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Im Sommer 2020 beendete Alexander Stolz mit 36 Jahren seine Profikarriere bei der TSG Hoffenheim. In den 15 Jahren als Profitorhüter stand er zunächst sieben Jahre beim VfB Stuttgart unter Vertrag, anschließend ein halbes Jahr beim Karlsruher SC und weitere sieben Jahre bei der TSG Hoffenheim. Ins Rampenlicht rückte er in all den Jahren nie, auf allen Stationen musste er sich mit der Rolle als zweiter oder dritter Torhüter begnügen. Alexander Stolz stand für Loyalität gegenüber Konkurrenten, für eine professionelle Einstellung und eine hohe Selbstmotivation sowie für Kollegialität. Seine Rolle bestand darin, mit diesen Attitüden seine Konkurrenten zu Höchstleistungen anzustacheln und da zu sein, wenn er gebraucht wurde. Seit der Saison 2020/21 arbeitet der inzwischen 37-Jährige bei seinem bisherigen Arbeitgeber TSG Hoffenheim als Torwarttrainer der U23. Goalguard hat Alexander zu seinem Werdegang und seinen Erfahrungen in der Rolle als Ersatztorhüter in seiner aktiven Zeit befragt. Zudem wollten wir von ihm wissen, wie er seine Erfahrungen aus der Profizeit in seine neue Rolle als Torwarttrainer im Reserveteam des Bundesligisten einbringt.

Artur Stopper Alexander, nach über 15 Jahren als Profi-Torhüter hast du im vergangenen Sommer deine Sportlerkarriere im Alter von 36 Jahren beendet und arbeitest seit dieser Spielzeit als Torwarttrainer bei der U23 der TSG Hoffenheim. Wie schwer fiel dir nach so vielen Jahren als Profisportler der Abschied vom Profifußball?

Alexander Stolz Es hatte sich schon seit einiger Zeit abgezeichnet, dass dieser Schritt für mich kommen würde und ich mich von der Profibühne verabschieden muss. Hoffenheims Torwarttrainer Michael Rechner hatte diesbezüglich immer eine sehr offene Kommunikation mit mir. Dabei stand auch immer wieder die Frage im Raum, ob ich mir nach meiner aktiven Zeit einen Verbleib bei der TSG als Torwarttrainer vorstellen könnte. Bereits vor ein paar Jahren durfte ich die Torhüter der U12/U13 in Hoffenheim trainieren und habe mein erste Erfahrungen mit dieser Aufgabe gesammelt. Offen mit mir besprochen wurde auch, dass irgendwann der Zeitpunkt kommen würde, an dem der Verein eine Veränderung auf der Torwartposition vornehmen wird und für mich der Weg über die U23 als Führungsspieler und zugleich als Torwarttrainer im Jugendbereich vorgesehen ist. Mein sportlicher und beruflicher Weg war also seit einiger Zeit vorgezeichnet. Jeder Fußballprofi wird aber nachvollziehen können, dass ich auch nach ein paar Monaten Abstand immer noch mit Wehmut auf diese schöne Zeit zurückblicke. Ich vermisse den Alltag mit den Kollegen, mit denen ich über viele Jahre die Kabine geteilt habe, und den täglichen Plausch mit einigen Mitarbeitern, die ich jetzt nicht mehr so oft sehe. Diese Alltäglichkeiten waren auf einmal zu Ende. Gleichzeitig bin ich aber auch froh und dankbar, in dieser neuen Position als Torwarttrainer der U23 bei der TSG Hoffenheim zu sein.

Artur Stopper Gibt es noch mehr, was du noch neben diesen sozialen Kontakten vom Leben als Profitorhüter vermisst?

Alexander Stolz Was ich ebenfalls stark vermisse, ist der Battle auf dem Platz, der Zweikampf und das Training mit der damit verbundenen körperlichen Anstrengung. Es war der Alltag für mich, den ich mir immer gewünscht hatte: Auf dem Platz zu stehen, Bällen hinterher zu hechten und abends das Gefühl eines erfüllten Tages zu haben. Ich war jeden Tag zufrieden, auch wenn ich nicht gespielt habe.

Artur Stopper In deiner aktiven Zeit hast du als Vorzeigeprofi gegolten, immer höchst motiviert, loyal den Konkurrenten gegenüber und mit vollem Einsatz im Training. War diese Einstellung zu deinem Beruf in dir angelegt, oder wenn nicht, wie hat sie sich entwickelt?

Alexander Stolz Möglicherweise lag der Grund darin, dass ich nie einem Nachwuchsleistungszentrum angehörte und mir alles mühsam erarbeiten musste. Einen großen Anteil daran hat Ebbo Trautner, der in meiner Zeit beim VfB Stuttgart mein Torwarttrainer war. Er war im positiven Sinne ein liebevoller Schleifer, der mir durch sein langes, hartes Training viel beigebracht hat. Er hat Trainingsinhalte nicht nur vorgegeben, sondern sie auch vorgelebt, indem er selbst viel mitgemacht hat, nicht nur auf dem Platz, sondern z.B. auch im Krafttraining oder bei Ausdauerläufen. Das versuche ich selbst auch bei meiner jetzigen Tätigkeit umzusetzen, denn das gibt jungen Torhütern einen zusätzlichen Auftrieb und es entsteht ein noch engerer Kontakt zu ihnen.

Artur Stopper Was war für dich in deiner neuen Rolle als Torwarttrainer in der Anfangszeit am schwierigsten?

Alexander Stolz (lacht) Wahrscheinlich kennt das jeder Torwarttrainer aus seiner Anfangszeit: Ich habe mir unheimlich viele Gedanken gemacht, in meiner jetzigen Tätigkeit noch mehr als im Jugendtraining. Gerade in diesem Jahr haben wir völlig unterschiedliche Torhütertypen in unserem Kader: Domen Gril, der aus Slowenien stammt und dort eine andere Torwartschule genossen hat, Robin Balters, der mit Schott Mainz von einem Underdog-Verein kommt und vieles neu dazulernen muss, und Daniel Klein, der schon lange bei der TSG und mit der Torwartphilosophie des Vereins schon vertraut ist. Auf diese unterschiedlichen Voraussetzungen muss ich mich einstellen. Zudem ist jeder von seiner Gefühlslage anders. Im Gegensatz zur Jugend kann im Herrenbereich nicht jeder spielen, was manchmal zu Eitelkeiten und schlechter Laune führen kann. Die große Kunst ist es, alles so zu verpacken und zusammenzuhalten, dass jeder Keeper einigermaßen zufrieden ist. Darüber mache ich mir sehr viele Gedanken.

Artur Stopper Dein Fußballerleben bestand auf allen sportlichen Stationen (VfB Stuttgart, KSC, TSG Hoffenheim) meist aus der Rolle als zweiter oder dritter Torhüter im Team. Die Rolle als Ersatztorhüter ist dir also bestens vertraut. Wie hast du es immer wieder geschafft, trotz nur weniger Spieleinsätze über viele Jahre die Motivation immer hochzuhalten?

Alexander Stolz Der Fußball hat mir wie eingangs schon gesagt viel gegeben. Rückblickend hätte ich das eigentlich nie erwarten können, denn als Teenager mit etwa 12 oder 13 Jahren hatte ich nach dem Wechsel vom VfB zurück nach Pforzheim überhaupt keine Lust mehr auf Fußball und habe drei Jahre lang andere Sportarten ausprobiert. Möglicherweise war der zu frühe Leistungsdruck eine Ursache dafür. Verstärkend hinzu kam die Scheidung meiner Eltern. Im Alter von ca. 17 Jahren kam dann mein Heimatverein, der in der Kreisliga B spielt, auf der Suche nach einem Torhüter auf mich zu. Ich ließ mich breitschlagen und stellte mich wieder ins Tor. So kam die Leidenschaft zurück, abends um 19 Uhr Training auf dem Hartplatz mit drei Polsterhosen an. Es bereitete mir auf einmal wieder Freude, mich links und rechts in die Ecken zu werfen. Über glückliche Fügungen landete ich beim Oberligisten SV Sandhausen und später beim Regionalligisten FC Nöttingen, wo ich jeweils Spielpraxis in der zweiten Mannschaft sammelte. Trotzdem hatte ich wieder so richtig Bock darauf, im Tor zu stehen und Bälle zu halten. Als ich durch die Verletzung des Stammtorhüters in Nöttingen einige Spiele machen durfte und überzeugte, kam das Angebot des VfB Stuttgart II. Wegen eines Kahnbeinbruchs konnte ich mich aber wieder nicht präsentieren, sondern musste mich auch dort wieder hinten anstellen und konnte nur trainieren. Eberhard Trautners Pech war dann mein großes Glück. Nachdem der VfB Giovanni Trapattoni verpflichtet hatte, der seinen eigenen Mann mitbrachte, wurde Trautner Torwarttrainer bei den VfB-Amateuren. Er hat uns tagtäglich geschliffen, behandelte aber alle gleich und machte keinen Unterschied zwischen der Nummer 1 und der Nummer vier. Ein weiterer Ansporn für mich war, als ich vom damaligen VfB-Trainer Armin Veh für meine gute Trainingsarbeit mit einem Einsatz im UI-Cup gegen das russische Team Saturn Ramenskoe belohnt wurde. Dieses Gefühl der Gleichbehandlung kombiniert mit der Einsicht, dass man für seine Chance arbeiten muss, hat mich bis heute geprägt.

Artur Stopper Sicherlich nimmst du die Rolle des Ersatztorhüters durch deine eigenen Erfahrungen intensiver wahr als viele Trainer. Worauf achtest du besonders im Umgang mit den Ersatzkeepern?

Alexander Stolz Aus meiner eigenen Erfahrung heraus habe ich gelernt, mich nicht zu sehr auf die Nummer 1 einzuschießen, sondern auch die anderen Keeper mit ins Boot zu nehmen. Ich möchte jedem Torhüter das Gefühl geben, dass er vielleicht am Wochenende spielt. Natürlich ist manchmal nach dem Spieltag oder in Vorbereitung auf das anstehende Spiel ein intensiveres Gespräch mit der Nummer 1 notwendig. Aber ich habe gelernt, dass man allen Keepern das Gefühl geben muss, dass sie gebraucht werden und nicht nur das fünfte Rad am Wagen sind.

Artur Stopper Einige Mannschaften haben ihre zweite Mannschaft ganz abgemeldet, ihr in Hoffenheim stellt ein Nachwuchsteam in der Regionalliga Südwest. Wie denkst du über die Notwendigkeit eines Nachwuchsteams?

Alexander Stolz Bei mir war es möglicherweise der Karrierebruch, dass ich kaum Spielzeiten hatte. Ich weiß, wie nervös ein Keeper ist, der plötzlich ins kalte Wasser geworfen wird und nach Wochen ohne Spielpraxis plötzlich ein Spiel hat, in dem alles passen muss. Deswegen ist es für einen jungen Torhüter, der aus der Jugend herauskommt, elementar wichtig, im Herrenbereich Fuß zu fassen. Deswegen gehen wir in Hoffenheim diesen Weg, dass unsere Talente spielen müssen und sich dadurch weiterentwickeln.

Artur Stopper Das heißt ihr rotiert im Nachwuchsteam …

Alexander Stolz Bei uns ist es momentan so, dass wir zum Saisonstart 2020/21 beschlossen haben, dass jeder Torhüter Spielanteile bekommt, um dann zu sehen, wer sich am besten entwickelt. Leider kam Corona dazwischen. Zudem kam mit Domen Gril ein weiterer Neuzugang hinzu, der leider auch wegen Corona länger ausfiel. Deswegen hat sich alles ein bisschen verändert. Luca Philipp hat sich inzwischen mit überzeugenden Leistungen etwas etabliert, Daniel Klein ist nach einer verletzungsbedingten Ausfallzeit wieder auf einem guten Weg und kommt immer besser in Gang. An den Beispielen von Marvin Schwäbe und Gregor Kobel sieht man, dass dieser Weg erfolgreich sein kann.

Artur Stopper Könntest du dir Rotation auf der Torwartposition auch im Spitzenfußball vorstellen?

Alexander Stolz Ich halte Rotation im Spitzenfußball nicht für sinnvoll. In Top-Ligen ist es enorm wichtig, dass sich eine Mannschaft findet. Jeder Torhüter tickt ein bisschen anders, der eine bietet sich beispielsweise mehr an als der andere. In einem eingespielten Team muss das Gefühl klar sein, wie sich der Torhüter verhält. Durchaus für sinnvoll halte ich es allerdings, dass wie in England bei einer Vielzahl an Spielen ein Torhüter nur im Pokal zum Einsatz kommt, der andere hingegen in der Meisterschaft. Bei einer Rotation ergibt sich auch immer die Frage, wann man wechselt. Soll man einen Keeper nach zwei Spielen, in denen er nicht so gut ausgesehen hat, austauschen? Hinzu kommt der mediale Druck, den man in Top-Ligen nicht unterschätzen darf.

Artur Stopper Mit Eberhard Trautner beim VfB Stuttgart und Michael Rechner in Hoffenheim hast du viele Jahre unter Torwarttrainern trainiert, die für mich zu den Besten ihres Fachs gehören. Was hast du von den beiden für deine eigene Trainertätigkeit abgeschaut und für deine neue Aufgabe mitgenommen?

Alexander Stolz Zu Ebbo Trautner habe ich mich bereits ausführlich geäußert. Es sind vor allem die Einstellung zu seinem Beruf, seine Rolle als Vorbild sowie seine akribische Arbeit in technischen Details, die mir selbst als Torhüter geholfen haben und die ich in meine Arbeit übernehmen möchte. Als ich von Nöttingen nach Stuttgart kam, habe ich vieles intuitiv gut gemacht. Aber die richtigen technischen Abläufe – wie Übergreifen mit der richtigen Hand, das Verhalten in 1-gegen1-Situationen oder zeitiges Stehen – bewusst einzusetzen, habe ich bei Ebbo gelernt. In einfachen Übungsabläufen hat er Abläufe durch viele Wiederholungen eingeschliffen. Das ist auch das Konzept Michael Rechners. Von ihm habe ich zudem seine Offenheit, seine Menschlichkeit und Loyalität übernommen. Einem Torhüter gibt es extrem viel, wenn er nicht nur einen Trainer, sondern auch einen Menschen an seiner Seite weiß, der immer ein offenes Ohr für ihn hat. Neben diesen Eigenschaften hat mir Michael auch den Trainingsaufbau unter der Woche sowie moderne kognitive Trainingsformen näher gebracht. In diesen Bereichen ist er überaus einfallsreich.

Interview

Artur Stopper

Artur Stopper

Über den Autor

Mit über 25 Jahren Erfahrung als Torwarttrainer weiß Artur, wie Torhüter ticken. Deshalb bevorzugt er Themen, die die Welt der Torhüter ausmachen: Vereinswechsel, Tiefschläge, Pechsträhnen, Höhenflüge, Emotionen, Ersatzbank, Halbgötter, Erfolge.

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