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Insgesamt 169 Tore wurden bei der WM 2018 in Russland erzielt. Nicht eingerechnet sind die Elfmetertore, mit denen nach einem Gleichstand in der regulären Spielzeit in der Verlängerung eine Entscheidung herbeigeführt werden musste. Um diese Anzahl an Toren zu erzielen, wurden 1.635 Torschüsse im Laufe dieser WM abgegeben. Übrigens: Das Tor aus der größten Entfernung erzielte Argentiniens Ángel Di María aus 29,5 Metern gegen Frankreich.

Was des Schützen Freud`, ist des Torwarts Leid. Denn 169-mal mussten die WM-Torhüter hinter sich greifen. Bestimmte Faktoren, wie etwa die Distanz zum Tor, der Winkel des Schusses oder wie viele Gegenspieler zwischen Ball und Tor stehen, lassen dem Torhüter manchmal keine Abwehrchance. Doch waren die Schlussmänner immer chancenlos?

Christian Lasch hat für euch alle WM-Tore analysiert. In einer bemerkenswerten Studie zeigt er auf, wie die Torhüter durch verändertes Verhalten einen Torerfolg hätten verhindern können. Technische Fehler, Schwächen in der Raumverteidigung, falsche Entscheidungen oder eine falsche Positionierung seien als Stichpunkte genannt. Gleichzeitig liefert Christian Anhaltspunkte und Überlegungen, welche Aspekte im Torwarttraining zukünftig mehr Berücksichtigung finden sollten.

Die große Gegentor-Analyse

Weitaus wichtiger als die Frage, wer nun von der FIFA zum besten Torhüter gewählt wurde oder welche Bewertungskriterien bzw. Messzahlen nun ausschlaggebend sind, ist die Frage nach den Top-Themen/Gegentorsituationen dieser WM, den darin liegenden Anforderungen an die Torhüter sowie der damit verbunden Torwart-Ausbildung bzw. dem Torwart-Training.

Eines direkt vorneweg: Unabhängig von den im Folgenden behandelten Themen bleiben die zahlreichen Grundtechniken der Torverteidigung, d. h. vom Fangen über das Blocken hin zum Hechten und Ablenken, in Bezug auf die Verhinderung von Gegentoren die absolute Basis für ein erfolgreiches Torwartspiel, auch oder gerade bei den absoluten TOP-Keepern. Ohne dieses Grundwerkszeug braucht man gar nicht erst „oben“ anzuklopfen und es gäbe weitaus mehr Gegentore. Zudem bauen alle unten behandelten Themen in irgendeiner Art und Weise auch auf diesen Grundlagen auf. Insgesamt ließen sich 7 krasse „Torwart-Patzer“ bei der WM 2018 beobachten. Hätten die WM-Torhüter nicht allesamt eine umfassende Grundausbildung in den Torwart-Techniken erfahren, so wären es sicher noch weitaus mehr gewesen.

Das Top-Thema: Das Ende hängt vom Anfang ab!

Das alles beherrschende TOP-Thema dieser WM, welches sich Zonen übergreifend durchweg beobachten lässt und auch die „Nahdistanz-Situationen“ betrifft, ist aus der Sicht des Autors das Problem bzw. die Anforderung der „Vorbereitung“ auf die eigentliche Handlung bzw. Bewegung zum Ball. Die Torhüter sind in fast jeder zweiten Aktion (genauer bei 46,7 % aller WM-Tore) nicht wirklich gut vorbereitet (Stichworte: Positionierung, Bewegungsradius und rechtzeitiger Stand/rechtzeitig fertig sein), um insbesondere die entscheidenden Faktoren „Zeit“ und „optimale Position“ in den Griff zu bekommen. Die Folge sind Kompensationshandlungen, die nicht mehr optimal zur Aktion des Angreifers bzw. zur Anforderung des Torabschlusses passen. Keine Frage, das Spiel nimmt immer mehr Tempo auf und die Torhüter müssen in einem Bruchteil von Sekunden Entscheidungen treffen. Gerade deshalb ist dieser Bereich des Torwart-Verhaltens überaus essentiell – man sieht jedoch nur in den wenigsten Fällen wirklich gelungene Lösungsansätze. Eine der wenigen Ausnahmen stellt hierbei ganz sicher der Schweizer Yann Sommer dar, der förmlich über den Boden „schleichend“ einen dauerhaften Bodenkontakt zu haben scheint und durchweg seine eigenen Aktionen auf den Ball bzw. die Spielsituation zeitlich abstimmen kann – er ist immer fertig bzw. bereit.

Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass zahlreiche Torhüter ihren Körper bzw. ihre Beine nicht „unter Kontrolle“ haben und durch übertriebene oder unpassende Auftaktbewegungen nicht rechtzeitig fertig sind.

Fazit

Das Thema bleibt auch weiterhin auf der Tagesordnung. Die Torhüter, die ihre Vorbereitung optimieren können, haben einen gewaltigen Wettbewerbsvorteil. Beispielszenen:

  • Uruguay – Russland (Freistoßtor von Luiz Suarez zum 1:0 / TW: Igor Akinfeev / 10. Minute).
  • Schweiz – Schweden (Schuss aus ca. 13 m in Zone 2 / TW: Yann Sommer / 28. Minute)
  • Schweiz – Serbien (Kopfball Zone 3 / TW: Yann Sommer / 5. Minute)
  • Schweiz – Serbien (Tor von Xhaka zum 1:1 / TW: Vladimir Stojkovic / 52. Minute)
  • Portugal – Uruguay (Tor von Pepe zum 1:1 / TW: Fernando Muslera / 55. Minute)

Die „Umschaltfalle“

Eng damit verbunden ist auch das moderne Umschaltspiel der Torhüter, insbesondere beim Umschalten von Raum- auf Torverteidigung. Eine besonders häufige bzw. schwierige Situation ist hierbei, neben dem weiter unter behandelten Thema der Nahdistanz-Kopfbälle in Zone 3 im Anschluss an eine Flanke, das Umschalten vom Mitspielen hinter der Abwehrkette (oftmals außerhalb der Strafraums, auf den Steilpass lauernd) hin zu einer Abschlussaktion im Strafraum. Je höher und länger die Torhüter „hoch stehend“ auf die Aktion zur Raumverteidigung warten, desto länger und zeitintensiver ist am Ende in den Fällen, in denen eben kein tiefer Pass abgefangen werden kann, auch der Weg rückwärts in Richtung Tor zur Torverteidigung. Dieser längere Weg (zeitlich und räumlich) beinhaltet ein großes Risiko (die sogenannte „Umschaltfalle“): Der Weg kann oft nur noch so unkontrolliert und hektisch im rückwärtigen Sprint vollzogen werden, dass der Torwart am Ende weder die „richtige“ noch die „rechtzeitige“ Position zur Torverteidigung in der jeweiligen Zone finden und einnehmen kann. Zudem ist hierbei oft zu beobachten, dass die Torhüter am Ende der noch möglichen Umschaltbewegung irgendwo im „Niemandsland“ dazwischen hängen, d. h. zwischen einer guten Position zur Torverteidigung eher tiefer und einer Position zur Raumverteidigung eher höher – die Orientierung im „freien“ Raum ist hierbei ebenso schwierig wie die Verteidigung eines hohen Schusses. Es besteht bei diesem Thema schon seit einiger Zeit der Trend zu einem von Beginn an tiefer angelegten Stellungsspiel mit dem Ziel, stets aus einer geordneten und kontrollierten Vorwärtsbewegung heraus in die Aktion zur Torverteidigung zu kommen, d. h. den Weg zur Rückwärtsbewegung durch ein etwas „defensiveres“ Stellungsspiel von Beginn an stark einzuschränken. Manuel Neuer war hierbei einer der Trendsetter, der ja eigentlich immer als Paradebeispiel des auf Raumverteidigung agierenden und sehr offensiv stehenden Torhüters herangezogen wurde. Keine Frage, er spielt auch weiterhin außerhalb seines Tor- und Strafraumes mit. Der Trend beinhaltet auch nicht, dass die Torhüter gar nicht mehr hoch stehen bzw. bei Bällen weit weg von ihrem Tor gar nicht mehr an der Grenze des Strafraums stehen, sondern vielmehr: Früher tief stehen bzw. früher als sonst nach hinten Richtung Torlinie absetzen. Zudem gilt es zukünftig noch einmal ganz genau zu untersuchen, ob bzw. wie viele tiefe Pässe die sehr hoch stehenden, mitspielenden Torhüter tatsächlich durch ein sehr langes Verharren in sehr hoher Position abfangen können. Das Ergebnis müsste unmittelbar gegenübergestellt bzw. verglichen werden mit der Anzahl an Gegentoren, die aus einem zu langen Rückwärtsweg Richtung Tor (falsche oder zu späte Positionierung) fallen. Gefühlt überwiegen die Risiken, ein solches „Umschalt-Gegentor“ zu bekommen, deutlich gegenüber der Chance, einen tiefen Pass weit entfernt von der Torlinie abzufangen. Vielleicht gibt es auch einen goldenen Mittelweg.

Wenngleich auch nicht alle Torhüter der WM diesem Trend bedingungslos folgen, so kann durchweg schon sehr deutlich eine Tendenz zu einem grundsätzlich tieferen bzw. früher am Tor orientierten Stellungsspiel beobachtet werden. Yann Sommer, ein Meister der optimalen Vorbereitung und einer der ganz wenigen Torhüter, die fast durchweg Bodenkontakt haben, setzt diesem Trend noch eine Weiterentwicklung auf: Sein genereller Bewegungsradius, was das Ball orientierte Stellungsspiel anbetrifft, war derart eingeschränkt, dass er meistens nur maximal zwei bis drei Schritte benötigte, um in seine Endposition zu kommen.

Fazit

Ein mitspielender Torwart definiert sich nicht alleine durch die Höhe seines Stellungsspiels, das nach außen hin „modern“ wirkt, sondern vor allem dadurch, dass er durch ein intelligentes, abwägendes Stellungsspiel überhaupt noch „mit-spielen“ kann, d. h. im Spiel um den Ball in der Folgeaktion bleiben kann. Beispielszenen:

  • Belgien – Japan (Tor von Genki Haraguchi zum 0:1 / TW: Thibaut Courtois / 48. Minute)
  • Argentinien – Kroatien (Schuss von Ante Rebic aus 20 m / TW: Wilfredo Caballero / 46. Minute)

Zone 1: Standzone

Offen bleibt, ob die niedrigere Treffer-Quote in Zone 1 bei dieser WM an einer besseren Ausbildung der Torhüter - bezogen auf die „Standzone“ - oder der veränderten Spielweise der Teams (stehen sehr tief im eigenen Strafraum) liegt. Auch wenn die Trefferanzahl insgesamt gesunken ist, bleiben Tore in dieser Zone auch weiterhin absolut unnötig. Wie bei allen Nahdistanz-Situationen neigen nach wie vor einige Torhüter in Zone 1 dazu, die komfortable und flexible Position oben im Stand viel zu schnell aufzugeben, d. h. sie suchen mit ihrem Körper den Bodenkontakt (fallen hin) und / oder starten dem Angreifer viel zu früh entgegen, anstatt cool eher hinten am Tor stehend auf die Aktion des Angreifers zu warten.

Fazit

Spektakulär ist es vor allem, wenn ein Torwart mal nur da steht und nichts macht – in vielen Fällen wird man in Zone 1 bei richtigem Stellungsspiel angeschossen, da der Körper schon das gesamte Tor abdeckt. Die Standzone als Sinnbild eines bestimmten Torwart-Stils bleibt auch weiterhin auf der Tagesordnung. Beispielszene:

  • Ägypten – Saudi-Arabien (Siegtreffer von Salem Al Dawsari zum 1:2 / TW: Essam El-Hadary / 90. +5 Minute)

Querpassverteidigung

Ein in den Monaten vor der WM vielfach diskutiertes und fachlich spannendes Thema war die sogenannte „Querpassverteidigung“, in der der Torhüter durch ein entsprechend modifiziertes Stellungsspiel/Verhalten (Stichwort: Second Goal) Pässe aus der Zone 1 heraus quer durch den Torraum (Zonenwechsel von Zone 1 ins Zentrum bzw. Richtung andere Seite Zone 1) verhindern soll. Ausgangspunkt waren zahlreiche Gegentoranalysen aus den unterschiedlichsten Ligen und Turnieren, bei denen die Torhüter kaum innovative Lösungsansätze zu dieser Situation gezeigt hatten. Das Thema wurde als besonders hochwertig eingestuft, da es fast immer um die Möglichkeit der Vereitelung einer 100% Torchance geht. Die Torhüter sollen hierbei in keinem Fall auf einen solchen Querpass spekulieren (Gefahr kurze Ecke), sich jedoch durch ihr Stellungsspiel die Möglichkeit geben (Stichwort: Nicht am Pfosten hängen), einen Querpass grundsätzlich verteidigen zu können. Ebenso sollte das Thema Inhalt der Torwart-Ausbildung sein, damit die Torhüter einen solchen Ball zunächst einfach „auf dem Schirm“ haben und nicht von einem solchen Pass überrascht werden, d. h. dem Querpass lediglich hinterher gucken. Bei der WM 2018 spielte diese Grundsituation allerdings eine eher untergeordnete Rolle - es fielen kaum Tore nach einem Querpass durch den Torraum. Zudem waren auch äußerst wenige Aktionen in diesem Bereich zu verzeichnen. Die meisten Tore fielen bei der WM zwar im Strafraum, aber wesentlich häufiger nach einer Hereingabe außerhalb des Strafraums als durch eine heraus gespielte Kombination über außen, an deren Ende dann ein Querpass im Strafraum durch den Torraum gespielt wurde. Der Grund ist sicherlich auch in der Spielweise vieler Teams zu suchen, die sehr tief im eigenen 16er stehend kaum Räume für einen solchen Querpass möglich machten. Bei den dennoch zu beobachtenden Querpass-Aktionen war das Verhalten der Torhüter sehr gespalten. Teilweise hatten die Torhüter überhaupt keinen Lösungsansatz für diese Spielsituation, d. h. standen fast komplett am Pfosten, teilweise konnte man aber auch Torhüter erkennen, die eine klare Idee davon hatten (Stichwort: Second Goal). Ebenso unterschiedlich fällt auch das gesamte Verteidigungsverhalten bei solchen „Querpass-Situationen“ aus: Befinden sich bei vielen Mannschaften wie selbstverständlich in einer solchen Aktion auch Abwehrspieler am ersten Pfosten bzw. innerhalb des vorderen Torraumes, so ist z. B. bei Costa Rica (TW: Keylor Navas) deutlich zu erkennen, dass der vordere Torraum am ersten Pfosten ausschließlich dem Torhüter als „Torwartraum“ überlassen ist.

Fazit

Die WM steht nicht in jeglicher Hinsicht für die Art und Weise des zukünftigen Fußballs. Das Thema bleibt auch weiterhin interessant und lohnend für die Ausbildung, insbesondere auch für integrative Trainingseinheiten von Torhütern und Feldspielern zusammen. Beispielszenen:

  • Costa Rica – Serbien (Querpass von Serbien / TW: Keylor Navas / 15. Minute)
  • Belgien – Panama (Querpass von Belgien / TW: Jaime Penedo / 21. Minute)

Zone 2: Der ewig wiederkehrende „Robben-Ball“

Das Problem ist in Form des „Robben-Balles“ und all seinen Varianten (Position und Schuss-Bein des Schützen) schon lange bekannt, doch sieht man hierfür kaum innovative Lösungsansätze: Aus der Verlängerung von Zone 2 heraus senkt sich ein leicht im Bogen fliegender Schuss diagonal hinter dem Torhüter und schlägt im Netz ein. Ohne Frage ist dieser Ball ein überaus schwierig zu verteidigender Ball, oft nur relativ spät zu erkennen, manchmal mit extrem viel Effet gespielt und kaum noch zu erreichen – zumindest bei dem TW-Verhalten bzw. TW-Stellungsspiel, das man bei den meisten Torhütern sieht.

Zu überlegen wäre jedoch beispielsweise, ob sich der Torhüter beim Erkennen einer solchen Situation auch hier früher und deutlicher nach hinten Richtung Torlinie absetzen kann, um mehr Zeit und Raum für Schrittfolgen bzw. einen Ball näheren Abdruck zu haben. Das Thema lohnt in jedem Fall diskutiert und getestet zu werden. Absolute Basis hierbei ist natürlich ein technischer sauberer Ablauf zu den sogenannten „Über-Kopf-Bällen“.

Fazit

Ausprobieren! Beispielszene:

  • Russland – Saudi-Arabien (Tor von D. Tscheryschew zum 4:0 / TW: Abdullah Al-Mayouf / 90. +1 Minute)

Zone 3: Nahdistanz-Schüsse bzw. die übergreifende Standzone

Nicht nur in Zone 1 kann man aufgrund der sehr kleinen virtuellen Tore von einer Standzone sprechen, sondern auch in allen anderen Zonen im Strafraum muss der Torhüter bloß „Standzonen-Tore“ von max. 2 m Breite verteidigen, wenn er bis auf wenige Meter (ca. 3 -4 m) an den Angreifer bzw. den Ball heranrücken konnte. Man könnte also auch von „Standzonen-Abständen“ sprechen, die es dem Torhüter eigentlich ermöglichen müssten, aus einer Position im Stand heraus in die Aktion zur Torverteidigung zu kommen bzw. diese nicht verlassen oder hinfallen zu müssen (Stichwort: Lebendige Mauer im Stand). Die Lebendige Mauer kommt dem Verhalten eines Handball- oder Eishockeytorwarts bei 1 vs. 1 Duellen sehr nahe, sie bleibt hierbei möglich lange oben im Stand, um für Abschluss- und/oder Anschlussaktionen flexibel auf den Beinen zu bleiben sowie auf alle Aktionen des Angreifers möglichst schnell reagieren zu können – gefragt sind Selbstbeherrschung, Coolness und auch ein Stück Geduld. Auf diese Weise kann ich als Torhüter möglichst lange die Kontrolle über die Situation behalten, meine gesamte Körperfläche nutzen und oft auch Zeit gewinnen. Vor allen Dingen bietet sie dem Angreifer nicht unnötig früh bereits eine mögliche Folgelösung für einen Torerfolg an, sondern verlagert die Verantwortung auf seine Schultern. Ein überraschender Ballangriff ist nie ausgeschlossen, empfiehlt sich jedoch meistens nur in den Fällen, bei denen der Ball schon etwas weiter vom Fuß des Angreifers entfernt ist bzw. nicht unter Kontrolle ist.

Die immens hohe Anzahl der in diesem Bereich zu verzeichnenden Gegentore passt eigentlich nicht zu dem oben erläuterten Anforderungsprofil des Torhüters für diese Spielsituationen. Der Torwart hat zahlreiche Asse im Ärmel bzw. viele Faktoren auf seiner Seite, nutzt sie jedoch oft nicht. Viele Tore fallen meistens nicht aus einer überragenden Lösungsaktion des Angreifers heraus, sondern sind eher in einer sogenannten „blinden“ Bewegung des Torhüters zu suchen. „Blind“ ist hierbei nicht abwertend oder umgangssprachlich zu verstehen, sondern bezogen auf die Passung zwischen Torwartaktion und Ballaktion eine beschreibende Formulierung, d. h. der Torhüter schafft es nicht, den Angreifer bzw. den Ball richtig zu sehen, oder anders formuliert, die Spielsituation richtig zu „lesen“ und daraus eine passende eigene Torwartaktion zu wählen. Oftmals wählen die Torhüter ganz im Gegenteil sogar eine absolut „un-passende“ eigene Abwehraktion. Es scheint eine Mischung aus Aktionismus, mangelnder Geduld und fehlenden korrekten Automatismen zu sein. Ebenso spielt hier auch das oben behandelte Thema einer „optimalen Vorbereitung“ eine große Rolle. Auf diesem hohen Niveau eigentlich kaum zu glauben.

Fazit

Beherrsche dich selbst, dann beherrscht du den Ball! Beispielszenen:

  • Schweiz – Serbien (Tor von X. Shaqiri zum 2:1 / TW: Vladimir Stojkovic / 90. Minute)
  • Belgien – Tunesien (Tor von R. Lukaku zum 3:1 / TW: Farouk Ben Mustapha / 45. +3 Minute)
  • Kroatien – England (Tor von M. Mandzukic zum 2:1 / TW: Jordan Pickford / 109. Minute)
  • Mexiko – Südkorea (Tor von Chicharito zum 2:0 / TW: Jo Hyeon-woo / 66. Minute)
  • Frankreich – Argentinien (Tor von zum K. Mbappé zum 3:2 / TW: Franco Armani / 64. Minute)

Zone 3: Nahdistanz-Kopfbälle

Wie in den statistischen Auswertungen zu sehen ist, war die Zone 3 als Hauptträger von Gegentoren neben den Nahdistanz-Schüssen, insbesondere von Nahdistanz-Kopfball-Toren geprägt. Obwohl diese Abschlusssituation nicht gänzlich unbekannt sein sollte, hat sie aufgrund der Spielweise zahlreicher Mannschaften bei der WM einen neuen bzw. besonderen Stellenwert bekommen. Die teilweise sehr tief im eigenen Strafraum verteidigenden Teams waren oft nur durch hohe Flanken in den Strafraum und anschließenden Kopfball-Toren zu überwinden. Hinzu kommt ganz sicher, dass die Torhüter aufgrund der inzwischen erreichten Schärfe der Flanken sowie der nur sehr gering zur Verfügung stehenden Räume vor dem eigenen Tor kaum in Aktionen zur Raumverteidigung gekommen sind. Es war im Verlaufe des Turnieres sehr deutlich zu erkennen, dass zahlreiche Torhüter ihr Stellungsspiel schon sehr frühzeitig im Kontext einer solchen „Flanken-Situation“ gar nicht mehr auf eine mögliche Verteidigung der Flanke ausgerichtet haben, sondern sich direkt nach hinten auf die Torlinie zur Verteidigung eines möglichen Kopfballs positionierten. Das Ziel hierbei ist klar: Frühzeitig tief an der Torlinie bereit sein, um zeitlich und technisch noch auf den Kopfball reagieren zu können. Auch in dieser Spielsituation spielt das zu Beginn behandelte Thema der „optimalen Vorbereitung“ eine ganz zentrale Rolle. Raumverteidigung ist immer schwieriger bzw. riskanter als Torverteidigung. Ob es für diese WM-Kopfball-Situationen tatsächlich bessere Möglichkeiten einer Raumverteidigung im Vorfeld eines Nahdistanz-Kopfballes gegeben hätte, bleibt an dieser Stelle offen, sollte jedoch eher mit einem großen Fragezeichen versehen werden, zumindest auf diesem Spielniveau. Raumverteidigung hängt auch immer ein Stück davon ab, was das Spiel bzw. die taktischen Angriffs- und Abwehrmuster der Teams für den Torhüter zulassen. In diesem Zusammenhang muss ganz klar festgehalten werden, dass weniger das Torwartspiel, sondern vielmehr das gesamte Abwehrverhalten der Teams (insbesondere auch das der verteidigenden Feldspieler) in die Bewertung der hohen Anzahl an Kopfball-Toren analysiert werden muss. Hier sind nämlich bei den Feldspielern die größten Baustellen zu finden, sowohl individuell bei der Durchführung eines defensiven Kopfball-Duells als auch in Bezug auf die Organisationsform. Zu beobachten waren insbesondere zwei grundlegende Probleme: Zum einen neigen Feldspieler bei der Verteidigung im Strafraum dazu, lediglich den Flankengeber bzw. den Ball im Blick zu behalten und nicht aus einer eher geöffneten Körperhaltung heraus den einlaufenden Angreifer bzw. potentiellen Kopfball-Schützen zu „lesen“ bzw. seine Bewegung mit „aufzunehmen“. Zum anderen sind bei vielen Kopfball-Toren die Abwehrspieler lediglich aus dem Stand heraus in das Kopfball-Duell gegangen. Hier liegt insgesamt ein überaus wichtiges Thema: Gemeinsames Verteidigen im Strafraum, egal ob nach flachen oder hohen Hereingaben. Der Torwart bzw. der Torwart-Trainer kann hier als überaus wichtiger Ideengeber und Coach fungieren. Auch der inzwischen weit verbreitete Trend, beide Pfosten gänzlich unbesetzt zu lassen, rückt vor diesem Hintergrund noch einmal in ein ganz anderes Licht und lohnt überdacht zu werden – zahlreiche Kopfbälle wären von „Pfostenspielern“ in jedem Fall zu verteidigen gewesen.

Bezogen auf das Torwartspiel wäre eventuell zu überlegen, ob das Thema Fausten in Kombination mit einem finalen Abdruck aus Schrittfolgen heraus nicht ein Thema zur Lösung solcher Spielsituationen wäre, zumindest bei halbwegs geöffneten Anlaufwegen im Strafraum.

Fazit

Das Thema lohnt noch mehr Beachtung zu finden, insbesondere beim gemeinsamen Coaching von Mannschaftstrainer und Torwart-Trainer sowie beim Training von Feldspielern und Torhütern gemeinsam. Ziel: GEMEINSAMES verteidigen im Strafraum optimieren! Beispielszenen:

  • Frankreich – Uruguay (Parade von Hugo Lloris / 44. Minute)
  • Schweiz – Brasilien (Parade von Yann Sommer / 90. Minute)
  • Schweden – England (Tor von H. Maguire zum 0:1 / TW: Robin Olsen / 30. Minute)
  • Belgien – Brasilien (Tor von R. Augusto zum 2:1 / TW: Thibaut Courtois / 76. Minute)

Zone 3: Der Splitstep - weniger ist manchmal mehr!

Der Trend zu einer sehr breiten Grundstellung mit den Beinen/Füßen (deutlich breiter als Schulter breit) ließ sich auch bei dieser WM beobachten, u. a. auch beim „Träger“ des goldenen Handschuhs Thibault Courtois. Die Torhüter machen hierbei zu Beginn ihrer Aktion eine Art „Splitstep“ (bekannt aus dem Tennis, Beine stehen im Anschluss an einen Auftakt-Spreiz-Sprung deutlich breiter als Schulter breit) und setzen bei Bedarf dann einen Abdruckschritt nach innen unter den Körpermittelpunkt. Diese neue Form der Auftaktbewegung bzw. Vorbereitung sowie des Abdruckes zum Ball, man könnte ihn auch „negativen Abdruck“ nennen, ist bisher kaum wirklich umfassend diskutiert worden. Wie bei vielen Dingen wird er oft einfach unkritisch kopiert, gerade auch im Nachwuchsbereich. Bei allen anzuführenden und möglichen Pro-Argumenten bleiben zwei essentielle Risiken stehen: Zum einen tendiert der Splitstep dazu, dass er wie jede unnötige Auftaktbewegung in Fleisch und Blut des Torhüters übergeht, d. h. als Vorbereitung zu jeglichen Aktionen der Tor- und Raumverteidigung abgerufen (da automatisiert) wird. Dies kostet nicht nur Zeit, sondern bei falscher Ausführung (aufgrund des inzwischen hohen Spieltempos nicht unwahrscheinlich) vor allen Dingen einen der wichtigsten Aspekte des Torwartspiels: Den rechtzeitigen Bodenkontakt. Zum anderen fehlen selbst größeren Torhütern bei extrem schwierigen Bällen in die Extrembereiche des Tores aufgrund des fehlenden aktiven Abdruckschrittes („positiver Abdruck“) einige Zentimeter zum Ball hin. Ein nach innen gesetzter Abdruckschritt kann niemals die Vorspannung im Abdruckbein sowie eine Verkürzung des Sprungweges erzielen wie ein „positiv“ nach außen gesetzter Abdruckschritt, der den gesamten Körper mit in die Sprungbewegung nehmen kann. Zahlreiche Tore bei der WM 2018 fallen aus einer Kombination aus zu spätem Bodenkontakt sowie fehlenden Zentimetern: Als Hauptursache kann der Splitstep angesehen werden. Es scheint oftmals so, als sei der „negative Abdruck“ eine Art Kompensationstechnik, weil viele Torhüter die klassische Variante mit einem aktiven, diagonalen Abdruckschritt in Ballrichtung nicht beherrschen.

Keine Frage, bei zahlreichen Abwehraktionen der Torhüter, bei denen leidglich ein Entlasten/Abtauchen/Abkippen notwendig war, konnte der Splitstep, wenn er denn vom Timing her rechtzeitig beendet war, eine ordentliche Lösung ermöglichen. Sobald es jedoch in Aktionen ging, die einen Abdruck erforderten, mussten selbst relativ große Torhüter Einbußen in Kauf nehmen.

Die Grundthese hierbei ist die Folgende: Splitstep ermöglicht jegliche Formen des Abkippens, zeigt jedoch Probleme bei allen Abdruckformen. Andersherum ist es anders, die klassische Form der Grundhaltung sowie des Abdruckschrittes ermöglicht sowohl die Formen des Abkippens als auch des Abdruckes. Dass es nach wie vor zahlreiche Torwart-Aktionen gibt, in denen ein Abdruck zur Torverteidigung notwendig wird, zeigt nicht nur die WM 2018.

Der DFB-Ausbildungsleitfaden legt bewusst einen hohen Stellenwert auf die korrekte Ausbildung eines „positiven Abdruckschrittes“, der aus einer eher Schulter breiten Grundstellung heraus, einen kleinen aber entscheidenden Abdruckschritt in Richtung Ball setzt.

Fazit

Nicht kopieren, sondern diskutieren! Beispielszene:

  • Uruguay – Schweden (Freistoßtor von Luiz Suarez zum 1:0 / TW: Igor Akinfeev / 10. Minute)
  • Belgien – Brasilien (Tor von K. de Bruyne zum 2:0 / TW: Alisson Becker / 31. Minute)

Zone 4: Das Halten beginnt mit den Füßen!

Der Wert einer effektiven Vorbereitung und Ball orientierten Beinarbeit zeigt sich nicht nur in Zone 3, sondern insbesondere auch in Zone 4, in der oftmals eine weitaus größere Distanz des Torhüters zum Ball (andere Flugbahn) bewältigt werden muss. Trotz der größeren Distanz des Schützen zum Torwart schaffen es zahlreiche Torhüter nach wie vor nicht, in eine flüssige Beinarbeit zum Ball hin zu kommen, die Distanz damit zu verkürzen und die eigentlich längere Flugphase des Balles für sich zu nutzen – es ist weder ein Sidestep noch ein Zwischenschritt als Kreuzschritt zu erkennen. Ein wahrer Meister der Schrittfolgen ist der Mexikaner Guillermo Ochoa, der nicht nur bei Freistößen, sondern auch bei allen anderen Distanzschüssen vor einem finalen Abdruck stets in eine seitliche Bewegung zum Ball kommt. Weiterhin fällt in diesem Kontext auf, dass es beim vorbereitenden Stellungsspiel extrem große Unterschiede gibt. Die Bandbreite des Stellungsspiels, insbesondere in Bezug auf die Höhe des Torwarts, schwankt von „steht auf der Torlinie“ bis „hängt“ bereits an der Linie zum Torraum gut 5 m vor dem eigenen Tor.

Fazit

Die Größe allein ist noch kein Garant dafür, Bälle in den Extrembereichen abwehren zu können. Wenn schon Abläufe in anderen Sportarten isoliert „kopiert“ werden, wie z. B. der o. a. Splitstep, dann sollten auch alle weiteren Abläufe „mitgenommen“ werden – Beispiel: Seitliche Beinarbeit im Tennis. Beinarbeit ist und bleibt ein lohnendes Dauerthema im Torwart-Training. Beispielszenen:

  • Deutschland – Mexiko (Freistoß von T. Kroos / TW: Guillermo Ochoa / 38. Minute)
  • Argentinien – Kroatien (Tor von L. Modric zum 0:2 / TW: Wilfredo Caballero / 80. Minute)
  • Russland – Kroatien (Tor von D. Tscheryschew zum 1:0 / TW: Danijel Subasic / 31. Minute)
  • Argentinien – Kroatien (Schuss von I. Rakitic aus 20 m / TW: Wilfredo Caballero / 90. +1 Minute)
  • Schweiz – Brasilien (Parade von Yann Sommer / 90. Minute)
  • Belgien – England (Vorrunde / Schuss von Tielemans / TW: Jordan Pickford / 6. Minute)
  • Iran – Portugal (Schuss von C. Ronaldo / TW: Ali Beiranvand / 40. Minute)

AnalyseWM 2018

Christian Lasch

Christian Lasch

Über den Autor

Christian Lasch ist der Gründer von MEINETORWARTSCHULE. Der ehemalige Torhüter von Fortuna Düsseldorf leitet heute die Torwart-Ausbildung des NLZ dieses Vereins. Als Inhaber der DFB Trainer A – Lizenz und der UEFA Torwart-Trainer A – Lizenz ist er beim DFB Referent für die "Torwart-Ausbildung/Torwart-Training " in den nationalen Trainerausbildungen (Elite-Junioren-Lizenz/A-Lizenz)sowie in den internationalen Trainerausbildungen (CDTC – Coaching & Technical Development Course). Daneben arbeitet er als Honorar Torwart-Trainer für die DFB-Mädchen U-Nationalmannschaften. Christian ist ein also ausgewiesener Fachmann im Bereich Torwarttraining.

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