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Bereits seit 2012 ist David Thiel für das Training der Profi-Torhüter beim Bundesligisten Bayer Leverkusen zuständig. Der gebürtige Leverkusener durchlief als Torwart die Jugendmannschaften der Werkself. Parallel dazu trainierte er bereits die Jugend-Torhüter von Bayer im Nachwuchsleistungszentrum Kurtekotten. Welche Wertschätzung er für seine Arbeit im Verein genießt, zeigt die Tatsache, dass ihm die Bayer-Verantwortlichen bereits im Alter von 28 Jahren das Amt als Torwarttrainer der Profis antrugen. Seither formt er mit viel Erfolg die Torhüter der Werkself. Unter anderem entwickelte er Bernd Leno zum Nationaltorhüter. Aktuell führt sein Schützling Lukas Hradecky die „Top-Torhüter“-Rangliste in der Fachzeitschrift „kicker“ als Notenbester an.

Goalguard hat sich mit dem Bayer-Torwarttrainer über die Rolle und Aufgaben seiner Torhüter im offensiv ausgerichteten Spielsystem des niederländischen Cheftrainers Peter Bosz unterhalten.

Artur Stopper David, in der Rückrunde habt ihr bisher in vier Spielen drei Siege und eine Niederlage in Hoffenheim erreicht. Entspricht die bisherige Bilanz euren gesteckten Zielen?

David Thiel Ja, durchaus. Wir hätten zwar in der Hinrunde schon noch gerne den einen oder anderen Punkt mehr geholt, aber der Start in die Rückrunde mit den drei Siegen aus vier Spielen war gut. Natürlich hätten wir gerne auch in Hoffenheim gewonnen, zumal es auch genügend Möglichkeiten gab, das Spiel für uns zu entscheiden. Aber dafür konnten wir am vergangenen Wochenende in einem spektakulären Spiel mit Borussia Dortmund einen Top-Favoriten schlagen.

Artur Stopper Trägt die Arbeit von Cheftrainer Petr Bosz langsam ihre Früchte?

David Thiel Ja, ich denke schon. Wir haben einen super Cheftrainer mit einer tollen Fußballidee, die gut zum Verein passt und vielen Spielern guttut. Wie die letzten Spiele gezeigt haben, kommen wir in den meisten Spielen schon dahin, wo wir hinkommen wollen. Was uns noch ein bisschen fehlt, ist das Finish, nämlich auch die Tore zu schießen. Aber sehr viel funktioniert schon in der Art und Weise, wie wir Fußball spielen wollen.

Artur Stopper Dein Schützling Lukas Hradecky führt im Moment zusammen mit Yann Sommer die „Top-Torhüter“-Rangliste in der Fachzeitschrift „kicker“ an. Bei aller Bescheidenheit: Ich stelle mal die These auf, dass dein Anteil als Torwarttrainer an seiner Entwicklung nicht ganz unbedeutend sein dürfte …

David Thiel (lacht) Das ist nett, dass du diese These aufstellst … Ganz ehrlich, am Ende stehen doch immer die Jungs auf dem Platz und müssen performen. Ich freue mich, wenn das Auftreten meiner Torhüter stimmt, und das tut es momentan bei Lukas. Natürlich versuchen wir in der täglichen Arbeit mit dem gesamten Torwartteam verschiedene Aspekte des Spiels zu optimieren. Aber entscheidend ist die Umsetzung auf dem Platz und da steht einzig der Sportler im Mittelpunkt!

Artur Stopper Was macht Hradecky im Moment besonders gut?

David Thiel Ganz einfach gesagt: er hält die wichtigen Bälle! Bei all den Aufgaben, die heute auf den Torhüter zukommen, und das sind ja inzwischen einige, ist doch am Ende immer noch entscheidend, dass der Torhüter in wichtigen Situationen Gegentore verhindert, weil er damit seiner Mannschaft den größten Benefit geben kann. Tore haben nun mal den größten Einfluss auf das Spielergebnis – so einfach ist das. Bisher hat Lukas eine hohe Quote an sogenannten „Big Saves.“ Damit hat er der Mannschaft in einigen Spielen helfen können.

Artur Stopper Bayer-Cheftrainer Peter Bosz bevorzugt eine extrem offensive Spielweise, bei der sich nach seiner Idealvorstellung die Abwehrspieler fast auf Höhe der Mittellinie positionieren. Welche Rolle füllt der Torhüter in diesem Spielsystem aus?

David Thiel Nun, im Prinzip geht es schon im eigenen Ballbesitz damit los, dass der Torhüter die Restverteidigung mitorganisieren muss. Wenn der Gegner dann im Ballbesitz ist oder wir gerade den Ball verloren haben und es den Umschaltmoment gibt, ist es die Aufgabe des Torhüters zunächst aus einer „schwimmenden“ Position heraus den Raum hinter der Abwehrreihe zu sichern und bei evtl. tiefen Bällen zu entscheiden, ob er diese klären kann oder es mehr Sinn macht sich fallen zu lassen.

Artur Stopper In Dortmund war Bosz mit seiner gnadenlos offensiven Spielweise unter anderem an den vielen Gegentoren gescheitert, die der BVB hinnehmen musste. Bayer Leverkusen hat aber momentan mit 24 Gegentoren hinter Bayern München und Gladbach mit je 23 Gegentoren die drittbeste Abwehr. Was macht Bayer Leverkusen in der Abwehrarbeit besser als der BVB?

David Thiel Ich kann nicht beurteilen, was in Dortmund gewesen ist. Ich kann mich nur darauf beziehen, was wir machen. Man redet immer davon, dass unsere Spielweise riskant sei. Aber wenn es der Mannschaft gelingt, eine gute Restverteidigung aufzubauen, ist die Gefahr gering. Wenn dahinter noch ein Torhüter steht, der gut mitspielen kann, muss man keine große Sorge haben. Unsere Analysen zeigen, dass wir nur wenige Gegentore durch Konter hinnehmen mussten, obwohl die These immer im Raum steht, dass eine hoch stehende Abwehr übermäßig viele Gegentore nach Umschaltmomenten provoziert. Das war bei uns bereits in der letzten Saison nicht der Fall und ist es auch in dieser nicht.

Artur Stopper Hradecky hatte in der bisherigen Saison im Durchschnitt 52 Ballkontakte pro Spiel, in zwei Spielen sogar über 70. Sind die vielen Ballkontakte ebenfalls dem System Bosz geschuldet?

David Thiel Ja, absolut. Und das ist auch eine große Herausforderung für einen Torhüter, vor allem wenn er zuvor gar nicht so extrem gewohnt war, mitzuspielen. In unserem Spielsystem ist der Torhüter der erste Aufbauspieler, der auch nach Rückpässen das Spiel sinnvoll fortsetzen muss. Durch diese Aufgabe bekommt unser Torhüter logischerweise viel mehr Ballaktionen. Sie immer gut zu meistern, ist eine große Anforderung an unseren Torhüter.

Artur Stopper Lukas Hradecky war früher eher für überragende Fähigkeiten auf der Linie und für eine gute Raumverteidigung bekannt, während seine fußballerischen Fähigkeiten eher bemängelt wurden. Hier hat er sich nach meiner Wahrnehmung deutlich verbessert. Wie schwer war es, diese Fähigkeit im fortgeschrittenen Alter noch zu verbessern?

David Thiel Der Grundstein für diese Weiterentwicklung war, dass Lukas ein sehr offener Typ ist, der erkannt hat, dass er sein Torwartprofil weiter schärfen kann, wenn er sich auch in diesem Bereich noch verbessert. Daher ist er sehr aufnahmebereit, was für Entwicklungen unabdingbar ist. Der Rest verbessert sich über stetige Arbeit, Mut und Geduld, denn Nichts geht von heute auf morgen. Und manchmal klappt auch mal etwas nicht und dann muss man halt wieder aufstehen und weiter geht’s…

Artur Stopper Durch die ständige Gefahr von Kontern ist bei den Torhütern höchste Konzentration, Antizipation und Wahrnehmung gefordert. Welchen Raum nehmen diese Aspekte in deinem Torwarttraining ein?

David Thiel Da es eine wichtige Anforderung an die Torhüter in unserer Spielweise ist, Spielsituationen lesen zu können, sind das Aspekte, die logischerweise eine wichtige Rolle spielen. Um diese Fähigkeiten zu entwickeln, muss man Übungsformen ins Training einbauen, die Entscheidungsfindungen beinhalten. Trotzdem sind Übungsformen dieser Art im Torwarttraining nie so komplex wie die Situationen im Spiel. Aus diesem Grund halte ich es für enorm wichtig, dass Torhüter sehr oft in sinnvolle Spielformen der Mannschaft integriert sind. Nur dort kann man die Verhaltensweisen, die man im Torwarttraining schematisch und mit einfachen Entscheidungsfindungen durchführt, auf einem komplexeren Niveau umsetzen. Im übrigen spielt auch die Videoanalyse eine große Rolle, wenn es um das Verbessern der oben genannten Aspekte geht.

Artur Stopper In dieser Saison haben in der Bundesliga zehn von 18 Stammtorhütern und 35 % der Torhüter in den Bundesliga-Kadern einen ausländischen Pass. Warum schaffen, trotz intensivster Ausbildung in Nachwuchs-Leistungszentren, nicht mehr deutsche Torhüter den Sprung in ein Bundesliga-Team?

David Thiel Eine sehr gute Frage. Nach einigen Gesprächen zu diesem Thema habe ich inzwischen eine differenzierte Meinung: Es gibt mehr gute deutsche Torhüter, als wir wahrnehmen. Wenn man nur auf die Bundesliga schaut, mag der Eindruck trügen. Aber einige deutsche Top-Torhüter sind in ausländischen Top-Ligen gefragt, man denke nur an Marc-Andre ter Stegen oder Bernd Leno. Das sind Torhüter auf absolutem Top-Niveau, die in jedem Verein der Bundesliga spielen würden. Deshalb kann man nicht pauschal sagen, dass wir einen Mangel an guten deutschen Torhütern hätten. Aber natürlich darf man die Frage stellen, wo die Jungs sind, die normalerweise in einer gewissen Zuverlässigkeit nachkommen. Es gibt einige, aber es könnten vielleicht mehr sein. Möglicherweise hat diese Entwicklung auch damit zu tun, dass immer mehr zweite Mannschaften bei Bundesligaklubs abgemeldet werden und deswegen die Spielbühne für Nachwuchstalente nicht immer gegeben ist. Meine Recherchen besagen, dass die heutigen deutschen Top-Torhüter auch nicht direkt durchgestartet sind, sondern im Schnitt zirka zwei Jahre mit einem Zwischenschritt in der dritten oder vierten Liga gebraucht haben, um auf dieses Niveau zu kommen. Sie haben zuvor also eine bestimmte Anzahl an Spielen im Männerbereich gemacht. Aber insgesamt ist das sicherlich ein komplexes Thema...

Artur Stopper Seit 2012, also insgesamt seit acht Jahren, bist du nun Torwarttrainer der Profis von Bayer Leverkusen. In welcher Hinsicht hast du in all den Jahren am meisten hinzulernen müssen?

David Thiel (lacht) Es gibt eine Menge Dinge, die ich hinzulernen musste. Ich bin ja damals recht jung ins kalte Wasser geschmissen worden. Jetzt, nach 350 Pflichtspielen und ca.2.000 Trainingseinheiten auf diesem Level, denke ich schon, dass ich einiges dazu gelernt habe im Hinblick auf Organisation, Kommunikation und natürlich auch inhaltlichem Wissen. Die Dinge entwickeln sich ja immer weiter… Der größte Unterschied im Vergleich von Jugendarbeit zum Profifußball, den ich relativ schnell feststellen musste, ist sicherlich, dass es im Ausbildungsbereich vor allem um Entwicklung geht. Im Profibereich geht es an erster Stelle um Performance! Natürlich fordert man von einem Torwarttrainer, dass er entwickelt, aber ganz ehrlich: wenn ich nur um des Entwickelnwillens Handlungsmuster eines Torwarts von heute auf morgen aufbreche und er dadurch in ein Leistungsloch fällt, weil er im Bewusstseinsmodus erstmal langsamer in seinen Entscheidungen und Bewegungen ist, dann sagt keiner „gut entwickelt“, sondern dann heißt es eher „Gute Nacht!“ Vielmehr geht es folglich darum zu schauen, wie man die vorhandenen Stärken eines Torwarts so einsetzen kann, dass sie zu den Anforderungen der Spielphilosophie passen.

Artur Stopper David, ich bedanke mich, dass du dir Zeit für uns genommen hast, und wünsche dir weiterhin viel Erfolg mit deinen Torhütern!

InterviewDavid Thiel1. BundesligaBayer 04 Leverkusen

Artur Stopper

Artur Stopper

Über den Autor

Mit über 25 Jahren Erfahrung als Torwarttrainer weiß Artur, wie Torhüter ticken. Deshalb bevorzugt er Themen, die die Welt der Torhüter ausmachen: Vereinswechsel, Tiefschläge, Pechsträhnen, Höhenflüge, Emotionen, Ersatzbank, Halbgötter, Erfolge.

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