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Seit 2017 ist Michael Gspurning als Torwarttrainer des Bundesligisten Union Berlin für die Profi-Torhüter zuständig. Der aus Graz stammende 40-jährige Österreicher wechselte als Torhüter nach Stationen wie Austria Wien, FC Pasching, Sounders FC, PAOK Saloniki und Schalke 04 im Sommer 2016 zu den Köpenickern an die Alte Försterei. 2017 beendete Gspurning seine Karriere zwischen den Pfosten. Seitdem ist er als Torwarttrainer eine feste Größe im Trainerteam der Eisernen.

Goalguard hat sich mit Michael Gspurning über die Ursachen der rasanten sportlichen Entwicklung der Köpenicker in den vergangenen Jahren unterhalten. Außerdem wird im Interview die Entwicklung Andreas Luthes zu einem guten Stammtorhüter der Bundesliga und der Konkurrenzkampf in der vergangenen Saison mit Loris Karius beleuchtet.

Artur Stopper Michael, die Frage nach deinem augenblicklichen Befinden in sportlicher Hinsicht ist wohl überflüssig. Es läuft gut bei Union Berlin …

Michael Gspurning Es läuft hervorragend, und das eigentlich seit 3 ½ Jahren. Zuletzt haben wir einen wichtigen Sieg in Mainz errungen, wodurch wir uns zunächst von hinten absetzen und uns oben etablieren konnten, trotz der Dreifachbelastung. Wir sind im Pokal weitergekommen und haben zuletzt in der Europa Conference League einen Heimsieg errungen. Wir genießen den Erfolg, schnaufen in der Länderspielpause kurz durch, dann geht es weiter mit sieben Spielen in drei Wochen.

Artur Stopper Inzwischen schreibst du seit vier Jahren mit an der ungeheuren Erfolgsgeschichte der Unioner vom Underdog in die erweiterte Spitzengruppe der Fußball-Bundesliga und nun zu einem Platz im Europacup. Was ist das Erfolgsgeheimnis dieser rasanten sportlichen Entwicklung?

Michael Gspurning Definitiv ein gut zusammenpassendes Team, in dem jedes Einzelstück weiß, was er zum Erfolg beitragen kann. Das gilt für das Trainerteam, das gilt für das Staff-Team, und gilt für die Spieler, die schon länger hier im Verein sind. Ihnen gelingt es immer wieder, die Neuen gut in die Mannschaft zu integrieren und den Geist von Union weiterzugeben. Auch dieses Jahr hatten wir wieder Neuzugänge im zweistelligen Bereich. Für uns im Trainerteam ist es tägliche Arbeit, das Ganze auf Schiene zu halten und nichts einschleifen zu lassen. Diese Gefahr ist immer gegeben, aber die immer neuen Herausforderungen machen uns eher stärker. Das merke ich auch bei mir. Ich freue mich sehr auf die Europacup-Spiele und auf die neue Herausforderung in der Verbindung mit Andreas Luthe und Frederik Rönnow.

Artur Stopper Ebenfalls bemerkenswert ist der Aufstieg von Stammtorhüter Andreas Luthe. Mit 33 Jahren hatte er vor seinem Wechsel nach Berlin erst 32 Spiele in der Ersten Liga absolviert und war auch in der vergangenen Saison beim FC Augsburg lange nur die Nummer zwei. Beim 1. FC Union ist er im fortgeschrittenen Alter zum Bundesliga-Stammtorwart gereift. Wurde das Können von Andreas Luthe jahrelang unterschätzt, oder welchen Entwicklungsprozess hat er im bereits fortgeschrittenen Alter noch vollzogen?

Michael Gspurning Ob Andy unterschätzt wurde, kann ich nicht beurteilen. Für mich war er - aus der Ferne betrachtet – immer ein solider Torhüter, bei dem man weiß, was man bekommt. Solide meine ich im Sinne von sehr positiv. Ein Verein wie Union, der in der Regel um den Klassenerhalt kämpft, braucht einen Torhüter, der möglichst wenige Fehler macht. Dieses Vermögen habe ich bei Andy gesehen. Für seine gute Entwicklung ist er aber in erster Linie selbst verantwortlich. Schon bei unserem ersten Gespräch, in dem ich mich mit Andy über meine Torwartphilosophie unterhalten hatte, spürten wir sofort eine gute Chemie zwischen uns. Er war sehr wissbegierig. Wir analysierten seine Stärken und Schwächen und unterhielten uns über Bereiche, in denen er sich noch entwickeln konnte, z.B. an seinem Positionsspiel. In der Folge ging es darum, das Geübte effizient abzuliefern. Das ist ihm in der vergangenen Saison gut gelungen. Er hat zurecht seinen Stammplatz behauptet. Das für ihn schönste Erlebnis war, als er nach dem Spiel gegen Leipzig auf dem Balkon stand und die Fans seinen Namen riefen. Das hat mich sehr für ihm gefreut. In erster Linie war sein Wille zur Weiterentwicklung entscheidend, dass er noch einmal stärker geworden ist.

Artur Stopper Du selbst sollst an der Verpflichtung von Andreas Luthe vor der Saison in starkem Maße mitverantwortlich gewesen sein. Meist richtet die Wahl des Torhüters nach der Spielphilosophie der Mannschaft. Welche Kompetenzen erfüllt Luthe, die in euer Spielphilosophie gefordert sind?

Michael Gspurning Definitiv muss man beim Scouting darauf achten, ob er ins Anforderungsprofil des Vereins und der Mannschaft passt. Dabei spielen unter anderem die Altersstruktur und von Vereinsseite her das finanzielle Budget eine Rolle. Mein Blick war eher darauf gerichtet, ob er ins System passt und unseren Anforderungen auf dem Platz genügt. Mit seinem Vorgänger Rafal Gikiewicz hatten wir einen Torhüter verloren, der etwas dargestellt und Big Saves gemacht hat. Andererseits wollten wir uns im spielerischen Bereich, vor allem unserem Kurzpassspiel, verbessern. Mit der Verpflichtung von Andy und anderen Spielern ist es uns gelungen, mehr Flexibilität und einen Mix in unser Offensivspiel zu bekommen. Aber als Mannschaft, die gegen den Klassenerhalt spielt, braucht man natürlich auch einen Keeper, der in der Torverteidigung gut ist und auch die Raumverteidigung beherrscht. Dieses Paket hat bei Andy absolut gestimmt. Auch sein Charakter passt hervorragend zu uns.

Artur Stopper Union-Cheftrainer Urs Fischer antwortete einmal auf die Frage, was Andreas Luthe auszeichne, folgendermaßen: „Seine Gelassenheit, dass er ein ruhender Pol ist, die Jungs in seiner besonnenen Art gut coacht.“ Wie sieht gutes Coaching nach eurer Vorstellung aus?

Michael Gspurning Für gutes Coaching gibt es nicht nur ein richtiges Bild, wie es aussehen kann, aber es gibt Kriterien. Erstens muss es fachlich korrekt sein und zweitens der Sache dienen und den Mitspielern helfen. Diese Voraussetzungen sind bei Andy zweifellos gegeben. Außerdem sollte es positiv, manchmal aber auch aufweckend sein. Coaching kann aber völlig unterschiedlich sein, wie die großen Unterschiede zwischen Rafal und Andreas zeigen. Rafal ist eher der impulsive Typ, bei dem jeder gleich erschrickt, wenn er die Augen aufreißt. Andreas erledigt seine Aufgabe auf eine ruhige Art. Beide Coaching-Arten können extrem erfolgreich sein, wie sich das in der letzten Saison gezeigt hat und aktuell zeigt. Außerdem muss die Art des Coachings zum Typ passen. Wenn Rafal auf einmal einen auf ruhigen Typen machen würde, würde es nicht passen, ebenso nicht wenn Andy wild gestikulierend durch seinen Strafraum laufen würde. Deswegen ist richtiges Coaching durchaus auch individuell.

Artur Stopper Als Union Berlin Ende September des vergangenen Jahres Loris Karius verpflichtete, gingen nicht viele davon aus, dass Luthe seinen Stammplatz verteidigen würde. Warum habt ihr trotz der spektakulären Verpflichtung weiterhin an Luthe festgehalten?

Michael Gspurning Es gab natürlich das Jahr über viele Gespräche im Trainerteam darüber, was das Beste für die Mannschaft ist. Wir achteten genau darauf, wie Andy und Loris im Spiel und im Training performen. Die entscheidendere Frage war aber, was die Entscheidung bei der Mannschaft auslösen würde. Andy hatte bereits einen zeitlichen Vorsprung, weil Loris erst ab dem dritten Spieltag zu uns gestoßen war. Bis dahin hatte Andy sehr souveräne Leistungen abgeliefert. Deshalb stand die Frage im Raum, was es in der Mannschaft auslöst, wenn wir einen Torhüter, der funktioniert und gut performt, trotzdem auswechseln. Deswegen haben wir uns gegen diesen Torwartwechsel entschieden. Dieses Vertrauen hat uns Andy in der vergangenen Saison über Gebühr zurückgezahlt. Sicherlich hatte sich Loris mehr erhofft, was völlig legitim ist und sein Anspruch sein muss. Letztendlich gab es jedoch keinen Grund, auf der Torhüterposition zu wechseln, weil Andy überzeugende Leistungen ablieferte.

Artur Stopper Mit Loris Karius hatte Luthe einen starken Torhüter hinter sich. Macht ein starker Ersatzkeeper deiner Meinung nach den Stammtorhüter eher besser oder schwächer durch den hohen Druck, nicht versagen zu dürfen, weil ansonsten der Konkurrent die Nummer eins werden könnte?

Michael Gspurning Dass das Thema Karius in den Medien immer wieder forciert werden würde, viel mehr übrigens als die jetzige Situation mit Frederik Rönnow, war uns im Vorhinein klar. Auch Frederik ist ein Torhüter, der definitiv eine Nummer eins in der Bundesliga sein kann. Dass Karius viel mehr in den Medien präsent sein würde, durfte unsere Entscheidung aber nicht beeinflussen. Für uns war wichtig, was wir in der täglichen Arbeit wahrnehmen. Nur darüber mussten wir eine Entscheidung treffen. Ein Credo war und ist bei uns immer eine Klarheit und Offenheit mit den Spielern darüber, wie ihre Situation ist, denn klare Kommunikation gibt Sicherheit. Andy wusste Bescheid über die beabsichtigte Verpflichtung von Karius. So konnte er seine Gedanken beiseite legen und sich auf seine tägliche Arbeit fokussieren. Ein Spieler kann in der Regel mit einer Situation umgehen und Lösungen für sich finden, wenn offen und ehrlich mit ihm umgegangen wird. Generell halte ich klare Kommunikation und Offenheit sowie eine offene Tür bei Problemen für sehr wichtig, denn sie gibt den Torhütern eine gewisse Ruhe und Sicherheit.

Artur Stopper Wie bereits angesprochen, ist Andreas Luthe im Gegensatz zu seinem Vorgänger Rafal Gikiewicz mit seiner ruhigen Art eher ein Mann im Hintergrund. Wird dieser eher zurückhaltende Torwarttyp in der heutigen lauten Medienlandschaft trotz gleich guten Leistungen weniger wahrgenommen?

Michael Gspurning Eindeutig ja! Die Medienlandschaft braucht immer neue News. Und selbstverständlich kann man aus einem Torhüter, der nach außen laut ist oder Fehler macht, viel mehr machen als mit einem, der eher ruhig und in sich gekehrt ist. Vor Jahren postete jemand mal einen Spruch, der mir gut gefallen hat. Er hieß „Das Recht des Lauteren darf sich nicht durchsetzen“. Es ist ein Kennzeichen der heutigen Zeit, dass etwas wahrgenommen wird, wenn es laut artikuliert wird. Ob die öffentlich geäußerte Aussage stimmt oder nicht, wird meist gar nicht mehr überprüft oder korrigiert. Andreas Luthe ist aber der Typ Mensch, dass er gar nicht auf diese Art in den Medien stehen will, wie das andere vielleicht forcieren. Er ist eher ein Familienmensch und genießt seine Ruhe. Aber natürlich genießt er definitiv auch seine Anerkennung, die er bei Union hat. Wir alle sind so, dass wir etwas Außenliebe für unsere Selbstliebe brauchen. Aber er würde nie Wert darauf legen, sein Foto in den Klatschblättern zu sehen.

Artur Stopper Vor einigen Monaten ging die EURO 2020 zu Ende. Sicherlich hast du das Torwartspiel der verschiedenen Torhüter unter die Lupe genommen. Sind dir Aspekte aufgefallen, die auch für die Entwicklung deiner Torhüter interessant sein könnten?

Michael Gspurning Natürlich habe ich vor allem unser Keeper Frederik Rönnow mit Dänemark unter die Lupe genommen. Ansonsten richte ich nicht nur das Augenmerk auf eine EM. Jeden Tag nehme ich irgendwo etwas auf, von dem ich denke, dass ich diese Anregung für meine Torhüter verwenden kann, sei es ein Artikel, den ich lese, der Austausch mit Trainerkollegen oder Gesprächen mit meinen Torhütern, in denen wir uns über Szenen in der Champions oder Europa League austauschen. Auf die EURO bezogen habe ich wahrgenommen, wie ganz unterschiedlich Torhüter-Stile sein können. Vergleicht man einen Donnarumma mit einem Schmeichel oder Pickford, wird man einige Unterschiede feststellen. Letztendlich geht es auf diesem Level aber nur um Effizienz. Fußball ist immer auch Wahrscheinlichkeit. Deshalb geht es darum zu überlegen, wie man die Wahrscheinlichkeit eines Erfolges erhöhen kann, in der Situation, im Spiel oder in der Saison. Es geht darum, die Prozentpunkte für einen größeren Erfolg zu finden. Ich bin ein Verfechter der These, dass es nicht nur die eine Patentlösung gibt, z.B. im Bereich Technik oder Taktik. Es gibt viele Lösungen, die für jeden Torhüter individuell sein können. Klar habe auch ich meine Vorstellung, mein Idealbild, wie technische Abläufe in meiner Vorstellung am optimalsten aussehen. Aber man muss davon wegkommen, dass es nur die eine Lösung gibt. Deshalb versuche ich im Zusammenspiel mit jedem Torhüter die ideale Lösung für ihn selbst zu finden. Oft habe ich eine Idee, die ich einbringe, setze sie aber nur um, wenn auch der Torhüter davon überzeugt ist.

Artur Stopper Michael, zunächst einmal vielen Dank dafür, dass du dir die Zeit für uns genommen hast. Zugleich wünsche ich dir, dass euer Höhenflug mit Union noch möglichst lange anhält.

InterviewMichael Gspurning1. Bundesliga1. FC Union Berlin

Artur Stopper

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Über den Autor

Mit über 25 Jahren Erfahrung als Torwarttrainer weiß Artur, wie Torhüter ticken. Deshalb bevorzugt er Themen, die die Welt der Torhüter ausmachen: Vereinswechsel, Tiefschläge, Pechsträhnen, Höhenflüge, Emotionen, Ersatzbank, Halbgötter, Erfolge.

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