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Jahrzehntelang war die Rolle eines Torwarts klar definiert: Seine einzige Aufgabe bestand darin zu verhindern, dass der Ball die Torlinie überquerte. Er sollte einen Kasten von 7,32 m, 2,44 m Höhe und einer Fläche von 17,8 m² beschützen, in den 358 Bälle hineinpassen. Durch spektakuläre Abwehraktionen und Flugeinlagen versuchten sie, dieser Rolle gerecht zu werden. Fußballerische Fähigkeiten waren nicht gefordert. Rückpässe zum Torwart durften von diesem bis 1992 mit der Hand aufgenommen werden. Selbst Bodenabschläge wurden nicht selten von Mitspielern anstatt vom Torwart selbst ausgeführt. Torwartspiel beschränkte sich auf Spektakel.

Manuel Neuer versucht den vorbeiziehenden Anthony Modeste aufzuhalten.Doch Änderungen in den Spielsystemen sowie die Regeländerung bei Rückpässen zum Torwart definierten nicht nur die Aufgaben der Feldspieler, sondern auch die des Torwarts neu. „Die Position des Torhüters ist diejenige im Fußball, die sich am meisten verändert hat in den letzten Jahren“, stellte Bundestorwarttrainer schon 2009 auf dem zweiten internationalen Torhüter-Kongress in München fest. Fortan mussten die Torhüter bei Rückpässen ohne die Hände auskommen, fußballerische Fähigkeiten zur Lösung dieser Situation entwickeln. Auch die spieltaktische Umstellung auf Viererabwehrkette und die Auflösung des Liberos bewirkten, dass der Torwart zusätzlich dessen Aufgaben als freier Mann übernehmen musste. Nun war er gefragt, Anspielstation für sich in Bedrohung befindende Mitspieler zu sein.

Noch eine weitere frühere Aufgabe des letzten Mannes wurde nun zu der des Torhüters: Wie ein Wachhund muss er auf Bälle lauern, die durch die Schnittstellen der Abwehr in die Tiefe des Raumes gespielt werden, um ein Durchbrechen eines Angreifers zu verhindern. Für den letzten großen Vertreter der alten Torwartschule, Oliver Kahn, war sein Handlungsfeld noch „ein eingeschränkter Aktionsraum … vergleichbar mit einer Normzelle in einem Gefängnis“, wie er in seiner Autobiographie schrieb. Das Verlassen dieses Raumes erzeugte Unsicherheit, weil er die Welt außerhalb des Strafraumes mit seinen Mitteln nicht beherrschen konnte.

Torwart Orjan Nyland beim AbschlagSo hat sich das Anforderungsprofil an einen modernen Torhüter grundlegend verändert. Verschiedene Untersuchungen zeigen, dass im modernen Torwartspiel nur noch zu ca. einem Viertel aller Aktionen von Torhütern mit der Hand erledigt werden. Aus dem ehemaligen Handarbeiter ist also inzwischen ein „Fußarbeiter“ geworden. Die veränderte Rolle ließ den württembergischen Fußballverband eine neue Bezeichnung für Torhüter entwickeln, nämlich die des „Torspielers“. Diese „Mehrarbeit“ kommt auch in den Zahlen zum Ausdruck, wenn es um die Laufleistung eines Torwarts pro Spiel geht. Während früher die Torhüter im Durchschnitt drei bis vier km pro Spiel laufen mussten, sind heutzutage doppelte Laufleistungen, nämlich sechs bis sieben Kilometer, die Regel. Aus dem ehemaligen Linientorwart ist also inzwischen ein Torwart geworden, der bis zu 30 m vor seinem Tor beherrschen muss.Bundestorwarttrainer Köpke hat einmal die Aufgaben eines modernen Torhüters so definiert:

Ein guter Torwart muss Fußball spielen können, rechts wie links. Er muss das Spiel lesen können. Angriffe einleiten, durch Abwürfe oder gezielte Abschläge. Er muss den Strafraum beherrschen. Er muss bis ins Mittelfeld dirigieren - und er muss eine starke Persönlichkeit haben.

Andreas Köpke

Er muss also Aufgaben übernehmen, die früher auf mehreren Schultern verteilt waren. Dass dieses Mehr an Aufgaben eine höhere Fehlerquote nach sich ziehen muss, ist eigentlich nur logisch. Wer mehr arbeitet, macht mehr falsch. Und wer sein Betätigungsfeld vergrößert, nimmt Risiken auf sich. Leider wird ein Torhüter von Fernsehkommentatoren selten für den Mut gelobt, einen Ball mit Risiko vor dem Gegner erreichen zu wollen, wenn er den Ball nicht sicher erreicht hat. Sofort wird ihm das als Unsicherheit ausgelegt werden. Immer wieder ist die fast als Dogma zu bezeichnende These zu hören, dass der Torwart einen Flankenball haben muss, wenn er herauskommt. Welcher Torhüter bleibt da nicht lieber auf der Linie, anstatt Gefahr zu laufen, einen Ball nicht sicher zu erwischen und sich damit Kritik auszusetzen. Möglicherweise hätte der Torwart den Kopfball eines Gegners durch eine bloße unkontrollierte Berührung des Balles verhindern können, anstatt chancenlos zu sein, wenn der Angreifer aus nächster Nähe auf sein Tor köpft.

Aber Verstecken gilt nicht mehr. Von einem modernen Torwart wird heute erwartet, dass er agiert, handelt, auch auf die Gefahr hin, dass er einmal eine Situation falsch einschätzt und sein Fehler zu einem Tor führt. Joachim Löw forderte einmal von Torhütern, dass sie herauskommen und Präsenz zeigen, auch wenn dies ein größeres Risiko beinhaltet. Allerdings hat sich eines auch für einen modernen Torhüter nicht verändert: Viel zu schnell gerät er in die Kritik von Fans und Medien, falls ihm in einer mutigen Aktion ein Fehler unterläuft. Denn nach wie vor werden Torhüter, die eher auf der Linie bleiben, sanfter von Journalisten behandelt als Torhüter, die etwas wagen und denen möglicherweise dadurch eher ein Fehler unterläuft, anstatt einen Torwart zu loben, wenn er den Mut hat, Bälle zu entschärfen, bevor sie überhaupt aufs Tor kommen, auch wenn er die Situation möglicherweise nicht ganz sicher bereinigen konnte. So wird das moderne Torwartspiel zur permanenten Risikoabwägung: Ist die Chance, das Gegentor zu verhindern, größer, wenn ich auf der Linie bleibe oder wenn ich aus dem Tor herauskomme?

Moderner TorwartTorwartspiel

Artur Stopper

Artur Stopper

Über den Autor

Mit über 25 Jahren Erfahrung als Torwarttrainer weiß Artur, wie Torhüter ticken. Deshalb bevorzugt er Themen, die die Welt der Torhüter ausmachen: Vereinswechsel, Tiefschläge, Pechsträhnen, Höhenflüge, Emotionen, Ersatzbank, Halbgötter, Erfolge.

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