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Im Spitzenfußball ist es gang und gäbe, dass Trainer kommen und gehen. Bei manchen Vereinen erfolgt ein Wechsel meist sehr schnell, bei anderen bekommen Trainer in der Regel mehr Zeit. Der SC Freiburg beispielsweise hat seit sieben Jahren (seit 2011) trotz eines Abstiegs aus Deutschlands Eliteliga in der Saison 2014/15 an Christian Streich als Cheftrainer festgehalten. Im gleichen Zeitraum verschliss beispielsweise der VfB Stuttgart mit Labbadia, Schneider, Stevens, Veh, Zorniger, Kramny, Luhukay, Jansen, Wolf, Korkut und Weinzierl insgesamt elf Trainer.

Trainerwechsel können das Torwartspiel verändern

Während viele Fans und die Verantwortlichen eines Klubs mit der Verpflichtung eines neuen Trainers die Hoffnung auf bessere sportliche Erfolge verbinden, kann für die Spieler ein Trainerwechsel mitunter eine gravierende Veränderung in ihrer Spielweise bedeuten. Dies gilt auch für Torhüter, die sich dem jeweiligen Spielsystem anpassen müssen. „Wie wir künftig auftreten wollen, passt zu mir“, äußerte Stefan Ortega, Stammtorhüter beim Zweitligisten Arminia Bielefeld, vor kurzem zum Spielsystem des neuen Trainers Uwe Neuhaus. Ihm mache es Spaß, „wenn wir versuchen, von hinten das Spiel mit ein bisschen mehr Risiko zu eröffnen“. Dazu gehöre der schnelle Weg nach vorn. „Wir wollen nicht so sehr quer-quer spielen, sondern auch mal den Ball in die Tiefe spielen, um die Angreifer einzusetzen“. Die Aussagen Ortegas zeigen, dass auch jeder Torhüter eine bestimmte Spielweise eher bevorzugt als andere.

Welche Änderungen oder Anpassungen ein Trainerwechsel mit einem neuen Spielsystem speziell für die Torhüter bedeuten können, lässt sich beispielhaft an den letzten Trainerveränderungen bei Bayer Leverkusen darstellen. Im Folgenden soll aufgezeigt werden, inwiefern sich die Bayer-Torhüter den immer wechselnden Anforderungen unter den Trainern Schmidt, Herrlich und Peter Bosz anpassen mussten.

Die Torhüter im Spielsystem von Roger Schmidt

Das Spielsystem von Roger Schmidt, der vom Juli 2014 bis März 2017 das Zepter beim Werksklub in der Hand hielt, war gekennzeichnet durch extremes Pressing und überfallartiges Umschaltspiel. Sobald der Gegner den Ball eroberte, wurden die Spieler im Ballbesitz aggressiv angelaufen, um sie am Spielaufbau zu hindern und bei Ballgewinn auf kurzem Weg den schnellen Torabschluss zu suchen. Mit dem frühen Attackieren sollte außerdem das Spiel weit vom eigenen Tor ferngehalten werden.

Um den Raum beim Spielaufbau des Gegners eng zu machen, rückte auch die Vierer-Abwehrkette möglichst weit nach vorne. Seine Vorstellung von einem modernen Torwartspiel machte Roger Schmidt an der Spielweise Neuers bei der WM 2014 in Brasilien deutlich: „Neuers Auftritt in Brasilien war ein Meilenstein im Torwartspiel. Dass der Torwart auch in der Tiefensicherung Verantwortung übernehmen, und den Innenverteidigern ein gutes Gefühl geben sollte, gehörte aber auch schon vor der WM in Leverkusen zum Standardprogramm für Torhüter. Das ist für Leno nichts Neues.“ Neben der Aufgabe, Tore zu verhindern, war der Torhüter nun also auch für die "Tiefensicherung“ zuständig, d.h. er musste als eine Art Libero fungieren. Diese Spielweise barg für den Torhüter die Gefahr, dass er in die Tiefe gespielte Bälle falsch einschätzte, dadurch den Sprint um den Ball verlor und bei einem Tor schnell zum Schuldigen gemacht wurde.

Neben der aggressiven Balleroberung war das schnelle Umschaltspiel ein weiteres Kennzeichen von Schmidts Spielsystem. Weil nach der sofortigen Balleroberung die gegnerische Abwehr noch ungeordnet war, sollte Bernd Leno den Ball möglichst schnell mit einem langen Flugball in die gegnerische Hälfte spielen. Eine Aufgabe, mit der sich der Nationaltorhüter nur schwer anfreundete. Denn in der Nationalmannschaft, für die er sich empfehlen wollte, war die kurze Spieleröffnung gefragt. Durchs Roger Schmidts vorgegebene Spielweise konnte Leno Bundestrainer Löw nicht zeigen, dass er durchaus auch Situationen fußballerisch lösen konnte. Förderlich war diese einseitige Spielweise, die vom damaligen Bayer-Schlussmann gefordert wurde, für eine Empfehlung bei Bundestrainer Löw sicherlich nicht.

Lenos Aufgaben im Spielsystem von Heiko Herrlich

Weil sich Bernd Leno für den Hochgeschwindigkeitsfußball und die sich daraus ergebene Spielweise für Torhüter wenig begeistern konnte, war er erleichtert, als Schmidts Nachfolger Heiko Herrlich auf eine veränderte Spielweise setzte. „Mit der Art und Weise, wie wir uns momentan präsentieren, bin ich zufrieden. Wir versuchen, Fußball zu spielen";, sagte der Nationaltorhüter. Für Leno war es „sehr wichtig“, dass die Werkself unter Herrlich mehr Wert auf Ballbesitz legte. „Wir hatten drei Jahre keinen Spielaufbau", sagte der damalige Bayer-Keeper, und richtete damit unverhohlene Kritik an seinen ehemaligen Trainer Roger Schmidt.

Heiko Herrlich bevorzugte den ruhigen, kontrollierten Spielaufbau mit Kurzpassspiel nach der Balleroberung. Bereits der Torhüter sollte kurz von hinten heraus seine Mitspieler anspielen und als ruhiger Anspielpunkt das Aufbauspiel neu ordnen. Über ein geduldiges Ballbesitzspiel versuchte er hinter das Mittelfeld des Gegners zu kommen. Das intensive Pressing bleibt zwar auch unter Herrlich ein wichtiges Element in der Spielphilosophie, das Spiel bei eigenem Ballbesitz wurde jedoch verändert. Deshalb stand bei den Bayer-Torhütern das Kurzpassspiel im Vordergrund.

Hradeckys Aufgaben im Spielsystem von Peter Bosz

Mit Peter Bosz kehrt das schnelle Passspiel nach Leverkusen zurück. Sein 4-3-3-System verbindet ausgeklügeltes Ballbesitzspiel mit aggressiver Balleroberung. Bei eigenem Ballbesitz lassen die Abwehrspieler den Ball in den eigenen Reihen laufen,bis sich auf den Flügeln eine Lücke auftut. Wie im System Roger Schmidt machen die Angreifer und die Mittelfeldspieler bei gegnerischem Ballbesitz extremen Druck auf den Ballführenden. Gleichzeitig sprintet die Abwehr nach vorne, um die gegnerischen Stürmer ins Abseits zu stellen und die Räume eng zu machen. Diese extrem nach vorne gerichtete Spielweise verlangt von den Abwehrspielern wie vom Torhüter eine hohe Konzentration. Denn die Unaufmerksamkeit eines Spielers reicht aus, dass die Abseitsfalle nicht zuschnappt und der gegnerische Stürmer allein auf den Torhüter zuläuft. Diese Situationen sind den Fußballinteressierten noch gut aus Bosz Zeit in Dortmund bekannt. Der aktuelle Bayer-Schlussmann Lukas Hradecky hat sich deshalb gedanklich bereits auf diese Situationen eingestellt, nimmt aber auch seine Mitspieler in die Pflicht: „Für mich ist es kein Problem, Libero zu spielen. Aber es darf nicht oft passieren, dass ein oder zwei Mann auf mich zulaufen. Dann kann es kein erfolgreiches System sein.“

Eines macht der Blick auf die verschiedenen Spielsysteme deutlich: Der Torhüter muss zum jeweiligen Spielsystem passen! Das System von Schmidt verlangt in manchen Bereichen andere Fähigkeiten vom Torhüter als das System von Herrlich. Während im System von Schmidt der Torhüter lange Flugbälle möglichst zielgenau beherrschen muss, nimmt er im Spielsystem von Herrlich und teils auch in der Spielauffassung von Bosz eher bei Ballbesitz die Rolle eines zusätzlichen Feldspielers ein.

Eine Fähigkeit ist in allen drei Spielsystemen gefordert: Der Torhüter muss den gesamten Raum zwischen Tor und Abwehr mit verteidigen können, er darf vor der Welt außerhalb des Strafraumes nicht zurückschrecken. Die Zeit, in der sich ein Torhüter vor allem auf sein Können in der Torverteidigung verlassen konnte, ist vorbei, fußballerische Fähigkeiten sowie der Blick für den Raum werden heutzutage bei Torhütern vorausgesetzt, unabhängig vom Spielsystem.

Moderner Torwart

Artur Stopper

Artur Stopper

Über den Autor

Mit über 25 Jahren Erfahrung als Torwarttrainer weiß Artur, wie Torhüter ticken. Deshalb bevorzugt er Themen, die die Welt der Torhüter ausmachen: Vereinswechsel, Tiefschläge, Pechsträhnen, Höhenflüge, Emotionen, Ersatzbank, Halbgötter, Erfolge.

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