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Torhüter sind in einem Fußballspiel besonderen Gefahren ausgesetzt. Allein im vergangenen Monat war in den Medien von mehreren Vorfällen zu lesen, bei denen Torhüter schwere Verletzungen erlitten hatten. So prallte in einem Spiel der Bezirksliga Nahe ein Torhüter mit einem gegnerischen Stürmer zusammen, dass er sich einem offenen Fußbruch zuzog. Ein besonders tragischer Unfall ereignete sich bei einem Jugendspiel in den Niederlanden, als ein 13-jähriger Nachwuchstorhüter so unglücklich mit einem Gegenspieler zusammenprallte, dass er wenig später seinen Verletzungen erlag. Ein Jahr zuvor war bereits ein indonesischer Torhüter nach einem Zusammenprall mit heftigen Einschlägen an Kopf und Hals seinen Verletzungen erlegen.

Prominente Beispiele aus der Vergangenheit

Petr Cech, Welttorhüter des Jahres 2005, ist nicht der einzige prominente Torhüter, der von einer schweren Kopfverletzung betroffen war. Im November 2013 wurde in einem anderen Spiel der englischen Premier League, nämlich Tottenham Hotspurs gegen den FC Everton, der französische Nationaltorhüter Hugo Lloris (Spurs) vom gegnerischen Stürmer Romelu Lukaku so hart am Kopf getroffen, dass er kurzzeitig bewusstlos wurde. Das Verwunderliche daran: Tottenhams Teamarzt empfahl einen Wechsel, aber der portugiesische Trainer André Villas-Boas widersetzte sich. Nach dem Spiel sagte er: „Hugo hat einen starken Charakter und ist eine große Persönlichkeit. Daher haben wir beschlossen, ihn auf dem Feld zu lassen.“ Auch Roman Bürki, Stammtorwart beim Bundesligisten Borussia Dortmund, wurde im Februar 2014 während seiner Zeit bei Grasshoppers Zürich nach einem Tritt des Gegenspielers Kristian Nushi (FC Luzern) so schwer am Kopf getroffen, dass er etwa 15 Minuten lang regungslos mit einer Gehirnerschütterung auf dem Rasen lag, weil für den Abtransport des Torhüters eine Trage fehlte.

Ist das Torwartspiel besonders gefährlich?

Wie eine Untersuchung aller Verletzungen bei FIFA Weltmeisterschaften zeigt, betreffen 13 Prozent Kopf- und Halsverletzungen, wovon ungefähr jede siebte Verletzung eine Gehirnerschütterung ist. Die Verletzung ist äußerlich nicht immer erkennbar. Hirn-Traumata können auftreten, ohne dass dabei eine Wunde, Abschürfung oder Schwellung am Kopf vorliegt.

Das Bundesinstitut für Sportwissenschaft, die Universität Paderborn und das Unfallkrankenhaus Berlin haben in einer aktuellen Studie festgestellt, dass in Deutschland Schädel-Hirn-Traumata besonders häufig im Fußballsport auftreten. Die hohe Zahl begründen die Verfasser der Studie damit, dass der Fußballsport in unserem Land besonders populär ist. Dabei fanden sie heraus, dass das Risiko in großem Maße von der Spieler-Position abhängt. Verteidiger sind am stärksten gefährdet, eine Kopfverletzung zu erleiden (37,9 %), gefolgt von Mittelfeldspielern und Stürmern (jeweils 27,6 %). Die gute Nachricht für Torhüter: Sie sind nur mit 6,9 % von Kopfverletzungen betroffen.

Petr Cech wurde vom Knie des Gegenspielers getroffen und trägt seitdem präventiv einen Kopfschutz. Leider ist er nicht der einzige prominente Torhüter, der von einer schweren Kopfverletzung betroffen war.

Petr Cech wurde vom Knie des Gegenspielers getroffen. Es gibt aber noch einige Varianten, wie sich Fußballspieler Kopfverletzungen zuziehen können: Ein Spieler kann unglücklich mit dem Kopf an der Torstange anschlagen, kann stürzen und mit dem Kopf aufschlagen. Er kann von einem anderen Spieler am Kopf getroffen werden, zum Beispiel mit Knie oder Ellbogen. Bei einem Kopfballduell können schon einmal die Köpfe aneinanderstoßen, oder ein Ball kann den Kopf eines Spielers treffen, der nicht darauf gefasst ist.

Häufiger passieren Karambolagen zwischen Torhüter und gegnerischen Spielern auch, wenn der Torhüter aus dem Rücken des Spielers kommt. So geschehen beim Spiel Manchester City gegen Liverpool, als Liverpools Angreifer Sadio Mane nach einem langen Pass in den sogenannten freien Raum den Ball per Karatesprung unter Kontrolle bringen wollte. Dabei übersah er den aus seinem Strafraum geeilten City-Torwart Ederson, der mit dem Kopf voraus in den Zweikampf ging. Ederson wurde mit mehreren Wunden im Gesicht vom Platz getragen.

Konsequenzen aus Cechs Verletzung

Petr Cech hat für sich eine klare Konsequenz aus seinem Unfall gezogen. Er spielt seitdem mit einem 80 Gramm schweren Helm aus Kunststoff, ähnlich einem Rugby-Helm, auch noch über 10 Jahre nach dem Vorfall. Doch auch der Helm konnte nicht verhindern, dass Petr Cech 2008 erneut eine Gehirnerschütterung erlitt und für acht Wochen ausfiel. Immer wieder hat er in der Vergangenheit bemängelt, Torhüter würden zu wenig Schutz durch die Schiedsrichter erhalten. Der Weltfußballverband blieb nicht ganz untätig. Als direkte Maßnahme wurde im Jahr 2006 die Regel etabliert, dass ein absichtlicher Ellenbogenschlag gegen den Kopf zu einem Platzverweis führt. Dadurch konnte die Rate der schweren Kopfverletzungen bei Fußballspielen auf die Hälfte reduziert werden. Außerdem entscheidet seit 2015 ausschließlich der Mannschaftsarzt darüber, ob ein Spieler weiterspielen kann, und nicht mehr der Trainer wie im Fall Hugo Lloris.

Haben Kopfverletzungen Langzeitfolgen?

Akute Kopfverletzungen und die Auswirkungen des Kopfballspiels beschäftigen Fußballvereine und deren Mannschaftsärzte sowie den Weltfußballverband FIFA seit vielen Jahren. Ob Kopfbälle für sich allein eine Gefahr für das Gehirn darstellen, konnte bis dato nicht definitiv festgestellt werden. Professor Günter Seidel, Chefarzt der Neurologie an der Hamburger Asklepios Klinik Nord, hält eine große Dunkelziffer für wahrscheinlich: „Störungen werden eventuell auch gar nicht mehr auf das Trauma zurückgeführt, da sie erst später auftreten. Momentan wird auch diskutiert, ob chronische Schädel-Hirn-Traumata über Jahre hinweg zu Hirnleistungsstörungen führen können.“. Die Medizin macht auf diesem Gebiet Fortschritte. Man weiß heute, dass nach solchen Verletzungen Beschwerden bleiben können, die nicht oder erst nach langer Zeit zurückgehen. Noch schlimmer ist, dass auch nach Jahren Folgeschäden am Gehirn auftreten können, die das Leben des Betroffenen massiv beeinträchtigen: Vergesslichkeit, Konzentrationsunfähigkeit, Gemütsstörungen bis hin zu Depressionen, die im schlimmsten Fall bis zum Selbstmord führen können. Diese Symptome kennen vor allem Boxer. Sie sind unter dem Begriff „Boxer-Demenz“ bezeichnet. Weil Boxer andauernd solche Traumata erleiden, führen diese auf Dauer sehr wahrscheinlich zu einer Hirnschädigung. Professor Seidel ist sich jedenfalls sicher: „Die Gefährlichkeit von Stößen, die sich auf das Gehirn auswirken, sollte also generell nicht unterschätzt werden.“

Analyse

Artur Stopper

Artur Stopper

Über den Autor

Mit über 25 Jahren Erfahrung als Torwarttrainer weiß Artur, wie Torhüter ticken. Deshalb bevorzugt er Themen, die die Welt der Torhüter ausmachen: Vereinswechsel, Tiefschläge, Pechsträhnen, Höhenflüge, Emotionen, Ersatzbank, Halbgötter, Erfolge.

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