der Mittellinie drosch. So viel Zufall konnte es eigentlich nicht geben.

Enriques taktisches Kalkül

Bereits vor Wochen staunten die Fußballfans, nachdem der zentrale Mittelfeldspieler der Pariser, meist Vitinha, beim eigenen Anspiel den Ball sofort möglichst weit in der gegnerischen Spielhälfte ins Seitenaus schlug. Doch warum? Welcher Gedanke steckt bei PSG hinter der Absicht, den Ball absichtlich herzugeben?

Safonovs Spieleröffnung in Zahlen

Bei einer näheren Betrachtung ist Safonovs Passquote in der Spieleröffnung eigentlich unterirdisch. Insgesamt 13 Abstöße führte der PSG-Keeper beim Rückspiel in München aus, nur zwei erreichten einen Mitspieler (siehe Grafik unten, rote Linien). Sieben Abstöße flogen direkt ins Seitenaus, einige andere landeten in der Nähe der Seitenauslinie. Damit erreichte der russische Nationaltorhüter zwischen den Pfosten des PSG-Tores eine Passgenauigkeit von nur 15 Prozent bei der langen Spieleröffnung. Ein erstaunlich schwacher Wert für einen Keeper, nachdem die Verantwortlichen noch vor einem Jahr den auf der Linie überragenden italienischen Nationaltorhüter Gianluigi Donnarumma vom Hof gejagt hatten, weil seine Fähigkeiten am Fuß nicht den Erwartungen von Luis Enrique entsprachen. Doch der Grund für Safonovs Verhalten liegt tiefer.

Abstöße ins Seitenaus – wozu?

Bereits vor Wochen hatten sich die Fußballfans verwundert die Augen gerieben, als der zentrale Mittelfeldspieler der Pariser, meist Vitinha, nach einem Rückpass beim eigenen Anspiel den Ball möglichst weit in der gegnerischen Spielhälfte ins Seitenaus schlug. Doch warum schenkt PSG den Ball absichtlich her?

Einwürfe zum Umschalten nutzen

Betrachten wir zunächst die Einwurf-Taktik der Franzosen. Der Gedanke, der dahintersteckt, ist relativ einfach. Ein Einwurf an der Seitenlinie verknappt den Raum massiv. Außerdem ist der Gegner in Sachen Reichweite und Tempo begrenzt. Wenn nun die Pariser nach einem Einwurf weit in der gegnerischen Spielhälfte den Gegner tief in dessen Raum kompakt zustellen, können sie durch Pressing den Gegner in Ballbesitz direkt unter Druck bringen. Nach einer Balleroberung sind zudem die Wege zum gegnerischen Tor sehr kurz.

Ins Seitenaus mit System

Das neue Stilmittel von PSG, den Ball bereits beim Bodenabstoß ins gegnerische Aus zu befördern, ist nur eine Weiterentwicklung der bereits im Text weiter oben beschriebenen Anstoß-Taktik. Betrachtet man nämlich die Passrichtung und die Zielzone des Bodenabstöße genauer, erkennt man ein Muster.

Wie aus der Grafik ersichtlich ist, landeten alle Abstöße Safonovs fast punktgenau auf Höhe der Mittellinie im Seitenaus. Und noch eine weitere Auffälligkeit zeigte sich: Zwölf der 13 Abstöße flogen vom Torwart aus gesehen nach links, darunter alle, die im Seitenaus landeten. Die beiden roten Pfeile zeigen die beiden einzigen Abstöße, die bei einem Mitspieler ankamen.

Welcher Sinn steckt dahinter?

Sowohl der Anstoß- als auch der Bodenabschlag-Taktik liegt die gleiche Logik zugrunde. Der Ball soll in der gegnerischen Spielhälfte durch sofortiges Pressing erobert und möglichst schnell hinter die gegnerische Abwehrkette gespielt werden, um mit ihren schnellen und dribbelstarken Stürmern den Gegner zu überlisten. Dazu hat sich ein PSG-Angreifer (B) bereits so aufgestellt, dass er nach Ballgewinn sofort in den freien Raum durchstarten kann.

Da Paris zudem ohne einen großgewachsenen Kopfballstürmer spielt, wären lange Flugbälle im Duell gegen die robusten Bayern-Innenverteidiger Jonathan Tah oder Dayot Upamecano nur schlecht festzumachen. Daher schien diese Variante erfolgreicher, da die Mannschaft so ihre Qualitäten in punkto Schnelligkeit und technischer Raffinesse besser ausspielen konnte.

Nahm Luis Enrique damit Olise aus dem Spiel?

Doch es gab wohl noch einen zweiten Grund. Im Rückspiel galt es, den im Hinspiel überragenden Bayern-Angreifer Michael Olise aus dem Spiel zu nehmen, der - aus dem Tempo kommend - mit seinen Dribbelkünsten von der rechten Seite die Abwehr der Pariser ein ums andere Mal in Verlegenheit brachte. Doch mit welchen Mitteln konnte man Olise möglichst oft vom Ball fernhalten? Luis Enriques Überlegung und Plan war folgender. Da ein Einwurf automatisch dazu führt, dass eine Spielfeldseite personell überladen wird, bedeutet dies für alle Akteure weniger Platz. Platz, den Olise (A) braucht, um seine Fähigkeiten am besten ausspielen zu können. Durch die Verengung des Raumes bei einem Einwurf wurde ihm dieser Platz genommen. Damit erklärt sich auch, warum Safonov die Abschläge fast ausschließlich - in das von ihm aus gesehen - linke Seitenaus drosch. Nach Bällen auf die rechte Seite hingegen wäre Olise durch eine schnelle Spielverlagerung sofort mit Anlauf in die gewünschten Eins-gegen-Eins-Situationen gegen Nuno Mendes gekommen, der zudem schon mit Gelb vorbelastet war. Mit der Einwurf-Taktik gab es für Olise aber erst gar nicht die Chance, seine gefürchtete Schnelligkeit auf dem Flügel auszuspielen, weil er sich nach jedem Safonov-Abschlag in einem dichten Pulk aus PSG-Verteidigern wiederfand (gelber Kreis). Die so belächelten Abstöße von Safonov trugen also mit dazu bei, dass der Franzose in Diensten der Münchener einen seiner schwächsten Auftritte in dieser Saison erwischte und sich immer wieder in Dribblings mit anschließenden Ballverlusten verzettelte.

Letztlich war diese von Luis Enrique ausgedachte eiskalte Kalkulation nur ein kleiner Mosaikstein beim Erfolg der Pariser mit dem Gewinn der Champions League. Aber auf einem solchen Niveau machen oft Kleinigkeiten den Unterschied aus.

Analysen

Artur Stopper

Artur Stopper

Mit über 25 Jahren Erfahrung als Torwarttrainer weiß Artur, wie Torhüter ticken. Deshalb bevorzugt er Themen, die die Welt der Torhüter ausmachen: Vereinswechsel, Tiefschläge, Pechsträhnen, Höhenflüge, Emotionen, Ersatzbank, Halbgötter, Erfolge.

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