Seit dem Sommer 2015 ist Frederik Gößling Torwarttrainer beim Bundesligisten RB Leipzig und genießt hohes Ansehen in Fachkreisen. Seine Torwarttrainer-Tätigkeit begann er 2010 im Nachwuchsbereich von St. Pauli. Zur Saison 2011/12 wurde er hauptamtlicher Torwart-Trainer beim Zweitligisten SC Paderborn 07, zwei Jahre später wechselte er zum damaligen Bundesliga-Absteiger Greuther Fürth. 2015 begann seine Tätigkeit beim Ligakonkurrenten RB Leipzig und schaffte mit diesem Klub im selben Jahr den Aufstieg in die Bundesliga. Seither gehören die Sachsen zur absoluten Spitze in Deutschland und Frederik Gößling ist aus dem Trainerteam bei RB nicht mehr wegzudenken.
Goalguard hatte die Gelegenheit, sich mit dem RB-Torwarttrainer über die Gründe, warum Peter Gulacsi seit Jahren zu den besten Torhütern in der Bundesliga gehört, über die Rotation bei Torhütern, die Bedeutung von Big Data bei der Bewertung der Keeper sowie die inzwischen schwierige Aufgabe der Torhüter bei der Verteidigung von Eckbällen zu unterhalten.
Artur Stopper Frederik, nach dem Verpassen des internationalen Geschäfts in der vergangenen Saison musste RB Leipzig im Sommer nach 18 Abgängen, unter anderem der Top-Stars Sesko und Simons, einen großen Umbruch bewältigen. Die Umbauarbeiten sind erstaunlich schnell gelungen. Seit dem dritten Spieltag bewegt ihr euch fast durchgehend auf den Champions-League-Plätzen. Viele hat diese äußerst positive sportliche Entwicklung überrascht. Dich auch?
Frederik Gößling Grundsätzlich ist RB Leipzig ein Klub, der immer den Anspruch hat, international zu spielen. Seit wir in die erste Bundesliga aufgestiegen sind, ist das immer das Ziel. Bis auf das letzte Jahr hat das bisher immer gut funktioniert. Nach dem Rückschlag in der vergangenen Saison war im Sommer niemand mit der Situation zufrieden, und es war klar, dass es einige Veränderungen geben wird. Daher ist es sehr positiv, wie die Hinrunde in der aktuellen Saison verlaufen ist und wir uns auf den internationalen Plätzen wiederfinden. Aber es gibt viele Mannschaften um uns herum, die eine ähnliche Punktzahl haben. Deswegen wird es bis zum Schluss ein enges Rennen geben. Wir tun gut daran, weiter jedes Spiel mit hundert Prozent anzugehen und fleißig zu punkten.
Artur Stopper Seit über 10 Jahren arbeitest du als Torwarttrainer bei RB Leipzig und hast im vergangenen Jahr deinen Vertrag bis 2029 verlängert. Was schätzt du an deiner Arbeit in diesem Verein?
Frederik Gößling Ich kam zu einer Zeit zu RB, als in dem jungen Verein noch viele Dinge in der Entstehung und Entwicklung waren. Daran mitzuwirken, wie sich der Verein entwickelt, war unglaublich spannend und ist es bis heute. Für vieles gab es in diesem Verein keine Erfahrungswerte, was es heißt, erste Liga zu spielen und englische Wochen in der Champions League zu haben. Deshalb war das für mich eine ungeheuer inspirierende Zeit. Bis heute habe ich das Gefühl, dass der Verein lange noch nicht fertig ist, denn viele ambitionierte Leute arbeiten in den unterschiedlichen Abteilungen, von denen man sehr viel lernen kann, z.B. aus den Bereichen Athletik, Sportpsychologie, aus dem medizinischen Bereich, der Leistungsdiagnostik usw. Außerdem habe ich viele unterschiedliche Cheftrainer kennenlernen dürfen und und mit Thomas Schlieck (Head of Goalkeeping Red Bull Soccer) einen absoluten Torwartexperten, mit dem ich mich jeden Tag über sämtliche Themen unserer Profi- und Akademietorhüter austauschen kann. Ich glaube, dass dies für einen jungen Tainer, der ich damals war, eine perfekte Konstellation war. Denn ich kam in ein Umfeld, das sehr leistungsorientiert war und ist und versucht, nichts dem Zufall zu überlassen. Bis heute schätze ich diese ständige Weiterentwicklung enorm an diesem Klub.
Artur Stopper Fast genauso lange habt ihr auf der Torhüterposition mit Peter Gulacsi einen der besten Torhüter der Bundesliga in euren Reihen. Im Kicker-Ranking der Torhüter gehört der Ungar seit Jahren zum absoluten Spitze. Welche Voraussetzungen und Eigenschaften muss ein Torhüter mitbringen, damit er so lange Zeit auf höchstem Niveau performen kann?
Frederik Gößling Dazu gehören verschiedene Fähigkeiten. Im speziellen Fall Leipzig braucht es einen Torhüter, der das Spiel sehr gut versteht, der in der Lage ist, mit einer hohen Abwehrkette zu agieren. Denn wir gehören statistisch immer zu den am höchsten stehenden Abwehrketten in der Bundesliga, gemessen an der Distanz zur Grundlinie. Außerdem verteidigen wir sehr gerne nach vorne und gehen intensiv ins Gegenpressing, so dass oft ein großer Raum zwischen Torwart und Abwehrkette zu verteidigen ist. Deshalb muss ein Torhüter bei RB Leipzig sehr viele Entscheidungen treffen: Laufe ich den Ball ab, gehe ich raus, warte ich ab oder lasse ich mich fallen. Er muss also viele typische Stay-or-Go-Entscheidungen treffen. Ich glaube, dass eine der ganz großen Stärken von Peter über die Jahre geworden ist, dass er sehr entscheidungssicher ist und dadurch sehr konstant auf hohem Level gespielt hat.
Das Spielverständnis ist aber das eine. Zusätzlich gehört tagtägliche, knallharte Arbeit dazu. Peter und im Übrigen auch Maarten Vandevoordt sind Keeper, die zu diesem Verein passen, weil sie nichts dem Zufall überlassen. Sie versuchen immer, in allen Bereichen das Maximale mit ungeheurer Akribie herauszuholen. Außerdem sind sie sehr selbstkritisch und unglaublich offen für neuen Input. Nur mit dieser Einstellung kann man alle drei Tage auf so konstantem Level seine Leistung erbringen.
Artur Stopper Im Gegensatz zu manchen seiner Kollegen wirkt Gulacsi in seinen Bewegungsabläufen überaus ruhig und kontrolliert. Liegt ein Geheimnis seines Torwartspiels darin, dass er durch seine ruhige, kurze Schrittfolge meist im Gleichgewicht bleibt und dadurch in eine gute Grundposition beim Schuss kommt?
Frederik Gößling Das hast du sehr gut beobachtet. Das ist eines unserer grundlegendsten Prinzipien. Eine gute Vorbereitung auf die Aktion ist oft die halbe Miete, oder sogar noch mehr. Die finale Aktion, also der Abdruck, das Abkippen oder der Luftkampf bei einer Flanke ist stark geprägt von der Voraussetzung, die man sich vorher geschaffen hat, z.B. durch eine gute Vororientierung oder durch das Einnehmen der optimalen Ausgangsposition. Ich bin davon überzeugt, dass ein Fehler, der zunächst nach technischer Natur aussieht - wenn der Torhüter beispielsweise den Ball abklatschen lässt, statt ihn zu fangen - oft seine Ursache in der Positionierung hat. Stehe ich einen halben Meter zu hoch, verkürze ich mir unnötig die Reaktionszeit und kann den Ball nur abprallen lassen. Deswegen arbeiten wir intensiv daran, dass wir aus einer optimalen Startposition und mit der passenden Schrittfolge in die bestmögliche Grundposition kommen, um dann in die finale Aktion zu gehen. Das üben wir jeden Tag und fangen damit bereits mit den jungen Torhütern in der Akademie an.
Artur Stopper Speziell in Leipzig wurde bereits zu Zeiten von Rangnick und Hasenhüttl über eine Rotation auch auf der Torwartposition nachgedacht. Im Sommer des vergangenen Jahres sagte Gulacsi in einem Interview mit der Sportbild: „In ein paar Jahren wird es normal sein, dass auch bei den Torhütern rotiert wird.“ Siehst du das auch so?
Frederik Gößling Unter bestimmten Voraussetzungen ja. Ich weiß, dass dieses Thema immer etwas sensibler gehandhabt und gesehen wird als bei Feldspielern. Ich bin ein Freund davon, Klarheit im Torwartbereich zu haben, ein wildes Hin- und Herwechseln sollte es nicht geben. Trotzdem: Das Spiel ist schneller geworden, es geht um immer mehr. Die körperlichen, aber auch die mentalen Herausforderungen für einem Torwart, alle drei Tage zu spielen, sind enorm. Wenn dann noch jemand Nationalspieler ist, hat er von Anfang Juli bis Ende Mai eine Woche frei, und das ist die Weihnachtszeit, und das auch nur in Deutschland. Wenn man dann zweimal eine solche Qualität im Torwartbereich hat und einen Cheftrainer, der das Ganze supportet, kann das eine sehr gute Konstellation sein, um beide im Spielrhythmus und nahe an der Mannschaft zu halten sowie beiden emotional immer wieder Highlights zu geben. Am Ende muss es funktionieren und die Ergebnisse der Mannschaft müssen passen, sonst wird es irgendwann Diskussionen geben. Das Ganze ist also sensibel, aber ich glaube schon, dass es irgendwann zur Normalität gehören wird. Viele Vereine rotieren inzwischen im DFB-Pokal, aber man muss es nicht auf diesen Wettbewerb beschränken. In England, wo es noch ein paar Wettbewerbe mehr gibt, wird die Rotation immer häufiger durchgeführt. Der Wechsel ist nicht nur eine Motivation und Wertschätzung für die Nummer zwei, sondern immer eine kurze Pause für die Nummer eins. Kurze Pause heißt für den Stammtorhüter nicht, sich in die Hängematte zu legen, sondern er kann dann wieder eine Woche voll trainieren, was ansonsten im Spielbetrieb kaum möglich ist. Ich bin davon überzeugt, dass selbst 50 Spiele im Jahr, nicht volle Trainingswochen ersetzen können, sondern der Torhüter irgendwann an Leistung einbüßt. Aber in einem „Samstag – Dienstag – Samstag“- Rhythmus ist Training kaum möglich. Deswegen ist eine Woche, in der der andere Torwart spielt und die Nummer eins eine volle Trainingswoche mit vier bis fünf Trainingseinheiten in Folge hat, eine Menge wert.
Artur Stopper Seit einigen Jahren spielt die Erfassung und Nutzung von Daten im Profi-Fußball eine große Rolle. In den Medien werden vor allem die Anzahl vereitelter Großchancen, weiße Westen, die Anzahl abgewehrter Bälle oder die Passquote zur Beurteilung von Torhütern herangezogen. Wie aussagekräftig sind diese Daten für dich?
Frederik Gößling Sie sind nur bedingt aussagekräftig. Wenn seine Mannschaft gut verteidigt, hat der Torwart eine höhere Chance, viele Zu-Null-Spiele zu haben. Deswegen ist dieser Wert nur bedingt aussagekräftig für die Qualität eines Torwarts. Dasselbe gilt für die Anzahl abgewehrter Bälle. Sie können ein kleiner Anhaltspunkt sein, aber entscheidend ist wieder, welche Chancen die eigene Mannschaft zulässt. Läuft eine Mannschaft z.B. in viele 1gegen1-Situationen, wird die Torverhinderung für den Torhüter naturgemäß schwieriger. Deshalb ist eine Bewertung des Torhüters anhand dieser Werte schwierig.
Artur Stopper Welche erfassten Daten zum Torwartspiel sind dir für deine Arbeit wichtig?
Frederik Gößling Sinn macht für mich der sogenannte Post-Shot Expected Goals-Wert, bei dem neben dem Moment des Schusses (Expected Goal) auch der Moment nach dem Schuss bewertet wird, z.B. wie hart und schnell der Schuss unterwegs war. Damit wird der Torhüter fairer bewertet.
Artur Stopper In heutigen Zeiten, in denen alles statistisch und medial erfasst wird, sind das Spielsystem, eingeübte Spieleröffnungen oder Laufwege der gegnerischen Mannschaften bekannt. Wie nutzt ihr dieses Wissen in Vorbereitung auf einen Gegner?
Frederik Gößling Ich glaube, dieses Thema entwickelt sich gerade rasant weiter. Die fußballerischen Fähigkeiten eines Torhüters müssen heutzutage herausragend sein. Er muss mit beiden Füßen in jede Ebene spielen können, flach, halblang oder lang. Dabei muss er sehr entscheidungssicher sein, das Spiel verstehen und erkennen, welchen Pass, Chip oder Flugball er in welchem Moment und warum spielt. Er muss wissen, was der Pass beim Gegner und der eigenen Mannschaft bewirkt. Durch die Videoanalysen kennen wir die Spielsysteme der Gegner und wissen, wie der Gegner zustellt, von welcher Seite er meist anläuft und welche Räume sich dadurch ergeben. Das kann man der Mannschaft und den Torhütern per Video zeigen und im Training darauf vorbereiten, damit sie es im Spiel bestmöglich umsetzen können.
Wie kann man Torhüter im Training auf diese neue Rolle vorbereiten?
Frederik Gößling Unsere Aufgabe im Torwartbereich besteht darin, diese Situationen im Training - so gut es geht - zu simulieren. Das geht allerdings nur bedingt innerhalb der Torwartgruppe. Man kann auf Minitore passen oder das Anlaufen des Gegners durch den Torwarttrainer oder einen Mitspieler simulieren. Letztendlich braucht man dazu aber den gesamten Mannschaftsverbund. Denn das Timing muss passen zwischen Torwart und den Außen- oder Innenverteidigern oder den Sechsern, die im richtigen Moment anspielbar sein müssen. Bei der Umsetzung dieser Ziele muss also die gesamte Mannschaft einbezogen sein.
Artur Stopper 28 % aller Tore fielen im bisherigen Saisonverlauf in der Bundesliga nach Standardsituationen. Bei Teams wie dem SC Freiburg, Gladbach oder Mainz 05 machen sie sogar 48 % aller Tore aus. Besonders erfolgreich waren dabei Eckbälle. Seit der Torhüter im Torraum nicht mehr besonders geschützt sind, werden sie geblockt, behindert, am Trikot gezogen oder im Luftkampf gestoßen. Wie bereitest du deine Torhüter auf diese neuen Gegebenheiten vor?
Frederik Gößling Für mich ist das kein Fußball mehr, sondern eher Rugby (lacht). Der Torwart kann sich eigentlich gar nicht mehr bewegen, weil er von Spielern umgeben ist, die mit dem Ball gar nichts zu tun haben, sondern nur ihren ganzen Körper gegen den Torwart stellen. Aber es ist so, wie es ist, und es gilt, Lösungen dafür zu finden. Wir gehen immer mehr weg vom klassischen Flankentraining, wo im Bewegungsablauf zum Ball auf die Schrittfolge, den Absprung und die richtige Landung geachtet wird. Wir stellen jetzt acht Dummies auf die Torlinie, drei Torhüter dazu, werfen den Ball hoch und sagen, dass jeder drückt und schiebt, wo er kann. Es ist ein gewisses Chaostraining. Aber unsere Torhüter merken, dass sie sich dadurch verbessern und sich besser befreien können.
Artur Stopper Welchen Stellenwert hat die Verteidigung von Standards als auch deren Verwertung im RB-Training?
Frederik Gößling In diesem Jahr haben wir etwa mehr Zeit dafür, weil wir international weniger gefordert sind (schmunzelt). In einer kompletten Trainingswoche gibt es einen Tag, an dem wir uns ausschließlich mit Standardsituationen des Gegners beschäftigen, sowohl bei der Videoanalyse als auch beim Training auf dem Platz. Im Mannschaftsverbund inklusive der Torhüter wird die Mannschaft auf die defensiven und offensiven Varianten vorbereitet. Wenn wir international spielen, war das aus Zeitgründen so nicht immer umsetzbar. Dann steht die Videoanalyse mehr im Vordergrund oder Situationen werden nachgestellt.
Artur Stopper Frederik, wie bedanken uns ganz herzlich, dass du dir Zeit für uns genommen hast, und wünschen dir weiterhin viel Erfolg mit deinen Torhütern.
