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Sportspielforscher Daniel Memmert ist sich sicher. In wenigen Jahren wird sich das Schulen und Verbessern der kognitiven Fähigkeiten zu einem zentralen Baustein im Training entwickeln und den gleichen Stellenwert im Trainingsalltag haben wie die bereits gebräuchlichen Leistungsfaktoren Technik, Taktik und Athletik. Schon heute spielt dieser Trainingsschwerpunkt bei einigen Torwarttrainern eine Rolle. Durch die professionelle Arbeit in Nachwuchsleistungszentren sind junge Torhüter heutzutage weit besser in technischen Abläufen, im athletischen Bereich sowie im taktischen Verhalten geschult als ihre Vorgänger. Deswegen wird die Arbeit mit dem Gehirn zukünftig die entscheidenden Vorteile bringen. Darin sind sich die meisten Wissenschaftler einig.

Was versteht man unter kognitiven Fähigkeiten?

Die Bezeichnung kognitiv ist abgeleitet von lateinisch cognoscere und bedeutet erkennen. Auf den Sportbereich übertragen versteht man unter Kognition die schnelle Erkennung und Verarbeitung von Informationen mit dem Ziel, in einer Spielsituation schneller die richtige Lösung zu finden und somit die bestmögliche Entscheidung zu treffen. Um die optimale oder richtige Lösung in einer Situation zu finden, müssen verschiedene kognitive Faktoren wie Antizipation, Wahrnehmung oder Aufmerksamkeit bei einem Torhüter weiterentwickelt werden.

Antizipation

Antizipieren bedeutet vorausahnen. Ein Torhüter soll durch die Bewegungen des Schützen oder bestimmte Spielabläufe bereits erkennen, was der Schütze vorhat, bevor dieser die Aktion durchführt. Dadurch hat sich der Torhüter im optimalen Fall bereits auf die Aktion eingestellt, bevor sie eintritt. Beispielsweise erahnt er einen Ball, der hinter die Abwehrkette gespielt wird, und kann den Ball so ablaufen, dass die eigene Mannschaft wieder im Ballbesitz kommt und er das Spiel kontrolliert aufbauen kann. Oder er erkennt die Gefahr eines Diagonalpasses frühzeitig und stellt sich oder seine Mitspieler auf die Verteidigung dieser Aktion ein. Dr. Florian Schultz von der Uni Tübingen hat untersucht, wie Torhüter antizipieren. Sein Ergebnis: Erfahrene Torwarte erkennen früher und häufiger, wohin der Schuss geht. Erfahrung ist also eine wichtige Grundlage für die Antizipation. Bundestorwarttrainer Andy Köpke unterstreicht diese Erkenntnis: „Ich glaube, dass man das als junger Torwart gar nicht so wahrhaben will. Dabei ist es einfach so: Je häufiger man gewisse Situationen erlebt hat, desto besser geht man damit um. Natürlich erkenne ich mit Erfahrung früher, wohin der Schütze schießt, natürlich erkenne ich früher, ob ich beim nächsten langen Ball raus muss. Einfach weil ich schon viel mehr erlebt habe.“

Wahrnehmung

Eine weitaus bedeutendere kognitive Fähigkeit für Torhüter ist die visuelle Wahrnehmung. Ein Torhüter selektiert die mit den Augen aufgenommenen Informationen und unterscheidet sie in wichtige und unwichtige. Er muss diese Aspekte auswählen und verwenden, die für ihn für die optimale Lösung einer Spielsituation von Bedeutung sind. Eine besondere Bedeutung hat dabei das periphere Sehen. Der Torhüter muss seinen Gesichtskreis erweitern und z.B. aus den Augenwinkeln wahrnehmen, wie sich Mit- oder Gegenspieler verhalten oder von welchem Spieler die höchste Torgefahr ausgeht. Diese Informationen bilden die Orientierungsgrundlage für sein Handeln und seine Entscheidung. Dr. Florian Schultz stellt fest: „Bezüglich der Informationsverarbeitung kann man übergreifend sagen, dass sich erfolgreiche Torhüter u.a. dadurch auszeichnen, dass sie relevante Hinweisreize, die z. B. aus der Bewegung des Schützen gewonnen werden können, effektiv nutzen können.“

Wenn ein Torhüter nur auf den Ballführenden konzentriert ist, nimmt er nicht wahr, von welchen anderen Spielern Gefahr ausgehen könnte. Um aber eine richtige Entscheidung für sein Verhalten in der entsprechenden Situation treffen zu können, sind das periphere Sehen und die ganzheitliche Wahrnehmung der Spielsituation unerlässlich. Wie Untersuchungen zeigen, werden 95 % der Umweltreize über die Augen aufgenommen. Aus dieser Zahl wird ersichtlich, wie wichtig die visuelle Wahrnehmung ist, um bestimmte Situationen erfolgreich zu lösen. Auch für die Reaktionsfähigkeit ist die visuelle Wahrnehmung ein entscheidender Faktor. Die Erkenntnis daraus: Je besser ein Torhüter die Situation wahrnimmt, umso schneller kann er reagieren.

Aufmerksamkeit / Konzentration

Konzentration heißt „geistige Sammlung“, „Zentrierung des Geschehens“. Sie ist die Fähigkeit, für eine gewisse Zeit die ganze Aufmerksamkeit auf eine Sache oder ein Ziel zu lenken. Konzentration lässt sich vergleichen mit einem Scheinwerferlicht, das beliebig auf unterschiedliche Punkte gerichtet werden kann. Der Torhüter muss seine Aufmerksamkeit auf das Wesentliche ausrichten und in der Lage sein, Störfaktoren wie den Geräuschpegel, Zurufe durch die Zuschauer, eigene Ängste oder andere widrige Umstände wie schlechtes Wetter auszuschalten. Bundestorwarttrainer Andy Köpke bestätigt: „Ich muss immer total aufmerksam sein, ich muss ständig die Position verändern, vertikal wie horizontal. Das Spiel ist so viel schneller geworden.“ Deshalb ist die Konzentrationsfähigkeit eine wichtige psychologische Anforderung im Leistungssport. Schon ein kurzer Konzentrationsverlust kann die Leistung stark beeinträchtigen.

Wenn es dem Torhüter gelingt, Konzentration mit richtiger Intensität über längere Zeit auf das Wesentliche zu richten, spricht man von einem FLOW-Zustand. Die Sportpsychologie versteht darunter einen Bewusstseinszustand, in dem der Torhüter völlig in der momentanen Tätigkeit aufgeht, ohne andere Gedanken und Gefühle zu haben. Oliver Kahn prägte dafür den Begriff „Tunnelblick“. Die ganze Aufmerksamkeit ist auf eine bestimmte Spielsituation gerichtet. Der Torhüter nimmt ansonsten nicht mehr wahr, was um ihn herum passiert. Diese Fähigkeit ist im Leistungssport ein entscheidender Erfolgsfaktor!

Fazit

Die drei angesprochenen kognitiven Fähigkeiten Antizipation, Wahrnehmung und Konzentration lassen sich nur bedingt voneinander trennen, meist ist es ein Zusammenspiel zwischen mindestens zwei Faktoren, um eine Situation erfolgreich zu lösen. So ist z.B. für eine gute Wahrnehmung eine gute Konzentrationsfähigkeit die Grundlage, oder bedingt eine gute Antizipation eine ausgeprägte Wahrnehmungsfähigkeit. Eines ist jedoch sicher: Eine gute Seh- und Wahrnehmungsleistung sowie hohe Aufmerksamkeit sind für gute Torhüterleistungen grundlegende Voraussetzungen!

Goalguard wird euch in nächster Zeit Übungen vorstellen, mit denen kognitiven Fähigkeiten geschult werden können.

Training

Artur Stopper

Artur Stopper

Über den Autor

Mit über 25 Jahren Erfahrung als Torwarttrainer weiß Artur, wie Torhüter ticken. Deshalb bevorzugt er Themen, die die Welt der Torhüter ausmachen: Vereinswechsel, Tiefschläge, Pechsträhnen, Höhenflüge, Emotionen, Ersatzbank, Halbgötter, Erfolge.

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