Es ist die 123. Minute im WM-Finale 2022 zwischen Argentinien und Frankreich. Die Zuschauer im Stadion und vor den Fernsehgeräten stellen sich schon emotional auf das Elfmeterschießen ein. Doch in den letzten Sekunden der Verlängerung kommt der französische Stürmer Randal Kolo Muani zu einer Topchance. Nach einem Flugball von der Mittellinie zieht Kolo Muani, allein zentral vor Emilio Martinez stehend, mit viel Power aus etwa 15 m ab. Er hat die große Chance, den Schlussmann der Argentinier mit der wohl letzten Aktion des Spiels zu überwinden. Martinez bleibt ca. 8 m vor seinem Tor stehen und wartet auf den Schuss, den Kolo Muani flach in die rechte Torecke versenken will. Mit einer sensationellen Fußparade rettet Martinez Argentinien ins Elfmeterschießen, das die Südamerikaner dann mit 4:2 n. E. gewinnen.
Genau diese Szene hat Raimond van der Gouw als Einstieg zu seinem Vortrag über „Die 1gegen1-Situation“ gewählt, um zu zeigen, wie entscheidend ein erfolgreiches 1gegen1-Duell für den Erfolg oder Misserfolg eines Teams sein kann. Beim Torwarttrainertag von Safehands im Oktober in Bregenz referierte der ehemalige Torhüter von Manchester United darüber, was man unter einer 1gegen1-Situation versteht, welche Optionen der Torhüter in diesem Duell hat, was die Vor- und Nachteile des Blocks bzw. des Ballangriffs sind und welche Qualitäten der Torhüter für diese Spielsituation braucht, um einen Torerfolg des Gegners zu verhindern.
Das 1gegen1- Duell unter der Lupe
Wie viele 1-gegen-1-Duelle der Torhüter pro Spiel zu bestreiten hat, hängt stark vom jeweiligen Spielstil und der Qualität eines Teams ab. In der Regel kommt es zu zwei bis drei Duellen in einem Spiel. Bei Mannschaften, die hoch pressen und mit der letzten Abwehrkette weit aufgerückt sind, kann dieser Wert aber deutlich höher liegen, bei starker Dominanz einer Mannschaft aber auch niedriger.
Was ist eine 1gegen1-Situation?
Zunächst warf van der Gouw die Frage auf, was man überhaupt unter einer 1gegen1-Situation versteht. Er definierte diese Spielsituation so: Der Angreifer läuft auf den Torwart zu und versucht, ein Tor zu erzielen. Es befindet sich kein Spieler mehr zwischen Torhüter und Ball. Somit ist der Torhüter der letzte Spieler der Mannschaft, der einen Torerfolg des Gegners verhindern kann.
Bedeutung der 1gegen1-Situation für den Torhüter
Ob der Torhüter eine 1gegen1-Situation erfolgreich lösen kann, kann in einem Spiel entscheidend sein, wie die in der Einleitung des Textes beschriebene Szene aus dem WM-Finale 2022 zeigt. Mit einer überragenden Aktion kann er sich zum Helden machen. Aber meist hat der Keeper mit einer solchen Aktion nicht nur eine Großchance des Gegners verhindert, sondern eine gelungene Aktion hat auch einen positiven Einfluss auf seine Psyche, wie emotionale Gesten und die Mimik des Keepers im Anschluss an die Aktion zeigen. Zusätzlich tragen die Glückwünsche seiner Mitspieler („Gut gemacht!“) zu einem gesteigerten Selbstbewusstsein bei. Im Gegensatz dazu kann eine nicht erfolgreiche Aktion auch das Gegenteil bewirken und den Gemütszustand des Keepers negativ beeinflussen, wenn nämlich Enttäuschung, Frustration die Folge sind. Van der Gouws Erkenntnis daraus: Der mentale Einfluss auf den Torhüter kann sowohl beim Gelingen als auch beim Misslingen der Situation sehr groß sein!
Optionen des Keepers in der 1gegen1-Situation
Für van der Gouw stehen dem Keeper in der 1gegen1-Situation zwei Optionen zur Verfügung: Die erste Option ist der Ballangriff, in dem der Torhüter mit den Händen voraus zum Ball abtaucht, um ihn vor dem Stürmer zu erreichen oder den Ball zumindest zu blockieren. Die zweite Option ist der Block, bei dem er den Ball mit dem Körper – je nach Situation - im langen oder kurzen Block abwehrt. Doch was sind die Vor- und Nachteile der beiden Techniken?
Vor- und Nachteile der beiden Techniken
Raimond van der Gouw hat die Stärken und Schwächen der beiden Techniken, die im 1gegen1 zum Einsatz kommen, unter verschiedenen Gesichtspunkten miteinander verglichen:
a) Abpraller
Speziell im Block hat der Torhüter keine Kontrolle über den ab- oder zurückprallenden Ball, denn der Keeper wird durch die Körpervergrößerung in der 1gegen1-Situation im besten Wortsinn abgeschossen. Wohin der Ball nach dem Körpertreffer abprallt oder ob das Spielgerät sogar direkt vor die Füße eines anderen Angreifers fällt, kann der Torhüter kaum beeinflussen. Dieselbe Ungewissheit liegt auch vor, wenn der Torhüter den Ball im Ballangriff nur blocken, aber nicht fangen und damit sichern kann. Kommt der Torhüter hingegen vor dem Angreifer an den Ball, kann er den Abpraller verhindern und den Ball kontrolliert fangen.
b) Elfmeter
Die Gefahr, im Duell mit dem Stürmer einen Strafstoß zu verursachen, ist beim Ballangriff deutlicher höher als beim Block. Denn wenn der Torhüter zu spät kommt und den Ball nicht vor dem Stürmer erreicht, bringt er ihn oft zu Fall, was automatisch einen Elfmeter und möglichen Platzverweis zur Folge hat. Auch gibt es Stürmer, die den Kontakt mit den Händen des Torhüters bewusst suchen, um einzufädeln und somit einen Elfmeter zu provozieren.
c) Chip
Auch für einen Chip über den Keeper hinweg ist der Schlussmann beim Ballangriff anfällig, wenn er etwas zu spät dran ist und den Ball nicht vor dem Stürmer erreichen kann. Da er in nahezu liegender Position über ihm Raum freigibt, neigen viele Stürmer zu einem Chipball über den Torhüter hinweg. Im kurzen Block hingegen bleibt der Keeper aufrecht und erschwert damit diese Option.
d) Tempo
Beim Ballangriff ist das Tempo in der Aktion deutlich höher. Der Torhüter stürzt sich nach einem letzten Abdruck entschlossen und explosiv zum Ball hin ab, ohne den Körper noch abbremsen zu können. Auch beim Block läuft der Torhüter nach einem Auslösersignal zunächst möglichst schnell auf den Angreifer zu, bremst aber kurz vor dem Schuss des Gegners seinen Lauf ab, um rechtzeitig in die Grundstellung und damit ins Gleichgewicht zu kommen.
e) Distanz zum Spieler
Deutlich größer ist die Distanz zwischen Torhüter und Angreifer beim Block. Je nachdem, wie nahe der Keeper an den Stürmer herankommt oder wann er in die Grundstellung muss, wenn der Stürmer zum Torabschluss ansetzt, kann die Distanz von 1 m beim kurzen Block und bis 8 m beim langen Block betragen. Beim Ballangriff besteht hingegen nur eine knappe Distanz bis hin zu Körperkontakt.
f) Verletzungsgefahr
Weil es beim Ballangriff zum Körperkontakt kommen kann, ist die Verletzungsgefahr bei dieser Abwehrform deutlich höher. Sportwissenschaftler weisen immer wieder darauf hin, dass Torhüter bei dieser Technik schwerste Verletzungen und Traumatas davontragen können. Das sollte man nach Ansicht von van der Gouw immer im Hinterkopf behalten, wenn man von jungen Torhütern diese Technik einfordert, oder eventuell sogar einen Torhüter betreut, der eine solche Verletzung bereits hinter sich hatte. Vor allem brauche der Torhüter für seine eigene Sicherheit aber eine gute Technik, wenn er in den Ballangriff geht.
g) Generationsunterschiede
Früheren Torhütern war die Blocktechnik nicht bekannt, wie auch Mitreferent Roland Goriupp auf Nachfrage van der Gouws bestätigte. Torhüter hätten früher nicht vom Block geredet, auch wenn sie ähnlich vorgingen. Den Begriff Block habe er aber erstmals in seiner Funktion als Torwarttrainer gehört, meinte Goriupp. Auch Uwe Gospodarek bestätigte Goriupps Sichtweise. Toni Schumacher, sein ehemaliger Torwarttrainer bei Bayern München, habe immer nur „Bleib oben, bleib stehen, gehe nicht runter, sondern mache dich groß“ zu ihm gesagt und sich gefreut, wenn er sich eine blutige Nase abgeholt hatte. Heute hingegen sei das Vermitteln der Blocktechnik ein fester Bestandteil des Torwarttrainings, ergänzte der Ex-Bayern-Keeper.
Welche Qualitäten braucht der Torhüter im 1gegen1?
Nun ging van der Gouw auf die Frage ein, welche Eigenschaften der Torhüter in der 1gegen1-Situation braucht. Zuallererst müsse ein Torhüter mutig sein, besonders bei Techniken wie dem Ballangriff. Eine gute Technik helfe ihm dabei, der Verletzungsgefahr vorzubeugen. Aber auch eine gute Athletik sei wichtig. Als Beispiel führte er den weiten Ausfallschritt im langen Block an, der dem Körper des Torhüters einiges an Beweglichkeit abverlange. Um den Ball zu stoppen oder abzuwehren, müsse der Torhüter zudem kräftig sein in den Händen, den Armen, den Beinen und im Core-Bereich. Außerdem brauche er eine schnelle Beinarbeit und gute Reflexe mit den Händen. Aber die vielleicht wichtigste Qualität im Torwartspiel ist nach Meinung van der Gouws, das Spiel lesen zu können. Der Torhüter "muss wissen, wann er herauskommen oder stehen oder wann er den Ballangriff oder den Block einsetzen muss". Außerdem brauche der Torhüter aber auch Persönlichkeit. Bezogen auf Emiliano Martinez, den Welttorhüter von 2024, fragte der Niederländer in die Runde: "Ist er verrückt, ist er gut, hat er Persönlichkeit?" Die Antwort überließ er den Zuhörern.
Analyse des TW-Verhalten im 1gegen1
Anhand verschiedener Videosequenzen vom ehemaligen BVB-Keeper Roman Bürki bat Raimond van der Gouw die Anwesenden, bei der Analyse des Torhüterverhaltens in der 1gegen1-Situation auf Folgendes zu achten: Auf die Distanz, die Fußarbeit, die Positionierung sowie die Veränderungen in verschiedenen Spielzeiten.
Dabei unterschied van der Gouw in der 1gegen1-Situation drei Positionen, aus denen der Angreifer auf den Keeper zuläuft, nämlich aus der Position der Mitte sowie von der rechten oder von der linken Spielfeldseite (siehe Grafik).
Im Anschluss daran analysierte er in weiteren Videoclips von verschiedenen Top-Torhütern deren Verhalten unter den Aspekten Position, Fuß- und Handarbeit und Reaktion. Das Ergebnis: Das Verhalten des Torhüters ist situativ angepasst. Mal entscheidet er sich für das Stehenbleiben, mal für das Fallen oder die Vorwärtsbewegung, manchmal für die Fuß-, manchmal für die Handabwehr, manchmal für den Block, manchmal für den Ballangriff. Immer muss der Keeper zudem den Zeitpunkt bestimmen, wann er nach vorne kommt, wann er steht oder wann er den Fuß zur Abwehr einsetzt. Leitlinie für seine Entscheidung ist meist der Erstkontakt des Stürmers. Speziell wenn der Angreifer von der Seite kommt, kann er zusätzlich den Abwehrspieler als Helfer einsetzen. Nicht jeder Torhüter könne alles gleich gut. Deshalb müsse der Torhüter selbst herausfinden, was ihm in der jeweiligen Situation besonders hilft.
Eines ist aber nach van der Gouws Überzeugung allen Torhütern gemeinsam. Sie brauchen in der 1gegen1-Situation Ruhe und Gelassenheit, eine hohe Beweglichkeit und ein gutes Spielverständnis, ein richtiges Timing, eine innere Überzeugung, dass sie die Situation lösen können, dürfen keine Angst haben, benötigen und eine optimale Position im Tor.

